A. Kuhn (Hrsg.): Social Status and Prestige in the Graeco-Roman World

Cover
Titel
Social Status and Prestige in the Graeco-Roman World.


Herausgeber
Kuhn, Annika B.
Erschienen
Stuttgart 2015: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
342 S.
Preis
€ 56,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Rollinger, Fachbereich III – Alte Geschichte, Universität Trier

Die in diesem reichhaltigen und vielfältigen Band versammelten Beiträge gehen zurück auf eine bereits im November 2012 in München abgehaltene internationale Fachtagung, welche sich den sehr diversen Facetten von sozialem Status, seiner öffentlichen Darstellung und der performativen wie diskursiven Konstruktion von ‚Prestige‘ vor allem in der römischen Welt widmete, wobei der nun vorliegende Tagungsband noch um einige neue Beiträge erweitert wurde.[1] Sie decken in ihrer thematischen und methodischen Breite eine Vielzahl von Facetten römischen Prestigedenkens ab, und dies etwa auf diskursiver (z.B. A. Kuhn, „The Dynamics of Social Status and Prestige in Pliny, Juvenal and Martial“, S. 9–28), performativer (z.B. M. Zimmermann, „Die Darstellung des kaiserlichen Status und seines Prestiges“, S. 189–204) und juristischer Ebene (B. Sirks, „Status and Rank in the Theodosian Code“, S. 291–302).

Thematische Schwerpunkte werden von sich zum Teil aufeinander beziehenden Einzelbeiträgen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, so etwa die Entstehung und Entwicklung der offiziellen Titel- und Ranghierarchie innerhalb der Oberschicht in den lesenswerten Beiträgen von Matthäus Heil („Die Genese der Rangtitel in den ersten drei Jahrhunderten“, S. 45–62) und Ségolène Demougin („Titres officiels, titres officieux“, S. 63–86), oder auch der christliche Reflex im spätantiken Prestigedenken, der sich gerne im Gebrauch von ostentativen Demutsformeln wie servus dei oder doulos theou äußerte (siehe die Beiträge von U. Ehmig, S. 303–314 und R. Haensch, S. 315–340). Diese inhaltliche Vielfalt spiegelt sich auch auf methodischer Ebene, in Beiträgen zu römischen und rheinländischen Grabmonumenten (W. Eck, „Grabmonumente in Rom und im Rheinland: Reflex von sozialem Status und Prestige?“, S. 165–188), epigraphisch ausgerichteten Untersuchungen kommunaler Ehreninschriften im griechischen Osten (O. van Nijf, „Civic Mirrors: Honorific Inscriptions and the Politics of Prestige“, S. 233–246 und A. Heller, „Membership of the boulê in the Inscriptions of Asia Minor: A Mark of Elevated Social Status?“, S. 247–268) sowie prosopographischen Überlegungen zum album aus Herculaneum, einer inschriftlich überlieferten Personenliste mit römischen und romanisierten Namen, deren sozialer Status seit längerer Zeit debattiert wird (A. Wallace-Hadrill, „The Album of Herculaneum: Problems of Status and Identity“, S. 115–152).[2]

Es ist hier nicht der Platz, um diese und die übrigen Beiträge alle individuell zu besprechen. Eine kleinere Auswahl, die nicht zuletzt den Interessen des Rezensenten geschuldet ist, soll allerdings im Folgenden kurz skizziert werden.

Als äußerst gelungen muss man den oben bereits erwähnten Beitrag von Martin Zimmermann bezeichnen (S. 189–203). Er behandelt die öffentlich-repräsentative Darstellung kaiserlichen Prestiges und genauer die fundamentale Paradoxie des kaiserlichen Status, der sich gegenüber aristokratischen und nicht-aristokratischen Schichten in unterschiedlicher Weise zeigen musste. Zimmermann zeigt das „Janusköpfige“ (S. 194) in der Präsentation kaiserlichen Ranges anschaulich anhand performativer und habitueller Elemente und skizziert dabei die Bedeutung individueller Rituale wie des Wangenkusses (S. 192f.) oder der regelmäßigen Wechsel des kaiserlichen Kostüms (inklusiver seiner herrschaftlichen Attribute, wie paludamentum oder Szepter: S. 194–195).[3] Wie soziale Hierarchisierung mit Hilfe solcher Standesabzeichen wie Kleidung und Insignien, Entwicklung neuer Repräsentationsformen und ostentative Bewahrung eines altaristokratischen Comments dabei Hand in Hand gingen, zeigt Zimmermann auch anhand des bereits unter Augustus begonnenen Brauches, sich mittels einer geschlossenen Sänfte transportieren zu lassen. Der These Jan Meisters, dies sei vom ersten Princeps ersonnen worden, um somit „seine Person der Huldigung“, die dem „republikanischen Schein-Habitus“[4] widersprochen hätte, „zu entziehen“ (S. 197), schließt Zimmermann sich nicht an. Vielmehr beruft er sich auf aktuelle Forschungen zur Repräsentation und Ritualkultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, die sich auf das Konzept der „Präsenzkultur“ beziehen und interpretiert den Umgang mit kaiserlichem Prestige als gelenkt von einem gesellschaftliche Realität und politische Autorität kommunikativ und performativ herstellenden Prozesses, dessen wesentliches Merkmal nicht zuletzt gerade die Augenzeugenschaft ist (S. 196–200).[5] Die Vorstellung, die Kaiser haben sich der nicht-republikanischen Huldigung entzogen, um das Theater der res publica restituta nicht als solches zu entlarven, ist nach Zimmermann damit fehlerhaft (oder doch zumindest unvollständig), und überhaupt müsse die Frage nach der Zur-Schau-Stellung kaiserlichen Prestiges – oder: Zeremoniells – „in einem umfassenden Sinne im Kontext zeitgenössischer Präsenzkultur betrachtet werden“ (S. 198 und S. 200).

Annika Kuhn selbst widmet sich in ihrem nicht minder lesenswerten zweiten Beitrag (S. 205–232) zu diesem Band der politischen Dimension von Status und Prestige, indem sie beide Begriffe konkret als machtpolitische Ressource begreift und anhand des Prinzipats des Claudius exemplarisch darstellt, wie die Kaiser Statussymbolik bewusst einsetzen konnten, um ihre eigene Legitimation zu erhöhen. Gerade Claudius biete sich dafür an, der doch „im Urteil der antiken Autoren alles andere als kaiserliche Autorität, Würde und Charisma“ ausstrahlte (S. 205). Aus der Konstatierung dieses „Prestige-Defizits“ (S. 206) heraus sei Prestige „unabdingbare Voraussetzung für die Konsolidierung seiner Herrschaft“ (S. 212) geworden. Kuhn unterscheidet dabei zwischen „legitimen“ Prestige (die sich in traditionellen, von Augustus etablierten und am römisch-aristokratischen Wertekanon orientierten Formen, wie etwa der Sieghaftigkeit/gloria zeigen sollte) und illegitimer, da unverdienter Würdigung („un-ehrliche Ehrung“, S. 212), die sie als „lediglich aufgrund seiner Führungsstellung“ motiviert sieht, und sich exemplarisch in der Verleihung der ornamenta consularia zeigte, die Claudius anstelle des von ihm mehrfach reklamierten Konsulats von Tiberius verliehen wurden (S. 207). Im Weiteren skizziert Kuhn dann eine regelrechte „Politik des Prestiges“ (S. 214), mit Hilfe derer Claudius als Kaiser die Ambitionen von Hof und Senat gleichermaßen zu regulieren trachtete (S. 214–226), indem er konkrete und ideelle Statussymbole als ‚Prestigewährung’ vergab.[6]

Der Beitrag von Henrik Mouritsen zur Demographie und sozialen Hierarchie Pompejis (S. 87–114) unterzieht schließlich traditionelle Vorstellungen der römischen Gesellschaft – und besonders die von Géza Alföldy und Aloys Winterling angebotenen schematischen Darstellungen („Gesellschaftspyramide“)[7] – einer kritischen Untersuchung. Er nimmt dabei die Verteilung und relative Anzahl von pompeijanischen Häusern, die sich einzelnen sozialen Ständen zuordnen lassen, und Überlegungen zur Existenz einer von ihm so benannten ‚middling (nicht ‚middle‘) class’ zwischen (erweitertem) kurialen Stand und den Familienverbänden der Eliten auf der einen, und der Masse der freien Bevölkerung auf der anderen Seite, zum Anlass, ein neues Gesellschaftsmodell zu postulieren, welches sich vom pyramidalen Aufbau entfernt. Stattdessen konzeptualisiert er munizipale soziale Hierarchien als eine Zahl konzentrischer Kreise, deren innerster Zirkel von einer inoffiziellen Elite innerhalb des Kurialstandes gebildet wurde, in deren Händen Macht und Vermögen stets kumuliert blieben (S. 105f.). Die innovative Verbindung von archäologischer Evidenz und sozialtheoretischen Überlegungen liefert spannende neue Sichten auf ein bereits seit Jahrzehnten umstrittenes Thema, wobei sie gleichzeitig auch den Blick für konzeptuelle Probleme etwa der Visualisierung von sozialen Zuständen schärft (S. 87f.; S. 97f.; S. 101–106).

Die oben skizzierten Beiträge machen allerdings gerade durch ihre Überzeugungskraft auch eine strukturelle Schwachstelle des Bandes deutlich. Dieser einzige signifikante Kritikpunkt wird gleich zu Beginn der Lektüre offensichtlich, denn der Leser wird sehr unvermittelt, nach einem äußerst knappen Vorwort (S. 7), in medias res gestürzt. Zu bedauern ist das Fehlen einer thematischen Einleitung, die als Klammer für die untereinander doch sehr divergenten Studien dienen könnte, so dass der ‚Tagungsbandcharakter’ dieser Aufsatzsammlung recht ausgeprägt ist. Eine Auseinandersetzung mit den zentralen Begrifflichkeiten des Bandes (‚Prestige‘, ‚Sozialstatus’) wäre zudem angeraten gewesen und hätte eine durchaus lohnende theoretische Fundierung gerade des Prestigekonzeptes ermöglicht. In Abwesenheit einer solchen theoretischen Durchdringung ist nicht immer ganz klar, wie sich einzelne Autoren in ihren Arbeiten zu ‚Prestige’ positionieren und die doch beträchtlichen Unterschiede zwischen verschiedenen Formen gesellschaftlichen Prestiges (etwa repulikanischer dignitas und spätantiker Rangtitelkonkurrenz) werden damit nicht immer angemessen gewürdigt. Wenngleich, wie gesehen, individuelle Autoren in ihren Beiträgen durchaus auch theoretisch fundiert vorgehen, ist das Gesamtbild uneinheitlich und eine analytische Schärfung wäre bisweilen wünschenswert gewesen, gerade bei jenen Studien, die von ihrer Natur her vornehmlich empirisch angelegt sind.

Dieser gerade bei Tagungsbänden oft gehörte methodische Einwand nimmt den Beiträgen allerdings nichts von ihrer individuellen Güte. Sie sind durchgehend auf einem qualitativ sehr hohen Niveau und die Lektüre des sauber edierten und vorbildlich präsentierten Bandes ist in jedem Fall gewinnbringend, lässt sie den Leser doch mit einem fundierten Einblick in die vielfältigen Spielweisen von Prestige und Status ebenso wie mit einem Eindruck von den zukünftig noch zu erwartenden reichhaltigen Forschungen zu diesem Thema zurück.

Anmerkungen:
[1] Der Bezug auf die griechische Welt im Titel ist insofern etwas irreführend, als dass die durch ihn geweckten Erwartungen nicht erfüllt werden: Von 16 Studien befassen sich nur zwei explizit mit Fallbeispielen aus dem griechischen Osten und nur eine davon behandelt neben der kaiserzeitlichen auch die hellenistische Epoche. Beiträge zu Prestige und Status in der griechischen Archaik oder Klassik fehlen dagegen völlig.
[2] CIL X 1403a–1; AE 1978, 119a–d; AE 1992, 286a–d.
[3] Siehe dazu auch die immer noch aktuelle Studie von Andreas Alföldi, Die monarchische Repräsentation im römischen Kaiserreich, Darmstadt 1970, die in jüngerer Zeit von einer Reihe von Einzelstudien ergänzt wurden, etwa Thomas Schäfer, Imperii insignia. Sella curulis und fasces. Zur Repräsentation römischer Magistrate, Tübingen 1989; Birgit Bergmann, Der Kranz des Kaisers, Genese und Bedeutung einer römischen Insignie, Berlin/New York 2010 und Martin Zimmermann, Die Repräsentation des kaiserlichen Ranges, in Aloys Winterling (Hrsg.): Zwischen Strukturgeschichte und Biographie. Probleme und Perspektiven einer neuen Römischen Kaisergeschichte, 31 v.Chr. – 192 n.Chr., München 2011, S. 181–205.
[4] Jan Bernhard Meister, Der Körper des Princeps. Zur Problematik eines monarchischen Körpers ohne Monarchie, Stuttgart 2012, S. 239–241.
[5] Vergleiche vor allem die von Zimmermann genannten Arbeiten: Gerd Althoff, Inszenierte Herrschaft. Geschichtsschreibung und politisches Handeln im Mittelalter, Darmstadt 2003; Barbara Stollberg-Rilinger, Des Kaisers alte Kleider. Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches, München 2008 und siehe auch die für das Mittelalter maßgebliche Studie von Geoffrey Koziol, Begging Pardon and Favor. Ritual and Political Order in Early Medieval France, Ithaca 1992.
[6] Ein Gedanke, der bereits von Jon E. Lendon, Empire of Honour. The Art of Government in the Roman World, Oxford 1997, besonders S. 55–73, aufgeworfen wurde.
[7] Géza Alföldy, Römische Sozialgeschichte, 4. Aufl., Stuttgart 2011; Aloys Winterling, ‚Staat‘, ‚Gesellschaft‘ und politische Integration in der römischen Kaiserzeit, in Klio 83 (2001), S. 93–112.