Cover
Titel
Preußens Töchter. Die Stiftskinder von Heiligengrabe 1847–1945


Autor(en)
Romeyke, Sarah
Reihe
Kultur- und Museumsstandort Heiligengrabe 5
Anzahl Seiten
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Monika Wienfort, Historischen Seminar, Bergische Universität Wuppertal

Die Geschichte adliger Frauen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert ist trotz des in den Archiven vorhandenen Quellenreichtums bis heute unzulänglich erforscht. Der Sammelband über die Lehrerinnen und Schülerinnen des – in der Prignitz im nordwestlichen Brandenburg vergleichsweise abgelegenen – Stifts Heiligengrabe während der knapp einhundert Jahre des Bestehens ist in erster Linie ein Erinnerungsbuch ehemaliger Schülerinnen, das mit zahlreichen Fotographien eine protestantisch-preußische Identität weit überwiegend adliger Frauen aufzeigt. Das Werk entstand als Begleitband einer Ausstellung in Heiligengrabe, der zeitliche Schwerpunkt liegt dabei auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Mädchenschule des Stiftes Heiligengrabe wurde 1847 mit Unterstützung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. gegründet, um „arme adelige Mädchen“, vornehmlich die Töchter preußischer Beamter und Offiziere, auszubilden. Dieser frühe Gründungszeitpunkt weist darauf hin, dass bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Adel und Bürgertum die Frauenbildung als eine Möglichkeit gesehen wurde, Mädchen nicht bloß auf eine Eheschließung und damit die erhoffte Zukunft als Gutsherrin oder Beamtengattin vorzubereiten. Den Töchtern des „armen Adels“ sollte eine eigenständige Berufstätigkeit im Regelfall als Lehrerin und Gouvernante ermöglicht werden. Eine entschiedene Qualitätssteigerung der Ausbildung und eine Professionalisierung der Lehrerinnen setzten allerdings erst mit der Jahrhundertwende ein, als Adolphine von Rohr zur Äbtissin gewählt wurde.

Das Ende der preußischen und deutschen Monarchie in der Revolution von 1918/19 stellte in der Geschichte der Schule bezeichnenderweise keine besondere Zäsur dar, weil das konservative adlige Milieu in Preußen im Wesentlichen intakt blieb. Im Nationalsozialismus zeigten sich dieselben Entwicklungen wie in anderen Bereichen der preußischen Adelsgeschichte. Während ein Teil der Lehrerinnen und Schülerinnen sich – wie zahlreiche Eltern – dem Nationalsozialismus zuwandte, und die Veranstaltungen des BDM durchaus beliebt waren, hielt ein anderer Teil vor dem Hintergrund protestantischer Christlichkeit Abstand. Über einen propagierten oder gelebten Antisemitismus der protestantischen Stiftsschule findet sich in der Publikation jedenfalls nichts.

Bereits 1946 trafen sich die ehemaligen Heiligengraberinnen in Göttingen wieder, und der 1920 gegründete Alumni-Verein fand seine Fortsetzung. Der Hilfsverein zur Unterstützung bedürftiger ehemaliger Lehrerinnen und Schülerinnen erscheint als ein passendes Beispiel für den Zusammenhalt, den eine Internatserziehung stiften kann. Ob das Beziehungsnetzwerk darüber hinaus durch die Jahrzehnte auch von der kulturellen Homogenität einer Herkunft aus adligen Familien profitierte, lässt sich nicht ohne weiteres beantworten. Der Verband wirkte in den 1950er-Jahren über die deutsch-deutsche Grenze hinweg und stellte nach der friedlichen Revolution von 1989 personelle und finanzielle Ressourcen für den Wiederaufbau des Stiftes bereit. Dass die Erinnerung an die Jugend und die dort gemachten Erfahrungen insgesamt eher Harmonie atmen als gesellschaftliche Antagonismen spiegeln, ist wenig verwunderlich. Mit dem Stift Heiligengrabe gerät eine bemerkenswerte Institution in den Blick, in der Frauen des konservativ-adligen Milieus im späten 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bildungs- und berufsorientierte Identität entwickeln konnten. Von der Vielfalt der Schulen und Universitäten, der Vereine, Parteien und Berufe, in denen ihre Väter und Brüder sich entfalteten, konnten die Töchter des preußischen Adels bis zum Zweiten Weltkrieg dennoch meist nur träumen.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.04.2016
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