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Titel
La défense de la Syrie-Palestine des Achéménides aux Lagides. Histoire et archéologie des fortifications à l'ouest du Jourdain de 532 à 199 avant J.-C.


Autor(en)
Balandier, Claire
Erschienen
Anzahl Seiten
VII, 473 S. + 245 p.
Preis
€ 120,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Mehl, Institut für Altertumswissenschaften, Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg

Das zu rezensierende Werk ist als Habilitationsschrift der Universität Paris I entstanden. Seine zwei getrennt paginierten Bände bieten zum einen Untersuchung und Darstellung des Gegenstandes (Band I), zum anderen einen Katalog der behandelten befestigten Plätze sowie eine Untersuchung und Darstellung der absichtlich nur im Untertitel erfassten, an Syrien-Palästina im Osten und Süden angrenzenden Regionen Transjordanien und Nord-Sinai (Band II). Die Titelbegriffe „histoire et archéologie“ sind programmatisch zu verstehen: Einerseits dienen Informationen in Werken antiker Autoren, in dokumentarischen Papyri usw. der Einordnung datierter archäologischer Befunde in die machtpolitische Geschichte sowohl der in diese Region hineinwirkenden beziehungsweise über diese herrschenden (Groß-)Reiche als auch kleinerer und größerer politischer Einheiten der Region selbst. Andererseits werden die archäologischen Befunde, der einzelne genauso wie die einer Mikroregion und der gesamten Region, dazu herangezogen, um die lokale, regionale und überregionale machtpolitische Geschichte besser als bisher zu verstehen. Da Syrien im Altertum so gut wie nie Machtzentrum, sondern Durchgangsregion und Randbesitz größerer an Syrien angrenzender oder sogar weiter entfernter Mächte gewesen ist, kann der Blick nie nur auf die Region, sondern muss stets auch auf außersyrische Mächte gerichtet werden. So bietet Balandier nicht nur Regional-, sondern auch Großmacht-, ja ein Stück Weltgeschichte oder, wie der renommierte Erforscher syrischer Städte und Befestigungsanlagen Pierre Leriche es im „préface“ (I, S. II) ausdrückt, „geopolitische“ Geschichte, und das in einem Zeitraum, in dem nacheinander mehrere Großmächte für länger oder kürzer über Syrien verfügt, sich zeitweise darum gestritten und es gegen mögliche oder tatsächliche Gegner an der Küste und im Binnenland gesichert beziehungsweise verteidigt haben: die Achämeniden, Alexander der Große, von den Diadochen die Antigoniden und schließlich die Ptolemäer (beziehungsweise Seleukiden).

Praktische Gründe haben dazu geführt, dass Balandier nur das südliche Syrien – und zusätzlich dessen archäologisch schlechter belegte östliche und südliche Randzonen – unter dem Namen „Syrien-Palästina“ (I, S. 9–21) behandelt, also jenen Teil, den von 301 bis 199 v.Chr. die Ptolemäer von Alexandria aus beherrscht haben. Balandiers Disposition folgt der Zeitschiene. Ihre Interpretationen der schriftlichen Überlieferung und des archäologischen Materials sowohl Ort für Ort als auch in größeren geographischen Zusammenhängen veranlassen Balandier dazu, sowohl die achämenidische als auch die ptolemäische Herrschaft über (Süd-)Syrien zeitlich und zugleich sachlich nach Verteidigungsstrategien und -richtungen zu differenzieren (vergleich die Unterkapitel der Kapitel II, III, IV und VI in Bd. I). Insofern spiegelt bereits die Stoffdisposition Erkenntnisse Balandiers wider. Ein bau- und festungstechnisches Kapitel (VII) beschließt die Untersuchungen. Die klar gegliederte und formulierte „conclusion“ (I, S. 299–317) folgt den chronologisch-sachlichen Differenzierungen der Hauptkapitel, umfasst indes auch Balandiers zusätzliche Untersuchungen in Bd. II (S. 156–229) über das Ostjordanland und den nördlichen Sinai (I, S. 313–315) und bietet von Balandiers in mehreren Aufsätzen veröffentlichter Doktorarbeit her einen Vergleich mit dem achämenidischen und ptolemäischen Zypern (I, S. 315–317).

Balandiers Arbeit liegt der unzweifelhaft richtige Gedanke zugrunde, dass Verteidigungsanlagen Hinweise auf politisch-strategische Absichten und Situationen geben (zum Beispiel I, S. 1–2). Diese Hinweise ergeben sich aus der Lage der Anlage, ihrer Bauart und Größe, ihres erkennbaren Zusammenhangs mit weiteren Anlagen (Verteidigungslinien et cetera), den Datierungen der Erbauung, der Renovierungen und der Umbauten sowie aus der Belegung mit Truppen, also der tatsächlichen Nutzung, die aus Funden beweglicher Gegenstände zu erschließen ist und kürzer oder länger gewesen sein und in mehreren Phasen stattgefunden haben kann. Zu fragwürdigen, weil letztlich zirkulären Schlüssen kann es führen, wenn man Errichtung oder Nutzung einer Verteidigungsanlage aus ereignisgeschichtlichen schriftlichen Quellen erschließt. Balandier vermeidet bei der Untersuchung der 60 befestigten Plätze sowie Jerusalems in Band I und im regional angelegten Katalog in II (S. 1–143 und S. 146–154) dieses Risiko konsequent. Da Befestigungen auch Teile einer Stadt beziehungsweise Städte insgesamt mit ihrer jeweiligen Ummauerung Verteidigungsanlagen sein können, schließt Balandier Stadtgründungen und Stadtanlagen in ihre Untersuchungen ein. Sie tut das archäologisch und historisch-philologisch für Jerusalem im 5. Jahrhundert (I, S. 70–89), für die ptolemäischen Städtegründungen im südlichen Syrien (I, S. 225–232) und für grundsätzliche Zusammenhänge zwischen Stadtanlage und Verteidigungsaufgabe in achämenidischer und ptolemäischer Zeit (I, S. 294–298).

Unter Weglassung weiterer Resultate unterschiedlicher Art seien hier nur einige für die ‚große‘ Politik wichtige Ergebnisse hervorgehoben: Verteidigt und entsprechend mit Anlagen ausgerüstet wurden schon von den Achämeniden nicht nur die Küstenlinie des östlichen Mittelmeeres unter Einbindung Zyperns als vorgeschobener Festung, sondern je nach machtpolitischer Situation auch binnenländische Grenzen wie die im Nordsinai zwischen Syrien und Ägypten oder östlich und südlich des Jordans und Toten Meeres gegenüber arabischen Stämmen und schließlich in der Zeit der ptolemäischen Herrschaft über Syrien-Palästina die Grenze gegenüber dem seleukidischen Nordsyrien. Die Befestigungslinie an der Küste entlang (in der Wiederbenutzung neuassyrischer Anlagen, bis um 475) und ein in räumlicher Tiefe gestaffeltes Verteidigungs-„Netz“ lösten einander ab. Mit letzterem reagierte man zwischen etwa 475 und 425 auf die Schwierigkeit, Ägypten zu halten, und erreichte dabei die höchste Zahl genutzter Befestigungen in der gesamten von Balandier behandelten Zeit. Auf diese beiden Perioden folgten wiederum etwa 50 Jahre einer Verteidigung je nach aktueller Bedrohung und schließlich in den letzten 40 Jahren bis 335, abgesehen von der Verteidigung der neuen Provinz Idumäa, nochmals eine lineare Verteidigung an der Mittelmeerküste, weil nur diese gefährdet schien. Nach unklaren Verhältnissen in den kurzen Herrschaften Alexanders und einiger Diadochen, insbesondere des Antigonos Monophthalmos zusammen mit seinem Sohn Demetrios Poliorketes, brachte die ptolemäische Herrschaft, nunmehr ausschließlich über Südsyrien, neue systematische Anstrengungen mit sich. Sie zeigten sich unter den ersten beiden Ptolemäerkönigen nicht nur im Festungsbau und in der Anlage von Garnisonen, sondern auch in der Ansiedlung von Kleruchen in kleinen Anlagen und schließlich in der Gründung von Städten über das ganze Land hin, so dass wieder ein Verteidigungsnetz entstand. Diese Strategie wurde unter den beiden folgenden Herrschern beibehalten. Infolge der ptolemäischen Vorherrschaft zur See und der Verfügung über Zypern verlor gleichzeitig die Sicherung der Küstenlinie an Bedeutung. Andererseits wurde die Verteidigung gegenüber dem seleukidischen Nordsyrien für vordringlich erachtet. Der Verlust Südsyriens an den Seleukiden Antiochos III. kann – entgegen Polybios (5,62,5–8) und ihm folgenden modernen Autoren (vgl. I, S. 222–224) – von den archäologischen Befunden her nicht unzureichenden ptolemäischen Verteidigungsanstrengungen unter Ptolemaios IV. angelastet werden. Hervorgehoben sei noch Balandiers Erkenntnis, dass Bauweisen von Verteidigungsanlagen und Festungstechniken – mit Ausnahme vorgeschobener Befestigungen (Proteichisma) – nicht einfach Griechen oder anderen zugeschrieben werden können, sondern dass sie überregional verbreitet sind.

Die Abhängigkeit der zeitlich differenzierten Schlussfolgerungen Balandiers von den derzeitigen archäologischen Datierungen ist offenkundig. Dessen ist sich Balandier bewusst, ja sie rechnet sowohl mit Präzisierungen als auch mit der Möglichkeit von Falsifizierungen von ihr vorgelegter Datierungen (I, S. 317). Das ändert nichts daran, dass Balandiers Arbeit schon von der verarbeiteten Literaturmenge her ein Muster an Gelehrsamkeit darstellt und dass Balandier sowohl in der Darstellung der archäologischen Gegebenheiten als auch in den von ihr daraus gezogenen historischen Schlüssen so penibel vorgeht, dass man es auf dem derzeitigen Stand der Archäologie Südsyriens nicht besser machen kann. Balandiers Arbeit ist ein Musterbeispiel vor allem für die Gewinnung historischen Wissens aus archäologischen Befunden. Mehrere Altertums-Disziplinen werden aus ihr erheblichen Erkenntnisgewinn ziehen.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.07.2015
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