Die Wiener Universität zwischen den Weltkriegen

: Hochburg des Antisemitismus. Der wissenschaftliche Niedergang der Universität Wien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wien  2016. ISBN 978-3-7076-0533-4

: Der Fall Paul Kammerer. Das abenteuerliche Leben des umstrittensten Biologen seiner Zeit. München  2016. ISBN 978-3-446-44878-0

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rainer Leitner, Graz

Die im Jahr 1365 gegründete Wiener Alma Mater Rudolphina kann als älteste noch existierende Universität des deutschsprachigen Raumes auf eine lange Geschichte zurückzublicken, ihre wissenschaftliche Glanzzeit erlebt sie wohl in den Jahrzehnten um 1900. Zu dieser Zeit zählt die Hauptstadt der Donaumonarchie zu den kulturell, künstlerisch und wissenschaftlich bedeutendsten Zentren. In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg kann sich die Wiener Universität vor diesem Hintergrund zu den herausragendsten Forschungseinrichtungen weltweit zählen und besitzt eine der größten wissenschaftlichen Bibliotheken. So zählt in dieser Zeit die Zweite Wiener Medizinische Schule zu den global hervorragendsten Institutionen, berühmt sind heute auch die Österreichische Schule der Nationalökonomie und Kapazitäten wie die Physiker Ernst Mach und Ludwig Boltzmann, der Geologe Eduard Suess oder der Gründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, um nur einige zu erwähnen (letzterer brachte es allerdings nie zu einer ordentlichen Professur). Beachtenswert ist auch der Umstand, dass die Wiener Universität um 1900 bemüht ist, ihr Wissen durch viele populäre Kurse an weite Kreise der Bevölkerung zu vermitteln.

Dieser wissenschaftliche Höhenflug ist jedoch nur von recht bescheidener Dauer: Der Episode des Glanzes folgt eine Zeit des wissenschaftlichen Abstieges, sogar des Absturzes, beginnend in der Ersten Republik, als sich in Österreich die politischen Lager zunehmend voneinander abwenden, um dem politischen Gegner feindselig entgegenzutreten. Zudem verschärft sich die allgemeine Situation durch eine darniederliegende Wirtschaft, hohe Arbeitslosigkeit und eine mit dieser einhergehenden sozialen Misere, durch größte Finanzprobleme und eine rasante Inflation. Befördert wird dieser an sich schon höchst unerfreuliche Zustand durch die Zuwendung erheblicher gesellschaftlicher Schichten zum Deutschnationalismus wie zum Antisemitismus. In den Nachkriegsjahren finden sich in Wien viele aus Galizien und anderen Regionen der untergegangenen Donaumonarchie vertriebene oder geflüchtete Juden, die bei der Wiener Bevölkerung rassistische und antisemitische Reflexe auslösen. Auf dem Boden der Wiener Alma Mater verhält es sich nicht anders – ganz im Gegenteil, wer vor diesem Hintergrund im Sinn der Wissenschaft eine Dominanz der Ratio vermuten würde, geht leider in die Irre! Klaus Taschwer, Wissenschaftsredakteur bei der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ und unter anderem Co-Autor einer kritischen Biographie des Nobelpreisträgers Konrad Lorenz[1], hat sich in zwei Studien den Zuständen an der Wiener Universität in dieser Zeit gewidmet: In der ersten, erschienen 2015, wird die Situation im Überblick dargestellt, die zweite, ein Jahr darauf veröffentlichte, ist einer charakteristischen Fallstudie gewidmet, der skandalumwitterten, letztlich tragisch endenden Geschichte des Biologen Paul Kammerer.

Bereits in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts schaffen in Wien primär deutschnational orientierte Burschenschafter ein Klima der Angst und des Schreckens auf universitärem Boden, gleichermaßen für Studierende wie Lehrende. Auf der Seite der Professorenschaft entsteht im Verborgenen eine antilinke und antisemitische Verschwörung. An der philosophischen Fakultät – sie beinhaltet bis 1975 die naturwissenschaftlichen und die geisteswissenschaftlichen Fächer – gelingt es einer konservativ-nationalsozialistisch gemischten Gruppe von Professoren, unter der Oberfläche geheime Netzwerke zu spinnen und in erster Linie die Besetzung von Lehrstühlen und Habilitationen von politisch linksgerichteten Forschern oder Juden – in den meisten Fällen erfolgreich – zu hintertreiben. Die Qualität der wissenschaftlichen Forschung tritt in diesem Zusammenhang vollständig in den Hintergrund. Hauptakteure dieser Vorgangsweise sind der Paläobiologe Othenio Abel (1875–1946) sowie ein aktiver Kreis um den antisemitischen Nationalökonomen Othmar Spann (1878–1950), die ihre konspirativen Treffen in einem Seminarraum von Abels Institut, der sogenannten Bärenhöhle, abhalten. In den dreißiger Jahren sind hier achtzehn Professoren, die eine Art antisemitische Verschwörung bilden, aktiv involviert. Man operiert hier äußerst geschickt, nach außen hin wird, um den Schein zu wahren, mit mangelnder wissenschaftlicher Kompetenz, Fehlern und anderen formalen Gründen die Ablehnung einer Lehrstuhlberufung oder einer Habilitation argumentiert. So erfahren die meisten der Abgelehnten so gut wie niemals den wahren Grund dafür, nämlich ihre jüdische Abstammung oder ihre politisch linke Positionierung. In der Folge verlassen viele wissenschaftlich bestens qualifizierte Personen Wien, um an ausländischen Universitäten Karriere zu machen – der wissenschaftliche Aderlass für die Rudolphina ist ein überaus bemerkenswerter. Aber auch für Studierende wird in der Zeit der Ersten Republik die Universität zum Ort eskalierender Gewalt, nicht selten mit von Burschenschaftern misshandelten oder gar schwer verletzten jüdischen oder vermeintlich jüdischen Studierenden. Geduldet, ja gefördert wird dies alles von diversen Rektoren und Dekanen, während die Polizei nach vorgeblich altem Recht nicht das Universitätsgebäude an der Ringstraße betritt und die Vorgänge meist eher belustigt registriert.

In der Zeit des austrofaschistischen Ständestaates (1934–1938) versucht dieser, das Primat der Nationalsozialisten zu brechen und löst die Deutsche Studentenschaft auf; deutschnational orientierte Beamte können nunmehr suspendiert werden, das heißt, man hat die Option, sie in den vorzeitigen Ruhestand zu versetzen. Letztlich aber nimmt die autoritäre Regierung ihre Pläne nicht allzu ernst und verletzt nicht selten die Gesetze, die sie selbst erlassen hat. An der primär deutschnational orientierten Ausrichtung einer Mehrheit der Professorenschaft ändert sich so gut wie nichts.

Die größte Vertreibung findet nach der Okkupation Österreichs durch die Nationalsozialisten statt. In erster Linie geschieht dies durch den von den Nationalsozialisten kommissarisch als Rektor eingesetzten Botaniker Fritz Knoll (1883–1981); ganz bewusst und zielorientiert ignoriert man durch die von außen erfolgte Ernennung eines Rektors das Selbstbestimmungsrecht der Universität. Schon am 23. April 1938 sind 252 Lehrpersonen aus rassistischen und politischen Gründen von der Universität Wien entfernt, bis 1944 erhöht sich die Zahl auf mehr als ein Drittel, 322 Personen, des insgesamt 763 Personen umfassenden Lehrkörpers. Diese einzigartige Vertreibungswelle bedeutet den gravierendsten und nachhaltigsten Einschnitt, von dem sich in wissenschaftlicher Hinsicht (von den menschlichen Tragödien ganz zu schweigen!) die Universität Wien viele Jahrzehnte nicht wird erholen können.

Aber auch die Wiedereröffnung der Alma Mater Rudolphina, die bereits am 15. April 1945 erfolgt, steht insofern unter keinem guten Stern, als es den noch vorhandenen braun-schwarzen Netzwerken gelingt, wiederum an zahlreiche Schlüsselpositionen zu gelangen. Versuche, vertriebene Wissenschaftler nach Österreich zurückzuholen, bleiben halbherzig oder werden gar durch bürokratische Hürden bewusst hintertrieben. So ist es die alte Phalanx um den Pädagogen Richard Meister (1881–1964), später auch Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, und deren Gesinnungsgenossen, die eine auf liberale Grundsätze bauende Neuausrichtung der Universität verhindert. In den 1950er-Jahren spielt sich der weitere universitäre Niedergang hin zum Provinzialismus, vor dem Hintergrund einer katholisch-konservativen Orientierung ab. Markante Wendepunkte hin zu einer Neupositionierung sind erst die Gründung des Forschungsförderungsfonds 1968, die Einrichtung eines Wissenschaftsministeriums 1970 sowie das Universitäts-Organisationsgesetz 1975, das die Allmacht der Ordinarien und des katholischen Cartellverbandes beendet.

Am Fall des Biologen Paul Kammerer (1880–1926), der zu den bekanntesten, aber auch umstrittensten Biologen seiner Zeit zählt und der sich im September 1926 im Bereich des Schneebergmassivs das Leben nimmt, analysiert Klaus Taschwer den Aufstieg und den Niedergang einer wissenschaftlichen Karriere in Wien. Der Herkunft nach ist Kammerer ein sogenannter Halbjude und somit allen zeitgemäßen Vorurteilen wie Rassismus und Antisemitismus ausgesetzt. Seinen überaus hohen Grad an Bekanntheit verdankt er der Tätigkeit an der Biologischen Versuchsanstalt im Wiener Prater, dem Vivarium. Diese global wissenschaftlich höchst angesehene Einrichtung, das erste Institut für experimentelle Biologie, wird aus privaten Mitteln von Hans Przibram (1874–1944) und Leopold von Portheim (1869–1947) ins Leben gerufen, 1914 wird es der Akademie der Wissenschaften als Schenkung übertragen. Przibram und Portheim werden im NS-Staat aus rassischen Gründen verfolgt, Hans Przibram stirbt im Konzentrationslager Theresienstadt, seine Frau nimmt sich daraufhin das Leben.

Der im Jahr 1880 als Sohn eines Fabrikbesitzers geborene Paul Kammerer verlebt seine Jugend in Wien. Seine Beziehung zu Tieren und seine damit verbundene große Geschicklichkeit zeigt sich, als er schon in jungen Jahren die Wohnung seiner Eltern teilweise mit Terrarien ausstattet. Nach der Matura 1899 studiert er Zoologie, beschäftigt sich jedoch auch intensiv mit Musik. 1902 wird Kammerer Adjunkt an der Biologischen Versuchsanstalt, wo er seine außergewöhnlichen Fähigkeiten als Züchter von Amphibien unter Beweis stellt. 1904 promoviert Kammerer, 1906 heiratet er die Baronesse Felicitas Maria Theodora von Wiedersperg, die ein Jahr darauf die Tochter Lacerta zur Welt bringt. Als Biologielehrer bis 1912 am Cottage-Lyzeum in Wien-Döbling, anschließend am Vivavium wirkend, habilitiert er sich an der Universität Wien im Jahr 1910.

Die Arbeit an der Biologischen Versuchsanstalt verhilft Kammerer zur Reputation eines anerkannten Biologen. Insbesondere ist es eine Reihe von Experimenten, die den Hintergrund dazu bildet. In der ersten Serie lässt er zwei Arten von Salamandern, den schwarzen Alpensalamander und den gefleckten Feuersalamander im jeweils gegensätzlichen biologischen Habitat leben. Bei deren Nachkommen weist er dieselben Veränderungen nach, die die Elterntiere im ungewohnten Habitat erworben hatten. So gelingt Kammerer scheinbar der Nachweis, dass Amphibien, die durch die Lebensumstände bedingte neue organische Eigenschaften erwerben, diese an die Nachkommen weitervererben (Lamarckismus). Diese Erkenntnis besitzt insofern großes ideologisches Potential, da es durch sie möglich zu sein scheint, dem Prinzip zufälliger Mutationen im Sinn der Evolutionstheorie Darwins zu entrinnen. Kammerer überträgt diese Erkenntnis auch auf den Menschen, er verweist in erster Linie auf den Wert einer guten Erziehung und tritt als Kritiker der Eugenik, deren verschiedene Aspekte unter ihren Experten mit großer Härte diskutiert werden, in Erscheinung. In weiteren, über elf Jahre dauernden Experimenten züchtet Kammerer die schwarzen, gelb gefleckten Salamandra maculosa alternativ auf gelber oder schwarzer Erde mit dem Effekt, dass die Färbung der Flecken entsprechend dem Untergrund entweder zu- oder abnimmt. Diese Entwicklung setzt sich auch bei den Nachkommen fort. Zudem findet er heraus, dass der in Höhlen lebende blinde Grottenolm rückgebildete, tiefliegende Augen besitzt. Bei einer Aufzucht unter normalem Tageslicht entwickeln sich Pigmentflecken, unter Rotlicht allerdings große Augen mit Sehvermögen.

Im Jahr 1919 publiziert Kammerer „Das Gesetz der Serie. Eine Lehre von den Wiederholungen im Lebens- und Weltgeschehen“. In dieser Abhandlung entwickelt er das Prinzip der Serialität, das von der Kausalität unabhängig ist auf Basis unerklärlicher, aus eigenem Erleben stammender Koinzidenzen. Er begründet damit die für die Parapsychologie nicht unbedeutende These der Serialität und trägt zur Überlegung der Synchronität bei Carl Gustav Jung und Wolfgang Pauli bei. Der Sinn von Kammerers Ausführungen liegt im Versuch zu beweisen, dass sich in sogenannten „Zufällen“ ein allgemeines Gesetz der Natur äußert.

Auch im privaten Leben ist Paul Kammerer eine bemerkenswerte Erscheinung: Der Musik zutiefst zugetan, im Kreis der Volksbildung höchst aktiv, sehr aktives Mitglied der Freimaurer und zahlreiche Liebschaften außerhalb der Ehe, gewissermaßen mit Billigung seiner Gattin, lebend. Beispiele dafür sind seine flammende Verehrung von Alma Mahler, die allerdings auf Einseitigkeit beruht, sowie die Ehe mit einer Malerin, für die er sich scheiden lässt, nach relativ kurzer Zeit und zwei Suizidversuchen aber wieder zur Familie und zur verzeihenden Gemahlin zurückkehrt. Den Ersten Weltkrieg verlebt der überzeugte Pazifist und nicht wehrdiensttaugliche Kammerer als Leiter einer Zensurabteilung.

Entscheidend für Paul Kammerers weiteres Leben sollen seine Versuche mit Geburtshelferkröten (Alytes) werden. Diese paaren sich normalerweise an Land; um sie ins Wasser zu locken, setzt er die Amphibien erhöhten Temperaturen aus. Um nun beim im Wasser stattfindenden Paarungsakt beim Weibchen nicht abzurutschen, sollen die Männchen bald Brunft- oder Haftschwielen an den Innenseiten der Finger entwickelt haben. Diese Eigenschaften besitzen diese Froschlurche normalerweise nicht und nach Kammerer haben sie diese neu erworbenen Anpassungen auch an die Nachkommen weitervererbt.

In seiner Absicht, sich nunmehr vor den Prämissen seiner Forschungsexperimente mit den Geburtshelferkröten um eine Universitäts-Professur beziehungsweise wenigstens um eine außerordentliche universitäre Professur an der Wiener Universität zu bewerben, stößt Kammerer auf entschiedene Gegner, alle zutiefst antisemitisch geprägt und von tiefer Abneigung gegen alles politisch Linke gezeichnet. Da agiert einmal die geheimbündische Deutsche Gemeinschaft, die auch auf universitärer Ebene das Ziel verfolgt, alles sogenannte „Ungerade“ (Freimaurer, Liberale, Sozialisten, Marxisten, Bolschewisten und Juden) zu bekämpfen. Weitreichende Übereinstimmung ergibt sich mit der gleichfalls im Geheimen agierenden, bereits erwähnten Clique von Professoren um den Paläobiologen Othenio Abel. Somit erleidet Paul Kammerer in Sachen Professur eine vernichtende Niederlage, welche die angestrebte universitäre Karriere unterbindet und den Biologen vor neue beruflichen Herausforderungen stellt. Erschwert wird sein wirtschaftliches Fortkommen nicht zuletzt auch durch die prekäre ökonomische Lage Österreichs, die zur finanziellen Misere für die Biologische Versuchsanstalt führt. Seine publizierten und in Fachkreisen intensiv diskutierten wissenschaftlichen Publikationen führen ihn jedoch zu zwei Vortragsreisen in die USA, von denen die erste recht erfolgversprechend verläuft.

Allerdings bleibt Kammerers Ruhm nicht ungetrübt. Um seine Erkenntnisse überprüfbar zu machen, stellt er die noch existenten Exemplare der konservierten Geburtshelferkröten für Untersuchungen zu Verfügung. 1926 erscheint im englischen Fachorgan Nature ein Artikel, der die Brunftschwielen der Alytes als Fälschung (durch Einspritzen von Tinte unter die Haut) entlarvt. Kammerer wehrt sich vehement, aber ziemlich vergeblich gegen diesen schwerwiegenden Vorwurf. Zwar hat er in der Zwischenzeit in Russland eine ordentliche Universitäts-Professur mit der allerdings vagen Aussicht, ein Forschungsinstitut aufbauen zu können, erhalten, Kammerer beginnt jedoch zusehends an dieser Möglichkeit zu zweifeln. Zudem ist seine Verbundenheit mit Wien erheblich. Der Grund für seinen Suizid liegt mit ziemlicher Sicherheit nicht allein in der Aufdeckung seiner angeblichen Fälschung der Alytes, sondern ist wohl vielmehr in seiner allgemeinen verzweifelten Hilflosigkeit zu suchen, ist doch auch die wissenschaftliche Reputation der Biologischen Versuchsanstalt nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen worden.

Klaus Taschwer verfolgt in seinem Werk eine bemerkenswerte Hypothese, die zwar in etlichen Details nicht faktisch belegbar, sondern spekulativ, aber in höchstem Maß nachvollziehbar ist. Nach dieser hätte der Paläobiologe Othenio Abel das Alytes-Präparat gefälscht und daraufhin den späteren Aufdecker des Skandals, den amerikanischen Biologen Gladwyn Kingsley Nobel, der ihm persönlich gut bekannt ist, nach Wien eingeladen, eben um diese "Fälschung" zu entlarven. Die vermeintliche Fälschung Kammerers wäre also letztlich nichts anderes als der inszenierte Skandal eines Antisemiten, der dazu dient, Kammerers wissenschaftliche Karriere zu schädigen, daneben aber auch der „jüdisch dominierten“ Biologischen Versuchsanstalt bleibenden Schaden zufügt.

Nicht zuletzt bleibt Paul Kammerers Name in Erinnerung, weil Arthur Koestler mit seinem Roman „Der Krötenküsser“ versucht, den Fall zu klären. Eine Lösung gelingt Koestler jedoch nicht, da er die Geheimexistenz der antisemitsch-antilinken Gruppen von Wissenschaftlern nicht erkennt bzw. den Indizien dafür zu wenig Glauben schenkt. Der zeitgemäße, die Epigenetik betreffende Forschungsstand ist in wissenschaftlicher Hinsicht nach wie vor höchst umstritten. Während ein Teil der Forschenden die Meinung vertritt, dass Veränderungen in der Genexpression wenn überhaupt, dann nur in Form einer seltenen Anomalie erfolgen könne, wird auch die totale Gegenposition eingenommen, wonach die epigenetische Vererbung überall stattfinde.

Beide von Klaus Taschwer vorgelegte Publikationen verweisen mit Nachdruck auf eine Epoche, in der deutschnational-konservative und antisemitische Kreise an der Wiener Universität ihre Ziele rücksichtslos durchsetzten. Erstaunlich ist der Umstand, dass es bis in unsere Gegenwart gedauert hat, bis eine neue Generation von Forschern in der Lage ist, diese Tatsachen zu erkennen, sich ihnen zu widmen und deren Hintergründe zu erforschen. Am Schicksal Paul Kammerers zeichnet Klaus Taschwer mit Engagement und Verve nach, welche schrecklichen Folgen diese mit offensichtlicher Intention betriebene Unmenschlichkeit auszulösen imstande war. Für die Wissenschaft ist zu hoffen, dass sie in diesem Kontext noch mehr Licht ins Dunkel bringt. Klaus Taschwers Verdienst ist es - dies ist besonders hervorzuheben – mit seinen vielschichtigen und aufschlussreichen Studien einen entscheidenden Anstoß dafür gegeben zu haben. Für die Forschung bleibt aber noch viel zu tun!

Anmerkung:
[1] Benedikt Föger / Klaus Taschwer, Die andere Seite des Spiegels. Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus, Wien 2001.

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Veröffentlicht am
30.05.2017
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