S. Lavaud: Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit?

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Titel
Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit?. Jüdische Wohlfahrt in der Weimarer Republik zwischen privaten Initiativen und öffentlichem Engagement am Beispiel der Berliner Gemeinde


Autor(en)
Lavaud, Simona
Reihe
Zivilisationen & Geschichte 32
Erschienen
Frankfurt am Main 2015: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
297 S.
Preis
€ 59,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerd Stecklina, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften, Hochschule München

Die Entwicklung der jüdischen Wohlfahrt in Deutschland im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu beleuchten, und hierbei insbesondere den Spagat „zwischen privaten Initiativen und öffentlichem Engagement“ in der Zeit der Weimarer Republik zu dokumentieren, ist das Untersuchungsziel von Simona Lavaud. Speziell geht es ihr vor allem darum, die traditionelle Wohlfahrt darzustellen. Diese wurde vor allem durch ihre enge Bindung an die „jüdische[] Religion und Lebensweise“ charakterisiert und „existierte“, wie Lavaud betont, „bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts“ (S. 47). Im Zentrum der Studie stehen somit Fragen nach dem Wandel, der Modernisierung und der Bewahrung gewachsener Strukturen jüdischer Wohltätigkeit und -fahrt in der Weimarer Republik. Zugleich möchte Lavaud aufzeigen, dass das „Bestehen und der Nutzen der jüdischen Wohlfahrt neben der öffentlichen staatlichen Wohlfahrt“ (S. 17) von hoher Relevanz für das jüdischen Leben in Deutschland waren. Zentraler Gegenstand der Analyse ist die jüdische Gemeinde in Berlin.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Während im Einleitungsteil zentrale Aspekte der jüdischen Wohlfahrt und die Ziele der Monographie (Vielfalt der jüdischen Wohlfahrt in der Weimarer Republik, ihre Existenz ‚neben’ der öffentlichen staatlichen Wohlfahrt, Stellenwert der Vereine im täglichen jüdischen Leben) diskutiert werden, erörtert Lavaud im Hauptteil differenziert sowohl begriffliche Bestimmungen (zum Beispiel Wohlfahrt im Judentum, religiöse Wurzeln des Wohltuns, Vereine in jüdischen Gemeinden), die Bedeutung der Wohlfahrt für die jüdische Religion und das jüdische Leben, als auch insbesondere die Entwicklung der jüdischen Vereine in der Zeit der Weimarer Republik. Der dritte Teil ist den Schlussbetrachtungen vorbehalten.

Anhand einer umfangreichen Materialgrundlage, hauptsächlich der Schriften der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden (unter anderem die Zeitschriften ‚Zedakah’ und ‚Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege’, ‚Führer durch die jüdische Gemeindeverwaltung’, Fachbücher) zeigt Lavaud auf, dass in der Weimarer Republik „die private Wohltätigkeit, die auf dem Gedanken der Nächstenliebe in ihren religiösen Bezügen beruhte und vor allem von Vereinen getragen wurde“ (S. 16), als ein entscheidender Faktor der jüdischen Wohlfahrt erachtet werden muss. Die Existenz gemeindenaher (traditioneller) Vereine diente, dies lässt die Untersuchung von Lavaud deutlich werden, der Erfüllung der religiösen Aufgaben der Gemeindemitglieder ebenso wie der Fortführung der jüdischen Lebensweise und der Bewahrung jüdischer Traditionen. Die Vereine wurden, so Lavaud, auch zum Garanten für die Verwirklichung „eine[r] traditionell gewachsene[n] Unterstützungspflicht von Menschen für Menschen – in jeder Lebenssituation – von der Geburt bis zum Tod“ (S. 5). Jüdische Religion konnte durch die Aktivitäten der Vereine, wie es Leo Baeck an anderer Stelle beschrieb, „nicht nur erlebt, sondern gelebt werden“, denn „[allein] die rechte Tat […] stellt den Menschen zu jeder Zeit vor Gott“[1]. Jüdische Wohlfahrt, sich unter anderem konkretisierend in Vereinen und Stiftungen, wurde so zu einem unverzichtbaren Teil jüdischer Selbstorganisation und als konstitutiv für die jüdische Gemeinschaft angesehen.

Die umfängliche Darstellung der Wohltätigkeit und -fahrt der jüdischen Gemeinde zu Berlin durch Lavaud gibt dem/r Leser/in einen sehr guten Überblick über das ehrenamtliche und professionelle Engagement deutscher Juden im Bereich der Wohltätigkeit und -fahrt, über die ausgedehnten Unterstützungsleistungen für Gemeindemitglieder, Glaubensgenossen aus anderen europäischen Staaten sowie andere Bürger. Sie kann als fundierte Studie zum Berliner Wohltätigkeitsvereinsleben erachtet werden. Eine Übertragung der Ergebnisse auf das gesamte Deutschland ist allerdings nur bedingt möglich, was in Berlin als Großstadt und als politisches Zentrum, aber auch in der Größe der jüdischen Gemeinde zu Berlin seine Begründung findet. Die politischen und sozialen Rahmenbedingungen für jüdische Wohlfahrt waren in den (Reichs-)Ländern, kleineren Städten und ländlich geprägten Regionen andere.

Was die Studie nicht leistet, ist die Einbettung der jüdischen Wohlfahrt in das deutsche Wohlfahrtssystem des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, dieses wird von Lavaud nur an einer Stelle kurz erwähnt (S. 29). Der gesellschaftliche Wandel und die Veränderungen der (jüdischen) Wohlfahrtsstrukturen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts lassen dies jedoch als zwingend erscheinen. Spätestens mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaats in der Weimarer Republik und dem Aufbau eines professionellen Gebäudes jüdischer Wohlfahrt durch die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden in den 1920er-Jahren wird dies virulent. Die Professionalisierung der jüdischen Wohlfahrt und ihre „Transformation […] hin zur modernen Sozialarbeit“[2] hatte beträchtliche Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der gemeindenahen jüdischen Wohlfahrtspflege und der Vereine. Die damit angesprochene Verankerung bzw. Integration der jüdischen Wohlfahrt in das deutsche Wohlfahrtssystem wird von der Autorin jedoch nicht analysiert, da sie die jüdische Wohlfahrt ausschließlich von innen heraus betrachtet. Strukturellen Veränderungen der jüdischen Wohlfahrt in den 1920er-Jahren, die sich aus gesamtstaatlichen Entwicklungen ergeben, werden nur angeschnitten.

Anmerkungen:
[1] Leo Baeck, Das Wesen des Judentums, Frankfurt am Main 1922, S. 52.
[2] Rachel Heuberger, Die Gründung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden im Jahre 1917, in: Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main/Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. (Hrsg.), 75 Jahre Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland 1917–1992, Frankfurt 1992, S. 71–78.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.09.2015
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