S. Remijsen: The End of Greek Athletics in Late Antiquity

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Titel
The End of Greek Athletics in Late Antiquity.


Autor(en)
Remijsen, Sofie
Reihe
Greek Culture in the Roman World
Erschienen
Anzahl Seiten
XVIII, 389 S.
Preis
£ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Erkenntnisse aus dem Niedergang und dem Ende der griechischen Agone in der Spätantike dienen letztlich dem tieferen Verständnis der vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungen, die zur Transformation der spätrömischen Welt in das frühe Mittelalter geführt haben. Unter diesen Leitgedanken stellt Sofie Remijsen ihre Untersuchung und liefert somit auf dem Weg über ihre spezifische Fragestellung einen Zugang zum Verständnis für das Veränderungspotential, das mentalitätsgeschichtlicher Wandel mit sich zu bringen vermag. Dabei begnügt sie sich keineswegs mit einfachen Erklärungen, legt vielmehr Wert darauf, dem vielfach verwobenen Ursachengeflecht nachzuspüren, das zu Änderungen bei den griechischen athletischen Wettkämpfen und schließlich zu deren Einstellung führte. Letztlich gelingt es ihr auf diesem Wege, trotz teilweise prekärer Quellenlage plausible Ansätze zu präsentieren, die im Falle der griechischen Agonistik eine Entwicklung verstehen lassen, die nicht zu einem Wandel durch Anpassung, sondern zu einem Ende führte, weil der Wille zur Adaption fehlte. Dabei reicht es nicht, sich mit Darlegungen zu den historischen Umständen zu begnügen, die zum Ende dieser Wettkämpfe führten, sondern es gilt darüber hinaus diversen Wandlungen in den Einstellungen der spätrömischen Gesellschaft nachzuspüren, die diese Entwicklung begünstigten.

Aus diesem Grunde ist der Untersuchungsgang zweigeteilt: Ein erster Abschnitt („An overview of athletics in late antiquity“) ist der beschreibenden Sachstandserfassung des Niedergangs und Endes der griechischen Wettkämpfe gewidmet, ein zweiter („Agones in a changing world“) den komplexen Facetten der Deutung dieses Geschehens. Die Überblicke des ersten Teils sind nach den Regionen geordnet, für die die Agone belegt sind (Griechenland, Kleinasien, Syrien, Ägypten, Italien, Gallien und Nordafrika), und gehen der Frage nach, „when and at what pace the agones disappeared“ (S. 13). Jedes dieser sieben Kapitel beginnt mit einer knappen Übersicht über die Entwicklung der Wettkämpfe von den Anfängen bis in die römische Zeit und widmet sich ihnen unter dem Aspekt des Niedergangs ab der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts n.Chr. genauer, zumeist bis in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts, also bis zur Regierungszeit Theodosius’ II., als die Agone überwiegend eingestellt wurden, gelegentlich aber auch bis ins 6. Jahrhundert, etwa für die Olympia im syrischen Antiochia, die im Jahre 520 letztmalig stattfanden. Hierzu wertet Remijsen das gesamte zur Verfügung stehende und recht heterogene Quellenmaterial aus, das von literarischen und juristischen Texten über Papyri, Inschriften und Münzen bis zu archäologischen Überresten wie Bauten, Skulpturen und Mosaiken zwar ein breites Spektrum abdeckt, oft aber nur punktuell und vereinzelt zu Verfügung steht. Daher bedarf es inhaltlich und methodisch wohlüberlegter Argumente, ein einigermaßen geschlossenes Bild vom Niedergang der Agone zu entwerfen. Natürlich lehnt Remijsen die traditionelle Datierung des Endes der Olympischen Spiele ab, die sich auf ein Gesetz aus dem Jahr 393 (CTh 16,10,10–12) bezieht. Ebenso entlarvt die Autorin die Kritik des Libanios an den Antiochener Wettkämpfen wie auch die des Kaisers Julian als moralisierend und lässt diese Zeugnisse nicht als Beleg für einen Niedergang gelten. Statt solch monokausaler Erklärungen gibt sie bereits im ersten Teil Affinitäten für differenzierte Begründungszusammenhänge zu erkennen, die komplexen Veränderungen und ihrer wechselseitigen Wirkung gerecht zu werden bemüht sind und eher dem Bild eines circulus vitiosus entsprechen, der zum Ende der Wettkämpfe führte. Damit sensibilisiert sie anhand sorgfältiger Quellen- und Literaturauswertung in klaren Stellungnahmen für mehrschichtige Erklärungsansätze, die sie im ersten Teil noch nicht zusammenhängend aufführt, auch wenn sie hier und da deutlich werden lässt, wo diese ihrer Meinung eher zu suchen sind als in einer zunehmend christlichen Einstellungen gerecht werdenden Gesetzgebung: beispielsweise in der sich immer mehr im Zirkuswesen manifestierenden – und geförderten – Affinität der spätrömischen Gesellschaft zugunsten von spectacula.

Wichtige Argumente und sorgfältige Begründungen für den Niedergang athletischer Wettkämpfe liefert der zweite Abschnitt, in dessen Verlauf Remijsen mehr und mehr verdeutlicht, dass es hierfür keine einfachen Antworten gibt, sondern ein Konglomerat von Gründen verantwortlich ist, dessen Bestandteile abgewogen und zueinander ins Verhältnis gesetzt werden müssen. So schließt sie in den beiden ersten Kapiteln des zweiten Teils zunächst zwei häufiger genannte Erklärungsansätze für das Ende der Agone aus: die Durchsetzung eines christlichen Verdikts und eine kaiserliche Initiative, wie sie gern mit Theodosius I. oder Theodosius II. in Verbindung gebracht wird; Vorstellungen, die Remijsen als „the top-down model of decline“ (S. 173) bezeichnet. Wichtige Argumente dafür, dass dezidiert religiöse Einstellungen zu den Wettkämpfen nicht mehr in jeder Hinsicht verfangen konnten, liegen in der offenkundigen Säkularisierung der Agone; zudem waren Christen denselben kulturellen Traditionen wie pagane Angehörige des Römischen Reiches verpflichtet. Damit, so argumentiert Remijsen, kann dem Christentum keine Schlüsselfunktion für den Niedergang der Wettkämpfe zugesprochen werden, auch wenn sie einen potentiell negativ wirkenden Einfluss des Christentums auf die Agone nicht ganz bestreitet (vgl. S. 196). In den – reaktiven – Maßnahmen von Kaisern zur Unterdrückung des paganen Kultwesens sieht Remijsen keine Initiativen zuungunsten der Wettkämpfe, deren Niedergang durch die Reichszentrale keineswegs gefördert, vielmehr durch lokale bzw. regionale Probleme, etwa zunehmende Finanzierungslücken, geschürt worden sei. Schließlich hätten die städtischen Agone im Interesse gerade auch des Reiches stabilisierend gewirkt.

Nach dem Ausschluss in der älteren Forschung häufig angeführter Gründe wendet sich Remijsen den ihrer Ansicht nach wirklich tragenden und aus dem Innern kommenden, nicht von außen angeblich oktroyierten Ursachen für den Niedergang der Wettkampfkultur im Römischen Reich zu; diese sieht sie in „bottom-up transformations“ (S. 175) verankert, zu denen sie Veränderungen im sozialen Status der Athleten und bei deren beruflichen Organisationen, in der Haltung städtischer Eliten, in der Finanzierung und Verwaltung der Wettkämpfe sowie in deren Organisation zählt und auf die sie in den letzten vier Kapiteln im Einzelnen eingeht. Genauer bespricht Remijsen die zunehmende Differenzierung zwischen den mittels sorgfältig geplanter und ausgeklügelt terminierter Reiserouten bei Wettkämpfen in verschiedensten Regionen des Römischen Reiches auftretenden „career athletes“, deren Selbstverständnis aristokratisch durchwirkt sei, und bei Zirkusveranstaltungen agierenden „athlete performers“ mit bescheidenerem sozialen Hintergrund.[1] Zudem änderte sich auf die Dauer die Einstellung der städtischen Eliten zu den Wettkämpfen, weil die certamina durch den Niedergang der Ephebie und entsprechender Betätigungen im Gymnasion an der breiteren gesellschaftlichen Verankerung im Erziehungswesen einbüßten. Veränderungen dieser Art fügten sich in allgemeine Aspekte des Wandels in der Spätantike ein, die zu einem veränderten Urteil über athletische Wettkämpfe führten, an dem auch das Christentum einen – wenngleich nicht ausschlaggebenden – Anteil habe. Dieser komme beispielsweise in der agonalem Denken widersprechenden Haltung der humilitas zum Ausdruck, auch wenn die schon früh in christliches Denken übernommene Wettkampfmetaphorik positive Assoziationen lebendig erhielt.

Einen genaueren Blick wirft Remijsen auch auf die finanzielle Ausstattung und Verwaltung der Wettkämpfe. Pure organisatorische Aufsicht wandelte sich in aktiv getroffene politische und finanzielle Entscheidungen, motiviert durch die zunehmende Kontrolle städtischer Finanzen seitens der Reichszentrale. Dies erstickte mehr und mehr die Konkurrenz zwischen den Städten, so dass lokale Wettkämpfe aufgrund finanzieller Schwierigkeiten und abnehmender Neigung der munizipalen Eliten, hierfür kostspielige Liturgien zu übernehmen, eingestellt wurden; sie konnten sich allenfalls noch in größeren Gemeinden, etwa Provinzhauptstädten, halten. Die Haltung der städtischen Eliten änderte sich infolgedessen auch aus diesen Gründen zum Nachteil des Wettkampfwesens, das mehr und mehr unter die Aufsicht der Repräsentanten der Reichsverwaltung geriet. Die Agonistik verwandelte sich daher immer mehr vom certamen zum spectaculum und wurde so in andere Zusammenhänge integriert, welche mit dem zunehmenden Einfluss von Auffassungen, die ursprünglich eher im Westen des Römischen Reiches heimisch waren, das Ende der griechisch geprägten Konzeption vom Wettkampf mit sich brachten.

Überzeugend vermittelt Remijsen, dass es für Niedergang und Ende der griechischen Agone in der Spätantike keine einfachen Antworten gibt, wie sie in der Vergangenheit etwa in angeblich gezielter Einflussnahme seitens der kirchlichen und weltlichen Führung gesucht wurden. Die von der Autorin in den Vordergrund gestellten Argumente sind komplizierter und zielen auf eng miteinander verwobene Entwicklungen ab, die ein verändertes kulturelles Klima schufen, in dem die althergebrachten Wettkämpfe und die ihnen zugrunde liegenden Einstellungen in der Gesellschaft keinen angemessenen Raum mehr hatten. Damit liefert Sofie Remijsens Studie ein Pendant zu der zeitgleich entstandenen Untersuchung Alexander Puks über das spätrömische Spielewesen.[2] Beide Arbeiten widmen sich auf vergleichbarer Grundlage verschiedenen Ausformungen von Wettkampf, Sport und Spiel und ordnen sie in das spätantike Kulturleben ein, um zugleich die auf sie einwirkenden Faktoren des Niedergangs zu ermessen und diese in allgemeine Aspekte des Wandels der spätrömischen Welt einzuordnen. Daher erscheint auch Remijsens Werk mehr als ein Beitrag zur Kultur- und Gesellschaftsgeschichte denn zur Geschichte der griechischen Agone. Das Phänomen des Niedergangs wird im besten Sinne exemplarisch behandelt und widerspruchsfrei in das umfassende Transformationsgeschehen eingeordnet.

Anmerkungen:
[1] Dabei nimmt Remijsen dezidiert Stellung gegen eine Vereinigung der Berufsorganisationen von Wettkämpfern mit den Zirkusparteien, wie sie von Charlotte Roueché, Performers and Partisans at Aphrodisias in the Roman and Late Roman Periods. A Study Based on Inscriptions from the Current Excavations at Aphrodisias in Caria, London 1993, S. 57–60, vertreten wird. Stattdessen sieht Remijsen die Ursache für den Niedergang der Berufsorganisationen darin, dass diese angesichts des Zusammenbruchs vieler lokaler Agone, die von den Athleten ursprünglich auf ihren Reisen durch verschiedene Regionen des Römischen Reiches hintereinander besucht wurden, im 5. Jahrhundert mehr und mehr ihr Betätigungsfeld verloren und daher ihre Arbeit einstellten.
[2] Vgl. Alexander Puk, Das römische Spielewesen in der Spätantike, Berlin / Boston 2014; hierzu die Rezension von Ulrich Lambrecht, in: H-Soz-Kult, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23638> (13.04.2015).

Redaktion
Veröffentlicht am
23.05.2016
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