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Titel
Der Fall "Publik". Katholische Presse in der Bundesrepublik Deutschland um 1968


Autor(en)
Bock, Florian
Reihe
Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen 128
Erschienen
Paderborn 2015: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
553 S., 6 SW-Abb., 2 Tabellen
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
René Schlott, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Dass kirchliche Wochenzeitungen einst eine höhere Auflage als die „ZEIT“ hatten, ist heute kaum noch vorstellbar. Bis in die 1960er-Jahre allerdings überstiegen die Gesamtverkaufszahlen der evangelischen Zeitung „Christ und Welt“ und des katholischen „Rheinischen Merkurs“ diejenigen des Hamburger Blattes. Heute sind beide Blätter in einer Beilage der „ZEIT“ aufgegangen. Mit dem gescheiterten Versuch der Etablierung einer weiteren kirchlichen Wochenzeitung am Ende der 1960er-Jahre beschäftigt sich Florian Bock in seiner 2013 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum eingereichten Dissertation, die nun als Buch erschienen ist. Die Arbeit reiht sich in eine Serie von Forschungen zum Verhältnis von Medien und Religion ein, die in den letzten Jahren unter anderem im Rahmen der Bochumer DFG-Forschergruppe „Transformation der Religion in der Moderne“ entstanden sind.[1]

Im Mittelpunkt von Bocks Untersuchung steht das überregionale Wochenblatt „Publik“, das von 1968 bis 1971 erschien und dann bereits wieder eingestellt wurde. Die Gründung der Zeitung ging auf einen Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz vom Februar 1967 zurück, die im Aufbruchsgeist des II. Vatikanischen Konzils (1962–1965) eine katholische Publikation neuen Typs etablieren wollte – auch um im massenmedialen Ensemble der Bundesrepublik mit gewichtigerer Stimme aufzutreten. Im Gegensatz zur bestehenden Bistumspresse, die eine ältere, kirchentreue Leserschaft aus regelmäßigen Gottesdienstbesuchern ansprach, sollte das neue Organ eine andere Zielgruppe aus jüngeren, auch eher kirchenfernen Leserinnen und Lesern anvisieren. Zu den Autoren des Blattes gehörten deshalb zahlreiche Politiker aller wichtigen Parteien, etwa Helmut Kohl oder Helmut Schmidt. Zu den vertraglichen Mitarbeitern der in Frankfurt am Main ansässigen Redaktion zählten namhafte Journalisten wie Peter Scholl-Latour oder Harry Valérien.

Mit den Gründen für das Ende dieses kurzlebigen Zeitungsexperiments hat sich bereits eine 1999 erschienene Doktorarbeit auseinandergesetzt.[2] Bock grenzt sich von dieser Untersuchung ab und analysiert die Einstellung breiter auf Grundlage der Rezeption des II. Vatikanischen Konzils und der Friktionen innerhalb des bundesdeutschen Katholizismus. Er differenziert die Ursachen für das schnelle Scheitern von „Publik“ weiter aus und nimmt etwa auch ökonomische Kennzahlen in den Blick, die gegen eine Fortführung des mittelbar von der Deutschen Bischofskonferenz mit insgesamt 28 Millionen D-Mark finanzierten Blattes sprachen. Da aber bis heute alle kirchlichen Medien subventioniert werden müssen und der Vatikan seine Kommunikationsorgane jährlich mit mehreren Millionen Euro bezuschusst, greift die Erklärung zu kurz.[3] Wesentlich überzeugender klingt das Argument, „Publik“ sei schlicht am mangelnden Leserzuspruch gescheitert. Letztlich wurde bei einer hohen Abonnenten-Fluktuation nur eine Stammleserschaft von 20.000 Lesern erreicht. Viele der Abonnements gingen zudem auf die berüchtigte Kolonnenwerbung zurück, also auf meist unlautere Haustürgeschäfte, was dem Ruf von „Publik“ nachhaltigen Schaden zufügte. Die Rentabilitätsschwelle hätte die kirchliche Wochenzeitung erst bei mindestens 170.000 verkauften Exemplaren erreicht, wie ein Gutachter errechnete (S. 273). Angesichts einer Gesamtzahl von 27 Millionen Katholiken in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1970 (was damals einem Bevölkerungsanteil von 45 Prozent entsprach) sicher keine völlig unrealistische Zielgröße. Doch das Blatt blieb letztlich ein Misserfolg. „Sein Tod war vorprogrammiert: Denn es sollte zwar liberal sein, aber dennoch katholisch. Es sollte so schön sein wie die ‚Zeit‘ und so fromm wie der ‚Rheinische Merkur‘. […] Es sollte zwar Geld kosten, aber nicht gleich 28 Millionen.“ (S. 458) So fasste die Satire-Zeitschrift „Pardon“ das nicht auflösbare Dilemma um „Publik“ damals pointiert zusammen.[4]

Bock nennt die zwischen Konservativismus und Linkskatholizismus mäandernde Linie des Blattes, mit starker Tendenz zum Letzteren, eine Überforderung der Leser. An dieser Stelle besticht die Studie mit ihrer Originalität, denn entgegen dem bestehenden Master-Narrativ, dass die progressive kirchliche Wochenzeitung am Widerstand der mehrheitlich konservativen Bischöfe gescheitert sei, unternimmt Bock den – überzeugenden – Versuch, „den Fall Publik einmal anders zu lesen, nämlich als Projekt einer katholischen Intellektuellenelite, die – inspiriert von den Reformen des Zweiten Vatikanums – dem bundesdeutschen Katholizismus ein Forumskonzept anbot, das zwar mit dem auf dem Konzil neu gewonnenen Kirchenbild gewissermaßen als Erfüllung eines lang gehegten Ideals korrespondierte, einen Großteil der Katholiken der damaligen Bundesrepublik aber schlichtweg überforderte“ (S. 371). Die Diskussion um die Ausrichtung von „Publik“ verlief dabei entlang bis heute intakter Trennlinien und bestehender Konfliktfraktionen, wenn sich etwa der konservative Joseph Ratzinger (damals Theologie-Professor in Regensburg) jeder Unterstützung des Blattes verweigerte, der eher progressive Karl Lehmann (Theologie-Professor in Mainz) jedoch als Mitglied im „Theologischen Beirat“ der Wochenzeitung fungierte. Zu ausführlich zitiert Bock allerdings aus den Korrespondenzen der damaligen Akteure, um die Organisationsgeschichte des Blattes darzustellen. Aussagen zu konkreten Inhalten der vor allem politisch und theologisch ausgerichteten Wochenzeitung treten dahinter zurück, und so bleiben Gestalt und Charakter von „Publik“ manchmal zu blass.

Bock erweitert den Blick über „Publik“ hinaus auf andere kirchliche Presseorgane, wenn er sich in einem Exkurs (von denen es noch drei weitere im gesamten Band gibt) mit der von 1923 bis 1934 erschienenen „Rhein-Mainischen Volkszeitung“ beschäftigt. Eigene Kapitel widmet er dem „Publik“-Nachfolgeorgan „Publik-Forum“ (gegründet 1972) und der italienischen katholischen Tageszeitung „Avvenire“ (gegründet 1968). Interessant ist diese, auch internationale, Perspektiverweiterung vor allem deshalb, weil die beiden letztgenannten Blätter bis heute erscheinen und nicht das Schicksal von „Publik“ teilen. Die Gründe für diese Langlebigkeit wären sicher eine noch genauere Betrachtung wert gewesen. Florian Bock hat eine Fülle von Archiven besucht und viele Quellen erstmals ausgewertet – etwa den gesamten Bestand (neun Regalmeter) zu „Publik“ im Historischen Archiv des Erzbistums Köln –, um eine solide, detailgesättigte Darstellung vorzulegen, die nicht nur eine Geschichte der kirchlichen Wochenzeitung „Publik“ ist, sondern auch eine luzide Studie des nachkonziliaren bundesdeutschen katholischen Milieus und seiner Auflösung.

Anmerkungen:
[1] Siehe die Hinweise unter „Publikationen“ auf der Website <http://fg-religion.de> (23.01.2016). Die Arbeit der Forschergruppe ist inzwischen beendet; die Website wird nicht mehr aktualisiert.
[2] Andreas Heller, Der Einstellungsbeschluß der katholischen Wochenzeitung „Publik“ durch die Deutsche Bischofskonferenz. Eine Untersuchung anhand der offiziellen Gutachten im Spiegel der deutschsprachigen Presse, Frankfurt am Main 1999.
[3] Zur Höhe des Defizits liegen keine offiziellen Angaben vor. Es wird aber geschätzt, dass allein Radio Vatikan und die Tageszeitung „Osservatore Romano“ jährlich mit einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag bezuschusst werden müssen.
[4] Pardon, 27.12.1971, ohne Seitenangabe.