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Titel
Jan Hus. Prediger - Reformator - Märtyrer


Autor(en)
Soukup, Pavel
Reihe
Urban-Taschenbücher
Erschienen
Stuttgart 2014: Kohlhammer Verlag
Anzahl Seiten
263 S., 8 Abb.
Preis
€ 24,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ansgar Frenken, Ulm

An deutschsprachigen Lebensbeschreibungen des Prager Magisters Jan Hus herrscht wahrlich kein Mangel, obgleich "es eine moderne deutsche, wissenschaftlichen Kriterien entsprechende und lesbare Biographie nicht gibt".[1] Allein in den beiden zurückliegenden Jahrzehnten sind mit den Arbeiten von Ernst Werner, Peter Hilsch und Thomas Krzenck drei Bücher erschienen[2], die für sich in Anspruch nehmen, Leben und Werk des Biographierten mehr oder weniger ausführlich darzustellen. Trotz aller Unterschiede in Detail und Schwerpunktsetzung verfolgen diese Arbeiten einen weitgehend an der Chronologie ausgerichteten Ansatz bei der Darstellung der Ereignisse.

Demgegenüber verfolgt die jüngst erschienene Publikation aus der Feder von Pavel Soukop, einem einschlägig ausgewiesenen Mitarbeiter der Prager Akademie der Wissenschaften, einen anders akzentuierten Ansatz, den er in Kapitel 2 seines Buches (S. 8–14) näher erläutert: Im Zentrum seiner Arbeit steht der mit dem Todesurteil endende Konstanzer Prozess gegen Hus. Entsprechend lautet Soukops Leitfrage, wie dieser für den Betroffenen ungünstige Ausgang des Verfahrens zu erklären ist und welche Faktoren letztlich dazu geführt haben. Um diese Frage beantworten zu können, untersucht er in den nachfolgenden Kapiteln (S. 24–208) die Ausbildung wichtiger philosophischer und theologischer Positionen, die von Hus vertreten wurden, arbeitet seine typischen Charakterzüge heraus, die sein Handeln erklären können, und schildert Schlüsselereignisse im Leben des Magisters, um darüber schlüssige wie nachvollziehbare Erklärungsansätze für Hus' Verbrennungstod zu gewinnen. Dabei wird "jedem [der folgenden zwölf] Kapitel ein markantes Ereignis vorangestellt, das als Ausgangspunkt für die nachstehende Darlegung dient" (S. 12) und dem Leser damit eine Leitschnur in die Hand gegeben, um seiner, das heißt Soukops Argumentation, besser folgen zu können. Erleichtert wird die Lektüre dadurch, dass – trotz des ständigen Vorgriffs auf das Ende – die Chronologie des Geschehens in der Abfolge der Kapitel eingehalten wird.

Zur allgemeinen Orientierung des Lesers wird zunächst mit Kapitel 3 (S.15–23) ein kurzes Lebensporträt des Jan Hus eingeschoben. Es folgen weitere zwölf, ebenfalls knappe Abschnitte, die – problemorientiert angelegt – in einzelnen Etappen den langen Weg des Prager Magisters bis zu seinem Prozess und seiner Verurteilung in Konstanz beschreiben. Hervorzuheben sind die Kapitel 4 ("Hus als Prediger", S. 24–42), 6 ("Jan Hus und die Kirchenreform", S. 62–80) und 7 ("Die Universitätskarriere des Magisters Hus", S. 81–92), die uns Hus als einflussreichen wie öffentlichkeitswirksamen Prediger zeigen, dazu die Abschnitte, die seine tiefe Verwurzelung im wyclifitischen Gedankengut belegen (besonders Kapitel 5, S. 43–61). Weiter werden die einzelnen Phasen der Auseinandersetzung des Magisters mit der kirchlichen Obrigkeit, zunächst dem Prager Erzbischof und schließlich Papst und Kurie, beleuchtet. Auf die verfahrenstechnischen Details des kanonistischen Verfahrens geht Soukop allerdings nur am Rande ein, wobei die Ergebnisse der jüngeren Studien von Jiří Kejř und zuletzt Thomas Fudge[3] angemessen Berücksichtigung finden. Schließlich wird in Kapitel 12 (S. 148–158) noch auf Hus' geradezu unerhörte und im Kirchenrecht nicht vorgesehene Appellation an Christus (1412) eingegangen sowie sein ekklesiologisches Hauptwerk De ecclesia von 1413 genauer untersucht. Insbesondere dieses im Exil außerhalb von Prag verfasste Buch macht deutlich, wie weit sich der Magister inzwischen sowohl von der orthodoxen Lehre als auch der verfassten Kirche entfernt hatte. Dass bei dem Magister später wenig Begeisterung aufkam, als diese Schrift in Konstanz auftauchte, dürfte Beleg genug dafür sein, dass Hus selbst wusste, in welche Gefahr er durch das darin Geschriebene geraten war. Mit dieser Schrift konnte man ihn beim Wort nehmen; ein weiteres Leugnen, gar ein Abstreiten, bestimmte ekklesiologische Aussagen, die von der traditionellen kirchlichen Lehre abwichen, vertreten zu haben, war vor dem Tribunal der Konzilsväter damit kaum mehr möglich. Das Kapitel 15 "Das Konzil von Konstanz: Verurteilung und Hinrichtung (1414–1415)" (S. 189–208), mit zwanzig Seiten das umfangreichste Kapitel des Buches, bildet insofern einen aus der Sache heraus konsequent erscheinenden Abschluss: Trotz aller Versuche, ihm 'goldene Brücken zu bauen' und ihn zum Abschwören zu gewinnen, verurteilten ihn die Konzilsväter zum Tod, da er eine Ekklesiologie vertrat, welche die damalige institutionalisierte Kirche in ihren Grundlagen negierte. Hus blieb indes hartnäckig, nicht zuletzt um seine Anhänger nicht zu diskreditieren.

Soukops große Stärke liegt in einer genauen Kenntnis von Hus' Schriften, insbesondere aber seines enormen Predigtwerks, aus dem sich seine Gedankenwelt und Entwicklung gut herauslesen lassen. Nicht zuletzt verdankte der Prager Magister seine Außenwirkung wie die dadurch erreichte breite Unterstützung durch große Teile der böhmisch-tschechischen Bevölkerung weniger seiner universitären Tätigkeit, sondern vor allem dieser Predigttätigkeit, besonders von der Kanzel der Bethlehem-Kapelle herab. Auf Grundlage dieser Texte gelingt es Soukop, die Entwicklung Hus' zum Führer der Prager Reformbewegung nachzuzeichnen, zugleich aber auch die Bruchstellen zu verdeutlichen, die ihm die spätere Verurteilung und Hinrichtung einbringen sollten. Als hartnäckiger Verteidiger häretischen wyclifistischen Gedankenguts, vor allem aber durch seine Vorstellung von einer Kirche der Prädestinierten, die das orthodoxe Kirchenbild mit seiner hierarchisch gegliederten Amtskirche massiv in Frage stellte, war sein bitteres Ende quasi vorprogrammiert, verschärft noch dadurch, dass er seine Kritik und Zweifel in die nicht-universitäre Öffentlichkeit brachte.

Im abschließenden Kapitel 16 "Hussitismus und Reformation" (S.209–219) wird der Leser zunächst mit einer unerwarteten Auffälligkeit konfrontiert: Anders als in den anderen Teilen des Buches wird hier die Chronologie der Darstellung nicht nur durchbrochen, sondern umgekehrt. Zunächst wird Luthers Verhältnis zu Hus geklärt, bevor Soukop anschließend einen überblicksartigen Blick auf den Hussitismus wirft. So interessant die hier ausgebreiteten Kenntnisse auch sind, das Kapitel wirkt ein wenig wie ein Fremdkörper in diesem Buch.

Insgesamt ist die Arbeit betont nüchtern gehalten; so manches Detail, das etwa die erbärmlichen Zustände von Hus' Haft in Konstanz in den dunkelsten Farben schildert, und bei denen nicht immer festzustellen ist, ob und inwieweit sie der Wahrheit entsprechen beziehungsweise propagandistischen Charakter haben, werden schlicht ausgespart. Der einseitig apologetische Bericht des Peter von Mladoňovice findet nur selten Erwähnung. Voreingenommenheit und Stimmungsmache pro und contra Hus beziehungsweise dem vor dem Konzil geführten Ketzerprozess sind Soukop erfreulich fremd. Stattdessen konzentriert er sich auf eine auf den zeitgenössischen Quellen abgestützte Argumentation.

Insgesamt also eine gelungene Einführung, die auch dadurch für den deutschsprachigen Leser von Gewinn ist, dass Soukop Hus' Schriften und insbesondere seine Predigten systematisch auswertet und zudem die tschechische Literatur ausschöpft, die aufgrund fehlender Sprachkenntnis dem deutschen Leser meist verschlossen bleibt. Kritisch ist jedoch anzumerken, dass dieses Buch eine gründlichere Lektorierung seitens des Verlags verdient gehabt hätte. Dabei sollte dies bei einem Autor, der deutsch nicht als Muttersprache spricht, eigentlich selbstverständlich sein. Eine Vielzahl von Ausdrucks-, Zeichen- und Grammatikfehlern beeinträchtigen den Wert des Buches in Teilen nicht unerheblich. Es bleibt zu hoffen, dass Autor und Verlag bei einer künftigen Neuauflage, die dem Buch zu wünschen ist, den Text noch einmal gründlich daraufhin überprüfen, so dass dieses Ärgernis verschwindet. Überflüssig sind im Übrigen die spärlich eingestreuten Abbildungen im Miniaturformat, die über ihren illustrativen Charakter hinaus wenig zur Erkenntnis beitragen.

Anmerkungen:
[1] Peter Hilsch, Johannes Hus (um 1370–1415). Prediger Gottes und Ketzer, Regensburg 1999, S.7.
[2] Ernst Werner, Jan Hus. Welt und Umwelt eines Prager Frühreformators, Weimar 1991; Peter Hilsch, Johannes Hus (um 1370–1415). Prediger Gottes und Ketzer, Regensburg 1999; Thomas Krzenck, Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer, Gleichen 2011.
[3] Jiří Kejř, Die Causa Johannes Hus und das Prozessrecht der Kirche, Regensburg 2005; Thomas A. Fudge, The Trial of Jan Hus. Medieval Heresy and Criminal Procedure, Oxford 2013.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.08.2015
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