M. Bolder-Boos: Ostia – Der Hafen Roms

Cover
Titel
Ostia – Der Hafen Roms.


Autor(en)
Bolder-Boos, Marion
Reihe
Sonderbände der ANTIKEN WELT
Erschienen
Anzahl Seiten
144 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Daum, Archäologisches Institut, Universität Hamburg

„Ostia – Der Hafen Roms“ ist ein 2014 erschienener Band aus der Reihe „Zaberns Bildbände zur Archäologie“ der sich mit der antiken Hafenstadt an der ehemaligen Tibermündung befasst. Marion Bolder-Boos versucht "eine chronologische Übersicht über die Stadt und ihre bauliche Entwicklung zu geben" (S.7). Somit ist die Gliederung des Buches eine chronologische. In acht Kapiteln stellt Bolder-Boos an ausgewählten Architekturbeispielen die Geschichte des antiken Ostia von der Gründung bis in die Spätantike vor. Zu Beginn der meisten Kapitel gibt Bolder-Boos einen kurzen Überblick über die geschichtlichen Großereignisse und die Situation Ostias, um auf den folgenden Seiten näher auf einzelne Bauwerke einzugehen.

Im ersten Kapitel „Das frühe Castrum“ (S. 9–15) geht Bolder-Boos kurz auf die Gründungsgeschichte der Kolonie sowie die Topographie ein (S. 9). Es werden die frühen Kulte sowie die Castrum-Umgrenzung besprochen, und der Versuch unternommen, die demographische Zusammensetzung der Bevölkerung zu rekonstruieren (S. 15). Das zweite Kapitel zur Römischen Republik „Die Kolonie im 2. und 1. Jh. v. Chr.“ (S. 16–36) hat die Tempel und Heiligtümer Ostias als Schwerpunkt. Da es in der Stadt zu Beginn des 2. Jahrhundert n. Chr. einen starken Bauboom gab, sind die Beispiele für republikanische Bebauung eher gering und beziehen sich daher in erster Linie auf kultische Bauten, die längerfristig genutzt wurden. Bolder-Boos bedauert den starken Fokus der Ausgräber des frühen 20. Jahrhunderts auf die kaiserliche Bebauung und, dass „noch viele Bauwerke aus dem 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. verborgen [sind], die jedoch ohne Zerstörung der späteren Bauten kaum untersucht werden können, weshalb sich das Corpus der republikanischen Bauwerke auf wenige Beispiele beschränkt“ (S. 17). In den ersten beiden Kapiteln liegt der Schwerpunkt noch auf den städtischen Kulten, wie unter anderem für Apollo, Aesculapius und Hercules, womit ein sehr schöner Überblick über die römischen Kulte und Gottheiten Ostias geschaffen wird. Mit der Übernahme der Macht durch Augustus und der Neuorganisation des Getreideimports beginnt das dritte Kapitel „Die julisch-claudische Zeit“ (S. 37–51). Neben dem Bona Dea Heiligtum werden fast ausschließlich öffentliche Bauten vorgestellt, wie der Augustus-und-Roma-Tempel, der Tempel am Flusshafen, die Grandi Horrea, die Terme dell’Invidisio, der Aquädukt und eine Synagoge. Auf den Bau des Claudiushafens außerhalb Ostias geht Bolder-Boos ebenfalls ein und beschreibt das Hafenbecken, den Kanal und umreißt kurz das Problem der Versandung des Hafens. Kapitel Vier „Ostia in flavischer und trajanischer Zeit“ (S. 52–70) ist das umfangreichste des Buches. Wie bereits bei den vorigen Kapiteln, beginnt Bolder-Boos mit einer historischen Einordnung der Epoche, beschränkt sich allerdings hier auf die flavische Zeit und umreißt zunächst die öffentlichen Bauten (Tempel, Termen, Curia usw.). Anschließend geht sie auf den Trajanshafen in Portus ein. Hier beschreibt sie das sechseckige Hafenbecken und den Bau einiger Lagerhallen. Im Gegensatz zu den vorigen Kapiteln verschiebt sich nun der Schwerpunkt von den Kulten und Heiligtümern zu den profaneren Bauten, wie Wohnhäuser, Thermen und verschiedene Gewerbebauten. Das fünfte Kapitel „Bauboom und Stadterneuerung – Ostia in hadrianischer Zeit“ (S. 71–95) ähnelt sehr dem Kapitel Vier, nur dass hier auf eine Einführung in die geschichtliche Entwicklung unter Hadrian oder in die Biographie Hadrians selbst verzichtet wurde. Wiederkehrende Themen sind hier besonders Vereine, Handel und Gewerbe, Wohnungsbau sowie die Thermen. Dieselben Schwerpunkte finden sich auch im folgenden Kapitel Sechs „Von Antoninus Pius bis Commodus“ (S. 69–117) wieder. Im nächsten Kapitel „Das 3. Jh. n. Chr.“ (S. 118–128) wendet sich Bolder-Boos nach einer relativ langen Einführung in die geschichtlichen Hintergründe (besonders im Vergleich zu den vorigen Kapiteln) wieder den Kulten zu, die in dieser Zeit eine stärkere Bauaktivität erfuhren (S. 119–123). Auch in Kapitel Acht „Das spätantike Ostia“ (S. 129–138) geht die Verfasserin ausführlich auf die sich verändernde politische Lage im römischen Reich ein, immer darauf bedacht, die für Ostia relevanten Entwicklungen hervorzuheben. Diese Epocheneinleitungen erleichtern den Einstieg in die betreffenden Kapitel sehr und ihr Fehlen in den Kapiteln Vier bis Sechs ist umso bedauerlicher.

Das letzte Kapitel des Buches „Ostia in der Forschung der Neuzeit“ (S. 139) behandelt sehr komprimiert die Forschungsgeschichte zu der antiken Stadt, auch wenn die neuste Forschungsgeschichte mit der Begründung, sie sei zu unübersichtlich, nicht berücksichtigt wird. Im Anhang findet der Leser einen kurzen Überblick über die Epochen der römischen Kultur (S. 140) und römische Mauerwerks- und Fussbodenarten (S. 141), die nicht nur beschrieben werden, sondern auch jeweils mit einem farbigen Beispiel aus Ostia dargestellt werden. Ein kurzer Glossar erklärt die wichtigsten archäologischen Begriffe (S. 142–143). Die Literaturliste ist bewusst kurz gehalten, deckt aber alle Bereiche ab.[1]

Insgesamt bietet das vorliegende Werk nicht nur einen guten Überblick zum antiken Ostia, sondern erklärt auch immer wieder allgemeine Sachverhalte. So gibt es zum Beispiel mehrere kurze Exkurse zu verschiedenen Aspekten der römischen Kultur, die zunächst das entsprechende Thema auf das Römische Reich im Allgemeinen und dann auf Ostia im Besonderen bezogen umreißen. Diese Exkurse gibt es zu den Themen: „Tod und Begräbnis“ (S. 34–36), „Das römische Badewesen“ (S. 60–61), „Das macellum“ (S. 108) und „Der römische Mithraskult“ (S. 122–123). Trotz der Informationsfülle zu ausgewählten Bauwerken vermittelt Bolder-Boos gezielt Basiswissen, geht auf Besonderheiten ein und erklärt Fachbegriffe adäquat. Die Beschreibungen der Gebäude nehmen insgesamt den größten Teil des Werkes ein, mit kurzen Interpretationen, die stets versuchen, ein lebendiges Bild des antiken Ostias zu zeichnen.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass das vorliegende Buch als Einstiegslektüre zu Ostia durchaus zu empfehlen ist, auch wenn es bei genauerer Durchsicht kleine Kritikpunkte zu nennen gibt. Insgesamt wirken die einzelnen Abschnitte innerhalb der Kapitel etwas isoliert. So werden zum Beispiel die einzelnen Stadtbereiche nicht in ein Verhältnis zueinander gesetzt, besonders in Bezug auf Ostia als Hafenstadt. Bolder-Boos behandelt zwar die orientalischen Kulte der Stadt (S. 78–85) aber einen Zusammenhang mit der Nähe des Flusshafens stellt sie nicht her. Dies sind aber nur kleine Abstriche, die in Anbetracht der hervorragenden Abbildungen und Pläne, sowie dem Werk in seiner Gesamtheit kaum ins Gewicht fallen. Bolder-Boos präsentiert auf 144 Seiten einen umfangreichen Überblick über die bauliche Entwicklung der Stadt und ungeachtet des starken Fokus‘ auf das 2. Jahrhundert n. Chr. in der bisherigen Forschung gelingt es ihr eine ausgewogene Darstellung Ostias von seiner Gründung im 4. Jahrhundert v. Chr. bis in die Spätantike vorzulegen.

Anmerkung:
[1] Die Rezensentin vermisst lediglich einen Hinweis auf Simon Keay / Martin Millett / Kristian Strutt, Protus. An Archaeological Survey of the Port of Imperial Rome, London 2005.

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Veröffentlicht am
22.06.2015
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