H.G. Hiller von Gaertringen: Das Amerika Haus Berlin im Wandel der Zeit

Cover
Titel
Pop, Politik und Propaganda. Das Amerika Haus Berlin im Wandel der Zeit


Autor(en)
Hiller von Gaertringen, Hans Georg
Erschienen
Ostfildern 2015: Hatje Cantz Verlag
Anzahl Seiten
168 S., 138 Abb.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reinhild Kreis, Historisches Institut, Universität Mannheim / Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien

Kann anhand eines einzelnen Gebäudes eine ganze Ära sichtbar werden? Das Amerikahaus Berlin hat definitiv das Potenzial für eine solche Engführung der Perspektive. Gründungszusammenhang, Architektur, Aufgabenbereiche und öffentliche Wahrnehmung sind Ausdruck der wechselvollen deutsch-amerikanischen Beziehungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einer Stadt, die wie keine andere für den Kalten Krieg, für die deutsch-amerikanische Freundschaft, aber auch für Amerikakritik steht. Das Amerikahaus spiegelte die Beziehungen zwischen den USA, West-Berlin und (West-)Deutschland nicht nur wider, sondern gestaltete sie aktiv mit. Seit Oktober 2014 nutzt die Stiftung C/O Berlin das renovierte Haus in der Hardenbergstraße als Ausstellungsgebäude. Diese Neueröffnung nach mehreren Jahren des Leerstands zeigt den Wandel der transatlantischen Beziehungen: Als Kind der Besatzungszeit und des Kalten Kriegs hat das Haus in seiner ursprünglichen Funktion ausgedient. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen laufen heute über andere Kanäle.

Der Ort war seinen neuen Nutzern aber geschichts- und symbolträchtig genug, den Kunsthistoriker Hans Georg Hiller von Gaertringen mit der Erarbeitung eines Bandes über das „Amerika Haus Berlin im Wandel der Zeit“ zu beauftragen und das Buch sogar in zweifacher Ausführung, auf Deutsch und auf Englisch, herauszugeben.[1] Sechs Kapitel befassen sich mit Standort, Geschichte, Architektur, Programm, Protest sowie Umbau und Neuanfang am und im Amerikahaus. Präsentiert werden kurze einleitende Texte, Interviews mit Zeitzeugen und umfangreiches Bildmaterial, aufbereitet für ein nichtwissenschaftliches Publikum, also ohne Fußnoten oder eine Einbettung in die Forschungslandschaft, jedoch mit einem knappen Quellen- und Literaturverzeichnis.

Der Eindruck bei der Lektüre fällt zwiespältig aus. Stark ist der Band in seiner Bildauswahl und dort, wo es um die Baugeschichte des Hauses geht. Hiller von Gaertringen betrachtet das Amerikahaus nicht (nur) als Einzelbauwerk oder als ein Beispiel für die zahlreichen Amerikahaus-Neubauten der Zeit, sondern verortet dessen Architektur räumlich und zeitlich in der Hardenbergstraße der 1950er-Jahre. Kaum eine andere Straße, so der Stadtsoziologe Harald Bodenschatz im Interview, beherberge so viele herausragende Bauten dieser Dekade (S. 28). Im letzten Kapitel geht es dann um den heutigen Umgang mit einem solchermaßen geschichtsträchtigen Bau. Die Macher von C/O Berlin erläutern ihr architektonisches Konzept, die Stärken des Gebäudes für seine neue Zweckbestimmung zu nutzen und zu erhalten, ohne es zu musealisieren. Die zeittypischen Baustrukturen des Hauses sollten ebenso freigelegt bzw. bewahrt werden wie seine „Offenheit, Leichtigkeit und Eleganz“ (S. 156) – eine echte Herausforderung, stellt doch die Präsentation von Fotografie andere Anforderungen an ein Gebäude als ein Kultur- und Informationszentrum.

Anhand des umfangreichen und großformatig präsentierten Bildmaterials können die Leser die verschiedenen Bau- und Nutzungszusammenhänge des Hauses auch visuell nachvollziehen. Grundrisse, Bauabschnitte und verschiedene Ansichten des Gebäudes bis hin zu den jüngsten Umbauarbeiten dokumentieren die Gestalt des Hauses in ihren jeweiligen zeitlichen Zusammenhängen. Aufschlussreich sind insbesondere die Innenansichten, die eine sich wandelnde Ausstellungsästhetik und innenarchitektonische Gestaltung dokumentieren. Während das architekturbezogene Bildmaterial gut in den argumentativen Zusammenhang des Bandes einbezogen wird, werden die Abbildungen von Veranstaltungsplakaten oder Protestereignissen am und im Amerikahaus nur zur Illustration der jeweiligen Kapitel eingesetzt.

Weniger überzeugend sind die Teile, die im Buchtitel als „Pop, Politik und Propaganda“ gefasst werden und in denen es um die Aufgaben des Amerikahauses, seine Arbeit und seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit geht. In den letzten Jahren sind einige Studien erschienen, die sich intensiv mit der Baugeschichte, dem Kultur- und Informationsprogramm sowie den Protesten an und in den Amerikahäusern beschäftigt haben.[2] Neue und spannende Akzente hätte der hier besprochene Band setzen können, wenn er sich auf das konzentriert hätte, was dieses Amerikahaus so besonders machte, nämlich sein Sitz in der geteilten Stadt: Berlin bildete die Nahtstelle des Kalten Kriegs, das Amerikahaus war bis zum Mauerbau 1961 auch für die Bevölkerung der DDR zugänglich, und die Stadt besaß aufgrund des Viermächtestatus, der Teilung und spektakulärer Aktionen wie der Luftbrücke auch international hohe Symbolkraft. Die Geschichte keines anderen Amerikahauses hat Ähnliches zu bieten, und bisher ist diese Geschichte nur in Teilen erforscht.

Doch der Band nutzt die Chance kaum. Das Amerikahaus als spezifisch West-Berliner Ort bleibt seltsam blass. Dazu tragen auch die Interviews bei. Otto Schily und Astrid Proll haben nichts über das Amerikahaus Berlin zu sagen; ihre Ausführungen hätten ebensogut in jeden anderen Band über die deutsch-amerikanischen Beziehungen in der Nachkriegszeit gepasst. Der Kontext des Kalten Kriegs und die doch erhebliche Dynamik in den deutsch-amerikanischen Beziehungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kommen als Bedingungsfaktoren für die Programmarbeit und die Wahrnehmung des Amerikahauses fast nicht vor. Immerhin war das Haus für die längste Zeit seines Bestehens Teil einer dem US-Präsidenten direkt unterstellten Behörde, deren Vorgaben den Rahmen für die Kultur- und Informationsarbeit der Amerikahäuser setzten, und Berlin nahm in den Planungen für viele Jahre eine besondere Stellung ein. Nicht zuletzt machte diese inhaltliche Arbeit die Amerikahäuser zur Zielscheibe amerikakritischen Protests. Der Autor gibt dem Thema „Protest“ relativ breiten Raum, belässt es jedoch bei vagen Aussagen darüber, was das Haus zu einem Ort des Protests werden ließ. Benannt wird nur die symbolische Bedeutung des Amerikahauses, ohne auch dessen Programmarbeit als Stein des Anstoßes sichtbar zu machen. Einzig das Ausstellungsprogramm des Hauses wird – gewissermaßen als Vorläufer der jetzigen Nutzung – ausführlicher vorgestellt, aber kaum interpretiert. Der wenig trennscharfe und unreflektierte Gebrauch von Begriffen wie „Reeducation“, „Propaganda“ oder auch „Pop“ verweist ebenfalls darauf, dass die historische Einordnung des Amerikahauses nur teilweise gelingt.

C/O Berlin hat das markante Äußere des Gebäudes und selbst den Schriftzug „Amerika Haus“ an der Fassade belassen bzw. rekonstruiert. Diese Entscheidung zeugt von ebenso hoher Sensibilität für den geschichtsträchtigen Ort wie die Entscheidung, ein sehr ansprechend gestaltetes Buch anlässlich der Wiedereröffnung der Stiftung am neuen Domizil herauszugeben. Daher ist es umso bedauerlicher, dass der Band die Gelegenheit nur zur Hälfte nutzt.

Anmerkungen:
[1] Die englischsprachige Version: Hans Georg Hiller von Gaertringen, Pop, Politics, and Propaganda. Amerika Haus Berlin Through the Ages, Ostfildern 2015.
[2] Sonja Schöttler (Hrsg.), Funktionale Eloquenz. Das Kölner Amerikahaus und die Kulturinstitute der Vereinigten Staaten von Amerika. Mit Beiträgen von Stefanie Lieb, Aline Miebach, Gabriele Paulix und Alfred Schäfer, Worms 2011; Reinhild Kreis, Orte für Amerika. Die deutsch-amerikanischen Institute und Amerikahäuser in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren, Stuttgart 2012; Gabriele Paulix, Das Amerika Haus als Bauaufgabe der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland. „Architecture makes a good ambassador“, Frankfurt am Main 2012.