V. Vahtikari: Tragedy Performances outside Athens

Cover
Titel
Tragedy Performances outside Athens in the Late Fifth and the Fourth Centuries BC.


Autor(en)
Vahtikari, Vesa
Reihe
Papers and Monographs of the Finnish Institute at Athens 20
Erschienen
Anzahl Seiten
XII, 334 S., 11 Tab., XXI Bildtafeln
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elisabeth Günther, Excellence Cluster TOPOI 264, Institut für Klassische Archäologie, Freie Universität Berlin

Es mag ja sein, dass der berühmte Omphalos im Apollonheiligtum in Delphi verortet war – dennoch war und ist für die griechisch geprägten Altertumswissenschaften in vielerlei Hinsicht Athen der Nabel der Welt. Dieser „Athenozentrismus“ liegt nicht zuletzt in der Quellenlage begründet, die Athen in der Rolle als Bezugsgröße gewissermaßen zum Dreh- und Angelpunkt der Forschung werden lässt. Umso mühevoller und lohnenswerter ist es, sich mit dem Griechenland „außerhalb Athens“ zu beschäftigen, was in den letzten Jahren zunehmend in den altertumswissenschaftlichen Disziplinen in Angriff genommen wurde. Mittlerweile ist hierbei die Popularität der griechischen Komödie außerhalb Athens vermehrt Gegenstand der Forschung.[1] Nun folgt mit der Publikation der Dissertation von Vesa Vahtikari an der Universität Helsinki eine ausgesprochen umfangreiche und sorgfältige Gesamtstudie der außerhalb Athens aufgeführten Tragödien im 5. und 4. Jahrhundert v.Chr. mit interdisziplinärem Anspruch.

Das Vorhaben Vahtikaris wird in der knappen und prägnanten Einleitung (S. 1–9) schnell deutlich. Er widmet sich in erster Linie vier Fragen: Welche Tragödien wurden außerhalb Athens aufgeführt? Wann ist die Verbreitung der Theateraufführung anzusetzen? Wo, in welchen Städten und zu welchen Anlässen wurden die Tragödien aufgeführt? Und welche Bühnenmaschinen wurden wie häufig eingesetzt? Hierzu arbeitet er sich mühevoll durch alle verfügbaren Quellengattungen und bezieht – zwar von der Altphilologie kommend, aber interdisziplinär ausgerichtet – auch archäologische Quellen sowie Inschriften und Papyri mit ein. Wie ein großes Puzzle fügt Vahtikari die fragmentarischen und disparaten, jedoch zahlreichen Zeugnisse zu einem großen Gesamtbild zusammen: „All the relevant evidence is accessible. It comes from both archaeological and textual sources and, although it is sporadic and fragmentary, it is still possible to draw some conclusions based upon it“. (S. 7)

Im zweiten Kapitel („Evidence“, S. 11–78) stellt Vahtikari die relevanten Quellengattungen vor, also literarische und dokumentarische Quellen von Inschriften und Papyri bis hin zu Fragmenten, Scholien und intertextuellen Bezügen sowie archäologische Quellen wie Theaterbauten, die in mehreren Karten übersichtlich verzeichnet werden. Dabei nehmen Vasenbilder mit Bezug zu einer tragischen Aufführung eine gewichtige Rolle und immerhin 38 Seiten ein; auch im weiteren Verlauf seiner Analysen bilden sie neben den literarischen Quellen die wichtigste Informationsquelle. Basierend auf den Ansätzen von Roscino[2] und Taplin[3] stellt er ein eigenes System von „iconographic elements“ (S. 23–51) zusammen, anhand derer er rein mythische Darstellungen zu unterscheiden sucht, um bei der Deutung möglichst keinen Zirkelschlüssen zu unterliegen. Den Schwierigkeiten hierbei ist er sich vollauf bewusst, insbesondere was das problematische Verhältnis von Vorlage und Vasenbild betrifft – nicht alle Elemente müssen nämlich zwangsläufig einer Theateraufführung entnommen sein, sie können auch von anderen Vasenbildern inspiriert oder vom Vasenmaler erdacht sein (S. 22). Obwohl Vahtikari diese Problematik anspricht, führt er diese jedoch nicht weiter aus, sondern geht, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, darüber hinweg: „All I am trying to achieve is to uncover ways of recognizing the possible influence of actual theatre performances on the vase paintings. Perhaps it will prove a hopeless task, but it is still worth trying“. (S. 22)

Genau hierin liegt allerdings nach Auffassung des Rezensenten ein methodischer Fehler, denn es wird nicht klar, worin dieser „mögliche Einfluss“ („possible influence“) genau bestehen soll, was zu Unsicherheiten in der Interpretation führt.[4] Hinzu kommt, dass auch die Vielschichtigkeit der Vasenbilder, ihre ästhetischen, ökonomischen und soziokulturellen Rahmen nicht durchdrungen werden. Vahtikari verharrt bei der (üblichen) Reduktion auf eine illustrierende Darstellung, wodurch die Analyse der Vasenbilder nicht nur oberflächlich bleibt, sondern auch kein verlässliches Fundament für weiterführende Interpretationen bieten kann. Ausgesprochen nützlich und hilfreich ist allerdings Appendix II (S. 249–304), in dem alle Vasen aufgeführt werden, die Vahtikari mit einer Tragödienaufführung in Verbindung bringt. Die Tabelle mit 619 Vasen, alphabetisch geordnet nach den (lateinischen) Titeln der jeweiligen Tragödie, kann online abgerufen werden[5], sodass über Verlinkungen direkt auf die Abbildungen der Vasen auf öffentlich zugänglichen Websites zugegriffen werden kann, wobei aber auch der gedruckte Band insgesamt mit Abbildungen und Farbtafeln gut ausgestattet ist.

Im dritten Kapitel widmet sich Vahtikari denjenigen Tragödien, deren Aufführung außerhalb Athens belegt ist („Known Theatre Performances outside Athens“, S. 79–124). Hierzu zählen die Aufführungen des Aischylos in Sizilien, allen voran die „Aetnaeae“, aber auch die „Perser“, deren Wiederaufführung in Sizilien um 470 v.Chr. er für wahrscheinlich hält, sowie der „Prometheus vinctus“, dessen Wiederaufführung in Sizilien ihm zumindest möglich erscheint; erwähnt wird zudem eine Aufführung des „Archelaus“ des Euripides in Makedonien. Für die Analyse der ländlichen Dionysien (hauptsächlich über Inschriften) stellt Vahtikari Tragödienaufführungen in neun Demen fest, wobei er auch hier die Zeugnisse in einer Karte verzeichnet (was allerdings zu keinen weiteren Schlussfolgerungen führt). Deutlich ergiebiger werden die Quellen ab Alexander dem Großen, wobei aber die Verlässlichkeit der Zeugnisse häufig in Frage zu stellen ist. Anschließend werden Belege für Feste mit dramatischen Aufführungen und bekannte Schauspieler und Tragödienautoren, die nicht aus Athen stammten, erörtert.

Im vierten Kapitel bespricht Vahtikari solche Tragödien, die sehr wahrscheinlich außerhalb Athens (wieder-)aufgeführt wurden („Some Tragedies Which Were Very Probably Performed outside Athens“, S. 125–198), so die „Andromeda“ des Euripides, die „Choephoroe“ des Aischylos und der „Oenomaus“ des Sophokles oder Euripides. Diese werden in alphabetischer Reihenfolge behandelt, wobei alle verfügbaren Quellen dargestellt werden. Sofern sich eine gewisse Anzahl von Vasenbildern zuordnen lässt, werden deren Fundorte in einer Karte verzeichnet. Tragödien, die nur wahrscheinlich oder möglicherweise außerhalb Athens aufgeführt wurden, sind in Appendix I ausgelagert (S. 221–250).

Die Ergebnisse werden im Fazit („Conclusion“, S. 199–220) kurz zusammengefasst und ausgewertet, es kommen allerdings auch neue Analysen hinzu, was das Fazit eher sprunghaft und abrupt erscheinen lässt. Vahtikari führt zunächst die Informationen über die Lage der Theaterbauten, Fundorte und Verortung der Werkstätten der Vasen sowie über Schauspieler und Autoren von Tragödien wie Komödien aus der Magna Graecia zusammen. Hierbei ergeben sich Syrakus, Tarent, Metapont, Heraklea, Thurii und Lipari als die „Zentren“ des Theaters – was nicht überraschen dürfte. Aufgrund der zahlreichen Funde von Tragödienvasen in indigenen Gebieten (vor allem Ruvo und Canosa) geht er davon aus, dass hier durchaus eine Kenntnis der Tragödienstoffe bestand. Die Verbreitung des Theaters setzt Vahtikari um 350 v.Chr. an (S. 207). Anschließend analysiert er die verschiedenen Mythenkreise (der trojanische ist der beliebteste) sowie den Einsatz von Mechane und Ekkyklema, die er als sehr beliebt herausstreicht, und postuliert schließlich, dass der „Klassikerkanon“ durch die zahlreichen Wiederaufführungen außerhalb Athens gebildet worden sei. Abschließend stellt er fest, dass die Tragödien des Euripides deutlich dominierten. Eine Bibliographie (S. 305–326), Indices (S. 327–332), drei Appendizes (Appendix III enthält eine Übersicht über alle Tragödien) sowie 21 Farbtafeln beschließen den Band.

Vahtikari hat eine knappe und übersichtliche Analyse der Tragödienaufführungen außerhalb Athens vorgelegt, die durch eine beeindruckende Fülle an Zeugnissen und eine sorgfältige Aufarbeitung des Materials besticht. Ein Manko ist sicherlich, dass hierdurch die Detailanalyse (etwa zum Verhältnis zwischen Vase und Vorlage) auf der Strecke bleiben muss und manche Analyse ohne weitere Ergebnisse und letztlich ziellos bleibt. Somit kann Vahtikari auch nicht mit neuen Ansätzen oder Erkenntnissen überraschen – sieht man vielleicht von der interessanten Annahme ab, dass es eben gerade die Wiederaufführungen außerhalb Athens waren, die zur Herausbildung des „Klassikerkanons“ führten. Der Band ist ein „quod erat demonstrandum“, das eine gute Grundlage bietet, die Schätze des griechischen Dramas weiter auszuschürfen.

Anmerkungen:
[1] Darunter Kathryn Bosher (Hrsg.), Theater outside Athens. Drama in Greek Sicily and South Italy, Cambridge 2012, sowie Eric Csapo / Hans Rupprecht Goette / J. Richard Green / Peter Wilson (Hrsg.), Greek Theatre in the Fourth Century B.C., Berlin 2014 (letztere Publikation konnte von Vahtikari leider nicht mehr berücksichtigt werden).
[2] Carmela Roscino, L’immagine della tragedia. Elementi di caratterizzazione teatrale ed iconografia nella ceramica italiota e siceliota, in: Luigi Todisco (Hrsg.), La ceramica figurata a soggetto tragico in Magna Grecia e in Sicilia, Roma 2003, S. 223–359.
[3] Oliver Taplin, Pots and Plays, Los Angeles 2007, S. 37–43.
[4] So werden zum einen die unterschiedlichen Formen der Fesselung von Andromeda (einmal an einen Felsen, einmal an Stäbe oder auch an einen Thron) auf unterschiedliche Aufführungen zurückgeführt, das Vasenbild also „wörtlich“ genommen; zum anderen werden jedoch Geschehnisse, die so nicht auf der Bühne denkbar wären, als visuelle Wiedergabe eines Botenberichtes verstanden (S. 188) oder – wie ein leibhaftiger Hippocamp auf einer apulischen Pelike des Felton-Malers (Würzburg, Martin von Wagner-Museum H 4606, S. 141, Abb. 38) – gar nicht erklärt. Widersprüchlich ist auch die Deutung eines Volutenkraters des Dariusmalers (London, British Museum 1856,1226.1, F279): „Although there are some discrepancies between this vase painting and the play […], the vase painting is still best explained as ‚related to the messenger speech in Euripides’ Hippolytus‘“. (S. 169)
[5] Eine Excel-Datei, abrufbar unter: <http://www.finninstitute.gr/en/publications> (Stand: 23.08.2015).

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05.10.2015
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