L. Willms: Transgression, Tragik und Metatheater

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Titel
Transgression, Tragik und Metatheater. Versuch einer Neuinterpretation des antiken Dramas


Autor(en)
Willms, Lothar
Reihe
Drama, Neue Serie 13
Erschienen
Anzahl Seiten
XIII, 933 S.
Preis
€ 128,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elisabeth Günther, Excellence Cluster TOPOI, Institut für Klassische Archäologie, Freie Universität Berlin

Es ist eine der bemerkenswertesten und folgenreichsten Begegnungen nicht nur im attischen Drama, sondern in der gesamten Geistesgeschichte: Die in Theben wütende Sphinx stellt dem jungen Ödipus ihre berühmte Rätselfrage, die er letztlich auch zu lösen vermag. Um des Rätsels Lösung zu finden, ist nicht nur der Scharfsinn des Ödipus gefordert: Um die Oberfläche der Frage zu durchdringen, muss er sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, in neuen Bahnen denken und den Mut aufbringen, schließlich eine Antwort zu liefern.

Einer nicht unähnlich schwierigen Aufgabe hat sich der Autor des vorliegenden Bandes, Lothar Willms, verschrieben. Er wagt den „Versuch einer Neuinterpretation des antiken Dramas“, was einer Sisyphus-Aufgabe gleichkommt. Der Komplexität des antiken Dramas angemessen, versucht er dabei eben nicht ein hermetisch abgeschlossenes und damit letztlich unflexibles Theoriegebäude zu errichten, sondern bemüht sich über einen post- bzw. neostrukturalistisch-semiotischen Zugang von literaturwissenschaftlicher wie altphilologischer Seite um einen „offene[n] Diskussionsbeitrag“ (S. 723), der zum „Weiterdenken“ anregen (S. 745) soll. Hierbei kann Willms auf eine ganze Heerschar von Vordenkern aufbauen, angefangen bei Aristoteles, über Hegel bis hin zu K. H. Bohrer, deren Thesen er minutiös aufarbeitet und auf die Anwendbarkeit innerhalb seines eigenen Zugangs prüft. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Bedeutung der Dramen als eigenständige Kunstwerke, indem Willms sich über die phänomenologische Ästhetik (in Anschluss an Dieter Mersch) annähert. Als brauchbares Werkzeug erweisen sich zudem „signifiant“ und „signifié“ des Schweizer Linguisten Ferdinand de Saussure und der diagnostische Zeichenbegriff von Charles S. Pierce.

Die geradezu informationsschwangere und über 900 Seiten starke Monographie ist in zwei Teile gegliedert: einen einführenden, theoretischen Teil zu Terminologie, Methodik und analytischem Apparat (S. 1–196) und einen aus Einzelanalysen bestehenden zweiten Teil (S. 197–748). Dies wird mit einer knappen Zusammenfassung in englischer Sprache (S. 749–753), einem umfangreichen Literaturverzeichnis (S. 755–803), einem detaillierten Registerapparat (S. 805–901) und zuletzt mit einem Index locorum (S. 903–933) komplettiert.

Im ersten Teil werden die analytischen Voraussetzungen für die Einzelanalysen des zweiten Teils geschaffen und der strukturalistische Zugang, der ein neues Verständnismuster für das antike Drama schaffen soll, für den Leser in (fast) all seinen Aspekten erläutert. Die beiden Kristallisationspunkte hierfür bilden die Begriffe „Transgression“ und „Tragik“. Unter Transgression versteht Willms die Überschreitung sozialer, politischer und jurisdiktioneller Normen, die durch einen Konflikt ausgelöst werden, einen Integritätenkonflikt des Transgressors verursachen und in der Tragödie schließlich in einer physischen oder lokalen Eliminierung gipfeln. Die Ursache hierfür verortet Willms nicht im Charakter der handelnden Figuren selbst, sondern in der Handlungsstruktur, womit er letztlich auf die Poetik des Aristoteles zurückgreift (S. 110–128).

Die Tragik als besondere Form der Transgression (S. 46) wurzelt folgerichtig nicht in den Eigenschaften des Transgressors, sondern ist ebenso eine Folge der Handlungsstruktur: Die physische Eliminierung – also der Mord – eines nahen Menschen und damit auch die moralische Integrität des Transgressors werden der Bewahrung anderer Integritäten geopfert, etwa wenn Medea aus Rache ihre eigenen Kinder tötet. Zugleich findet sich in der Medea des Euripides noch eine zweite Ausprägung der Tragik, die „einzig auf einer situativen Einschränkung seiner Funktion als ethisch-rationales Subjekt beruht“ (S. 56), in diesem Falle der durch den Affekt bedingte Kontrollverlust Medeas (S. 730).

Als poetische Transgression versteht Willms die Autoreferentialität bzw. Autoreflexivität des Dramas selbst, das Meta-Theater (S. 184–196). Dieses umfasst verschiedene Formen der dramatischen Metapoetizität und zeichnete sich bisher durch eine terminologische Unschärfe aus. Willms legt hier eine brauchbare und für die Beschäftigung mit diesem Gegenstand hilfreiche Definition als „jedwede Form der Selbstbezugnahme“ (S. 189) vor und unterscheidet Infratheater (Theater im Theater) und Intertheater (intertextueller Bezug auf andere Dramen). Da die Dramentexte jedoch rein literarisch überliefert sind, lassen sich die visuell bzw. mimetisch vermittelten Selbstbezüge lediglich noch als „Regieanweisungen“ (S. 192) im Text aufspüren.

In den Einzelinterpretationen des zweiten Teils werden folgende Dramen ihrem Handlungsverlauf nach dargestellt und analysiert, wobei markante Stellen nochmals eingehender besprochen werden: die Perser des Aischylos, der König Ödipus des Sophokles, die Medea und die Bakchen des Euripides, die Frösche des Aristophanes, die Samia Menanders, der Amphitruo des Plautus und die Phaedra Senecas, sodass bis auf die Mittlere Komödie aus allen „Entwicklungsstadien“ des antiken Dramas ein Beispiel herausgegriffen wird, welches Willms bewusst nach dem repräsentativen Charakter hinsichtlich des Untersuchungsziels auswählt. Im Resümee fasst Willms die Bedeutung der Transgression für die antike Tragödie folgendermaßen zusammen: „Die Erkenntnis oder der Vollzug der Transgression sind in den untersuchten Tragödien das zentrale und konstitutive Element der Handlung, um welche diese komponiert ist und ohne die sie nicht bestehen könnte“ (S. 725). Als wichtiges Element in der Entwicklung der Dramen erfasst er die Religion und glaubt „eine kontinuierliche Abnahme der außerdramatischen religiösen Überzeugung und Gewißheit auch bei der Binnenhermeneutik der Transgression festzustellen“ (S. 738). Allerdings ist dies bei der doch eher schmalen Auswahl an Tragödien und insbesondere Komödien nicht endgültig zu verifizieren, wie Willms auch selbst anmerkt.

Leider wird der Komödie nur ein schmales „Interludium“ gewidmet (S. 533–556), obwohl Transgression und Meta-Theater für diese eine exorbitant wichtige Rolle spielen. Die Ansätze von Willms können hier neue Impulse liefern und, wie von ihm angedacht, durch die Auseinandersetzung mit der Transgression den „Dialog zwischen den einzelnen Disziplinen der Altertumswissenschaft“ (S. 725) fördern. Möglicherweise kann dies auch dem Zugang zu den Fragmenten der Mittleren Komödie dienlich sein, die durch das Projekt „KomFrag“ der Universität Freiburg und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit erfahren haben.[1] Für das 4. Jahrhundert v.Chr. bieten zudem die außergewöhnlichen Komödiendarstellungen Unteritaliens auf Vasenbildern einen Zugang zu Performativität und Theatralität des antiken Dramas[2] und bieten zudem selbst Aufschluss über visuelle Strukturen und Bildsprache.[3]

Insgesamt bietet der Band sowohl einen handlungstheoretisch-semiotischen Blick aus der Adlerperspektive als auch eine detaillierte Analyse der Einzeldramen. Die zahlreichen Anmerkungen und Verweise sowie Exkurse bereichern die Lektüre enorm und belegen die außerordentliche Tiefe der Auseinandersetzung des Autors mit dem Drama von der Antike bis in die Moderne, mit Literatur- und Philosophiegeschichte, ja selbst der Psychoanalyse. Allerdings zeigt sich aber gerade hier die Schwachstelle der Monographie, die lange Zeit eher erzählend mäandriert statt auf ein klares Ziel zuzustreben; hierdurch bläht sich das Volumen des Bandes auf stattliche 750 Seiten Haupttext auf. Dies erschwert den Zugang, was insofern bedauerlich ist, als dass dieser spannende, inspirierende Zugang zur antiken Tragödie gerade für den wissenschaftlichen Nachwuchs von großem Interesse sein sollte.

Nicht ohne Humor wählt Willms im Schlusswort für seine Begegnung mit dem antiken Drama die Metapher der Sphinx. Wie diese enigmatische Mythengestalt geben Tragödie und Komödie den Rezipienten bis heute Rätsel auf und regen durch ihre ästhetische Komplexität und Vielschichtigkeit zum Nachdenken an. Denn des Rätsels Lösung und zugleich das größte Rätsel ist ja schließlich – der Mensch.

Anmerkungen:
[1] Zum Projekt „KomFrag“ vgl. <https://www.komfrag.uni-freiburg.de/> (Stand: 07.04.2014).
[2] Helene P. Foley, The Comic Body in Greek Art and Drama, in: Beth Cohen (Hrsg.), Not the Classical Ideal. Athens and the Construction of the Other in Greek Art, Leiden 2000, S. 275–311.
[3] J. Richard Green, Comic Vases in South Italy. Continuity and Innovation in the Development of a Figurative Language, in: Kathryn Bosher (Hrsg.), Theater Outside Athens. Drama in Greek Sicily and South Italy, Cambridge 2012, S. 289–342. Vgl. hierzu auch das momentan in Arbeit befindliche Dissertationsprojekt der Rezensentin (<http://berliner-antike-kolleg.org/cv/elisabeth-gunther/>; Stand: 07.04.2014).

Redaktion
Veröffentlicht am
27.04.2015
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