Cover
Titel
Karl Hillebrand. Ein deutscher Weltbürger


Autor(en)
Voci, Anna Maria
Anzahl Seiten
693 S.
Preis
€ 25,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Wettengel, Haus der Stadtgeschichte – Stadtarchiv Ulm

Karl Hillebrand, ein Essayist, Publizist, Historiker, Literatur- und Kulturkritiker, gehörte zu den bedeutendsten europäischen Kulturvermittlern seiner Zeit. 1829 in Gießen als Sohn des Universitätsprofessors Joseph Hillebrand geboren, wurde er wegen seiner Beteiligung am badischen Aufstand 1849 von preußischen Truppen gefangen genommen, konnte jedoch aus der Festung Rastatt nach Frankreich fliehen. In Paris war er zunächst Sekretär von Heinrich Heine und absolvierte danach ein Studium in Bordeaux und Paris, wo er an der Sorbonne promoviert wurde. 1863 wurde er Professor für ausländische Literatur in Douai im Norden Frankreichs. Obgleich er 1866 die französische Staatsbürgerschaft erworben hatte und trotz seines ausgeprägten kulturellen Kosmopolitismus blieb Hillebrand ein deutscher Patriot. Nach Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges verließ er Frankreich und ließ sich 1870 in Florenz nieder, wo er bis zu seinem frühen Tod 1884 als eine der zentralen Persönlichkeiten des kulturellen Lebens der Stadt und als freier Schriftsteller und Publizist lebte. In politischer Hinsicht entwickelte sich der entschiedene Demokrat der Revolution von 1848/49 in Frankreich spätestens 1860 zum gemäßigten Liberalen und schließlich zum Verehrer Bismarcks. Zu Beginn der 1870er-Jahre sollte er sich schließlich als „Conservativen“ bezeichnen (S. 92), der allerdings durch seine vielen engen Verbindungen und seine eindeutigen Stellungnahmen gegen Treitschke im Antisemitismus-Streit dem liberalen Spektrum verbunden blieb.

In der Forschung wurde Hillebrand vor allem als brillanter Essayist gewürdigt, und er selbst sah den Essay als „die eigenste literarische Form unserer Zeit“ (S. 138) und als ideale Ausdrucksform für den wissenschaftlichen und literarischen Diskurs an. Der Preis, den die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung für deutschsprachige Essays verleiht, trägt seinen Namen. Vor allem Wolfram Mauser hat durch seine Arbeiten die erste grundlegende wissenschaftliche Untersuchung von Hillebrands Leben und Werk geleistet.[1] Die große Bedeutung der historischen Betrachtungsweise für das gesamte Werk von Hillebrand betonte bereits Rudolf Vierhaus.[2] Besonders seit den 1980er-Jahren erschienen dann eine Reihe von Beiträgen über Hillebrand, die ihn als großen europäischen Mittler und Intellektuellen in Erinnerung riefen.

Mit der vorliegenden, gewichtigen Arbeit von Voci wird nun Hillebrand auch als Historiker gewürdigt, für den nach eigenem Bekenntnis „die Geschichtsschreibung keine Wissenschaft, sondern eine Kunst“ war (S. 37). Das Buch beruht auf der umfassenden und eingehenden Auswertung der Schriften Hillebrands, auch seiner zahlreichen Beiträge in deutschen, englischen, französischen und italienischen Periodika und Zeitungen. Darüber hinaus hat die Verfasserin die zahlreichen Korrespondenzen Hillebrands in Archiven und Bibliotheken Nordamerikas und Europas recherchiert und sorgfältig ausgewertet. Sie hat dadurch zahlreiche bislang unbekannte Quellen erschlossen, die ein differenziertes Bild der Persönlichkeit Hillebrands ermöglichen. Der Aufbau des Buches folgt weitgehend seiner Biografie, behandelt dabei in drei Teilen die Auffassungen und Schriften Hillebrands zu Frankreich, zu Italien und schließlich zu Deutschland. Seine Beziehungen zu und sein Wirken in Großbritannien, von wo seine Frau Jessie stammte, werden dagegen nur am Rand thematisiert, da hierfür keine neuen Quellen ermittelt werden konnten.

Der Verfasserin gelingt es, aufgrund neuer Quellen Hillebrand in umfassender Weise als Brückenbauer zwischen den Nationen Europas und eine intellektuelle Ausnahmepersönlichkeit vorzustellen. Sie zeigt, wie er durch seine zahlreichen Schriften versuchte, den Deutschen die Gesellschaft, Kultur und Politik Frankreichs, Italiens und Großbritanniens zu erklären und das Interesse für diese Kulturen zu wecken. Zugleich wollte er in seinen fremdsprachigen Beiträgen auch bei den europäischen Nachbarstaaten Verständnis für die politische Entwicklung in Deutschland fördern und deutsche Kultur vermitteln. Doch nicht nur durch seine Publikationen, auch durch seine umfangreichen Netzwerke und durch die Förderung von Künstlern, Schriftstellern und Gelehrten, zu denen auch Friedrich Nietzsche zählte, wirkte Hillebrand als Vermittler. Die Verfasserin beschreibt, wie vor allem sein Haus in Florenz zu einem Treffpunkt für Intellektuelle und Künstler wurde. Hillebrand organisierte Kulturveranstaltungen, gründete die (wenn auch kurzlebige) Zeitung „Italia“, in der italienische Themen in deutscher Sprache behandelt wurden, vermittelte Übersetzungen von italienischen und deutschen Büchern und den Erwerb von italienischen Kunstwerken durch deutsche Museen.

Erstmals werden in dieser Arbeit nicht nur die Aktivitäten Hillebrands als kultureller Vermittler in ihrer ganzen Breite gezeigt, sondern auch die wichtige Rolle, die die Politik in seinem Engagement spielte. Hillebrand wollte auch politisch wirken, und zu seinem Beziehungsgeflecht zählten daher auch Politiker. Mehrere Abschnitte des Buches behandeln daher ausführlich die politischen Verhältnisse in Italien in den 1870er und 1880er-Jahren sowie die Haltung Hillebrands dazu und seine Verbindungen zu italienischen Politikern. Hillebrand verkehrte auch in Kreisen der britischen politischen Elite, und zu dem deutschen Kronprinzenpaar, das er 1875 durch Florenz führte, bestanden ebenfalls Verbindungen. Hillebrand hätte gerne auch die deutsche Regierung beraten, doch bestand offenkundig bei dieser kein Interesse daran. So reagierte Bismarck nicht auf die mehrfachen Versuche Hillebrands, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Nach der deutschen Reichsgründung mischen sich in Hillebrands ansonsten patriotisch-optimistische Haltung zur Entwicklung in Deutschland auch besorgte Töne. So beklagte er die Überheblichkeit vieler Deutscher gegenüber romanischen Völkern und die in Deutschland verbreitete Unkenntnis der Kultur dieser Staaten. Hillebrand kritisierte die „Afterbildung“ auch der akademischen Elite und sah in dem aufkommenden Antisemitismus die „maß- und schrankenlose Entfesselung der Gemeinheit“ (S. 632).

Voci hat ein umfassendes, gründlich erarbeitetes und überaus kenntnisreiches Werk zu Hillebrand vorgelegt, dem sie mit unverkennbarer Sympathie gegenübersteht. Durch zahlreiche lange Zitate aus Schriften und Briefen Hillebrands und deren geschickte Einordnung bietet sie einen sehr guten Zugang zu seinem Denken und seinem Werk. Ihr gelingt es dabei, seine Bedeutung als politischer und kultureller Vermittler sowie als europäischer Intellektueller, Schriftsteller und Publizist von außerordentlichem Rang aufzuzeigen. Dabei werden auch die Perspektiven des europäischen Kulturaustauschs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich, für den Brückenbauer wie Hillebrand unabdingbar waren. Nachdenkenswert und diskussionswürdig ist nicht zuletzt auch in dieser Hinsicht die These, wonach der Kosmopolitismus, der für Hillebrand so kennzeichnend war, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein Auslaufmodell gewesen sei (S. 28). Kritisch anzumerken ist lediglich die Klebebindung des umfangreichen Werkes, die sich schon nach der ersten Lektüre auflöst. Es bleibt zu hoffen, dass durch die vorliegende Arbeit das Werk Hillebrands wieder größere Aufmerksamkeit erhält. Nicht nur für die Biografie Hillebrands, auch für die Geschichte der Kulturvermittlung und des kulturellen Austauschs im 19. Jahrhundert ist das Buch von Voci unverzichtbar.

Anmerkungen:
[1] Hier vor allem Wolfram Mauser, Karl Hillebrand. Leben, Werk, Wirkung, Dornbirn 1960.
[2] Rudolf Vierhaus, Zeitgeschichte und Zeitkritik im essayistischen Werk Karl Hillebrands, in: Historische Zeitschrift 221 (1975), S. 304–325.

Redaktion
Veröffentlicht am
07.09.2016
Redaktionell betreut durch