J. Cowans: Empire Films and the Crisis of Colonialism

Cover
Titel
Empire Films and the Crisis of Colonialism, 1946–1959.


Autor(en)
Cowans, Jon
Erschienen
Anzahl Seiten
448 S.
Preis
€ 52,58
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Robert Stock, DFG-Forschergruppe "Mediale Teilhabe", Universität Konstanz Email:

Jon Cowans Studie „Empire Films and the Crisis of Colonialism“ untersucht, wie Kolonialismus und Dekolonisierung in Spielfilmen nach dem zweiten Weltkrieg (1946–1959) dargestellt wurden und in welch unterschiedlicher Weise diese Produktionen in den USA, England und Frankreich rezipiert wurden. Damit verortet sich das Buch zum einen in der Forschung über Rückwirkungen der Dekolonisierung auf die Metropolen in Europa und den USA. Zum anderen ergänzt es Rezeptionsstudien wie James McDonald Burns „Flickering Shadows“1, die widerständige Reaktionen der indigenen Bevölkerungen auf koloniale Filmproduktionen in den Blick nehmen. Schließlich stellt der Band einen Beitrag zur Erforschung von Spielfilmen dar, die sich mit der Problematik des Kolonialismus und der Dekolonisierung beschäftigen.2

Cowans untersucht, wie sich die öffentliche Meinung über Kolonialismus in der Nachkriegszeit veränderte und greift auf eine Vielzahl an Spielfilmen der 1940er- und 1950er-Jahre zurück, die sich mit dem Kolonialismus, „Rassen-Beziehungen“, Rassismus und Sklaverei beschäftigen. Diese Filme zu identifizieren und ihre Rezeption zum Untersuchungsgegenstand zu machen, stellt einen wichtigen Schritt in der Forschung zum Zusammenhang von Film und Kolonialismus dar. Interessant ist, dass sich Cowans nicht nur auf die ‚klassischen‘ Gebiete des sogenannten „Kolonialfilms“ bezieht, deren Handlungen etwa in Afrika oder Asien angesiedelt sind. So werden im Buch auch Westernfilme, Produktionen über die nordamerikanischen race-Beziehungen und den irischen Unabhängigkeitskampf einbezogen und somit Fragen nach der filmischen Verarbeitung der internen Kolonisierung aufgeworfen. Cowans setzt bei der Analyse einerseits Schwerpunkte, in dem er Frauenbilder und „interracial couples“ sowie die Veränderungen hinsichtlich deren Thematisierung in den Blick nimmt. Zugleich beschäftigt er sich auch mit der Persistenz von positiven Bildern des Kolonialismus in Filmen in der Phase der Dekolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg und wie diese in journalistischen Filmkritiken wahrgenommen wurden.

Für die Zeit nach 1945 zeigt Cowans aber auch auf, wie aktuelle Geschehnisse filmisch verarbeitet und Kritik an überkommener Kolonialpolitik formuliert wurde. Mit Blick auf Filme über den Aufstand in Malaysia von 1947 oder die Mau-Mau Rebellion in Kenia zeigt Cowans, wie Krisen der englischen Kolonialherrschaft ins Bild gesetzt wurden. Er legt dar, dass die Konflikte zunächst vorwiegend aus der Sicht der Siedler und der Kolonialmächte dargestellt wurden. Zugleich weist er darauf hin, dass im Verlauf der 1950er-Jahre ein gewisser Wandel stattfand. Pro-koloniale Visionen wie in „The Planter’s Wife“ (1952) wichen moderateren Inszenierungen, in denen sowohl die unangemessenen Verhaltensweisen der Siedler gegenüber ihren Untergebenen („Windom’s Way“, 1957) kritisiert als auch – in wenigen Fällen – Protagonisten der Unabhängigkeitsbewegungen als Akteure mit plausiblen Motiven für ihre Handlungen eingeführt wurden („Something of Value“, 1957) (S. 141, 146, 165). Was die Rezeption dieser Filme angeht, so überrascht es wenig, wenn Cowan schreibt, dass konservative Zeitungen in den USA, England oder Frankreich, pro-koloniale Filme begrüßten, während kritische Filme vor allem von den eher links orientierten Kritikern in Frankreich gelobt wurden. Interessant ist indes, dass einige Filme über den europäischen Kolonialismus in den USA ein Nachdenken über die race-Konflikte im eigenen Land anstießen. So gingen etwa die Meinungen zu „Something of Value“ über den Mau Mau-Krieg auseinander: Während Kinos der Südstaaten den Film boykottierten, lobte die New York Post ihn als „a plea for the equality of black and white“ (S. 167). Im zweiten Teil des Buches wird unter anderem dargelegt, wie in US-amerikanischen Filmen über den französischen Kolonialismus die Darstellung antikolonialer Bewegungen zugunsten eines Fokus auf die „kommunistische Bedrohung“ vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs verdrängt wurde (S. 198). Darüber hinaus, und hier liegt innovatives Potenzial von Cowans Studie, setzt sich der Autor mit der Annahme auseinander, französische Filmemacher hätten in den 1950er-Jahren die Auseinandersetzung mit den Kolonialkriegen in Indochina oder Algerien vermieden. Cowans widerlegt dies und zeigt anhand der ‚vergessenen‘ Filme „Mort en fraude“ (1957) sowie „Patrouille de Choc“ (1957) auf, dass der Krieg in Indochina sowie auch die französische Kolonialpolitik und der Rassismus schon damals in kritischer Weise dargestellt wurden. Zudem weist er zu Recht darauf hin, dass solche Filme auch vom Publikum und den Kritikern begrüßt wurden, die also dieser Thematik nicht auswichen, sondern sich im Gegenteil sehr wohl damit beschäftigten (S. 206f.).

Während die Auswertung der Filmkritiken und deren länderübergreifender Vergleich in Cowans Studie gelungen erscheinen, so ist hinsichtlich der Analyse der Filme Kritik angebracht. Wenn der Autor einzelne Filme genauer betrachtet, so werden vor allem die Handlung des Films nacherzählt (teils gleichen diese Zusammenfassungen Lexikoneinträgen) und Dialoge untersucht. Die Bildebene bleibt zumeist unberücksichtigt und ein filmwissenschaftliches Vokabular ist dem Buch eher fremd. Wenn auch Cowans Ziel vornehmlich darin besteht, Aufschluss über die Veränderung der öffentlichen Meinung in Bezug auf Kolonialismus und Dekolonisierung zu erhalten, so erscheint die Vernachlässigung der Dimension des Bewegtbilds doch nicht gerechtfertigt. Es ist fragwürdig, warum die Filme lediglich in Bezug auf die sprachliche Ebene, nicht aber auf die eingesetzten formalen Mittel (Montage, Perspektiven und Einstellungen sowie mise en scène) hin befragt werden, mit denen sie die einzelnen Themen ins Bild setzen.3 Da die Einzelanalysen der Filme neben der für den Autor zentralen Rezeptionsanalyse einen recht großen Umfang einnehmen, wäre eine produktivere Verknüpfung von filmwissenschaftlichen, historischen sowie rezeptionsanalytischen Ansätzen wünschenswert gewesen (vgl. S. 13ff.).

Trotz dieser Schwächen stellt Cowans Studie einen wichtigen Beitrag zur Forschung über den Zusammenhang von öffentlicher Meinung, Film und Kolonialismus dar. Es thematisiert überblicksartig, wie sich die filmische Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten der Kolonialregime in einer Zeit des Umbruchs und der politischen Dekolonisierung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und angesichts des Kalten Kriegs langsam veränderte. Cowans legt mit seiner Untersuchung nahe, dass der Wandel auch in Hollywood-Produktionen spürbar und beobachtbar war und das dieser Prozess in einem komplexen Wechselverhältnis mit den sich verändernden sozialen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen im Untersuchungszeitraum stand. Zunehmend bezogen die Spielfilme der 1950er-Jahre auch Perspektiven der kolonisierten Bevölkerungen ein; Charaktere, die gegen die koloniale Herrschaft rebellieren, wurden als handelnde Subjekte dargestellt, Figuren wie der „weiße rassistische Bösewicht“ erschienen in kritischem Licht und romantische „mixed-race“-Beziehungen wurden differenzierter ins Bild gesetzt. Gleichwohl waren diese neuen Sichtweisen vornehmlich in solche Filme eingelassen, die Cowans als „liberal-kolonial“ kennzeichnet (S. 345). Diese Filme entwarfen dem Autor zufolge eine gemäßigte Kritik am Kolonialismus, stellten gleichzeitig aber dessen Existenz nicht radikal in Frage. Gerade solche Filme seien aber daran beteiligt gewesen, das breite Publikum mit den ihnen nicht vertrauten Realitäten der Kolonialregime in Afrika, Asien oder dem eigenen Land bekannt zu machen. Die untersuchten Filme, so Cowans Fazit, hätten insofern einer Diskreditierung des Kolonialismus und Rassismus zugearbeitet und die Grundlage für Verschiebungen in der öffentlichen Meinung gelegt, die sich ab den 1960er-Jahren verstärkten (S. 346).

Anmerkungen:
1 James McDonald Burns, Flickering shadows. Cinema and Identity in Colonial Zimbabwe, Athen 2002.
2 Ute Fendler / Monika Wehrheim (Hrsg.), Entdeckung, Eroberung, Inszenierung. Filmische Versionen der Kolonialgeschichte Lateinamerikas und Afrikas, München 2007; Kenneth W. Harrow, African Cinema. Postcolonial and Feminist Readings, Trenton, NJ 1999; Dina Sherzer (Hrsg.), Cinema, Colonialism, Postcolonialism. Perspectives from the French and Francophone World, Austin 1996; Ella Shohat / Robert Stam, Unthinking Eurocentrism Multiculturalism and the Media, London 1994.
3 Vivian Bickford-Smith und Richard Mendelsohn (Hrsg.), Black and White in Colour. African History on Screen, Oxford 2007.

Redaktion
Veröffentlicht am
Autor(en)
Beiträger
Redaktionell betreut durch