S. Witt: Nationalistische Intellektuelle in der Slowakei

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Titel
Nationalistische Intellektuelle in der Slowakei 1918–1945. Kulturelle Praxis zwischen Sakralisierung und Säkularisierung


Autor(en)
Witt, Sabine
Reihe
Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit 44
Erschienen
Anzahl Seiten
412 S.
Preis
€ 59,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Miloslav Szabó, Historisches Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften, Bratislava

In ihrer an der Universität Bern entstandenen und nun als Buch vorliegenden Dissertation beschäftigt sich Sabine Witt mit den slowakischen nationalistischen Intellektuellen im Kontext der Ersten Tschechoslowakischen Republik und des sogenannten Slowakischen Staates, eines Satelliten NS-Deutschlands. Eine vergleichbare Untersuchung (in deutscher oder englischer Sprache) fehlte bislang: Die Forschung orientierte sich entweder an der klassischen politischen Geschichte des slowakischen Autonomismus, dessen Vertreter sich größtenteils in der katholischen Slowakischen Volkspartei Hlinkas (Hlinkova slovenská ľudová strana, HSĽS) versammelten und später die Führungsriege des Slowakischen Staates bildeten[1], oder aber an politikwissenschaftlich inspirierten, ideengeschichtlichen Untersuchungen der Auseinandersetzungen zwischen slowakischen Autonomisten und zentralistischen Tschechoslowakisten zur Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik.[2] In jüngster Zeit erweiterte der amerikanische Historiker James M. Ward am Beispiel des wichtigen Repräsentanten der HSĽS und späteren Kriegspräsidenten Jozef Tiso den ideengeschichtlichen Ansatz um theologische und faschismustheoretische Bezüge.[3]

Wie der Untertitel andeutet, geht es in Witts Untersuchung um „Kultur“. Diese versteht und behandelt sie jedoch nicht nur analytisch in Anlehnung an den „cultural turn“, sondern gleichfalls als Kultur im engeren Sinn, insbesondere als Literatur. Mithilfe eines kulturhistorischen Ansatzes analysiert Witt die Bestrebungen nationalistischer – das heißt bei ihr fast ausschließlich autonomistischer – Intellektueller, „bestimmte Kategorien zu bilden, zu propagieren und durchzusetzen, die die Rezipienten, die Angehörigen der projektierten Nation, sich aneignen und internalisieren“ (S. 37). Im Unterschied zur neueren slowakischen Forschung, die die Kategorien „Kultur“ und „Moderne“ als Werkzeuge autonomer Erkenntnis auffasst, die die historischen Akteure allerdings vor den „Versuchungen“ moderner Totalitarismen nur unzureichend zu schützen vermochten[4], erweitert Witt durch die Hinwendung zur „Kultur als Praxis“ die konstruktivistische historische Nationalismusforschung um die Dimension des Handelns.

Im zweiten Kapitel stellt Witt ihren analytischen Begriffsapparat vor, mit dem sie die erwähnten nationalistisch-kulturellen Produktions-, weniger jedoch die Aneignungs- und Internalisierungsmechanismen zu erklären versucht. Bei den Produzenten wird deren gemeinsamer biografisch-generationeller, durch ihre ländliche Herkunft und katholische Sozialisation sowie durch Erfahrungen sprachlich-kultureller Exklusion geprägter Hintergrund hervorgehoben, der sie anfällig für eine „antiliberalen Moderne“ gemacht habe (S. 294). Diese erlangt ihre Wirkungskraft, indem sie „die Modernekritik auf die durch liberale Vorstellungen hervogerufenen gesellschaftlichen Neuerungen beschränkt“ (S. 47). Was die Rezipienten dieser kulturellen Mobilisierung zugunsten eines „antiliberalen Nationalismus“ angeht, wurden diese Witt zufolge mittels einer säkularisierten politischen Religion angesprochen, die das „slowakische Volk“ sakralisieren und seine „Feinde“ ausschließen sollte.

Die nationalistischen Bestrebungen der autonomistischen Intellektuellen unteruscht Witt an den Fallbeispielen ihrer institutionellen, rhetorischen und literarischen Praxis. Die autonomistischen Intellektuellen waren allerdings nicht die einzigen, die mittels einer „nationalen Kultur“ das „slowakische Volk“ nationalisieren wollten. Im Gegenteil, sie mussten sich gegen die staatlichen tschechoslowakischen Institutionen durchsetzen, die, angeführt vom Präsidenten T. G. Masaryk, der Kulturpolitik eine maßgebende Rolle bei der Förderung der loyalen slowakischsprachigen Bevölkerung zuschrieben. Die als „Staatsfeinde“ verdächtigten Autonomisten hatten so von vornherein begrenzte Möglichkeiten, zentrale Kulturinstitutionen wie die von Tschechen dominierte Universität (S. 160–164 ) oder das Nationaltheater (S. 164–174) in der unoffiziellen, immer noch stark deutsch- und ungarischgeprägten Hauptstadt Bratislava zu „slowakisieren“. Etwas näher an dieses Ziel kamen die weitgehend auf Publizistik verwiesenen autonomistischen Intellektuellen während der Auseinandersetzungen um die slowakische Schriftsprache, in denen sich Witt zufolge die Tendenz einer Naturalisierung des gesprochenen Wortes zu einer „Stimme“ für den „nationalen Körper“ (S. 197, 165) niederschlug. Einen begrenzten Erfolg hatten die säkularnationalistischen autonomistischen Intelektuellen paradoxerweise schließlich auf den von der katholischen Kirche beherrschten Gebieten, vor allem im Rahmen des Spolok sv. Vojtecha (Verein des Hl. Adalbert).

Den Siegeszug der „organischen Metaphorik“, die die „Nation als ein[en] lebendig[en] Volkskörper“ imaginiert und „dem als tot aufgefassten, konstruierten Gebilde“ (S. 252) des tschechoslowakischen Staates entgegenstellt, beobachtet Witt auch auf der Ebene der rhetorischen Praxis der autonomistischen Intellektuellen, egal ob es sich um Wandlungen des Panslawismus, die Bemühungen um eine slowakisch-polnische Annäherung oder die ambivalenten Einstellungen dem Faschismus und Nationalsozialismus gegenüber handelt. Bereits hier kündigt sich ein für Witts Ansatz zentraler Befund an, wonach „[n]ationalistische Vordenker [...] mit der ‚Reinigung‘ eine christliche Idee“ rezipiert und diese als „Säuberung“ nationalistisch umgedeutet beziehungsweise umgesetzt hätten (S. 288). Dies belegt Witt vor allem am Beispiel des von den Autonomisten neben den Tschechen konstruierten, „inneren nationalen Feindes“, das heißt der Juden, die als Negativfolie für eine „reine, homogene Gesellschaft aus Slowaken“ dienen sollten (S. 285).

Wie Witt die komplizierten Bezüge und Wechselwirkungen zwischen der „Säkularisierung von religiösen Vorstellungen und der Sakralisierung von nationalen Ideen“ (S. 394) auffasst, erfährt der Leser aus dem für ihre Thesen zentralen Kapitel über die literarische Praxis der slowakischen nationalistischen Intellektuellen. Witt stellt fest, dass – neben deutschvölkischen – vor allem französische und polnische Einflüsse eine „Mythenadaption“ in der autonomistischen slowakischen Literatur förderten. Im Einzelnen handelt es sich um folgende nationalistische Mythen: „Martyrium, Auferstehung und Reinigung“ (S. 317–330), die allerdings in der Regel in „biologistische und völkische Konzepte“ des „Blutopfers“ und der „Säuberung“ umschlugen (S. 343–369). Diese Dialektik bringt Witt in den Schlussfolgerungen auf den Punkt, wo es heißt, „dass die christliche Religion den nationalistischen Autoren als wesentliche Konzeptgeberin diente“ (S. 394).

Witts Monografie ist gründlich recherchiert, sie berücksichtigt jedoch kaum die neueste Sekundärliteratur, die vielleicht zur Schärfung ihrer Analyse hätte beitragen können.[5] Die Literaturliste enthält nur wenige Titel mit dem Erscheinungsjahr 2011. Noch schwerer wiegt ein anderer Kritikpunkt, nämlich Witts Insistieren auf der angeblich „spezifisch slowakischen Kategorie des Nationalen“ (S. 390). Bereits in der Einleitung grenzt Witt den slowakischen Nationalismus gegen den tschechischen ab, den es im Untersuchungszeitraum vermeintlich nicht beziehungsweise lediglich negativ, gegen die deutsche und ungarische Minderheit ausgerichtet, gegeben habe (S. 2, Anm. 2). Wie relativ solche Unterscheidungen angesichts der historischen Wirklichkeit erscheinen, belegt Witt selbst am Beispiel des nationalistischen, jedoch nicht autonomistischen Vereins Slovenská liga (Slowakische Liga), der eine Slowakisierung („Ethnisierung“) der Minderheiten in der Slowakei anstrebte. Während die Repräsentanten der Slowakischen Liga etwa die jüdische Minderheit ursprünglich assimilieren wollten, änderten sie Ende der 1930er-Jahre ihre Strategie schlagartig, indem sie zu Wortführern der Dissimilation und Segregation wurden. Diese Ambivalenz schlägt sich in Witts begrifflicher Unklarheit nieder, wenn sie der Slowakischen Liga bescheinigt, „keinen rassistischen Nationalismus“ (S. 208) praktiziert zu haben, gleichzeitig jedoch einräumen muss, dass ihr Nationalismus „christlich-völkisch geprägt“ (S. 209) gewesen sei. Hier drängt sich die Frage auf, ob wir nicht eher vom tschechoslowakischen, das heißt tschechischen und/oder slowakischen Nationalismus in der Slowakei sprechen sollten, der in verschiedenen Kontexten inklusiv und/oder exklusiv wirken konnte. So erklärt sich nicht zuletzt, dass die ersten antisemitischen Säuberungskampagnen in der Slowakei von 1920 eben nicht primär von den damals noch schwachen katholischen Autonomisten, vielmehr von den tonangebenden säkularen beziehungsweise protestantischen Tschechoslowakisten geführt wurden.[6]

Ungeachtet dieser Einwände bleibt festzuhalten, dass Sabine Witt durch ihren kulturgeschichtlichen Ansatz nicht nur die Geschichtsforschung zur Slowakei, sondern die historische Nationalismusforschung als solche wesentlich bereichert hat. Sie zeigt, dass die nationalistischen Intellektuellen ihre – von Bernhard Giesen bereits für die Anfänge des Nationalismus festgestellte[7] – Neigung, die nationale Gemeinschaft mit Hilfe von Kategorien wie „Geschlecht, Abstammung oder Rasse“ zu naturalisieren, in verschiedenen historischen Kontexten und nicht zuletzt mit modernen ästhetischen Mitteln umgesetzt haben.

Anmerkungen:
[1] James Ramon Felak, „At the Price of the Republic“. Hlinka’s Slovak People’s Party, 1929–1938, Pittsburgh 1994.
[2] Elisabeth Bakke, Doomed to Failure? The Czechoslovak Nation Project and the Slovak Autonomist Reaction 1919–1938, Oslo 1999.
[3] James Mace Ward, Priest, Politician, Collaborator. Jozef Tiso and the Making of Fascist Slovakia, Ithaca 2013.
[4] Vlasta Jaksicsová, Kultúra v dejinách – dejiny v kultúre. Slovenský intelektuál v siločiarach prvej polovice 20. storočia [Kultur in der Geschichte – Geschichte in der Kultur. Der slowakische Intellektuelle im Kräftefeld der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts], Bratislava 2012.
[5] Vgl. z.B. Iris Engemann, Die Slowakisierung Bratislavas. Universität, Theater und Kultusgemeinden 1918–1948, Wiesbaden 2012. Rez. von Catherine Horel, in: H-Soz-Kult, 23.10.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18753> (19.11.2015).
[6] Miloslav Szabó, „Von Worten zu Taten“. Die slowakische Nationalbewegung und der Antisemitismus, 1875–1922, Berlin 2014, S. 313–333.
[7] Bernhard Giesen, Die Intellektuellen und die Nation. Eine deutsche Achsenzeit, Frankfurt am Main 1999, S. 54f.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.12.2015
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