U. Schüren u.a. (Hrsg.): Globalized Antiquity

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Titel
Globalized Antiquity. Uses and Perceptions of the Past in South Asia, Mesoamerica, and Europe


Herausgeber
Schüren, Ute; Segesser, Daniel Marc; Späth, Thomas
Erschienen
Anzahl Seiten
352 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Muriel Moser, Abteilung für Alte Geschichte, Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Globale Geschichte und ihre Genese ist gegenwärtig ein vieldiskutiertes und strittiges Thema. Der auf Englisch erschienene vorliegende Sammelband nähert sich diesem Themenfeld mit einigen interessanten Überlegungen zur Konstruktion und Rezeption von „Antiquity“. Der Sammelband versteht darunter „remote past“, also eine als entfernt wahrgenommene Vergangenheit. Die Untersuchungen, die sich drei Kulturkreisen der Welt widmen, betrachten dabei insbesondere die Heranziehung von entfernter Vergangenheit als politische Ressource. Besonders interessant vor dem Hintergrund der postkolonialen Studien und dem Unterfangen, Europa und dessen klassische Antike zu „provinzialisieren“, sind hierbei besonders die Aussagen einzelner Beiträge zum Einfluss europäischer Vorstellungen von Zeit (linear, zyklisch oder spiralartig) und der Aneignung westlicher, von Konzepten der griechisch-römischen Antike geprägter Geschichtstraditionen durch anderer Kulturkreise und Gesellschaften.

Die dreizehn Beiträge sind in drei Abschnitte zu je einem kulturellen Großraum eingeteilt; zum besseren Verständnis ist ihnen jeweils eine Einführung in die Geschichte, Geographie und postkoloniale Bestrebungen vorangestellt. Der erste Teil zu Indien öffnet mit dem Beitrag von Romila Thapar (Kapitel 1), der zur Unterscheidung von historischen Texten, historischem Bewusstsein und historischen Traditionen gerade in postkolonialen Zusammenhängen hinweist. Jamal Malik (Kapitel 2) wirft einen interessanten Blick auf muslimische Konstruktionen von entfernter Vergangenheit in Indien zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert und zeichnet auf, wie hier Geschichte genutzt wurde, um sowohl Fortschritt wie auch Niedergang nachzuzeichnen. Im dritten Kapitel beleuchtet Daniel Marc Segesser Konstruktionen indischer Vergangenheit im Kontext der britischen Kolonialisierung. Hier ist der Blick auf die britischen Besatzer gerichtet, die in zwei verschiedenen Ansätzen (Bewunderung der indischen Vergangenheit bzw. Niedergangnarrativ) – ähnlich wie im Beitrag Maliks – sich der indischen Vergangenheit bemächtigten, um politischen Fortschritt in Indien zu generieren. Jakob Rösel (Kapitel 4) belegt die Heranziehung von regionalen Vorstellungen einer idealen Vergangenheit (a classical age) in sub-nationalen Forderungen regionaler Politikverbände vom 20. Jahrhundert bis in die heutige Zeit. Clemens Six (Kapitel 5) schließlich verweist auf die Rolle von Architektur (Hindutempels und muslimischen Moscheen) im integrativen Nationalismus des ersten Premierministers Indiens, Jawaharlal Nehru, der zu Begründung einer pluralistischen Gesellschaft eine pluralistische Lesart der indischen Vergangenheit und Religionsgeschichte anregte.

Der zweite Teil ist Mesoamerika gewidmet. Nach einer hilfreichen Einführung von Ute Schüren widmet sich Maarten E.R.G.N. Jansen primordialen Vorstellungen von Zeit in mesoamerikanischen Gesellschaften, die er eindrücklich anhand von bildlichen Darstellungen (Grabmonumente, Chroniken) nachzeichnet. Wolfang Gabbert (Kapitel 7) vertieft die Frage nach alternativen Konstruktionen von entfernter Vergangenheit durch mexikanische Creolen des 19. Jahrhunderts. Diese stellten sich durch eine geschickte Darstellung der vorkolonialen Vergangenheit Mexikos, als Bewahrer der wahren Geschichte Mexikos dar. Dies erlaubte die Abgrenzung der Creolen von Spanien, führte aber auch zur Ausgrenzung der indigenen Bevölkerung. Daran anschließend finden sich die Beobachtungen von Aurora Pérez (Kapitel 8), einem Mitglied des Ñuu Sau (Mixtec) in Südmexiko. Sie appelliert an indigene Bevölkerungsschichten, fernab von Fremdvorstellungen einen „dekolonialisierten“ Zugang zu ihrer kulturellen Vergangenheit, zu einer lokalen historischen Identität zu finden. Jeremy A. Sabloff betrachtet die Rolle von Archäologen in der Genese des traditionellen Bildes der antiken Maya als eine friedfertige und auf große monumentale Anlagen zentrierte Gesellschaft. Er zeichnet nach, wie dieses Bild auch dazu verhalf, die (auch von Jimenéz gezeichnete) kolonialistische Lesart der Mayakultur zu bekräftigen. In Kapitel 10 untersucht Ute Schüren dann unterschiedliche Formen und Probleme der Appropriation der Vergangenheit durch indigene Bevölkerungsgruppen im heutigen Yucatán, Mexiko und Guatemala.

Der dritte Teil über die europäische klassische Antike und ihre Genese besteht nach der kurzen Einführung von Thomas Späth aus drei Beiträgen. Bei Alain Schnapps Beitrag (Kapitel 11) steht der Umgang mit Ruinen als historische Zeugen und der Ruinendiskurs in der griechischen und lateinischen Literatur der Antike im Mittelpunkt. Er stellt hierbei auch die Machtförmigkeit des antiken Umgangs mit Vergangenheit heraus, in dem er die nostalgische Interpretation von Ruinen durch Autoren der frühen römischen Kaiserzeit als Ausdruck der Verherrlichung Roms sieht, die vor dem Hintergrund des Verfalls und der Dekadenz vorangegangener Kulturen (das heißt Griechenlands) beschrieben wurde. In Kapitel 12 nimmt Manuel Baumbach in den Blick, wie in der deutschen Romantik das Arbeiten mit Fragmenten einen alternativen Zugang zur Antike ermöglichte. Dabei findet er Vorläufer zu diesen postmodernen Überlegungen bereits bei Lukian. Stefan Rebenichs Beitrag erläutert abschließend, wie sich die Hinwendung zur griechischen Vergangenheit und ihre Ideale von Freiheit, Bildung und Selbstbestimmung bei Wilhelm von Humboldt, in bewusster Abgrenzung zum französischen Rombild, zur Genese einer deutschen Bourgeoisie beitrug.

Die Ausrichtung des Sammelbandes ist in mehrerer Hinsicht global. Die Berücksichtigung von drei Großräumen über einen sehr langen Zeitraum hinweg (von der griechischen Archaik bis zur Gegenwart) ermöglicht es, entfernter Geschichte in verschiedensten historischen Formationen vergleichend zu betrachten. Besonders interessant sind hier die Abschnitte zu Indien und Mesoamerika, die eindrücklich die Fluktuation von Vorstellungen idealer Vergangenheit und die Rolle der politischen Motivation und kulturellen Prägung der beteiligten Akteure herauszustellen vermögen. Der weit gefasste Begriff von „Antiquity“ als „remote past“ erlaubt zudem die Herausstellung vielfältiger Vorstellungen von Vergangenheit, die weit über die der westlichen griechisch-römischen Tradition herausgehen und damit zur „Provinzialisierung“ Europas beitragen. Andererseits erlaubt die Fokussierung auf entfernte Vergangenheit, pointierte Aussagen über die Konstruktion und dem politischen Kapital von Geschichte zu treffen, als dies Betrachtungen vom Umgang mit Geschichte allgemein vermögen. Damit grenzt sich der Band auch von memory studies ab, da er nicht Erinnerung an sich sondern die Machtförmigkeit von Konstruktionen von entfernter Vergangenheit betrachtet.
Im gelungenen Schlusswort betrachtet Thomas Späth die skizzierten Verwendungen von Vergangenheiten vergleichend. Er stellt zunächst die Diversität der „Antike“ und Zeitkonzeptionen über Vergangenheit heraus. In seinen Überlegungen zum politischen Kapital von entfernter Vergangenheit schlägt Späth dann vor, zwei mögliche Modelle von der Verwendung von Vergangenheit im politischen Diskurs zu unterscheiden, die sich aus den globalen Betrachtungen von „remote past“ ergeben: Vergangenheit kann einen Ort für eine Autochtonie darstellen, die zur Begründung von Identität genutzt wird; Vergangenheit wird aber auch als Ausgangpunkt einer historischen oder politischen Transformation herangezogen. Späths Modelle der Konstruktion von Vergangenheit erscheinen mir wegweisend, da sie den Blick auf die Ziele der Verwendung von Vergangenheit im politischen Diskurs wenden und damit zur Konkretisierung der Diskussion über das politische Kapital von Geschichte beitragen können.

Wie Thomas Späths Modell von Geschichte als Begründung von Autochtonie und Transformation aufzeigt, helfen diese Überlegungen zum Umgang mit entfernter Vergangenheit in globaler Perspektive dabei, die Machtförmigkeit der politischen Ressource besser zu verstehen. Besonders gelungen ist dabei die Gegenüberstellung von drei Kulturkreisen, die dem europäischen Bildungskanon verbunden sind. An einigen Stellen wäre daher eine engere Verknüpfung der einzelnen Beiträge, zum Beispiel durch Querverweise, möglich gewesen, die Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten im Umgang mit der entfernten Vergangenheit über die betrachteten epochalen und geographischen Grenzen hinweg hätten aufzeigen können. Angesichts der globalen Ausrichtung des Bandes ist die Beschränkung auf Deutschland in der Betrachtung der Rezeption von klassischer Antike in Europa nicht ganz befriedigend. Hier hätte sich vor dem Hintergrund der Betrachtungen Mesoamerikas und Indiens der Blick auf die Kolonialgesellschaften in Spanien oder Großbritannien angeboten. Der Band endet mit einem Personen- und Sachverzeichnis.

Redaktion
Veröffentlicht am
03.04.2017
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