D. Flach (Hrsg.): Tibull und seine Fortsetzer

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Titel
Tibull und seine Fortsetzer. Zweisprachige Gesamtausgabe


Herausgeber
Flach, Dieter
Reihe
Texte zur Forschung
Erschienen
Anzahl Seiten
248 S.
Preis
€ 79,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Mindt, Institut für Klassische Philologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Der Althistoriker und Philologe Dieter Flach, der seit den 1990er-Jahren mehrere römische Prosatexte und Prosaautoren ediert, übersetzt und kommentiert hat, setzt seine Arbeit an der lateinischen Liebeselegie fort. 2011 hatte er in zwei Bänden Properz herausgegeben, übersetzt und kommentiert[1] und damit gewissermaßen an seine Dissertation[2] angeknüpft. Nun legt er eine zweisprachige Gesamtausgabe der drei unter dem Namen des Tibull überlieferten Bücher vor, also der Gedichte von Tibull und seinen „Fortsetzern“ – so die durchaus geschickt gewählte neutrale Bezeichnung.

Den vier Teilen Einleitung, Text und Übersetzung, Kommentar sowie Bibliographie stellt Flach ein kurzes Vorwort voran (S. VII), in dem er auf ihm wichtige Charakteristika der Edition, des Kommentars und der Übersetzung hinweist: Sein Text weise lediglich drei Lücken von insgesamt nur etwas mehr als vier Versen auf (Tib. 1,10,27, 2,3,16 und 2,3,79), die anderen Lücken könnten gefüllt werden. Die Übersetzung sei in rhythmisierter Prosa verfasst und könne daher Satzbau und Wortfolge besser wiedergeben. Nicht nur in den Kommentar, sondern auch in die Übersetzung fließe seine Forschungsarbeit ein. Mit seinem Text, seiner Übersetzung und seinem Kommentar wolle er Irrtümer verbessern.

All diese Aspekte werden in der Einleitung (S. 3–41) vertieft, welche sich zunächst ausführlich zur Textkonstitution sowie Übersetzung und Kommentar äußert. Für die Bücher 1 und 2 nimmt Flach einen ausführlichen Vergleich mit der Textausgabe von Friedrich Walter Lenz vor (S. 3f.), die er als „immer noch unentbehrliche […] Editio maior“ (S. 3) ansieht.[3] Andere durchaus einflussreiche Editionen, wie etwa die von Luck, sind lediglich unter den Ausgaben der Primärtexte („Quellen“, S. 241–243) angeführt.[4] Im Vergleich mit Luck, der verhältnismäßig häufig Lücken ansetzt (an sieben bzw. neun Stellen), liest man bei Flach einen ziemlich geschlossenen Tibull. Für das dritte Buch des corpus Tibullianum legt Flach jede Abweichung von Lenz und Hermann Tränkle[5] dar, hält bei 72 der 83 Textfragen den Befund der mittelalterlichen und frühzeitlichen Schreiber für das bessere Zeugnis (S. 6) und resümiert, dass es im dritten Buch keine einzige Textverderbnis gebe, „die nicht nach den bewährten Grundsätzen verantwortungsbewusster Textkritik zu heilen wäre“ (S. 7).

Zur Übersetzung führt er die bereits genannten Grundsätze etwas weiter aus (S. 8–11) und äußert sich dann knapp zum Kommentar, der die nötigsten Informationen geben wolle. Diese Abschnitte zu Text, Übersetzung und Kommentar hätten auch formal von den folgenden Teilen abgetrennt werden können (wie im Inhaltsverzeichnis). Überhaupt irritieren der Aufbau (inhaltlich und auch optisch) und die Ausrichtung der Einleitung: Im Abschnitt „Tibull im Spiegel seiner Umwelt“ sind durchaus heterogene Dinge diskutiert. Flach beginnt mit dem Nachruf auf Tibull durch Domitius Marsus (auf S. 12 unten fälschlicherweise als Domitius Macer bezeichnet) und der Vita Tibulli, bei der er sich als Attribut zu Messalla für originem (als „Born“ übersetzt) und gegen oratorem entscheidet. Danach kommen einige Anmerkungen zu den Lebensumständen Tibulls, unter anderem auch zu seinem Verhältnis zu Messalla, bevor Flach im Abschnitt „Tibull im Vergleich mit Properz“ mehr zu Properz, Horaz und Maecenas als zu Tibull selbst sagt, offensichtlich eine Reminiszenz an seine Dissertation. Es sind neben Ausschnitten auch ganze Elegien des Properz in (Flachs) Übersetzung abgedruckt: Prop. 2,29; 2,31 sowie 4,8 (nur als letzte Elegie, die der Cynthia gewidmet ist, ausgezeichnet statt mit der genauen Angabe von Buch und Gedicht). Nach diesen Ausführungen schließt ein letzter Teil zum dritten Buch die Einleitung („Tibull und die Fortsetzer“), wobei der hinführende Absatz auch hier graphisch von den Unterabschnitten zu Lygdamus, zum Panegyricus auf Messalla, zu Sulpicia, zu Gedicht 19 und dem abschließenden Epigramm hätte abgetrennt werden können.

Die Bewertung einer Veröffentlichung, gerade einer wissenschaftlichen, sollte sich nicht an Layout-Fragen aufhängen, doch auch die Präsentation von Text und Übersetzung ist gewöhnungs- bzw. verbesserungsbedürftig: Was schon bei der Properz-Ausgabe auffiel, ist hier nicht geändert worden. Neben der traditionellen Verszählung in Fünferschritten wird eine Zweierzählung pro Distichon in eckigen Klammern hinzugefügt, im lateinischen wie im deutschen Text. Das mag Orientierung und Vergleichbarkeit schaffen. Schwerwiegender ist aber ohnehin, dass die Kopfzeile lediglich das Buch, nicht das Gedicht anzeigt.

In der Übersetzung bemüht sich Flach, wie im Vorwort angekündigt, einigermaßen um die Beibehaltung der Informationsfolge. Semantisch geht er bisweilen vereindeutigend vor, indem er die Wortbedeutung expliziert (das mag dem intendierten Publikum einer zweisprachigen Ausgabe durchaus entgegenkommen). Zu lang ist freilich „Um Ereignisse, denen einzutreten es bestimmt ist, bitte und bete ich“ für das kurze eventura precor ausgefallen. Es finden sich des Öfteren Alternativen in eckigen Klammern – eine nicht häufige, aber durchaus legitime Lösung, um „Wahlmöglichkeiten zu benennen“ (S. 11) und Schwierigkeiten bei Übersetzungsentscheidungen abzubilden. Manchmal hätte sich Flach auch entscheiden können (etwa in 1,24 io als „juchhe“ oder „hurra“ oder 1,52 ob nostras vias als „ob [wegen] meiner Reisen“), an anderen Stellen gibt er wörtliche und interpretierende Bedeutungen an, etwa ianua … victa in 2,9 als „Tür … überwältigt [erweicht]“. Solche Alternativen finden sich nicht nur bei Wortbedeutungen, sondern auch bei syntaktischen Erscheinungen, etwa bei solchen, bei denen Flach in der Übersetzung einen Wortartwechsel vornimmt, beispielsweise in 1,58 quaeso segnis inersque vocer „lasse ich mich gerne schlaff und untauglich schimpfen [schimpfe man mich dich bitte träge und unnütz]“, hier noch mit unterschiedlichen lexikalischen Lösungen.

Textphilologisch wird Flachs „Tibull und seine Fortsetzer“ in mancher Einzelentscheidung sicherlich zu Diskussionen führen: 1,2,26 füllt er mit nec mihi se comitem denegat ipsa Venus aus Prop. 3,16,20, Lygd. 6,10, Ov. ars 1,127 (im kritischen Apparat mit Druckfehler oomitem statt comitem). Die zumeist als korrupt angesehene Wiederholung von stet procul in 1,642 tut er lapidar mit „sic recte O H P Q C ς, alii aliter“ ab. Für 1,6,72 schlägt er in merito vor und bietet daher im Vergleich zu Luck ein deutlich anderes Distichon, das sicherlich die schwierigere Lesart wäre (et si quid pecasse putet, ducarque capillis / in merito pronas proripiarque vias mit oculos aus dem vorigen Vers als Subjektsakkusativ, im Vergleich zu Luck: et siquid peccasse putet, ducarque capillis / in medias pronus proripiarque vias). In Elegie 2,3 setzt er in der Lücke nach 2,3,14 den Vers 14a als Vers 15 und als Vers 16 immerhin ein dicitur statt eines vollständigen Ausfalls; die von einigen, etwa Luck und Lee, angenommene Lücke nach Vers 34 bzw. Flachs Vers 38 zeigt er nicht an. In 3,2,15 schreibt Flach rogalem (aus Ov. am. 3,9,41) und in Vers 20 ut iam. Für Vers 62 der Elegie 3,6 bietet er eine bedenkenswerte Lösung (tu, puer, in liquidum fortius adde merum mit in statt i). Zu elf Streitfällen aus dem dritten Buch legt Flach auf den Seiten 6–7 durchaus überzeugend dar, wie er diese Textverderbnisse leicht erklären und heilen könne. So ergibt sich ein recht geschlossenes (zu geschlossenes?) corpus Tibullianum.

Der Erklärungsteil (S. 177–238) ist vom Format her zwischen ‚Kommentar‘ und ‚Anmerkungen‘ anzusiedeln, da Flach nicht durchgängig erläutert, sondern selektiv vorgeht und vor allem Mythologisches und Realien sowie Textkritisches und die Übersetzung Betreffendes erklärt. Daher ist zwar vieles gesagt, was bemerkenswert ist, aber sicherlich nicht alles, was zu einem kompletten einfachen Nachvollzug des jeweiligen Gedichts nötig wäre. Denn auch wenn die Ausgabe in der Reihe „Texte zur Forschung“ erschienen ist, sind sicherlich nicht alle Leser vom Fach: Für sie wären hier oder da noch einige Worte mehr etwa zu Struktur und Adressat oder zu literarhistorischen Zusammenhängen (auch Gattungsfragen) wünschenswert gewesen. Die Kontextualisierung Tibulls in der augusteischen Literaturlandschaft, die in der Einleitung vorgenommen wurde, ist dann doch zu sehr an Flachs Dissertation orientiert, um dies auffangen zu können.
In der Bibliographie (etwas antiquiert in „Quellen“ statt ‚Primärliteratur‘ und „Schrifttum“ statt ‚Sekundärliteratur‘ geteilt), die an sich das Wichtigste verzeichnet, wären etwa Navarro Antolín[6], Lee-Stecum[7] und Lyne[8] zu ergänzen.

In gewisser Weise macht Flach in der Einleitung selbst deutlich, welche Rolle er seiner Ausgabe zugedenkt: nämlich auf der einen Seite den Text von Lenz und Tränkle zu ersetzen. Dies tut er in einer kompakten zweisprachigen Ausgabe mit Kommentar und aktualisiert damit auf der anderen Seite zugleich die – gerade in der (metrischen) Übersetzung – veraltete Tusculum-Ausgabe von Willige.[9] Diese Ausgabe wird nicht die maßgebliche bleiben, für den Moment jedoch kommt man trotz der angemerkten Punkte wohl nicht an ihr vorbei, gerade Text und Übersetzung betreffend.

Anmerkungen:
[1] Dieter Flach (Hrsg.), Properz – Elegien. Lateinisch und deutsch. Herausgegeben, eingeleitet und übersetzt von D.F., Texte zur Forschung 99, Darmstadt 2011; ders., Properz – Elegien. Kommentar von D.F., Darmstadt 2011.
[2] Dieter Flach, Das literarische Verhältnis von Horaz und Properz, Diss. Marburg, Gießen 1967.
[3] Friedrich Walter Lenz (Hrsg.), Albii Tibulli aliorumque carminum libri tres, 3. Auflage, Leiden 1971.
[4] Georg Luck (Hrsg.), Albii Tibulli Aliorumque Carmina, Stuttgart 1988.
[5] Hermann Tränkle (Hrsg.), Appendix Tibulliana, Berlin 1990.
[6] Fernando Navarro Antolín, Lygdamus. Corpus Tibullianum III.1
–6 Lygdami Elegiarum Liber, Edition and Commentary, Leiden 1996.
[7] Purshia Lee-Stecum, Powerplay in Tibullus: Reading Elegies Book One, Cambridge 1998.
[8] R.O.A.M. Lyne, Propertius and Tibullus. Early Exchanges, in: Classical Quaterly 48 (1998), S. 519–544.
[9] Wilhelm Willige (Hrsg.), Tibull und sein Kreis, lateinisch und deutsch, München 1966.

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Veröffentlicht am
27.06.2016
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