M. Zuckermann: Zweierlei Holocaust

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Titel
Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands


Autor(en)
Zuckermann, Moshe
Erschienen
Goettingen 1998: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
184 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Ruoff, Institut für Antisemitismusforschung der TU-Berlin

Keine Politik mit Auschwitz

Die Frage, die die deutsche Oeffentlichkeit umtreibt und die sich im Streit um das Berliner Mahnmal - Grabplatte oder Saeulenwald - ausdrueckt, naemlich wie ein angemessenes staatliches Gedenken an die Vernichtung der europaeischen Juden durch Deutsche aussehen koennte, laesst sich einfach beantworten: Gar nicht. Kollektive Erinnerung auf staatlicher Ebene, so die Hauptthese des neuen Buches von Moshe Zuckermann, Dozent fuer History and Philosophy of Science and Ideas an der Universitaet Tel Aviv, ist immer ideologisch, denn sie "kodifiziert stets die Erinnerung im interessengeleiteten, affirmativen Sinne. Das ist ihre Natur, und sie kann auch keine andere haben, denn ihr Zweck ist einzig auf die Erhaltung des Staates mit all seinen Gewalt- und Herrschaftsmechanismen ausgerichtet ".

Dass Kollektive immer "die Vergangenheit fuer kontemporaere heteronome Zwecke" vereinahmen, dass somit "immer eine notwendige Diskrepanz zwischen der eigentlichen Vergangenheit des Kollektivs und deren bestimmten Gestaltung im Kollektivgedaechtnis" besteht, illustriert Zuckermann an der Ideologisierung des Holocaust in Deutschland und Israel. Beide Laender instrumentalisieren in je unterschiedlicher, aber komplementaerer Weise die Erinnerung an den Holocaust zur Rechtfertigung anderer politischer Ziele. In Deutschland, so kann man verkuerzend zusammenfassen, um sich als normale, gelaeuterte Nation zu praesentieren, in Israel, wie es Zuckermann an anderer Stelle ausdrueckte, "zur Neukonstituierung der israelischen Gesellschaft" (taz vom 13.07.95). Die Verdinglichung der "fast schon rituellen Beschwoerung der Vergangenheit" in den offiziellen Beziehungen der beiden Staaten habe sich "nach und nach als ideologische Matrix" fuer den oeffentlichen Diskurs in beiden Laendern entpuppt. Die Darstellung folgt der These der Komplementaritaet. Abwechselnd behandeln die Kapitel die israelische und die deutsche Kultur, um am Ende in ein Crescendo zu muenden, in dem in einem Schlagabtausch zwischen dem israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk und Guenter Grass die Motive paradigmatisch aufeinanderprallen.

Bei der Rekonstruktion der ideologischen Ausformung der Holocaust-Rezeption in der politischen Kultur beider Laender liegen Zuckermann zwei Momente besonders am Herzen: "zum einen die durch nationale bzw. kollektive Vorgaben hervorgerufene Entstellung individuell-autonomer Auseinandersetzung mit dem Holocaust; zum anderen (...) die durch heteronome Beduerfnisse und Zwecke instrumentalisierend verursachte, allgemeine Entfremdung vom Wesen des Holocaust."

Das methodische Ruestzeug seiner ideologiekritischen Diskursanalyse bezieht Zuckermann, der von 1960 bis 1970 in Frankfurt am Main bei Adorno am Institut fuer Sozialforschung studierte, von der Kritischen Theorie. Seine Kritik am israelischen Umgang des Gedenkens an die Shoah speist sich aus seiner Naehe zum Hadash, der Front for Equal Rights and Peace, einem arabisch-juedischen Buendnis, deren treibende Kraft die kommunisische Partei Israels ist, und die vier Sitze in der Knesset hat. Er tritt fuer die Ziele der israelischen Friedensbewegung ein und bemueht sich aktiv, den politischen und akademischen Dialog zwischen Isrealis und Palaestinensern voranzutreiben.

Solcherart politisch in Israel ein Aussenseiter, kritisierte er 1994 in "Shoah ba Cheder ha-Atum" (Die Shoah im gasdichten Raum) die israelische Neigung, die Bedeutung des historischen Geschehens von Auschwitz partikular zu verstehen - "es soll nie wieder uns passieren" - anstatt ihm gesamtzivilisatorische Bedeutung beizumessen und daraus die Konsequenz zu ziehen: "es soll nie wieder passieren". Er nennt dieses partikulare Verstaendnis "das Problem der Zionisierung des Holocaust". In diesem Verstaendnis des Holocaust zeige sich, dass "die israelische politische Kultur es nie wesenhaft vermocht hat, sich mit der Situation des Holocaust-Opfers als Situation totaler Ohnmacht auseinanderzusetzen, geschweige denn, sich mit ihm auf dieser Grundlage zu identifizieren". Die Ambivalenz der Erinnerung an Auschwitz zeige sich in einer Doppelforderung des "zionistischen Kollektivs": Zum einen musste es, um einen Neubeginn zu ermoeglichen, die Erinnerung an die Erfahrung totaler Ohnmacht "aus dem Sein des Kollektivs" amputieren, "andererseits musste man das 'Memento' erhalten, um eben diesen Neubeginn ideologisch verankern zu koennen - es sollte also der Kode des Holocaust gepflegt werden". Zustimmend zitiert Zuckermann den israelischen Historiker Yehuda Elkana, der kurz nach Ausbruch der Intifada in diesem partikularen Verstaendnis des Holocaust die Grundlage des Verhaeltnisses der israelischen Gesellschaft zu den Palaestinensern sah, das es ermoegliche zu glauben, "die ganze Welt sei gegen uns und wir seien das ewige Opfer".

Bezogen auf Deutschland offenbart Zuckermanns vehemente Kritik an Israels Politik gegenueber den Palaestinensern allerdings einen blinden Fleck: Die Warnung vor einem linken Antisemitismus in Form einer Identifikation mit dem so verstandenen antizionistischen nationalen Befreiungskampf der Palaestinenser gilt ihm als "Luxuskritik", als ideologischer Ausdruck eines typisch deutschen Philosemitismus: "Es handelt sich hierbei um eine manipulative Verbindung, deren Zweck es ist, die 'Suehne' mittels einer verdinglichten 'Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit' zu einem staendig 'positiven' (wesentlich unkritischen) Verhaeltnis dem Staate Israel gegenueber umzufunktionieren, wie immer auch seine politischen und militaerischen Aktionen geartet sein moegen." Dass die Identifikation mit der Intifada in Teilen der deutschen Linken so weit zu gehen bereit war, dem israelischen Staat das Existenzrecht abzusprechen, entgeht Zuckermann.

Zentral fuer den Diskurs um die Erinnerung an Auschwitz in der politischen Kultur Deutschlands ist "die Problematik der 'Normalisierung'", und zwar in einem zweifachen Sinne: zum einen hinsichtlich "eines restaurativen 'Zurueck zur Normalitaet'", zum anderen in einem "vom Bewusstsein der abnormen Vergangenheit gepraegtem Beduerfnis nach Normalisierung". Nicht nur in den drei grossen Debatten, die sich seit der Wiedervereinigung direkt um den Kampf um die Deutung der Vergangenheit drehten - die Mahnmal-Debatte, die Goldhagen-Debatte und die Debatte um die Wehrmachtsausstellung - habe sich das deutsche Beduerfnis gezeigt, "der zwischen Schuldgefuehl und Narzissmus schwankenden Ambivalenz des Selbstbildes ein fuer allemal zu entkommen. Zuckermann spuert ihm auch im Historikerstreit und im dem Eifer nach, mit dem die Nazivergangenheit durch den "Stasi-Terror" ersetzt und relativiert wurde. Er zeigt es paradigmatisch an dem Vergleich, den Hans Magnus Enzensberger waehrend des zweiten Golfkrieges zwischen Hitler und Saddam Hussein aufstellte. Getrost haette er auch auf die von Teilen des linksliberalen und linksalternativen Spektrums betriebene inflationaere Verwendung des Begriffes von Auschwitz verweisen koennen, mit dem sie im sogenannten Supergedenkjahr 1995 deutsche Militaereinsaetze im Ausland zu rechtfertigen suchten, um einer besonderen deutschen Verantwortung gerecht zu werden, jedes so verstandene Auschwitz in der Welt, sei es in Bosnien, Ruanda oder sonstwo, zu verhindern.

Wie aber saehe ein dem Geschehenen adaequates, nichtideologisches Gedenken aus? Wenn kollektives Gedenken immer ideologisch, staatliches Gedenken immer heteronom bestimmt ist und affirmativen Zwecken dient, dann kann sich "konsequent gedacht, (...) authentisches Andenken der Opfer letztlich nur im Privaten ereignen, in der Sphaere staatlicher Ideologie ist sein Schicksal der Verdinglichung von vornherein besiegelt". Der Rueckzug aufs Private allerdings verfaengt sich ebenfalls in einer Aporie. Denn wenn Zuckermann in Anlehnung an die "Dialektik der Aufklaerung" hervorhebt und am Beispiel der deutschen Rezeption des Films "Schindlers Liste" aufzeigt, dass in "beiden politischen Kulturen (eine) nachweisbare Diskrepanz zwischen dem Wesen des Holocaust und seiner politisch-ideologisch bzw. kulturindustriell verformten Rezeption" besteht, dann muss auch ueber den Bereich des Privaten das Urteil gefaellt werden, dass es den Holocaust nur als "Artefakt" (Detlev Claussen) begreifen kann. Was innerhalb der verdinglichten Totalitaet, in der "die Instrumentalisierung des Auschwitz-Andenkens unumgaenglich ist", einzig bleibt, ist die allein normativ zu begruendende Verpflichtung eines imaginaeren Subjekts, des Wesens des Holocaust als des Hoehepunktes "der von Menschen ueber Menschen in Gang gesetzten Repression" zu gedenken. Nur so koenne Auschwitz als das verstanden werden, was es bedeute, als "die permanente Moeglichkeit totaler Zertretung des menschlichen Antlitzes und der menschlichen Wuerde, der Entmenschlichung durch den Menschen". Mit Adorno ist sich Zuckermann darin einig, dass allein in dieser Reflexion auf die Opfer als Opfer, "als ein das spezifisch juedische Schicksal in eine allgemeine moralische Forderung, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, transzendierendes Eingedenken also", sich "etwas fuer eine humanere Zukunft retten" lassen koennte.

Neu ist Zuckermanns These, dass Kollektive ihre Geschichte notwendig instrumentalisieren - und dieser Befund mithin also auch fuer Auschwitz gilt - sicherlich nicht. Auch fuehrt er seine Hauptthese, dass diese Instrumentalisierung auf der staatlichen Ebene notwendig erzeugt wird, nicht systematisch aus, sondern illustriert sie lediglich in einem essayistisch, manchmal polemischen Stil. Die Quellen, die er dafuer heranzieht sind denn auch keine offiziellen staatlichen Dokumente, sondern wissenschaftliche, kulturelle oder literarische Texte. Das Problematische dieses Verfahrens zeigt sich deutlich in der erwaehnten Gegenueberstellung der beiden Schriftsteller Guenter Grass und Yoram Kaniuk. Zuckermanns Sympathien sind eindeutig verteilt. In der Gegenueberstellung erscheint Kaniuk als Paradebeispiel des juedisch-partikularen "Holocaust-Kodes", Grass als der Vertreter der universellen ethischen Verpflichtung, die aus Auschwitz erwaechst. In dieser paradigmatischen Gegenueberstellung wird ein weiterer blinder Fleck Zuckermanns deutlich: In seiner Kritik an der Instrumentalisierung der partikularen Lesart des Holocaust in Israel negiert er jeden Gedanken an die Berechtigung dieser Sichtweise durch die Opfer. Gerade der literarische Text Kaniuks haette dies zeigen koennen. Er kreist aesthetisch um die schmerzliche Erkenntnis, dass die emotionale Weigerung, davon zu abstrahieren, was dem eigenen Grossvater durch den des anderen angetan wurde, zu einem Bruch des Verstehens fuehren muss. Diese Dimension der Verarbeitung des Holocaust durch die Opfer und ihre Nachfahren, die in Kaniuks Text durchaus aesthtisch gebrochen ihre Darstellung findet, blendet Zuckermann aus.

Dass Zuckermann so tut, als koenne man den Umgang mit dem Holocaust im Land der Taeter und der Opfer untersuchen, ohne die unterschiedlichen Narrative (Dan Diner) in beiden Laendern zu beruecksichtigen, ist eine Staerke, gleichzeitig aber auch das groesste Problem des Buches. Mit dieser bewussten Ausblendung haelt sich Zuckermann zwar den Blick frei fuer die gemeinsame Struktur des instrumentalisierenden Umgangs, aber indem er Aeusserungen persoenlicher Emotion auf derselben Ebene wie staatliche Verlautbarungen behandelt, negiert er deren Besonderheit und Berechtigung.

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Veröffentlicht am
05.11.1998
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