Cover
Titel
Global Connections. Politics, Exchange, and Social Life in World History. Volume 2, Since 1500


Autor(en)
Coatsworth, John; Cole, Juan; Hanagan, Michael P.; Perdue, Peter C.; Tilly, Charles; Tilly, Louise
Erschienen
Anzahl Seiten
IX, 548 S.
Preis
$ 49.99; € 43,65
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hartmut Kaelble, Berlin

Ist dies endlich das Handbuch, das die Weltgeschichte als Sozialgeschichte darstellt, wie man auf dem Umschlag liest, „the first textbook to present world history via social history“? Die Autoren sind fünf namhafte amerikanische Historiker, die über Ostasien (Peter C. Perdue), über Lateinamerika (John Coatsworth), über den Mittleren Osten und über Indien (Juan Cole) und über Europa (Louise Tilly und Michael P. Hanagan) arbeiten, und der leider schon 2008 verstorbene historische Soziologe Charles Tilly, der Generalist in der Gruppe. Diese hervorragende Autorengruppe hat sich vorgenommen, mit interdisziplinären und vergleichenden sozialwissenschaftlichen Methoden die großen historischen Umbrüche in der Erfahrung der Durchschnittsmenschen zu behandeln und zu zeigen, wie sich Alltagserfahrung mit den großen Ereignissen und mit Handelsaustausch in einer verflochtenen Welt verbindet. Globale Verflechtungen sollen dabei, folgt man dem Titel, in das Zentrum gestellt werden. Die drei zentralen Themen des Bandes sind Politik, insbesondere Aufbau und Niedergang von Staaten, Imperien und Staatenbünden; Handel und die globalen Handelsnetzwerke; soziales Leben, der Ausbau und der Verfall von Gemeinschaften. Innerhalb dieser drei Dimension sollen zwei Aspekte besonders privilegiert werden: Technologie, vor allem Kommunikations- und Transporttechnologie, die die menschliche Arbeitskraft ergänzen und Geschlechtergeschichte. Darüber hinaus soll auf drei Themenfelder besonders geachtet werden: auf Demographie, auf Wirtschaftsproduktion und -austausch und auf bewaffnete Konflikte. In dieser Besprechung geht es um den zweiten Band, der die Epoche von 1500 zur Gegenwart behandelt. Der erste Band mit gleichem Titel, der den Zeitraum bis 1500 behandelt, ist ebenfalls 2015 erschienen.

Völlig neu geschrieben werden müsste die globale Sozialgeschichte freilich nicht. Jürgen Osterhammels Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts befasst sich in der Mehrzahl der Kapitel mit Sozialgeschichte.[1] Auch die Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts von Christopher A. Bayly behandelt Sozialgeschichte breit.[2] Trotzdem könnte der vorliegende Band zwei Lücken füllen. Es fehlt bisher eine globale Sozialgeschichte in der langen Perspektive von fünf Jahrhunderten. Zudem fehlt eine globale Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, nachdem die von Emily S. Rosenberg und Akira Iriye 2012 und 2013 herausgegebenen Bände „Geschichte der Welt 1870–1945“[3] und „Geschichte der Welt seit 1945“[4], die von John McNeill und Kenneth Pomeranz 2015 herausgegebene Cambridge World History[5] und die von Hans-Ulrich Thamer u.a. 2010 herausgegeben WBG-Weltgeschichte[6] für das 20. Jahrhundert auf Sozialgeschichte außer Migration und Umwelt weitgehend verzichteten.

Was bietet das vorliegende Textbuch? Es behandelt, dem genannten Ansatz folgend, im ersten Teil für die klassische frühe Neuzeit zwischen 1500 und 1700 sechs Imperien, das Mogulreich in Indien, das osmanische Reich, das chinesische Reich, das Zarenreich, das portugiesische und das spanische Weltreich, danach den europäischen und den südostasiatischen Begegnungsraum. Es stellt dann im zweiten Teil über die Zeit der Revolutionen und Reformen zwischen 1700 und 1850 zuerst die geschwächten Imperien, das chinesische Reich, das Mogulreich und das osmanische Reich vor, geht dann auf den Aufstieg des Westens, auf die industrielle Revolution in Europa und Nordamerika ein, schildert schließlich die drei Schlüsselrevolutionen in den USA, in Frankreich, in Lateinamerika, danach in Europa 1848. Der dritte Teil über „Energie und Imperien“ zwischen 1850 und 1914 behandelt zuerst die zweite industrielle Revolution vor allem im Westen, dann die sozialen Bewegungen weltweit und daran anschließend Nationalismus und anti-koloniale Aufstände. Mit dem vierten Teil ändert sich die Darstellung. Sie wird kurzatmiger, behandelt nur noch knapper geschnittene Epochen. Der vierte Teil beginnt mit dem Ersten Weltkrieg und den daraus folgenden Revolutionen 1914–1921, behandelt dann die Zwischenkriegszeit in den verschiedenen Teil der Welt 1922–1939, danach den Zweiten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit. Der fünfte Teil schließlich befasst sich zuerst mit dem Kalten Krieg und dem Wohlstand in Europa, Amerika und Ost- und Südostasien 1950–1985, danach mit der Entkolonialisierung und mit den neuen Staaten der Dritten Welt in Asien, Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten 1950–1980, dann schließlich mit Globalisierung und Ungleichheit in der etwas großspurig definierten Epoche zwischen 1980 und 2050.

Gibt es in dem Handbuch ein neues globalgeschichtliches Narrativ oder eine große Erzählung der globalen Verflechtungen, die dem Buch als Titels gegeben wurden? Offensichtlich wurde der Versuch einiger klassischer Globalgeschichten, die Weltgeschichte in ein einziges, oft europäisches oder westliches Narrativ hineinzuzwingen, bewusst vermieden. Alle Epochen bis um 1980 werden als eine Revue der wichtigsten Imperien bzw. der wichtigsten Regionen der Welt dargestellt. Die unterschiedlichen Geschichten der großen Imperien und Weltregionen, teils auch die Beziehungen zwischen ihnen, strukturieren dieses Textbuch. Ein Narrativ für das halbe Jahrtausend Weltgeschichte seit 1500 wird nicht präsentiert. Ein Resümee des ganzen Buches fehlt daher. Die Themen, die andere globalhistorische Ansätze in den Vordergrund stellen, die Geschichte der globalen Organisationen wie UNO und Weltbank, die globalen Organisationen wie Greenpeace oder Amnesty International, die globale Öffentlichkeit, die globalen Migrationsströme, die globalen Handels- und Finanzverflechtungen, das internationale Recht werden zwar erwähnt, aber nicht zusammenhängend dargestellt. Dahinter steht eine eindeutige und durchaus auch vertretbare Entscheidung für einen bestimmten globalhistorischen Ansatz, der sich allerdings aus dem Titel „Global connections“ nicht erschließt. Nur für die Epoche ab 1980 wird vorrangig die Globalisierung mit ihren Vorzügen und Gefahren als ein gemeinsames globales Narrativ gewählt.

Insgesamt ist dieses Handbuch im engeren Sinn keine globale Sozialgeschichte der vergangenen fünf Jahrhunderte, sondern eine Wirtschafts-, Politik- und Sozialgeschichte der großen Imperien, Weltregionen und Begegnungsräume. Der Umschlag weckt etwas schiefe Erwartungen. Aber das Werk hat doch mehrere Vorzüge. So ist es entschieden nicht eurozentrisch. Europa wird nur für die rund anderthalb Jahrhunderte in den Vordergrund gestellt, in denen es wirklich eine weltgeschichtliche Rolle spielte. Manchmal ist es sogar zu rigide antieurozentrisch. Die Geschichte der europäischen Integration seit 1949 wird nicht zusammenhängend dargestellt. Das Buch ist auch nicht US-zentrisch wie ein Teil der amerikanischen Globalgeschichte. Nur für die Zeit zwischen 1945 und 1980 wird die USA in den Mittelpunkt gerückt. Es enthält eine ausgewogene Geschichte der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, wenn auch weitgehend ohne Kultur. Die Weltgeschichte seit 1500 wird kompakt in einem Band präsentiert, nicht in mehreren Bänden wie bei den anderen, erwähnten weltgeschichtlichen Synthesen. Es wurde von Experten von Weltregionen geschrieben, nicht von einem einzigen Generalisten. Wer was geschrieben hat, erschließt sich dabei dem Leser allerdings nicht. Das Handbuch ist gut gemacht, mit Zeitleisten, Karten, Bildern, Tabellen, Literaturangaben, Glossarien, knappen Zusammenfassung jedes Kapitels und resultierenden Fragen an den Leser. Insgesamt handelt es sich also um ein Textbuch von hoher Qualität über die globale Geschichte von Imperien und Weltregionen seit 1500.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Friedrich Lenger: Rezension zu: Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009, in: H-Soz-Kult, 13.03.2009, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12427> (02.08.2016).
[2] Vgl. Sebastian Conrad: Rezension zu: Bayly, Christopher A.: The Birth of the Modern World, 1780-1914. Global Connections and Comparisons. Oxford 2004, in: H-Soz-Kult, 20.10.2004, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4294> (02.08.2016).
[3] Vgl. Michael Goebel: Rezension zu: Rosenberg, Emily (Hrsg.): A History of the World. A World Connecting, 1870–1945. Cambridge, Massachusetts 2012, in: H-Soz-Kult, 14.02.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19901> (02.08.2016).
[4] Vgl. Peter E. Fäßler: Rezension zu: Iriye, Akira (Hrsg.): 1945 bis heute. Die globalisierte Welt. München 2013, in: H-Soz-Kult, 18.03.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21056> (02.08.2016)..
[5] Vgl. Kiran Klaus Patel: Rezension zu: McNeill, John; Pomeranz, Kenneth (Hrsg.): The Cambridge World History VII: Production, Destruction and Connection, 1750–Present. Part 1: Structures, Spaces, and Boundary Making. Cambridge 2015 / McNeill, John; Pomeranz, Kenneth (Hrsg.): The Cambridge World History VII: Production, Destruction and Connection, 1750–Present. Part 2: Shared Transformations?. Cambridge 2015 , in: H-Soz-Kult, 08.07.2016, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24645> (02.08.2016).
[6] Walter Demel / Hans-Ulrich Thamer (Hrsg.), WBG Weltgeschichte. Band V: Entstehung der Moderne. 1700 bis 1914, Darmstadt 2010.