N. Kimmerle: Lucan und der Prinzipat

Cover
Titel
Lucan und der Prinzipat. Inkonsistenz und unzuverlässiges Erzählen im "Bellum Civile"


Autor(en)
Kimmerle, Nadja
Reihe
Millennium-Studien / Millennium Studies 53
Erschienen
Berlin 2015: de Gruyter
Anzahl Seiten
X, 344 S.
Preis
€ 109,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Groß, Institut für Altertumswissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

„Ein Belagerungswall. Seine Besatzung überrumpelt vom feindlichen Angriff. Überall Gemetzel und kopflose Flucht. Der Sieg der Angreifer scheint sicher. Doch ein Soldat bleibt unerschütterlich.“ (S. 1) In geradezu literarischem Stil beginnt Nadja Kimmerle ihre Monographie, und wie dieser Buchanfang sich in erfreulich großer stilistischer Ferne zur üblichen Wissenschaftsprosa präsentiert, so sind auch die Ergebnisse dieser Untersuchung weit entfernt vom ‚Mainstream’ der Lucanforschung.

Nadja Kimmerle hat es sich in ihrer althistorischen Dissertation (Tübingen 2013), deren „leicht überarbeitete Fassung“ (S. V) das vorliegende Buch darstellt, zur Aufgabe gemacht herauszufinden, ob sich Lucans Bellum Civile eine politische Aussage über den Prinzipat entnehmen lässt und wenn ja, in welchem Verhältnis der Autor zu den politischen Umständen seiner Zeit steht – ein Unternehmen, das sowohl für die Alte Geschichte als auch für die Latinistik von Bedeutung ist.

Diese Problemstellung ist alles andere als neu, und doch ist ihre abermalige Behandlung nicht überflüssig, hat sich doch die Frage nach der politischen Deutung des Bellum Civile zum zentralen Problem der Lucanforschung entwickelt, zu dem beinahe jeder denkbare Lösungsansatz schon einmal vertreten wurde: Lucan ist ein „Dichter des geistigen Widerstandes“[1] und das Bellum Civile ein „massiver Angriff auf die Monarchie“[2] (lange Zeit die communis opino und scheinbar nicht auszurotten); Lucan ist Nihilist und dem Bellum Civile lässt sich nichts entnehmen als Widersprüche (vor allem in der anglophonen Forschung der letzten 30 Jahre vertreten[3]); Lucan ist pro-monarchisch eingestellt und zeigt mit seinem Bellum Civile den „grauenvollen Übergang von der korrupten Republik zu einem als segensreich erhofften Prinzipat“[4].

Der Grund für das Zustandekommen so gegensätzlicher Interpretationen ist vor allem in der widersprüchlichen Erzählerfigur des Bellum Civile zu suchen, die einmal jegliche Alleinherrschaftsbestrebung verdammt und ein andermal Nero als Telos der geschichtlichen Entwicklung feiert. Je nach Betonung der einen oder der anderen Seite sind daraus mehr oder weniger plausible Harmonisierungsversuche entstanden oder es wurde der letztlich unbefriedigende Schluss gezogen, dass die Widersprüche unauflöslich seien.

Den Schlüssel zum Verständnis des Bellum Civile sieht Kimmerle also folgerichtig in der angemessenen Beurteilung der Erzählerfigur und der als innere Erzähler fungierenden Protagonisten-Figuren. Diesem Hauptteil des Buches (Kap. 5) steht eine Behandlung der Frage nach der ‚Meinungsfreiheit’ im Prinzipat (Kap. 3) und die überzeugende Entkräftung zweier Vorannahmen voran, die häufig zu einer Verengung des interpretatorischen Blicks auf Lucan als einen Freiheitskämpfer der Republik geführt haben (siehe „Forschungsüberblick“, Kap. 1.2): Das über Lucans Leben Überlieferte und seine Teilnahme an der Pisonischen Verschwörung (Kap. 1 und 3) sowie die angeblich negative Beurteilung Neros, der mit der angeblich negativ gezeichneten Caesar-Figur gleichzusetzen sei, die wiederum mit der angeblich negativ konnotierten Alexander-Figur parallelisiert werde (Kap. 2).

Nach der Entlastung des Textes von diesen Vorurteilen stellt Kimmerle das Instrument vor, mit dem sie der Erzählerfigur und damit einer möglichen politischen Aussage des Bellum Civile auf die Spur kommen möchte: Tamar Yacobis Theorie des unzuverlässigen Erzählens (Kap. 4). Etwas weitschweifig, aber gründlich recherchiert und auch für Anfänger auf dem Gebiet der Narratologie gut nachvollziehbar stellt Kimmerle die verschiedenen aus dieser Theorie hervorgegangenen Ansätze vor, um daraus Kriterien zur Identifizierung eines Erzählers auch eines antiken Textes als unzuverlässig zu entwickeln.

Im fünften Kapitel wird detailliert und überzeugend dargelegt, wie sich diese Kriterien auf Lucans Text anwenden lassen: Der Erzähler erweise sich als inkonsistent in der Bewertung der Ereignisse und der übrigen Figuren, daher lasse sich aus seinen Äußerungen nicht die Meinung des Autors zum Erzählten oder gar zum Prinzipat ableiten. Auch die Protagonisten-Figuren werden nachvollziehbar als unzuverlässige innere Erzähler charakterisiert: Sie seien im Hinblick auf die Bewertung der Ereignisse und der anderen Figuren inkonsistent und in ihren Selbstinszenierungen regelmäßig zum Scheitern verurteilt. Folglich könne auch keiner der Protagonisten als Sprachrohr Lucans konzipiert sein. Daraus schließt Kimmerle, dass der Text des Bellum Civile keine Aussage über die politische Einstellung des Autors erlaubt (S. 266), von den Nihilisten unter den Lucanforschern aber grenzt sie sich ab: Lucan habe den Text deshalb bewusst inkonsistent gestaltet, weil er „seinen Zeitgenossen einen bestimmten Interpretationshorizont zutraut“ (S. 267).

Um doch noch Erkenntnisse über den Zusammenhang des Textes mit seiner Zeit zu gewinnen, versucht Kimmerle diesen Interpretationshorizont im sechsten Kapitel zu rekonstruieren. Vor diesem Hintergrund deutet sie die Inkonsistenzen im Text schließlich als Spiegel der widersprüchlichen Konstruktion von memoria in der neronischen Zeit: Das Bellum Civile sei keineswegs prinzipatsfeindlich, sondern spiegele auf Basis einer als unumstößlich akzeptierten monarchischen Verfassung wider, wie widersprüchlich die Entwicklung von der Republik zum Prinzipat durch die senatorische Oberschicht der neronischen Zeit gedeutet worden sei und wie inkonsistent die Bewertungen auch der Ereignisse der eigenen Zeit ausgefallen seien.

Aufgrund der klaren Darstellung und der eleganten sprachlichen Umsetzung fällt es leicht, Kimmerles Interpretationen zu folgen, die von souveräner Durchdringung sowohl des Bellum Civile selbst als auch der umfangreichen Forschungsliteratur zeugen. Auch die gelungenen, mehr ziel- als ausgangssprachenorientierten eigenen Übersetzungen des lateinischen Textes wissen zu gefallen.
Da mag es beinahe kleinlich wirken, auf das meiner Meinung nach wenig überzeugende Ergebnis des Vergleichs zwischen Caesar in Troia und Aeneas bei Euander einzugehen: Diese schon häufig erkannte und meist zum Nachteil Caesars interpretierte Parallele deutet Kimmerle nun zu Ungunsten des Aeneas: Während Caesar in Troia nur in geringem Maße Anleitung durch den Phryx incola (Lucan. 9,976) benötige, müsse Aeneas bei seinem Spaziergang durch das spätere Rom „von Anfang an […] geführt und auf wichtige Sehenswürdigkeiten hingewiesen werden; ihm selbst sind die Örtlichkeiten und deren Bedeutung völlig unbekannt“ (S. 41). Das stimmt zwar, kann aber nicht Aeneas angelastet werden: Aeneas gelangt als Flüchtling aus Troia in das für ihn unbekannte Italien. Euander zeigt ihm dort die Sehenswürdigkeiten seines am Standort des späteren Rom angesiedelten Wohnortes, während der Erzähler dem Leser an jeder einzelnen Station verrät, was an der jeweiligen Stelle im augusteischen Rom zu sehen ist. Caesar dagegen kommt als Tourist in das Land seiner eigenen Vorfahren[5]. Von Caesar darf man also in der Stadt seiner Ahnen ungleich mehr Ortkenntnis erwarten als von Aeneas beim ersten Betreten des seinen Nachkommen verheißenen Landes. Und so scheint es mir an dieser Stelle des Bellum Civile auch weniger um die vergleichende Bewertung Caesars und des Aeneas zu gehen (ganz gleich, zu wessen Gunsten der Vergleich ausgeht), sondern eher um den Vergleich des zerstörten und von Büschen überwachsenen Troia mit dem ebenfalls von Büschen überwachsenen Rom ante urbem conditam[6].

Diese nicht ganz gelungene Einzelinterpretation wirkt sich jedoch ebenso wenig auf das überzeugende Gesamtergebnis dieses Buches aus wie das recht häufige Vorkommen von Druckfehlern, das angesichts des vom Verlag aufgerufenen Preises allerdings nicht ganz nachvollziehbar erscheint. Das Ergebnis der Studie von Naja Kimmerle nämlich ist so plausibel, dass sich spätestens von nun an wohl niemand mehr trauen dürfte, Lucans Epos eine antimonarchische Interpretation aufzuzwingen.

Anmerkungen:
[1] Gerhard Pfligersdorffer, Lucan als Dichter des geistigen Widerstandes, in: Hermes 87 (1959), S. 344–377.
[2] Hermann Strasburger, Livius über Caesar. Unvollständige Überlegungen, in: Eckard Lefèvre / Eckart Olshausen (Hrsg.), Livius. Werk und Rezeption. Festschrift für Erich Burck zum 80. Geburtstag, München 1983, S. 265–294, hier S. 284.
[3] Beispielsweise W.R. Johnson, Momentary Monsters. Lucan and His Heroes, Ithaca 1987 und Robert Sklenář, The Taste of Nothingness. A Study of Virtus and Related Themes in Lucan´s Bellum Civile, Ann Arbor 2003.
[4] Daniel Groß, Plenus litteris Lucanus. Zur Rezeption der horazischen Oden und Epoden in Lucans Bellum Civile, Rahden 2013, S. 278. Ebenfalls ablehnend gegenüber der prinzipatsfeindlichen Lesart: Christine Walde, Einleitung, in: Christine Walde (Hrsg.), Lucan im 21. Jahrhundert, München 2005, S. VII–XIX, hier S. XV.
[5] In Troia selbst beruft Caesar sich auf seine troianische Abstammung (Lucan. 9,990f.: di cinerum, Phrygias colitis quicumque ruinas, / Aeneaeque mei), auf die er bereits bei der Überschreitung des Rubicon hingewiesen hatte (Lucan. 1,196f.: Phrygii penates / gentis Iuliae).
[6] S. dazu ausführlich: Groß, Plenus litteris Lucanus, S. 166–184.

Redaktion
Veröffentlicht am
31.10.2016
Beiträger
Redaktionell betreut durch