A. Storeide: Norske Krigsprofitører

Cover
Titel
Norske Krigsprofitører. Nazi-Tysklands velvillige medløpere


Autor(en)
Storeide, Anette H.
Erschienen
Oslo 2014: Gyldendal
Anzahl Seiten
479 S.
Preis
169,00 NOK
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Erol, Lehrstuhl für Public History, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Zur Wirtschaftskooperation im „Dritten Reich” ist bereits eine Vielzahl von Studien publiziert worden. In der unternehmenshistorischen Forschung stehen neben einzelnen Betrieben häufig von der Kollaboration profitierende Einzelpersonen im Fokus. In der norwegischen Forschungslandschaft erfreut sich der Konzern Norsk Hydro in den letzten Jahren großen, historischen Interesses. Zum hundertjährigen Jubiläum des Unternehmens im Jahr 2005, wurde dessen Geschichte in drei Bänden aufwendig und ausführlich aufgearbeitet.[1] Von den anlässlich der Publikation analysierten Akten haben zahlreiche Studien profitiert. Seit dem Jahr 2011 beschäftigt sich ein breit angelegtes Projekt des Norwegischen Forschungsrates mit der politisch-ökonomischen Bedeutung von Zwangsarbeit in Norwegen vor und während des Zweiten Weltkrieges. Auch hier bietet das vorhandene Archivmaterial einen Anknüpfungspunkt: Norsk Hydro baute mit seinen deutschen Verbündeten Leichtmetallfabriken und Kraftwerke in der norwegischen Provinz Telemark. 25 Prozent der Beschäftigten waren Zwangsarbeiter.[2]

Das 2014 erschienene Buch „Norske krigsprofitører“ fügt sich in die aktuelle, norwegische Forschung ein und nutzt unter anderem die angeführten Quellen. Anette Storeides Projekt will eine „ganzheitliche Präsentation des Leichtmetallausbaus in Norwegen und der Rolle(n) norwegischer Akteure in den breit angelegten, deutschen Plänen für die norwegische Leichtmetallindustrie“ leisten (S. 9). Die Autorin beschreibt den systematischen Aus- und Abbau der norwegischen Leichtmetallvorkommen, angetrieben durch die deutschen Nationalsozialisten. Sie konzentriert sich auf Handlungsspielräume und Handlungsmotive einzelner Akteure sowie auf industrielle Netzwerke in der norwegischen Wirtschaft des Zweiten Weltkrieges. Durch eine, zuweilen transnationale Analyse gelingt die Veranschaulichung der politisch-ökonomischen Dominanz Nazi-Deutschlands.

Storeide wählt eine multidimensionale Herangehensweise und erarbeitet parallel drei Themenfelder: das der Unternehmensgeschichte, das der Kriegs- bzw. Okkupationsgeschichte sowie das der Akteursgeschichte. Die Methode, die für Leser gewöhnungsbedürftig ist, dürfte die Lektüre für Themen- und Fachfremde erleichtern. Leider ist die lesenswerte Publikation in norwegischer Sprache verfasst und wird daher nur einem begrenzten Publikum verständlich sein.

Leitend ist die Frage nach Kriegsprofiteuren innerhalb und außerhalb von Unternehmen, daher stellt die Autorin ihrer Untersuchung eine Darstellung der wichtigsten Personen und Unternehmen vorweg. Im Prolog geht sie auf die deutschen und norwegischen Motivationen ein, den Leichtmetallausbau zu fokussieren. Im folgenden „Zwischenspiel“ erläutert Storeide die Geschichte der zwei einflussreichen norwegischen Familien Wallenberg und Fearnley, deren Mitglieder im Verlauf von Bedeutung sind. Auch wenn die Heranführung an das Thema sinnvoll ist, wären die einleitenden Informationen besser in die ersten Kapitel eingearbeitet worden.

Der Hauptteil der Publikation ist eine chronologisch geordnete Ereignisgeschichte. Im ersten Kapitel wird der deutsche Bedarf an Leichtmetall für die Rüstungswirtschaft, genauer für den Flugzeugbau erläutert. Bis 1939 stellte der Zugang zum Material kein Problem für die Industrie dar. Mit Kriegsausbruch wurde die „Hauptzutat“ jedoch knapp, so dass neue Versorgungswege gefunden werden mussten. Nach Storeides Darstellung war sich die norwegische Wirtschaftsführung (zu Beginn) nicht über die (militärischen) Pläne der deutschen Nationalsozialisten im Klaren und unterstützte aus diesem Grund den Handel mit der Okkupationsmacht.

In den Kapiteln eins bis sieben werden deutsche und norwegische Akteure vorgestellt, die in der Leichtmetallindustrie in Norwegen involviert waren. Im ersten Kapitel geht es um Heinrich Koppenberg. Koppenberg wurde durch Hermann Göring zum ersten Verwalter der norwegischen Aluminiumindustrie ernannt. Bei der systematischen Ausbeutung der norwegischen Leichtmetallvorkommen wurde er von Johan Mürer unterstützt. Mürer war technischer Direktor der Norwegischen Aluminium Company (NACO). In den folgenden sechs Kapiteln werden die Entscheidungen von Axel Aubert, zeitweiligem Generaldirektor der Norsk Hydro und Mitglied des Aufsichtsrates der IG Farben, Øystein Ravner, Verkaufsdirektor der Norsk Hydro sowie Sigurd Kloumann, Generaldirektor der NACO, um nur einige Beispiele zu nennen, beschrieben. Durch das Aufzeigen verschiedener Netzwerke einzelner Akteure werden Abhängigkeiten deutlich. Der Leser erhält ein lebendiges Bild der Etablierung der Naziherrschaft, speziell der Interessenssteuerung. Parallel werden immer wieder Schlaglichter auf Ereignisse der norwegischen Geschichte geworfen, die zum Verständnis der Handlung nicht zwingend notwendig sind.

Im achten Kapitel untersucht Storeide schließlich die rechtliche Abrechnung und den Verbleib der einstigen Wirtschaftskollaborateure. Sie kommt zu der Einschätzung, dass die meisten der Wirtschaftsprofiteure ungestraft davon kamen. Die Autorin resümiert im neunten Kapitel abschließend: „Das Leichtmetallprogramm in Norwegen war ein gigantischer Rückschlag für die Deutschen. Für Norwegen war es der Grundstein für den industriellen Ausbau und das ökonomische Wachstum nach 1945“ (S. 382). Der norwegische Staat übernahm die vorhandenen Pläne, Anlagen und Technologien in der Aluminiumindustrie, die von den Deutschen Nationalsozialisten hinterlassen wurden. Die Aluminiumproduktion wurde fortgeführt. Im Jahr 1963 übertraf die Produktionskapazität die im Jahr 1941 von Koppenberg und Göring gesetzten Produktionsziele (S. 382).

Hervorzuheben ist die große Menge an Daten, die Storeide für ihre Publikation aus Archiven und anderen wissenschaftlichen Institutionen zusammengetragen hat. Wie aus den Literaturangaben sowie der eigenen bibliografischen Verortung hervorgeht, verfügt die Autorin über außergewöhnliche Literatur- und Quellenkenntnisse, die sich in ihrer Arbeit niederschlagen. Leider führt ihr Wissen zu einer erschwerten Lesbarkeit mancher Kapitel, die zu stark in die Details gehen. Der Leser verliert sich in einer Mischung aus Namen, Ereignissen und interessanten Zusatzinformationen, wie der Geschichte des norwegischen Bergbaus. Eine Straffung wäre vielerorts wünschenswert gewesen. Storeide macht ihre Thesen, mit denen man nicht übereinstimmen muss, deutlich, etwa durch den Gebrauch von suggestiven Fragen. Wie in norwegischen Publikationen üblich, findet sich der Anmerkungsapparat am Ende der Studie, auf Fußnoten am Seitenende wird verzichtet. Storeide verortet konsequent alle ausgewählten Zitate und arbeitet diese in ihre Kapitel ein.

„Norske Krigsprofitører“ ist eine quellen- und kenntnisreiche Untersuchung zur politischen und ökonomischen Bedeutung des norwegischen Leichtmetallausbaus im Spiegel des Zweiten Weltkrieges. Gleichzeitig verfolgt die Autorin den Verlauf der Karrieren verschiedener Kriegsprofiteure und identifiziert wirtschaftliche Akteursnetzwerke. Die historische Kontextualisierung der Handlung dürfte den Band für Themeneinsteiger interessant machen, die mit den wichtigsten Ereignissen der norwegischen Besatzungsgeschichte vertraut gemacht werden.

Anmerkungen:
[1] Ketil Gjølme Andersen u.a. (Hrsg.), Hydros historie. 1905–2005, 3 Bände, Oslo 2005.
[2] Ketil Gjølme Andersen, Tvangsarbeidets politiske økonomi. Organisation Todt i Norge under andre verdenskrig, <http://www.tekniskmuseum.no/forskning/organisasjon-todt-i-norge> (10.08.2015).

Redaktion
Veröffentlicht am
28.10.2015
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