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Titel
Polnischer Protest. Zur pragmatistischen Fundierung von Theorien sozialen Wandels


Autor(en)
Dietz, Hella
Reihe
Theorie und Gesellschaft 79
Erschienen
Frankfurt am Main 2015: Campus Verlag
Anzahl Seiten
332 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marion Brandt, Institut für Germanistik, Universität Gdańsk

Eine unabhängige Gewerkschaft wie Solidarność hätte es in einem totalitären System eigentlich nicht geben dürfen. Dass es in Polen als dem einzigen Land im Ostblock dennoch vor dem Ende des Staatssozialismus über 16 Monate lang zu einer großen, Reformen einfordernden Massenbewegung kam, erklären Historiker vor allem mit der Tradition der gesellschaftlichen Selbstorganisation, die sich in der polnischen Geschichte angesichts von Teilung und Fremdherrschaft ungewöhnlich stark ausgeprägt hatte.[1] Hella Dietz stellt in ihrer Dissertation die Frage nach dem „empirischen Rätsel“ (S. 16) der Solidarność aus pragmatistisch-soziologischer Perspektive noch einmal neu. Sie versteht ihre Untersuchung als einen Beitrag zur soziologischen Protestforschung, in der die Gründung oppositioneller Gruppen in Polen ab Mitte der 1970er-Jahre primär als eine Reaktion auf politische Veränderungen angesehen wird. Bedingungen seien in der KSZE-Schlussakte von 1975 und der sich verschärfenden Wirtschafts- und Legitimitätskrise des polnischen Staates zu sehen. Dietz will nun aber genuine Faktoren für die Entwicklung von Protest als sozialer Praxis in der Volksrepublik Polen zeigen. Nicht allein äußere Rahmenbedingungen, sondern auch „Deutungsmuster, kognitive Einschätzungen, Interaktionsstrukturen und Selbstbild“ (S. 147) haben die Akteure geprägt. Soziales Handeln versteht Dietz somit nicht nur als Reaktion auf eine Situationsdeutung, sie geht vielmehr davon aus, dass die jeweilige Situation „in Abhängigkeit vom Handlungsproblem“ (S. 52) erst definiert wird. Zugleich stellt die Studie einen Beitrag zur Rezeption der Menschenrechtsproblematik in Polen dar und bewegt sich im Kontext der Diskussionen um die Bedeutung der Menschenrechte für die Opposition in den Ländern des Ostblocks.

Die drei analytischen Kapitel des hier anzuzeigenden Buches folgen dem Verlauf der polnischen Protest- und Oppositionsgeschichte seit den 1970er-Jahren. Im ersten Kapitel rekonstruiert Dietz den Prozess der Annäherung zwischen Vertretern der katholischen Erneuerungsbewegung und Reformsozialisten. Sie zeigt, wie beide Gruppen sich zuvor „von kollektivistischen Haltungen ab- und menschenrechtlich-individualistischen Haltungen“ (S. 136) zugewandt hatten. Publizisten um die katholische Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ und die Zeitschrift „Więź“ sowie aus dem Znak-Kreis katholischer Parlamentsabgeordneter knüpften an den Personalismus von Jaques Maritain an, in dessen Zentrum nicht die katholische Gemeinschaft, sondern der einzelne Mensch steht. Nach gescheiterten Versuchen, die Regierenden zu Konzessionen zu bewegen, suchten sie den Dialog mit Reformsozialisten. Deren Öffnung ihnen gegenüber waren die 1968 endgültig gescheiterten Bemühungen um eine Reformierung des Sozialismus von oben voraus gegangen. Als ein Zeichen des Dialogangebots gilt die Publikation „Genealogien der Aufbegehrenden“ (1971) von Bohdan Cywiński, der sich dafür ausspricht, die Kirche entsprechend den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils für den Dialog mit Nichtchristen zu öffnen. Im Unterschied zu polnischen Oppositionshistorikern hebt Dietz nun hervor, dass Cywiński die Würde des Menschen und die Menschenrechte zu Werten erklärte und als „Medium“ (S. 141) für die Annäherung zwischen Katholiken und Linken in die Diskussion einbrachte. Mittels dieser „geteilten Werte“ (ebd.) hätten die dissidentischen Milieus nicht nur zu einer gemeinsamen Sprache gefunden. In der sozialen Praxis des Dialogs sei es auch zu einer Revision des Selbstverständnisses und zu einer „Überschreitung der eigenen Position auf den Anderen hin“ (S. 142) gekommen.

Welche Bedeutung diese Annäherung und der Dialog der „neuen Aufbegehrenden“ für die Herausbildung oppositioneller Gruppen hatte, untersucht Dietz im zweiten Analysekapitel ihres Buches, das sich mit dem 1976 gegründeten Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (Komitet Obrony Robotników, KOR) beschäftigt. Die These dieses Kapitels lautet, dass die Menschen nicht, wie es der strukturtheoretische Ansatz der Protestforschung nahe legen würde, über eine „große Entscheidung“ und eine „zweckrational motivierte Umdeutung existierender Deutungsmuster“ (S. 225) zur Opposition kamen. Sie schufen vielmehr mittels vieler kleiner Entscheidungen neue Interaktionsstrukturen, die eine Umdeutung der Situation erst ermöglichten. Für ihr oppositionelles Engagement war nicht eine „Abwägung von Kosten und Nutzen“ (S. 224) entscheidend, da die Erfolgsaussichten für Protesthandeln in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre trotz der KSZE-Schlussakte gering, die Risiken dagegen immer noch sehr hoch waren. So erhielten Oppositionelle Berufsverbote, wurden verhaftet, einzelne sogar ermordet. Motivierend wirkten vielmehr zuerst Neugier sowie die „attraktive oppositionelle Identität“ (S. 220) und danach eine „Bewährungslogik“ (S. 225), also das Bestreben, sich und die anderen von der eigenen Haltung zu überzeugen. Grundlage der kollektiven oppositionellen Identität sei das Ethos der „neuen Aufbegehrenden“ gewesen, das in seinem Bezug auf Würde und Menschenrechte neue kognitive Deutungsmuster für den Protest produziert habe.

Im dritten Teil der Analyse betrachtet Dietz die Gründung und Geschichte der Solidarność und deren Verhältnis zu KOR. Während des Danziger Streiks im August 1980 habe sich in einem Prozess, den sie mit Hilfe des Konzepts der Liminalität von Victor Turner und von Émile Durkheims Religionssoziologie als eine „rituelle Gründungserfahrung“ (S. 249) beschreibt, ein „neuer kollektiver Akteur“ (S. 246) herausgebildet. Im erfolgreichen Kampf gegen den gemeinsamen politischen Gegner sei durch ein von starken Emotionen begleitetes Überschreiten der Grenze zwischen dem politisch Realen und dem Wünschbaren eine „liminale communitas“ entstanden. Diese hob ideelle Differenzen unter ihren Mitgliedern zeitweilig auf und stellte in einem vorpolitischen, moralischen Sinn das „Uns“ der Gemeinschaft dem „Sie“ der Regierenden gegenüber. Solidarność habe den zivilgesellschaftlichen Deutungsrahmen des KOR um die „Theologie der Nation“ von Primas Stefan Wyszyński und um das Märtyrer-Frame (nach Sidney Tarrow) erweitert. Menschenrechte seien jetzt „tendenziell eher als Freiheitsrechte der Protestgemeinschaft“ (S. 306) aufgefasst worden. Dass sich führende KOR-Mitglieder in den 1980er-Jahren vom Projekt der gesellschaftlichen Selbstorganisation abwandten und 1989 mit Regierungsvertretern einen „Elitenkompromiss“ (S. 290) schlossen, erklärt Dietz aus deren in den 1970er-Jahren geformten Selbstverständnis. Teilen der polnischen Gesellschaft wäre dieser Kompromiss dagegen als Verrat an der moralisch gefassten oppositionellen Gemeinschaft der Jahre 1980/81 erschienen.

Hella Dietz gibt in ihrer Studie einen fundierten und detaillierten Einblick in die Geschichte der polnischen Opposition, der nur an wenigen Stellen meist sehr kleine Sachfehler enthält (zu den größeren zählt die Feststellung, dass Bogdan Borusewicz die Freien Gewerkschaften der Ostseeküste gegründet habe. Er war zwar das aktivste Mitglied, die Gründung aber initiierte Krzysztof Wyszkowski [2]). In kritischer Auseinandersetzung mit wichtigen, zumeist nicht in deutscher Sprache vorliegenden soziologischen Arbeiten schlägt sie eine überzeugende Erklärung für die Entwicklung der Opposition vor, mit deren Hilfe sie die zwei wichtigsten Akteure – KOR und Solidarność – von innen heraus, also von den Handlungsdynamiken und -motivationen der Beteiligten her beschreiben kann. Nicht ganz nachvollziehbar ist allerdings, dass sie die Bereitschaft zum Kompromiss mit den kommunistischen Machthabern 1989 und andererseits die Ablehnung des Gesprächs mit ihnen aus einem Gegensatz zwischen den oppositionellen Identitäten von KOR (dialogoffen) und Solidarność (konfrontativ abgrenzend) erklärt. Eine solche Scheidelinie lässt sich nur schwer ziehen, wenn man bedenkt, dass Solidarność-Führer wie Lech Wałęsa, Zbigniew Bujak und Władysław Frasyniuk zum Gespräch mit den Regierenden bereit waren, die KOR-Mitbegründer Antoni Macierewicz und Piotr Naimski hingegen nicht. Auch die Frage, weshalb die Aktivisten von KOR sich 1976 gegenüber der Gesellschaft öffneten und sich Ende der 1980er-Jahre wieder von ihr abwandten, lässt sich durch den Verweis auf ein menschenrechtliches Ethos nicht ausreichend beantworten. Hier müssten wohl zusätzliche Faktoren wie politische Sozialisationen, Ausdifferenzierungen innerhalb der Opposition und Verläufe oppositioneller Karrieren seit 1980 sowie allgemein die Problematik der (Selbst-)Positionierung von Intellektuellen im Staatssozialismus zwischen den politischen Eliten und der Gesellschaft berücksichtigt werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. bspw. Hans Henning Hahn, Die Selbstverteidigung der Gesellschaft. Einige Bemerkungen zur Entwicklung einer politischen Mentalität, in: Jerzy Holzer, Solidarität. Die Geschichte einer freien Gewerkschaft in Polen, München 1985, S. 9–21; ders., Zur Dichotomie von Gesellschaft und Staat in Polen. Genese und Aktualität eines Grundmusters der politischen Mentalität, Köln 1989.
[2] Vgl. bspw. Gwiazdozbiór w „Solidarności”. Joanna i Andrzej Gwiazdowie w rozmowie z Remigiuszem Okraską, Łódź 2009, S. 84ff.

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01.09.2016
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