J. E. Salisbury: Rome's Christian Empress

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Titel
Rome's Christian Empress. Galla Placidia Rules at the Twilight of the Empire


Autor(en)
Salisbury, Joyce E.
Erschienen
Anzahl Seiten
236 S.
Preis
$ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anja Busch, Franz Joseph Dölger-Institut, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Galla Placidia ist als Stifterin einiger teils noch heute sichtbarer Monumente in Rom und Ravenna eine der bekannteren Persönlichkeiten des 5. Jahrhunderts. Ihre sehr bewegte Biographie trägt wesentlich zu dem anhaltenden Interesse bei, das die althistorische Forschung an ihrem Leben zeigt:[1] Beim Überfall auf Rom 410 von den Westgoten verschleppt, vermählte Galla Placidia sich 414 mit dem Gotenfürsten Athaulf. Nach dessen Tod kehrte sie 416 ins weströmische Reich zurück und wurde mit dem Mitregenten ihres Bruders Honorius, Constantius, verheiratet. Ihre für das Kaisertum bedeutsamste Aufgabe erhielt sie, nachdem Constantius III. und Honorius verstorben waren: Im Jahre 425 wurde ihr minderjähriger Sohn Valentinian III. auf den weströmischen Kaiserthron erhoben, und stellvertretend für diesen soll Galla Placidia im Auftrag des oströmischen Kaisers Theodosius II. die Regierungsgeschäfte übernommen haben.[2] Ausgerechnet für diese Zeit schwindet das Interesse der zeitgenössischen Autoren für Galla Placidia. Daran kranken viele der modernen Forschungsbeiträge, die sie trotz dieser spärlichen Quellenlage als Augusta und stellvertretende Regentin ihres Sohnes in ihrer politischen Relevanz für das weströmische Reich in den letzten Jahrzehnten vor seinem Niedergang zu fassen versuchen.[3] Dieses Ziel verfolgt auch Joyce E. Salisbury, die eine Auseinandersetzung mit Galla Placidia als christlicher Kaiserin und ihrer zwanzigjährigen „Regentschaft“ als Stellvertreterin des minderjährigen Kaisers Valentinian III.[4] anstrebt und sich dabei maßgeblich auf die früheren Arbeiten von Oost und Holum sowie der jüngeren, in mehrerer Hinsicht problematischen Galla Placidia-Biographie von Sivan stützt (S. 4f.).[5]

Zu Galla Placidia gibt es kaum Neues zu sagen; sie ist mit Sicherheit keine „Forgotten Empress“, wie uns Salisbury einleitend erklärt (S. 1), die ihre Biographie in sieben Kapitel nach einzelnen Lebensabschnitten der weströmischen Kaiserin gliedert. Die ersten beiden Kapitel widmen sich Kindheit und Jugend Galla Placidias, wobei die junge Kaisertochter, anders als etwa ihre Nichte Pulcheria in Konstantinopel, nicht das Interesse zeitgenössischer Autoren weckte. Daher behandeln diese ersten beiden Kapitel vorrangig die Politik ihres Vaters Theodosius bzw. – nach dessen Tod – ihres Ziehvaters Stilicho und anderer naher Verwandter. Nach Ansicht Salisburys wurden damals Galla Placidias Entschlusskraft und ihr Wille zum Machterhalt – von beiden zeigt sich Salisbury überzeugt – geformt. So begründet Salisbury auch ihre Antwort auf die vieldiskutierte Frage, ob Galla Placidia, wie von Zosimus behauptet (5,38,1), Anteil an der Hinrichtung ihrer Ziehmutter Serena hatte, mit der Feststellung, Serena habe Galla Placidias machtpolitischen Interessen im Wege gestanden (S. 62).

Kapitel 3 und 4 beschäftigen sich mit Galla Placidias Zeit bei den Westgoten sowie den römisch-gotischen Beziehungen in diesen Jahren (408–416). Dabei geht Salisbury insbesondere auf Galla Placidias persönlichen Einfluss auf ihren späteren Gatten Athaulf ein. Diesen habe sie bereits, als sie noch seine Geisel war, und nicht erst nach ihrer beider Vermählung davon überzeugt, sich in den Dienst Roms zu stellen, um das Imperium zu schützen, anstatt es zu erobern (S. 81), wie die vielzitierte Stelle bei Orosius (7,43,4–7) sinngemäß lautet. Während Galla Placidia zunächst als Geisel, dann als „Königin“ bei den Westgoten lebte und mit diesen von Gallien bis nach Hispanien zog, bewährte sich in Westrom der Heermeister Constantius im Kampf gegen verschiedene Usurpatoren wie auch die Westgoten. Als Vertrauter ihres Bruders Honorius sollte Constantius nach ihrer Rückkehr ins römische Reich Galla Placidias zweiter Gatte werden.

Galla Placidias Beziehung zu Constantius und ihrem Bruder Honorius, die Geburt zweier Kinder, darunter der Thronfolger Valentinian III., sowie ihre Erhebung zur Augusta sind Thema des fünften Kapitels. Neben religiösen Kontroversen und politischen Konflikten dieser Jahre wurde Galla Placidias Leben in dieser Zeit vor allem auch durch die familiären Konflikte bestimmt, die sie schließlich zur Flucht nach Konstantinopel zwingen sollten. Damals habe Galla Placidia jene Allianzen geknüpft, namentlich besonders zu den Heermeistern Bonifatius und Felix (S. 132), die ihr in den Jahren nach ihrer Rückkehr aus Konstantinopel dienlich sein würden.

Kapitel 6 und 7 thematisieren die Jahre der stellvertretenden Regentschaft Galla Placidias, in denen das gesamtrömische Reich sich zunehmend mit der Bedrohung durch Hunnen und Vandalen in Gestalt Attilas und Geiserichs konfrontiert sah. Valentinians III. Regierung lässt Salisbury nicht mit dessen Vermählung mit der oströmischen Kaisertocher Licinia Eudoxia im Jahr 437, sondern erst mit dem Tod seiner Mutter Galla Placidia Ende 450 beginnen. Die Jahre von 450 bis 455 bilden den Abschluss von Kapitel 7, auf das resümierend ein kurzer Epilog über Periode bis zum Niedergang des weströmischen Kaisertums 476 folgt, mit dem Galla Placidias Traum von einem „huge, unified empire“ endgültig zerschlagen worden sei (S. 203). An dieser Stelle wird abschließend noch einmal in besonderem Maße der Narrationscharakter der Monographie deutlich.

Mit den Quellen geht Salisbury eher eklektisch um, anstatt sie differenziert gegeneinander abzuwägen und so auch mögliche Unklarheiten und Widersprüche in Kauf zu nehmen. Ähnlich wie jüngst Sivan greift sie zudem auf Material zurück, das keinen offenkundigen Bezug zu Galla Placidia enthält (S. 3). Dadurch entsteht aber bisweilen der Eindruck des Spekulativen, wenn auch weniger drastisch, als dies bei Sivan der Fall ist. Die Tatsache, dass die Quellentexte nur in Übersetzungen angegeben sind, spricht dafür, dass Salisburys Galla Placidia-Biographie nicht primär an ein Fachpublikum gerichtet ist. Vor diesem Hintergrund mag manches verzeihlich sein, was aus wissenschaftlicher Perspektive als störend auffällt: So ist nicht zu übersehen, dass Salisbury stark psychologisiert. Sie weiß erstaunlich genau, was Galla Placidia und ihre Zeitgenossen dachten oder planten und für wen sie Sympathien hegten. So heißt es etwa über Galla Placidia dezidiert (S. 52): „We know that she was strong-willed,“ obwohl es sich dabei um kaum mehr als eine bloße Annahme handeln kann. Recht klischeehaft wirkt es zudem, wenn Galla Placidias vermeintliche Willensstärke mit der Schwäche ihrer durch das Hofleben verweichlichten Brüder Arcadius und Honorius erklärt wird (S. 18f.).

Galla Placidias politisches Gewicht als weströmische Kaiserin meint Salisbury vor allem in ihrem Einfluss auf die theodosianische Gesetzgebung (S. 147–149) zu erkennen; ihre politische Durchsetzungskraft habe sie in den Rivalitäten ihrer militärischen Befehlshaber Aëtius, Bonifatius und Felix bewiesen, die sie gegeneinander ausgespielt habe, um ihre eigene Macht und das Kaisertum ihres Sohnes zu sichern (S. 145f. u. 168f.). Ersteres gelingt Salisbury nicht unmittelbar anhand der Quellen, sondern nur über Umwege aufzuzeigen, was ihre Deutung angreifbar macht. In der Erörterung zur Konkurrenz ihrer Heermeister wäre sodann mindestens der Hinweis auf die sich einander teils erheblich widersprechenden Quellen wünschenswert gewesen, die Galla Placidia darüber hinaus gerade nicht in einer den Konflikt beherrschenden Rolle sehen.

Neben biographischen Details beschäftigen Salisbury die innerkirchlichen und religionspolitischen Entwicklungen dieser Zeit, die immer wieder unter der Fragestellung „whose side is God on“ (S. 31) thematisiert werden, unter der auch der Exkurs auf Augustinus’ De civitate in Kapitel 3 steht. Diese wiederkehrende, wenn auch plakativ formulierte Frage hat im Kontext der Biographie Galla Placidias insofern eine gewisse Berechtigung, als sie auf die politische Bedeutung der verschiedenen kirchlichen Auseinandersetzungen in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts bis zum Konzil von Chalkedon hinweist. Die Klärung der Frage, was die orthodoxe Lehre sei, war für das spätantike Kaisertum, das sich vorrangig durch das „richtige“ Verhältnis des Kaisers und seiner Angehörigen zu Gott legitimierte, von großer Bedeutung. An diesen Debatten beteiligte sich Galla Placidia, wie auch andere Frauen der theodosianischen Dynastie, indem sie mit kirchlichen Vertretern, namentlich etwa dem römischen Bischof Leo, korrespondierte. Sie war nachweislich allerdings nicht stärker in diese Debatten involviert als etwa ihre Nichte Pulcheria in Konstantinopel, der die Geschichtswissenschaft jenseits von Holum bisher wenig Interesse entgegengebracht hat. Dennoch zeigt sich nach Ansicht Salisburys besonders hier Galla Placidias wichtigstes politisches Ziel, „to bring God’s blessing to the empire“ (S. 2).

Trotz der genannten Schwächen handelt es sich bei Salisburys Galla Placidia-Biographie um eine gut lesbare Darstellung der politischen Geschichte der theodosianischen Epoche. Salisbury ist es gelungen, eine für ein breiteres Publikum ansprechende Biographie über eine Persönlichkeit zu verfassen, deren Leben einerseits Wendungen nahm, die heutige Betrachter neugierig machen, über die aber andererseits im Detail sehr wenig bekannt ist. Die Einbindung der Lebensgeschichte Galla Placidias in die komplexeren Zusammenhänge der (west-)römischen Geschichte in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts und nicht zuletzt eben doch der narrative Stil machen die von Salisbury vorgelegte Galla Placidia-Biographie zu einer insgesamt gefälligen Lektüre, die für fachkundige Leser allerdings keine neuen Erkenntnisse bereithält.

Anmerkungen:
[1] Steward Irvin Oost, Galla Placidia, Chicago 1968; Vito Antonio Sirago, Galla Placidia la nobilissima (392–450), Mailand 1996; Hagith Sivan, Galla Placidia. The Last Roman Empress, New York 2011.
[2] Soz. 7,24,3.
[3] Vgl. Emilienne Demougeot, L’évolution politique de Galla Placidia, in: Gerión 3 (1985), S. 183–210; Steward Irvin Oost, Galla Placidia and the Law, in: Classical Philology 63 (1968), S. 114–121; Vito Antonio Sirago, Galla Placidia e la trasformazione politica dell’Occidente, Louvain 1961.
[4] Zu Galla Placidias sogenannter Regentschaft jüngst kritisch Meaghan A. McEvoy, Child Emperor Rule in the Later Roman West. AD 367–455, Oxford 2013, S. 235f.
[5] Oost, Galla Placidia; Kenneth G. Holum, Theodosian Empresses, Berkley 1982; Sivan, Galla Placidia.

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Veröffentlicht am
26.10.2015
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