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Titel
Falsche Freunde?. Italiens Geschichtspolitik und die Frage der Mitschuld am Zweiten Weltkrieg


Autor(en)
Focardi, Filippo
Erschienen
Paderborn 2015: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
350 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Malte König, Universität Duisburg-Essen

Anfang der 1990er-Jahre geriet der italienische Resistenza-Mythos in die Kritik. Reichweite wie Ausmaß von Antifaschismus und Widerstand, die als Gründungsmythen des neuen Staates seit 1946/47 hatten herhalten müssen, wurden von der Forschung skeptisch hinterfragt, ihre Bedeutung schrittweise reduziert. Bereits 1991 konstatierte der Zeithistoriker Pietro Scoppola in einem Interview, dass das Erbe der Resistenza „politisch und ideologisch instrumentalisiert worden“ sei. In den Folgejahren wurde der Mythos – insbesondere im Rahmen der Debatte um Renzo De Felices Schrift „Rosso e Nero“ – regelrecht dekonstruiert, bis ein wissenschaftlicher Blick auf den historischen Widerstand der Italiener möglich war. Ebenso wie die damaligen Studien aus der zunehmenden Beschäftigung mit Erinnerungskultur entstanden, ebenso gründet die Untersuchung Filippo Focardis auf der Frage nach der politischen Nutzung von Vergangenheit. Während bei ersteren aber der Fokus auf der Entzauberung eines Mythos lag, richtet Focardi diesen auf den Prozess einer „Verzauberung“, indem er den Faktoren nachspürt, die zur Entstehung einer verzerrten kollektiven Erinnerung beitrugen.

Gegenstand seiner Studie, die 2013 zunächst in italienischer Sprache erschien, ist das Begriffspaar „böser Deutscher – guter Italiener“, auf dessen Zusammenspiel in der Ausbildung des Topos Italiani brava gente 1994 erstmals David Bidussa hingewiesen hat.[1] Indem Focardi penibel herausarbeitet, wie die permanente Gegenüberstellung von Deutschen und Italienern zur Verklärung der eigenen Geschichte genutzt wurde, führt er vor, was der Alptraum aller Befürworter des „Historischen Vergleichs“ sein muss – nämlich der gezielte Missbrauch dieses Instruments. Als Untersuchungszeitraum wählt er die Jahre 1943–1947, die Zeitspanne zwischen der Ausrufung des Waffenstillstands und den ersten Nachkriegsjahren, weil dies die Phase umfasst, in der der Friedensvertrag zwischen Italien und den Siegermächten vorbereitet und ausgehandelt wurde. Die Hauptthese Focardis lautet, dass der Grundstein des nützlichen Stereotyps vom „bösen Deutschen“ in diesem Zeitraum gelegt wurde, um Italien einen harten Friedensvertrag zu ersparen.

Dass die Ausgangslage für eine solche Geschichtspolitik 1943 günstig war, wird im ersten Kapitel herausgestellt. Die Propaganda der Alliierten habe das antideutsche Leitmotiv vorgegeben, indem sie bewusst zwischen dem italienischen Volk auf der einen Seite und Faschisten wie Nationalsozialisten auf der anderen unterschied. Seit 1940 zielte Großbritannien darauf ab, die Achse Berlin-Rom zu spalten und einen Separatfrieden mit Italien zu vereinbaren. In den Radiokommentaren wurde die Schuld für den Krieg daher Mussolini und den Deutschen angelastet, nicht der italienischen Bevölkerung.

Wie diese Interpretation während der Kriegsjahre in Italien aufgegriffen und weiterentwickelt wurde, ist Thema des zweiten Abschnitts, in dem der Bürgerkrieg im Zentrum steht. Nach der Erklärung des Waffenstillstands und der Gründung der Repubblica Sociale Italiana sei in der geteilten Nation ein Deutungskampf um die Frage entbrannt, wer das Vaterland verraten habe: der König und sein Regierungschef Pietro Badoglio, die im September 1943 gegenüber den Allierten kapitulierten, oder Benito Mussolini, der das Land an der Seite Hitlers in den Krieg geführt hatte? Um die Monarchie zu retten, hätten sich Vittorio Emanuele III. und seine Anhänger scharf vom faschistischen Diktator abgegrenzt und diesem allein das Bündnis mit Deutschland zugeschrieben. Diese Verurteilung des deutschen Verhaltens ist laut Focardi auch der Punkt, in dem Monarchisten und Antifaschisten in der Schlussphase des Krieges eine gemeinsame Position fanden, wie im dritten Kapitel beschrieben. Im März 1944 hätten sich die Kommunisten zur sogenannten „Wende von Salerno“ durchgerungen, um gemeinsam mit der monarchistischen Regierung den nationalen Befreiungskampf voranzubringen: Nur wenn man sich am Krieg gegen Deutschland beteilige, könne Italien auf eine günstige Verhandlungsposition in der Nachkriegszeit hoffen.

In Kapitel 4 und 5 wird die Tendenz nachgezeichnet, mit der politische Wortführer wie Pietro Nenni, Carlo Sforza oder Benedetto Croce ab 1944 dazu übergingen, das italienische Volk als das „erste Opfer von Faschismus und Nationalsozialismus“ zu stilisieren. Indem Zeitungsartikel und die reichhaltige Erinnerungsliteratur vornehmlich die Leiden der italienischen Soldaten – etwa während des Rückzugs vom Don – herausstellten, rückte deren Rolle als aggressive Eroberer in den Hintergrund. Sowohl die nationalkonservative und monarchistische Presse als auch die Blätter der antifaschistischen Linken hätten die italienische Bevölkerung dabei von jeder Schuld frei gesprochen und die Verantwortung für Stahlpakt, Kriegseintritt und Rassismus personalisiert. Schuldig waren diesen Darstellungen zufolge allein Mussolini und seine engsten Mitarbeiter.

Das Hauptthema des Buches – die Gegenüberstellung von „bösem Deutschen“ und „gutem Italiener“ – steht im Zentrum der beiden letzten Abschnitte. Indem der Brutalität der deutschen Militärs die angebliche Humanität der eigenen Soldaten entgegengehalten wurde, seien die Sympathien für die Italiener bewusst verstärkt worden, so Focardi. Wiederum habe dieser Verklärungsprozess von Vorlagen der Alliierten profitiert. Denn namhafte Journalisten wie der Amerikaner Herbert L. Matthews unterstrichen in ihren Schriften, dass der Italiener „in erster Linie ein Mensch [sei], und dann erst ein Faschist“, der Deutsche hingegen sei „eine Maschine“. Regierungsvertreter wie Mario Luciolli oder Roberto Ducci griffen diese Sichtweise dankbar auf und untermauerten sie mit Beispielen: Griechen seien gegen die Übergriffe deutscher Soldaten verteidigt worden, in Kroation hätten sich Italiener für Juden eingesetzt, im Russlandfeldzug sei die Nähe zur russischen Mentalität deutlich geworden. Als den italienischen Kriegsverbrechern der Prozess gemacht werden sollte, betonten italienische Zeitungen, dass es deutliche Unterschiede zwischen dem Verhalten der Deutschen und dem der Italiener gegeben habe. Obwohl Auslieferungsanträge für über 729 Militärangehörige vorlagen und viele Ermittlungsverfahren schon weit fortgeschritten waren, gelang es der Regierung in Rom, die Prozesse zu verhindern; anders als Deutschland erlebte Italien kein „Nürnberg“. Ohne entsprechende Prozesse gab es jedoch auch keine Recherchen, keine Berichterstattung, keine Diskussion – dem Verdrängen und Vergessen der eigenen Untaten waren Tür und Tor geöffnet. Stattdessen, so Focardi, hätte die italienische Presse mit großer Aufmerksamkeit die Prozesse gegen die deutschen Kriegsverbrecher verfolgt, die das weit verbreitete Bild von der „Nazibestie“ erhärteten.

Mit „Falsche Freunde?“ liefert Focardi eine intelligente Analyse, die jedem empfohlen sei, der verstehen möchte, wie verfälschte Erinnerungen in einer Gesellschaft Wurzeln schlagen. Dass Vergleiche nicht nur aufklärend, sondern auch verklärend eingesetzt werden können, wurde selten so eindrucksvoll demonstriert. Wenn sich beim informierten Leser aber auch eine leichte Enttäuschung breit macht, so liegt das an dem vielversprechenden Titel und den Vorarbeiten Focardis. Zum einen würde wohl niemand, der ein Buch mit dem Untertitel „Italiens Geschichtspolitik und die Frage der Mitschuld am Zweiten Weltkrieg“ bestellt, auf den Gedanken kommen, dass der Betrachtungszeitraum im Jahr 1947 endet. Zum anderen erweckt die Studie, die im Kern auf Focardis Doktorarbeit aus dem Jahr 1999 beruht, den Eindruck, als habe der Autor sie mit seinen eigenen Aufsätzen bereits überholt.[2] Dass etwa die Warnung vor dem „Bumerang-Effekt“ keine Erwähnung findet, mit welcher italienische Diplomaten 1946 davon abrieten, auf die Auslieferung deutscher Kriegsverbrecher zu drängen, überrascht – handelt es sich doch um eine Entdeckung Focardis. Für ein drittes Manko ist der Verlag verantwortlich: Dem Buch hätten ein gründlicheres Lektorat und eine Bibliographie gut getan. Der Index reicht nicht aus, um bibliographische Angaben im Fußnotenapparat aufzuspüren, zumal ein Autor wie „Focardi, Filippo“ im Namensregister gar nicht auftaucht – ein Forscher, an dem bei diesem Thema aber zweifelsohne kein Weg vorbeiführt.

Anmerkungen:
[1] David Bidussa, Il mito del bravo italiano, Mailand 1994.
[2] Es genügt, auf einige Artikel in deutscher Sprache zu verweisen: Filippo Focardi, Die Unsitte des Vergleichs. Die Rezeption von Faschismus und Nationalsozialismus in Italien und die Schwierigkeiten, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, in: Gian Enrico Rusconi / Hans Woller (Hrsg.), Parallele Geschichte? Italien und Deutschland 1945–2000. Vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur europäischen Einigung, Berlin 2006, S. 107–139; ders., Das Kalkül des „Bumerangs“. Politik und Rechtsfragen im Umgang mit deutschen Kriegsverbrechen in Italien, in: Norbert Frei (Hrsg.), Transnationale Vergangenheitspolitik. Der Umgang mit deutschen Kriegsverbrechern in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, Göttingen 2006, S. 536–566; ders., Die Erinnerung an den Faschismus und der „Dämon der Analogie“, in: Christiane Liermann u.a. (Hrsg.), Vom Umgang mit der Vergangenheit: Ein deutsch-italienischer Dialog, Tübingen 2007, S. 177–194.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.12.2016
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