W. Schischa u.a.: Was mit uns sein wird, wissen wir nicht

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Titel
Was mit uns sein wird, wissen wir nicht. Briefe aus dem Ghetto, hrsg. v. Gustav Freudmann


Autor(en)
Schischa, Wilhelm; Schischa, Johanna
Erschienen
Wien 2015: Styria
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
€ 24,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benjamin Grilj, Institut für jüdische Geschichte Österreichs, St. Pölten

Die Biographie der Großfamilie Schischa ist klassisch für die niederösterreichischen Landgemeinden: Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ziehen böhmische, mährische und ungarische Jüdinnen und Juden in die Region und etablieren sich rasch – wirtschaftlich wie religiös. Josef Schischa zog aus West-Ungarn über Gloggnitz am Semmering mit seiner Frau und den vier Kindern nach Neunkirchen, wo er eine Textilhandlung eröffnete. Sein ältester Sohn Wilhelm Schischa, am 11. Oktober 1883 in Gloggnitz geboren, absolvierte eine Schneiderlehre, die er mit Meisterprüfung abschloss. Er heiratete Johanna, geboren am 19. Mai 1885 in Prein an der Rax, die aus einer der ungarischen Rabbinerfamilie Friedmann stammte. Unmittelbar nach der Hochzeit eröffnete Wilhelm Schischa ein Herrenbekleidungsgeschäft in Wiener Neustadt. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Eduard, genannt Edi, kam am 5. Oktober 1914 auf die Welt, machte eine Schneiderlehre und arbeitete im Familienbetrieb. Karoline, Lili genannt, wurde am 13. März 1927 geboren und besuchte das Gymnasium. Das Geschäft lief gut, die Familie lebte in bescheidenem Wohlstand und war voll in das bürgerliche Leben der Kleinstadt integriert.

Mit dem „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 änderte sich das Leben der Familie grundlegend: Die Stimmung kippte zusehends, sodass Sohn Edi im Herbst 1938 illegal nach Palästina auswanderte. Am 10. November 1938 wurde Wilhelm Schischa verhaftet, Johanna und Lili wurden mit den anderen Wiener Neustädter Jüdinnen und deren Kindern in die Synagoge gesperrt, Geschäft und Wohnung wurden geplündert. Nach drei Tagen wurden sie nach Wien überstellt, wo sie bei Verwandten unterkamen. Im Juli 1939 gelang es, Lili in einem der Kindertransporte nach England unterzubringen. Wilhelm und Johanna Schischa wurden am 26. Februar 1941 mit dem zweiten Transport vom Wiener Aspangbahnhof nach Opole Lubelski deportiert.

In Opole, südwestlich von Lublin, lebten vor dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen 6.500 Menschen, zwei Drittel davon Juden. Bis Anfang 1940 wurden ca. 2.800 Jüdinnen und Juden aus Westpolen (vor allem Galizien) hierher verschleppt. Ein Ghetto wurde errichtet, in das auch die 2.003 am 15. und 26. Februar 1941 deportierten Wiener Jüdinnen und Juden gesperrt wurden. Die Inhaftierten überließ man ihrem Schicksal; die Preise am Schwarzmarkt stiegen ins Unermessliche, Mangelernährung, Massenquartiere und die unvorstellbaren sanitären Verhältnisse bedingten den Ausbruch von Seuchen. Eine Arbeit zu finden war fast gänzlich ausgeschlossen.

Im Frühjahr 1942 begann die Liquidation des Ghettos, im Oktober 1942 war sie abgeschlossen. Die Inhaftierten wurden in die Konzentrationslager Belzec und Sobibor überstellt – Opole wurde dem Erdboden gleichgemacht. Von den 2.003 Wiener Jüdinnen und Juden starben mehr als 20 Prozent in Opole Lubelski, von den Weiterdeportierten überlebten – nach heutigem Wissensstand – 28 Personen.

Das weitere Schicksal von Johanna und Wilhelm Schischa lässt sich nicht genau bestimmen, weil die Akten fehlen; sicher ist, dass das Ehepaar getrennt wurde und man Wilhelm im Januar 1942 deportierte. Wann seine Frau Johanna folgte, ist ungewiss. Beide wurden in der Shoah ermordet.

Als Tochter Lili 1946 aus England nach Österreich zurückkehrte, überreichte ihr ihre Tante eine Kiste mit 114 Briefen, die Wilhelm und Johanna Schischa an Johannas Schwestern, die durch „Mischehen“ geschützt waren, aus Opole geschrieben hatten und den Kern des vorliegenden Bandes bilden. Diese Briefe zeichnen ein Bild der Lebenssituation im Ghetto, das gerade durch seine Nüchternheit erschüttert. Es sind keine An- oder Wehklagen, es sind Hilferufe und Verbindungslinien. Hilferufe um lebensnotwendige Dinge: Geld, Lebensmittel, Kleidung, Tauschgegenstände – Verbindungslinien, über die die Eheleute Kontakt mit der Heimat und damit auch zur eigenen Vergangenheit halten, die aber auch ihre Netzwerke aufzeigen. Deutlich zeigt sich die geographische Lebenswelt der Opfer, die die Herkunftsgebiete und Diaspora-Länder umschließt: Die Kontakte erstrecken sich von Bolivien, Großbritannien, Palästina, Wien, Ungarn bis nach Galizien.

In den Briefen laufen viele Kommunikationsebenen parallel: Die beiden zentralen Punkte sind einerseits „wir leben noch – lebt ihr auch noch?“ und andererseits die Bitten um Zusendungen. Die häufig wiederkehrende Phrase „wir bekommen sehr wenig Post von Euch“ (S. 94) ist dementsprechend auch als Sorge um die Zurückgebliebenen zu lesen. An den erbetenen Waren und Gütern werden ebenfalls mehrere Punkte deutlich: der Umgang der Behörden mit den Gefangenen („nur keine ganzen Sachen, und nichts Gebackenes, da der Zoll zu hoch ist“, S. 23), die Wohnverhältnisse (vgl. z.B. S. 19) als auch die Versorgungslage der gesamten Region. Deutlich wird, welche Waren gegen Lebensmittel eingetauscht werden können, da die Geldwirtschaft rasch zusammenbrach. Dieser Wechsel lässt sich in den Briefen nachvollziehen: Eingangs hieß es „für Geld bekommt man hier alles“ (S. 21), später nur noch „wenn ihr uns eine alte Hose [...] senden könnt, ist mir viel lieber als Geld“ (S. 59).

Mit zunehmender Dauer der Haft verschwinden Details des Alltags: Werden anfangs noch ausführlich die Krankheit Johannas oder die Wohnsituation thematisiert, setzen sich später Angst und Ungewissheit immer stärker durch. Aus dem „Durchhalten heißt die Parole“ (S. 34) wird „was würde die l. Lili bei ihren Eltern haben? Alles[,] nur nichts Schönes“ (S. 140), und schließlich „der l. Gott soll uns erlösen“ (S. 159).

Johanna und Wilhelm Schischas Neffe Gustav Freudmann hat die Briefe nun herausgegeben und liefert mit dem vorliegenden Band mehr als nur einen Teil Familiengeschichte: Diese einzigartige Sammlung ist eine Darstellung von Aufstieg und Vernichtung des zentraleuropäischen Judentums. Die Transkriptionsarbeit Freudmanns ist nicht zu unterschätzen, da – wie aus den Faksimiles ersichtlich – Vieles nur schwer zu entziffern ist, heute kaum verständliche Formen (seien es veraltete Phrasen und Ausdrücke, familieneigene Bezeichnungen, Jiddismen, Austriazismen oder Kombinationen aus allen) Verwendung finden und die emotionale Belastung vermutlich enorm war.

Neben den gesammelten Briefen besteht der vorliegende Band aus einem umfangreichen Bildteil, der aber ebenso wie die Briefe, das Grauen vor Ort nicht darstellt. Abgerundet wird das Buch durch eine Auflistung aller in den Briefen erwähnten Personen mit biographischen Angaben, eine Zusammenstellung aller 2.003 aus Wien nach Opole deportierten Jüdinnen und Juden, eine historische Verortung sowie ein Verzeichnis weiterführender Literatur- und Internetquellen.

Kritisch zu sehen ist die Verlagsarbeit: Dem schönen Einband und der guten Papier- und Druckqualität stehen unterschiedliche Schriftarten und -größen gegenüber, was beim Lesen störend ist. Dass Faksimiles mitten im Text abgeschnitten werden (zum Beispiel S. 36, 47, 66, 70, 95, 97, 101, 103, 114, 116, 155), ist unverständlich und befremdlich.

In historiographischer Hinsicht ist dieses Buch von enormem Wert, da die Quellenlage zu Opole Lubelski sehr dünn ist – die „Aufräumkommandos“ (vermutlich war das „Sonderkommando 1005“ auch hier aktiv), haben die Spuren fast vollständig verwischt. Erhalten geblieben sind Deportationslisten, wenige Briefe an die Kultusgemeinde Wien sowie vereinzelt Briefe an Angehörige. Der Umstand, dass es beinahe keine (bzw. laut derzeitigem Forschungsstand 28) Überlebenden gibt, bedingt auch das Fehlen von Zeitzeugenberichten. Nicht zuletzt aus diesem Grund bleibt festzuhalten: Eine derart vollständige Sammlung, wie sie mit dem von Gustav Freudmann herausgegebenen Band vorliegt, erlaubt tiefe Einsichten in das Ghetto von Opole Lubelskie und ist für die Aufarbeitung dieses Themas sowie im Hinblick auf die Erinnerung an die Opfer, ihre Lebensäußerungen und -umstände von unschätzbarem Wert.

Redaktion
Veröffentlicht am
29.04.2016
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