A.-J. Rabenschlag: Völkerfreundschaft nach Bedarf

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Titel
Völkerfreundschaft nach Bedarf. Ausländische Arbeitskräfte in der Wahrnehmung von Staat und Bevölkerung der DDR


Autor(en)
Rabenschlag, Ann-Judith
Reihe
Stockholm Studies in History 102
Erschienen
Anzahl Seiten
295 S.
Preis
Skr 114,48
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Pampuch, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Mit ihrer an der Universität Stockholm verfassten Dissertation[1] legt Ann-Judith Rabenschlag eine umfangreiche Arbeit vor, die sich diskursanalytisch mit Arbeitsmigranten/innen in der DDR befasst. Durch die Wahl von Ungarn und Mosambik als Entsendeländer hofft die Autorin, „Unterschiede in der [diskursiven] Konstruktion von inner- und außereuropäischen Vertragsarbeitern herausarbeiten zu können“ (S. 63). Ihr Erkenntnisinteresse gilt dem Ausländerbild in Staat und Gesellschaft der späten DDR. Für ihre Analyse zieht Rabenschlag ausschließlich schriftliche Überlieferungen aus der Zeit der DDR heran. In Abgrenzung zu Ansätzen der Oral History überhöht sie etwas den Wert schriftlicher Zeugnisse wenn sie schreibt, Interviews mit Zeitzeugen/innen seien für die Rekonstruktion historischer Ereignisse oder Diskurse selbst in Kombination mit anderen Quellentypen nur bedingt geeignet (S. 37). Mit der zeitlichen Einschränkung will sie sich auch von Forschungen abgrenzen, denen es primär um Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern geht (S. 33).[2] Rabenschlags Arbeit „knüpft insofern an die Debatte um den totalitären Charakter der SED-Herrschaft an […], als sie die diskursive Hegemonialität des Regimes einer kritischen Prüfung unterzieht“ (S. 49). Damit stellt sie den offiziellen Diskurs der DDR in Frage, wonach mit der Überwindung des Kapitalismus auch die Rassismen verschwunden seien. Sie interessiert jedoch weniger die Diskrepanz zwischen Ideologie und Wirklichkeit in Bezug auf Ausländer/innen, sondern wie dieser Widerspruch im Alltag gehandhabt worden sei (S. 40).

Entsprechend ist Rabenschlag daran gelegen, Kontingenz und Widerspruch diskursiv zu erfassen (S. 42). Der Übergang von NS-Diktatur zum Staatssozialismus stelle eine radikale diskursive Umwälzung dar (S. 44), in deren Folge die Menschen in der DDR mit zwei sich widersprechenden Sichtweisen auf Fremde konfrontiert wurden (S. 45). Der Sozialismus habe zu einer neuen Sprachpolitik mit Völkerfreundschaft als einem zentralen Begriff geführt. Rabenschlag verwendet dafür das von James C. Scott entwickelte Konzept des public transcript.[3] An ihren Quellen interessieren Rabenschlag sowohl die Inanspruchnahme als auch mögliche Abweichungen von diesem public transcript der Völkerfreundschaft, wie sie es nennt. So will sie die Möglichkeit einer Koexistenz unterschiedlicher oder gegensätzlicher Diskursebenen in einer Diktatur herausarbeiten (S. 46).

Zu den Quellen gehören die Tageszeitungen „Neues Deutschland“, „Junge Welt“ und „BZ am Abend“, die Frauenzeitschrift „Für Dich“, die in Westeuropa erschienene „DDR-Revue“ sowie evangelische Zeitschriften wie „Nah & Fern“, „Glaube und Heimat“ oder „Der Sonntag“.[4] Hinzu kommen eine größere Auswahl an Berichten von Betrieben aus dem archivalischen Nachlass der Abteilung Ausländische Arbeitskräfte im Staatssekretariat für Arbeit und Löhne sowie ebenfalls dort bearbeitete Eingaben von DDR-Bürgern/innen. Rabenschlag insistiert darauf, dass Eingaben im Gegensatz zu Interviews mit Zeitzeugen/innen den Vorteil hätten, „DDR-Bürger zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese Äußerungen durch im Nachhinein konstruierte Erinnerungen modifiziert worden sind“ (S. 169). Während der empirische Teil, anhand dessen der Umgang mit dem public transcript herausgearbeitet werden soll, umfangreich ausfällt (S. 69–215), sind der theoretische Ansatz (S. 41–51) und vor allem der die Fragestellung leitende Teil „Gründungsmythos Antifaschismus und das public transcript der Völkerfreundschaft“ knapp gehalten (S. 51–59).

Die Analyse der Presseauswertung liest sich anregend und enthält eine Fülle von aufschlussreichen Details. Eine kritische Medienberichterstattung zum sensiblen Thema der Arbeitsmigration sei schwerlich möglich gewesen und versucht worden, es entweder zu vermeiden oder beschönigend darzustellen. So wurde in der Regel von Auszubildenden bzw. Qualifizierenden und nicht von ausländischen Werktätigen gesprochen (S. 86ff.). Bei der seltenen Darstellung problematischer Sachverhalte habe die Redaktion auf Leserbriefe zurückgegriffen, um diese mäßigend kommentieren zu können (S. 101). Der in den 1980er-Jahren anwachsende Rassismus wurde wenn dann eher in kirchlichen Organen angesprochen (S. 106, 109). Interessant ist die Beobachtung, dass mit der Vermeidung geschlechtsspezifischer Unterscheidungen (S. 99, 110) ein paternalistischer und infantilisierender Gestus vorgeherrscht habe (S. 98f.).

Anhand der Kontrollberichte, die die Betriebe über die ausländischen Arbeitskräfte zu verfassen hatten, zeigt Rabenschlag, dass Mosambikaner/innen im Durchschnitt über eine niedrigere Vorbildung verfügten (S. 129) und ihr Einsatz konfliktreicher verlief als der von Ungarn/innen (S. 133). Neben Verweisen auf berufliche Qualifizierungen und ideologische Schulungen betonen die Berichte die Bedeutung des Arbeitseinsatzes für die Beziehungen zwischen der DDR und den Entsendeländern. Sie enthalten aber gemäß planwirtschaftlicher Logiken auch Angaben zur Produktivität. Interessanter ist Rabenschlags Vermutung, dass rassistisches oder auch nur als solches interpretierbares Verhalten der DDR-Bevölkerung gegenüber Mosambikanern/innen als möglicher Auslöser ihres teilweise „unangemessenen“ Verhaltens seitens der Betriebe kaum als solches interpretiert werden konnte, weil das public transcript dafür keinen Raum ließ (S. 152).

Eine dritte Quellengruppe stellen Eingaben dar. Für den Zeitraum von 1978 bis 1989 konnte Rabenschlag knapp 200 davon recherchieren, die einen Bezug zur Arbeitsmigration aufweisen. Im Verhältnis zur Gesamtzahl, so Rabenschlag, sind dies auffällig wenige, nur für 1989 vermerkt sie einen exponentiellen Anstieg (S. 173f.). Von Ausländern/innen verfasste Eingaben, die sie ebenfalls recherchiert hat, bezieht Rabenschlag nicht in ihre Auswertung ein (S. 175). Dadurch festigt sie die Dichotomie von In- und Ausländern/innen, obwohl diese in der Eingabepraxis der DDR gewissermaßen aufgehoben war, und bringt diejenigen, über die geschrieben wird, um eine eigene Stimme. Den so zusammengestellten Korpus unterteilt sie in Eingaben zu binationalen Partnerschaften, Eingaben von Christen/innen und Sozialisten/innen, diesen Eingaben inhaltlich entgegengesetzte Beschwerden sowie Eingaben um 1989, in denen sich mehrere Kategorien überschneiden.

Ausländern/innen positiv gegenüberstehende Eingaben halten sich demnach etwa die Waage mit solchen, die sie ablehnend thematisieren; Eingaben zu binationalen Partnerschaften, bei denen es in der Regel um Aufenthaltsfragen und Eheschließungen geht, stammen fast ausschließlich von Frauen (S. 177). Angesichts des hohen Anteils männlicher Arbeitsmigranten ist das nicht weiter überraschend. Aber die Tatsache verhältnismäßig vieler Partnerschaften stützt Rabenschlags Beobachtung, wonach in den Medien ein asexuelles Bild von Arbeitsmigranten/innen vorherrschte (S. 99); womöglich sollten binationale Partnerschaften damit nicht zusätzlich motiviert werden.[5] Bezüglich dieser Eingaben behauptet Rabenschlag außerdem, dass viele der Verfasserinnen bewusst oder unbewusst gegen antizipierte Vorurteile bzw. ein pejoratives Ausländerbild anschreiben würden. Als Beispiele nennt sie einschränkende Nebensätze wie „Obwohl er ein Mosambikaner ist, habe ich nie gezweifelt und Bedenken gehabt…“ oder es sei doch ein humanes Recht „mit dem Vater meiner zwei Kinder, auch wenn er Ausländer ist, täglich ein glückliches und harmonisches Familienleben zu führen“ (S. 182f.). Ob diese Formulierungen nicht eher die offizielle Missbilligung binationaler Ehen adressieren, sei dahingestellt. Eine andere Beobachtung, die hinsichtlich jüngerer Phänomene wie Pegida zu denken gibt, bezieht sich auf die Zunahme fremdenfeindlicher Eingaben 1989. Der Bruch mit dem alten, von einem diktatorischen Regime vertretenen Diskurs, so die Autorin, wurde teilweise als Ausdruck des neuen demokratischen Zeitgeistes gerechtfertigt (S. 211).

Rabenschlag resümiert, dass im public transcript der Völkerfreundschaft zwischen den Zeilen versteckte ethnozentristische bzw. rassistische Gedankenmuster in wohlwollend-paternalistischer Weise konserviert worden seien (S. 228f.). Das ist sicher zutreffend. Doch stellt sich spätestens hier die Frage nach der Konzeptionalisierung des als Folie für den Migrationsdiskurs dienenden public transcripts. Rabenschlags wesentliche Kritik richtet sich gegen die Behauptung der DDR, bei ihrer Entwicklungspolitik handele es sich um uneigennützige Hilfe. Tatsächlich wären jedoch neben dem „politisch-ideologischen Anspruch“ sowohl eigene Wirtschaftsinteressen als auch geopolitische Interessen der Sowjetunion entscheidend gewesen (S. 57). Zwar habe die DDR „hinsichtlich ihrer Afrika-Politik in der Regel in Übereinstimmung mit weltweit anerkannten völkerrechtlichen Prinzipien“ gehandelt und ihr die „Unterstützung afrikanischer Befreiungsbewegungen […] deutsche wie internationale Sympathien“ (S. 56) eingebracht. Doch die geringe Berücksichtigung außereuropäischer Geschichte sowie das Eingeständnis eines ehemaligen DDR-Diplomaten, wonach dieses positive Bild durch die Vorenthaltung demokratischer Prinzipien im eigenen Land getrübt werde, führen Rabenschlag vorschnell zu einer tendenziell negativen Bewertung. Das beeinflusst ihren empirischen Teil zum Migrationsdiskurs, was aber durch die Vielfalt an herangezogenen Quellen und Beobachtungen ausgeglichen wird.

Anmerkungen:
[1] Open Access unter: <http://sh.diva-portal.org/smash/get/diva2:759865/FULLTEXT01.pdf> (11.07.2016).
[2] Exemplarisch dazu: Jan C.Behrends / Thomas Lindenberger / Patrice G. Poutrus, Fremde und Fremd-Sein in der DDR. Zu historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland, Berlin 2003.
[3] Vgl. James C. Scott, Domination and the Arts of Resistance. Hidden Transcripts, New Haven 1990.
[4] Bei der Auswahl überrascht das Fehlen der „Berliner Zeitung“ und „Neuen Zeit“, die gemeinsam mit dem „Neuen Deutschland“ bequem online durchsuchbar sind <http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/ddr-presse/> (02.06.2016).
[5] Von Sarah Pugach recherchierte Akteneinträge über Beziehungen ostdeutscher Frauen zu afrikanischen Studenten in Leipzig legen nahe, dass binationale Partnerschaften häufiger vorkamen. Vgl. Sarah Pugach, African Students and the Politics of Race and Gender in the German Democratic Republic, in: Quinn Slobodian (Hrsg.), Comrades of Color: East Germany in the Cold War world, New York 2015, S. 131–156.