J. G. Manning (Hrsg.): Writing History in Time of War

Cover
Titel
Writing History in Time of War. Michael Rostovtzeff, Elias Bickerman and the "Hellenization of Asia"


Herausgeber
Manning, J.G.
Reihe
Oriens et Occidens 24
Erschienen
Stuttgart 2015: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
153 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julian Köck, Historisches Institut, Universität Bern

Der hier besprochene, nicht ganz 150 Seiten starke Band geht aus einer Vorlesung des französischen Althistorikers Pierre Briant über die beiden russischen Althistoriker Michael Rostovtzeff (1870–1952) und Elias Bickerman (1897–1981) hervor. Neben Briants verschriftlichtem Beitrag enthält der Band eine Reihe von weiteren Aufsätzen verschiedener Autoren, die auf diese Vorlesung Bezug nehmen, sowie Texte von Rostovtzeff und Bickerman selbst. Alle Aufsätze beschäftigen sich in erster Linie mit dem Leben der beiden russischen Emigranten, wobei zahlreiche Spekulationen darüber geäußert werden, wie der jeweilige Lebensweg Einfluss auf ihre wissenschaftlichen Fragestellungen und Ergebnisse genommen haben könnte. Dabei kommt Bickerman eindeutig das Hauptinteresse zu, von den fünf Aufsätzen (ohne die kurze Einleitung gezählt) beschäftigen sich drei ausschließlich mit Bickerman, während die beiden anderen die Lebenswege vergleichend untersuchen. Diese Schwerpunktsetzung wird nicht zuletzt damit zu tun haben, dass es sich bei den Autoren weitgehend um emeritierte Professoren handelt, die Bickerman noch persönlich erlebt haben.

In gewisser Weise stimmt diese Schwerpunktsetzung mit der generellen Beschäftigung der Zunft mit den beiden Historikern überein: Lediglich zu Bickerman gibt es eine Biografie[1], die sich freilich nur mit seinen Schriften zur Geschichte des Judentums beschäftigt. Für das Leben und Werk Rostovtzeffs, dem fachlich wohl einflussreicheren der beiden, müssen wir uns mit Handbuchbeiträgen[2] begnügen; erfreulicherweise liegt aber eine Edition[3] seines Briefaustausches mit verschiedenen deutschen Altertumswissenschaftlern vor.

Zur Erinnerung: Rostovtzeff wurde 1870 geboren und absolvierte sein Studium in Sankt Petersburg, wobei er schon früh Kontakte in den deutschsprachigen Raum (Wien, Leipzig, Halle und Berlin) hatte. 1903 wurde er Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts, 1905 veröffentlichte er seine sozialhistorische Dissertation bei Georg Wissowa auf Deutsch. Drei Jahre später ging er zurück nach St. Petersburg, wo er bis 1918 lehrte. Den Kommunisten gegenüber war er von Anfang an feindlich eingestellt. In seinem amerikanischen Exil – 1920 erhielt er eine Professur an der University of Wisconsin, ab 1925 dann Professur in Yale – blieb er der russischen Sprache und Kultur sehr verbunden und übernahm verschiedene Funktionärsposten bei russischen Emigrantenverbänden. Bickerman wurde 1897 in der heutigen Ukraine geboren. Sein Studium absolvierte er in Sankt Petersburg und hörte von 1915 bis 1918 auch bei Rostovtzeff. Parallel diente er in der Kaiserlichen und dann der Roten Armee (was er später verschweigen sollte), bevor er 1922 ebenfalls emigrierte. In Berlin studierte er im damaligen Mekka der Altertumswissenschaften. 1926 promovierte er über das Caracalla-Edikt, 1930 folgte die papyrologische Habilitation. Großen Einfluss auf ihn hatten in dieser Zeit Eduard Norden und Ulrich Wilcken. 1933 ging er nach Frankreich und hielt sich dort mit verschiedenen Stellen über Wasser. Erst 1942 – nachdem unter anderem Rostovtzeff sich sehr für ihn eingesetzt hatte – konnte er in die USA emigrieren, wo er verschiedene Anstellungen zwischen New York und Los Angeles hatte, bis ihn 1952 der Ruf auf einen Lehrstuhl an der Columbia University erreichte. Auch er blieb seiner russischen und zusätzlich jüdischen Herkunft eng verbunden.

Die Parallelen in beiden Lebensläufen sind augenfällig; zum Dreiklang Russland – Deutschland (Frankreich) – USA kommt das geteilte Interesse beider Historiker am Hellenismus, zu dem sie fast zeitgleich wichtige, noch heute wichtige Schriften publizierten.[4] Pierre Briant stellt in seinem Beitrag die – in der einen oder anderen Form von den übrigen Beiträgern wieder aufgegriffene – Leitthese des Buchs auf, nämlich dass der internationale und interkulturelle Lebensweg der beiden Historiker ihre Sicht auf den Hellenismus maßgeblich geprägt habe. Briant betont, dass für Rostovtzeff, der das universalgeschichtliche Werk Eduard Meyers außerordentlich schätzte, die Geschichte des Hellenismus nicht ohne die des Perserreichs bzw. des Orients allgemein zu schreiben war (S. 16). Es ging ihm immer um die Vermischung von Kulturen, besonders um die der Orientalen und Griechen im Süden des zeitgenössischen Russlands.[5] Als Ergebnis der Vermischung meinte er die Entstehung eines neuen, eigenständigen Menschenschlags erkennen zu können (S. 23). Anders bei Bickerman: Briant stützt sich bei seinen (umfangreicheren) Ausführungen zu Bickerman vor allem auf einen Aufsatz Bickermans, der während des Zweiten Weltkriegs in einer französisch-sprachigen Exiliantenzeitschrift erschienen und dem Buch dankenswerterweise als eigenes Kapitel beigefügt ist.[6] Darin parallelisierte Bickerman den zeitgenössischen Einfluss des Westens auf den Orient mit dem antiken Hellenismus, wobei ihm die Gleichsetzung von Griechentum, Europa und dem Westen keine weitere Begründung wert war. Bickerman war ein Freund klarer Worte: „We are loathed from Casablanca to Canton, and the Orientals do nothing but dream of ridding themselfes of our civilisation, having borrowed from us the technique and art of war.“ (S. 40) In der Zeit des Hellenismus sei es zwar auch so gewesen, dass sich das einfache Volk gegen die fremden Herrscher wehrte, indes sei es den indigenen Eliten möglich gewesen, sich durch Bildung zu hellenisieren und innerhalb der Bürokratie aufzusteigen. So sei es zu einer Übernahme griechischer Gedanken gekommen, die über den Niedergang des Griechentums hinaus gewirkt habe (S. 41f.). Vielleicht, so Bickerman im Hinblick auf Drittes Reich und später die Gefahr des Atomkriegs, seien es in Zukunft wieder Orientalen, welche die hellenisch-westlich-europäische Kultur weitertragen würden? An anderer Stelle hingegen äußerte sich Bickerman abfällig über die Orientalen und besonders Schwarze, wie Briant etwas hilflos zum Ende seines Aufsatzes anmerkt (S. 31).

An Pierre Braints Überlegungen schließt der Bickerman-Schüler und -Biograph Albert Baumgarten an, der in seinem den Hauptteil des Buchs beschließenden Aufsatz gewissermaßen ein Fazit liefert. Die Unterschiede der Ansichten beider Historiker über den Austausch von Kulturen ließen sich letztlich auf den Erfolg des jeweiligen interkulturellen Lebenslaufes erklären. Rostovtzeff sei in den USA letztlich heimisch geworden, seine russische Herkunft und seine neue Heimat hätten bei ihm zu „a new and more whole identity“ (S. 102) geführt. Entsprechend habe er an eine Schaffung neuer genuiner Identitäten durch die Mischung mehrerer Kulturen geglaubt. Bickerman dagegen habe mit seiner ohnehin geteilten russisch-jüdischen Identität größere Schwierigkeiten gehabt, in Deutschland und Frankreich heimisch zu werden, während er die USA bis zum Ende seines Lebens verabscheuen sollte. Vor diesem Hintergrund habe seine Bewertung von Kulturvermischung weit pessimistischer ausfallen müssen. Anders als Rostovtzeff sah er eine Neuschaffung nicht für möglich an und vertrat letztlich die Ansicht, dass sich die Nicht-Europäer (zu denen er sich der Herkunft nach zählte) heute nur zwischen der überlegenen europäischen Kultur und der indigenen Kultur entscheiden könnten (S. 103).

Rostovtzeff und Bickerman würden diese biographischen Ausdeutungen wohl weniger gefallen, waren sie doch ihrer Ausbildung und ihrem Selbstverständnis nach positivistisch eingestellt und ganz auf die exakte Beschäftigung mit den Quellen konzentriert. Ob man den Autoren des Beitrags in ihrer biographischen Ausdeutung folgen mag, muss jeder für sich entscheiden; in jedem Fall liefert der Band anregende Gedanken für die Beschäftigung mit diesen beiden wichtigen Althistorikern. Als Einführung bietet er sich freilich nicht an, er richtet sich ganz klar an Forscher, die mit Rostovtzeff und Bickerman bereits vertraut sind. Diese werden sich über den Nachdruck des Aufsatzes von Bickerman sowie die kurzen (bisher unveröffentlichten) Texte von Rostovtzeff im Anhang sowie die umfangreiche Bibliographie freuen.

Anmerkungen:
[1] Albert Baumgarten, Elias Bickerman as a Historian of the Jews. A Twentieth Century Tale, Tübingen 2010.
[2] Vgl. u.a. William M. Calder III., s.v. Rostovtzeff, Michael, in: Ward W. Briggs (Hrsg.), Biographical Dictionary of North American Classicists, Westport 1994, S. 541–547, sowie Karl Christ, Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker der Neuzeit, Darmstadt 1972, S. 334–349.
[3] Gerald Kreucher (Hrsg.), Rostovtzeffs Briefwechsel mit deutschsprachigen Altertumswissenschaftlern. Einleitung, Edition und Kommentar, Wiesbaden 2005.
[4] Elias Bickerman, Institutions des Séleucides, Paris 1938 (1985 in Russisch neuaufgelegt); Michael Rostovtzeff, The social and economic history of the hellenistic world, Oxford 1941 (deutsche Neuauflagen 1953 sowie 2012).
[5] Vgl. Michael Rostovtzeff, Iranians and Greeks in South Russia, Oxford 1922; ders., Skythien und der Bosporus, Berlin 1931.
[6] Ursprünglich in Renaissance 2 (1945), S. 381–392.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.05.2017
Beiträger
Redaktionell betreut durch