J. Richardson u.a. (Hrsg.): Andreas Alföldi in the Twenty-First Century

Cover
Titel
Andreas Alföldi in the Twenty-First Century.


Herausgeber
Richardson, James H.; Santangelo, Federico
Reihe
Habes 56
Erschienen
Stuttgart 2015: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
327 S.
Preis
€ 56,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jasmin Welte, Historisches Institut, Abteilung für Alte Geschichte und Rezeptionsgeschichte der Antike, Universität Bern

Der vorliegende Sammelband geht auf eine Konferenz an der University of Wales ein, die dem bekannten ungarischen Althistoriker Andreas Alföldi gewidmet gewesen ist. In ihrer Einleitung (S. 11–21) skizzieren die beiden Herausgeber James H. Richardson und Federico Santangelo das Ziel des Bandes: Verschiedene Aspekte Alföldis wissenschaftlicher Arbeit sollen vorgestellt und kritisch verortet werden. Dabei soll gezeigt werden, wann er seine Ideen und Konzepte zum ersten Mal erarbeitet habe, wie diese geholfen hätten, eine Debatte weiter zu entwickeln und welchen Stand sie in der damaligen Wissenschaft gehabt hätten. Aus dieser Zielsetzung resultiert ein bunter Strauß von insgesamt sechzehn Beiträgen, die biographische Aspekte behandeln, aber auch die wissenschaftliche Leistung Alföldis besprechen und deren Wert in der aktuellen Forschung eruieren. Passend zum sprachgewandten Althistoriker, der in zahlreichen Sprachen publizierte, enthält der Sammelband Beiträge in Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch.

Eröffnet wird der Reigen durch mehrere Beiträge, die sich mit Alföldis Biographie und seinem akademischen Werdegang beschäftigen. Den Anfang macht János György Szilágyi (S. 23–36), der Alföldis akademisches Umfeld in Ungarn skizziert und dessen Aufsatz 1999 schon einmal veröffentlicht wurde. Seraina Ruprecht (S. 37–64) behandelt hingegen Alföldis acht Jahre in der Schweiz, wo er in Bern und Basel wirkte, bevor er einen Ruf nach Princeton annahm. Erstmals erarbeitet sie aus den Archivalien detailliert seinen Weg von Budapest in die Schweiz und beschreibt seine dortige Tätigkeit, wobei sie bedingt durch ihre Quellenauswahl in erster Linie institutionelle Abläufe, vor allem die Berufung nach Bern und die Entstehung des ersten althistorischen Lehrstuhls an der dortigen Universität, thematisiert. Auch Arnaldo Marcone (S. 65–76) wählt einen biographischen Ansatz. Allerdings arbeitet er nicht mit Archivalien, sondern versucht Alföldis Biographie über dessen Publikationen und durch einen Vergleich mit dem russischen Althistoriker Michael Rostovtzeff zu schärfen. Dabei gelingt es ihm zu zeigen, dass in den Arbeiten der beiden Althistoriker der Einfluss von persönlichen Erfahrungen evident ist und sich teilweise in der unreflektierten Benutzung von anachronistischen Begriffen wie „Bourgeoisie“ äußerte. Der verstorbene deutsch-ungarische Althistoriker Géza Alföldy (S. 201–217) betont in seinem Beitrag zum Konzept der Krise des 3. Jahrhunderts ebenfalls den Einfluss, der die jeweilige Biographie der beiden Althistoriker auf ihre wissenschaftliche Arbeit hatte.

Immer wieder wird im Sammelband zudem deutlich, welche große Rolle den Münzen in Alföldis Werk zukam und dass der Althistoriker ein Pionier bei der Anwendung von numismatischer Evidenz in historischen Analysen war. Deutlich wird dies beispielsweise im Beitrag von Frank Kolb (S. 153–165), der sich mit Alföldis Caesar-Bild beschäftigt und dieses in eine Reihe mit der deutschen Forschung zu Caesar setzt, mit der sich der Althistoriker intensiv auseinandergesetzt habe. Dabei kann Kolb zeigen, dass auch Alföldis Interpretation von Caesars Zeit und deren Protagonisten von seinen persönlichen Erfahrungen geprägt wurde. Anders als etwa Strasburger gelangte er aber aufgrund der zeithistorischen Geschehnisse nicht zu einem negativen Caesar-Bild, sondern wollte diesen vielmehr gegen kritische Stimmen verteidigen. Für sein Urteil zu Caesar stützte sich Alföldi stark auf Münzen, nicht nur, um das Verlangen der „Massen“ nach einem Retter zu beweisen, sondern auch, um Caesars clementia, von der er besonders fasziniert war, zu erläutern. Kolb zeigt dabei, dass die Art, wie Alföldi Münzen für die Rekonstruktion von Caesars Geschichte nutzte, auch Kritik anzog. Er bezieht sich hierbei auf die Diskussion über einen Denarius, der während Caesars letzten Wochen geprägt wurde. Alföldi habe darin das Diadem gesehen, von Antonius angeboten und von Caesar zurückgewiesen, wie es an einem Nagel im kapitolinischen Tempel hänge, während andere für eine misslungene oder beschädigte Pressform argumentiert hätten. Die Bedeutung der numismatischen Evidenz für Alföldis wissenschaftliche Arbeit zeigt sich auch in Tom R. Stevensons Beitrag (S. 187–200), der zu Alföldis Pater-Patriae-Konzept schrieb, bei Pierre Assenmaker (S. 167–186), der zeigen konnte, wie sich Alföldis Einschätzung von Augustus und dessen politischen Aktivitäten über die Zeit verändert hatte, bei Federico Santangelo (S. 131–151) und seinen Ausführungen zu den „Redeunt Saturnia Regna“-Arbeiten und bei Francesco Ziosi (S. 247–257), der sich mit Aföldis Forschungen zu Konstantin beschäftigte.

Mit der Bewunderung von Alföldis versierter Nutzung numismatischer Evidenz und weiterer Quellengattungen geht allerdings häufig auch Kritik einher, die sich mit seinem methodischen Vorgehen beschäftigt. Beispielhaft wird dies in T.P. Wisemans (S. 77–88) Beitrag deutlich, der sich mit Alföldis Schrift „Early Rome and the Latins“ auseinandersetzt. Wiseman gliedert seine Darlegung in drei Kapitel mit den Titeln „Dogma“, „Evidence“ und „Authority“. Im ersten Kapitel legt er ein, seiner Meinung nach, signifikantes Element in Alföldis Argumentationen dar, nämlich: „the statement of certain propositions as self-evidently true, or at least not requiring demonstration“. (S. 78) Wiseman demonstriert dies an einem Beispiel aus Alföldis Werk „Die Struktur des voretruskischen Römerstaates“, wo dieser sich zur römischen Wölfin äußert und dabei festhält, dass diese Erzählung nicht auf italischem Boden entstanden sei, sondern nur eine latinische Variante eines mythologischen Schemas sei, das in ganz Eurasien verbreitete gewesen sei. Für diese Aussage liefert Alföldi keine Belege, wie Wiseman konstatiert.

In eine ähnliche Richtung geht James H. Richardsons (S. 111–130) Beitrag, der sich ebenfalls mit „Early Rome“ beschäftigt. Um seine These zu beweisen, dass das frühe Rom klein und unbedeutend war und von Etruskern regiert wurde, musste Alföldi eine große Auswahl schwieriger Quellen meistern. Er legte dabei in seiner Argumentation den Schwerpunkt auf die Fresken in der „Tomba François“ in Vulci und deren Interpretation, den literarischen Zeugnissen schenkte er weniger Beachtung. Vielmehr wählte er sehr selektiv aus, was er den literarischen Quellen „glauben“ wollte –beispielsweise enthält seine Rekonstruktion Elemente aus mehreren literarischen Zeugnissen zur Ankunft der Brüder in Rom – und was nicht. Alföldis Argumente zeigen die Stärke seines Wunsches, die literarische Evidenz mit der archäologischen zu vereinbaren. Richardson hält fest, dass Alföldis Forderung nach einem Beurteilen der Kunst und anderem Fundgut für ein Urteil zum frühen Rom, richtig sei. Allerdings sei weniger klar, in welchem Maß Evidenzen aus sehr verschiedenen Zeiten und Kulturen tatsächlich zusammengebracht werden können, um ein kohärentes Narrativ zu erhalten. Kohärenz erhalte man erst, wenn alle Differenzen und Inkonsistenzen versöhnt wurden, wegerklärt oder ignoriert wurden, was ein riskanter Ansatz sei. Zu Alföldis Ansatz und Gebrauch von Quellen schreibt Richardson abschließend: „Tempting though it may be, to what extent is it actually possible to take fourth century paintings from Etruscan tomb, and combine them with literary texts from several centuries later, especially when those texts say different things, were created for completely different purposes and very different audiences, and presuppose quite different circumstances?“ (S. 127) Eine Frage, deren Beantwortung er in diesem Beitrag leider unterlassen hat.

Des Weiteren hat sich in diesem Sammelband Dominique Briquel (S. 89–110) mit Alföldis Behandlung des Gründungsmythos von Lavinium beschäftigt, Anthony R. Birley (S. 219–246) mit der Bedeutung der Historia Augusta im Werk des Althistorikers und Peter Franz Mittag (S. 259–268) mit den Kontorniaten und deren bedeutenden Rolle in Alföldis Rekonstruktion des spätkaiserlichen Roms. Zsolt Visy (S. 269–291) knüpft in seinem Beitrag an die Diskussion zwischen rumänischen und ungarischen Wissenschaftlern an, die aus politischen Motiven die Geschichte Dakiens untersucht haben; Géza Alföldy (S. 293–314) bildet mit seinem zweiten Beitrag den Abschluss des Bandes und behandelt darin die Forschung zum römischen Pannonien.

Resümierend ist festzuhalten: Mit den Beiträgen ist es den Herausgebern gelungen, diverse zentrale Aspekte in Alföldis Werk zu thematisieren, sodass ein vielseitiges und differenziertes Bild des Althistorikers entsteht. Wie es der Titel des Sammelbandes impliziert, geht es im Band auch darum, nach der Aktualität seines Werkes in der heutigen Zeit zu fragen. Den Autoren ist es zumeist auch gelungen, den Althistoriker bei aller Bewunderung durchaus kritisch zu würdigen, sowohl was seine Konzepte als auch was seine Methoden betrifft. Wünschenswert wäre allerdings gewesen, dass die Herausgeber den Sammelband etwas besser strukturiert hätten. Dies hätte etwa mit Kapiteln zu größeren Themenkomplexen geschehen können, worin dann die betreffenden Beiträge zu finden wären. So muss sich der Leser die wichtigen Charakteristika in Alföldis wissenschaftlichem Werk indirekt durch die Lektüre des gesamten Bandes erschließen. Diese werden aber durchaus deutlich, so etwa Alföldis Tendenz, seine Quellen im Hinblick auf das gewünschte Resultat zu interpretieren, aber auch seine stupende Fähigkeit, die ganze Bandbreite von Evidenz zu nutzen und zu einer Synthese zu verbinden.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.06.2016
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