Cover
Titel
Inequality. What Can Be Done?


Autor(en)
Atkinson, Anthony B.
Erschienen
Cambridge, Mass. 2015: Harvard University Press
Anzahl Seiten
XI, 384 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hartmut Kaelble, Berlin

Die Geschichte der sozialen Ungleichheit hat Konjunktur. Allein seit 2012 publizierten fünf herausragende Autoren zu diesem Thema: die amerikanischen Nobelpreisträger für Wirtschaft Joseph Stiglitz und Angus Deaton, der verstorbene deutsche Historiker Hans Ulrich Wehler, der französische Ökonom Thomas Piketty und jetzt der britische Ökonom Anthony B. Atkinson.[1] Nur einer dieser fünf Autoren ist Historiker, alle anderen sind Ökonomen. In dieser Welle von Publikationen sprechen nicht junge, nonkonformistische Einsteiger. Alle Autoren außer Thomas Piketty sind oder waren lange etablierte Wissenschaftler.

Auch Anthony B. Atkinson arbeitet seit fast fünfzig Jahren über Einkommens- und Vermögensverteilung. Er hat das große Verdienst, als einer der Ersten in den 1990er-Jahren in einer großen Studie auf den damals neuen Trend der Verschärfung der Einkommensunterschiede aufmerksam gemacht zu haben. Er inspirierte das LIS (Luxemburg Income Study), das regelmäßig besonders aktuelle Zeitreihen über Einkommens- und Vermögensverteilung publiziert. Er entwickelte den leider viel zu wenig verwandten Atkinson-Indikator, der besser als die üblichen Indikatoren die soziale Ungleichheit zwischen den besonders Reichen und den besonders Armen anzeigt. Neben zahlreichen Ehrungen erhielt er daher 2007 als Erster auch den A.SK Social Science Award des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung in Berlin. Er hat mit Joseph Stiglitz und mit Thomas Piketty zusammen publiziert, vertritt allerdings teilweise andere Thesen.

Was bringt das Buch des 71jährigen Anthony B. Atkinson Anderes und Neues für die Geschichte der sozialen Ungleichheit? Man muss berücksichtigen, dass es ihm stärker als den anderen Autoren und ähnlich wie Joseph Stiglitz um Reformen der Wirtschaftspolitik geht. „What can be done“, der Untertitel des Buches, ist das zentrale Anliegen des Buches. Zwei von drei Teilen des Buches beschäftigen sich mit Vorschlägen für Reformen zum Abbau der Einkommensungleichheit. Atkinsons Buch ist dabei nicht so sehr ein aufrüttelndes, kämpferisches Manifesto wie die Bücher von Stiglitz, sondern ein energisches, zielgerichtetes, praktisches Reformkonzept.

Trotzdem schreibt Atkinson auch ein historisches Buch. Darum geht es in dieser Rezension. Er behandelt die Geschichte des 20. Jahrhunderts vor allem in seiner Diagnose, dem ersten der drei Teile des Buches. Aber auch seine Reformempfehlungen untermauert er sehr oft mit historischen Fakten und mit Schlüssen aus der Geschichte der sozialen Ungleichheit. Für Atkinson zählt Geschichte viel. Er möchte aus der Geschichte lernen. Er tut dies mit einem scharfen Blick dafür, dass die Reformbedingungen in der Gegenwart ganz anders aussehen als in der Geschichte und historische Reformen nicht abgepaust werden können. Er gehört zu den wieder häufiger werdenden Ökonomen, die eine Brücke zur Wirtschaftsgeschichte schlagen.

Atkinsons Buch bringt mehrere neue Thesen und Ansätze. Es dürfte mit seinem pragmatischen Reformansatz zusammenhängen, dass er sich vor allem mit Abmilderungen der sozialen Ungleichheit in der Geschichte befasst. Darin liegt ein Hauptwert des Buches für die Geschichte der sozialen Ungleichheit.

Eine erste, allerdings sehr komplexe Periode der Abmilderung ist für ihn die Kriegs- und Zwischenkriegszeit. Dabei folgt er nicht der Katastrophenthese, die die Weltkriege und die Weltwirtschaftkrise für entscheidende Faktoren der Abmilderung der Vermögens- und Einkommensunterschiede im 20. Jahrhundert hält. Im Ersten Weltkrieg, der manchmal als Schlüssel für die Abmilderung der Einkommens- und Vermögensunterschiede angesehen wird, milderten sich nach Atkinson nur in Großbritannien Einkommensanteile der Spitzeneinkommen ab. In den anderen kriegsführenden Ländern verschärften sich dagegen die Einkommensunterschiede. Im Zweiten Weltkrieg dagegen gingen die Einkommensunterschiede in den meisten Ländern tatsächlich etwas zurück. Die Gründe sieht Atkinson teilweise im Kriegschaos und in den harten Folgen der Besatzung, zum guten Teil aber auch im Aufbau des modernen Wohlfahrtsstaats während und vor allem direkt nach dem Zweiten Weltkrieg.

Eine zweite, weit wichtigere Zeit der Abmilderung der Einkommensunterschiede waren für Atkinson die 1950er- bis 1970er-Jahre, über die in der Forschung schon seit Jahrzehnten diskutiert wird. Originell sind Atkinsons Erklärungen für diese Abmilderung. Er sieht sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch in der Zunahme der Frauenarbeit, später in den umfangreichen Transfers des ausgebauten Wohlfahrtsstaates, im Anstieg der Lohnquote und in den abgemilderten Unterschieden der Vermögen und der Lohneinkommen, auch in der wachsenden Effizienz des Steuersystems. Das Ende dieser Abmilderung in dem tiefen Umbruch der 1980er-Jahre erklärt er sich vor allem daraus, dass alle diese Faktoren entfielen.

Eine dritte, international bisher viel zu wenig untersuchte Periode waren für ihn die 2000er-Jahre. Zumindest in Lateinamerika sieht er die 2000er-Jahre als eine wichtige Zeit der erneuten Abmilderung der Einkommensunterschiede. Damit gibt er einen wichtigen Anstoß, der auch für andere Kontinente zu verfolgen wäre. Mit alldem behandelt er anders als Stiglitz oder Deaton das, was Historiker besonders fasziniert: Umbrüche in der historischen Entwicklung.

Atkinson verfolgt zudem einen eigenen Ansatz in der Suche nach historischen Ursachen von Einkommensungleichheit. Er konstruiert keinen strikten Gegensatz zwischen dem Kapitalismus, der nur Ungleichheit produziert, und Reformpolitik, die der einzige Faktor der Abmilderung der sozialen Ungleichheit darstellt. Nicht nur politische Reform, sondern auch Strukturwandel des Kapitalismus wie etwa zeitweise die erwähnte Frauenarbeit kann in seinen Augen Abmilderungen der sozialen Ungleichheit auslösen. Atkinson arbeitet für jede Epoche auch die besonderen Strukturfaktoren für die Abmilderung von Einkommensungleichheit heraus.

Dieses Buch geht schließlich zwar naturgemäß oft auf Atkinsons eigenes Land, auf Großbritannien, ein. Aber Atkinson befasst sich mindestens genauso intensiv und ähnlich wie Thomas Piketty mit der globalen Veränderung der Einkommensverteilung. Die vielleicht interessanteste Frage, die ihn umtreibt und die sich erst durch den globalen Blick erschließt, ist die Beurteilung des säkularen historischen Umbruchs von der zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren abgemilderten Einkommensungleichheit im Innern der Staaten, allerdings verbunden mit einer wachsenden Kluft zwischen Nord und Süd, zu den seit den 1980er-Jahren verschärften Einkommensunterschieden im Innern, freilich verbunden mit einer Abmilderung der Nord-Süd-Kluft.

Atkinsons Buch hat auch Grenzen. Er befasst sich fast nur mit der Geschichte der Einkommensverteilung. Soziale Ungleichheit der Bildung, der Gesundheit und des Konsums, Heiratsnetze oder soziale Mobilität erwähnt er zwar, verfolgt sie aber nicht systematisch. Er geht gar nicht auf die Geschichte der öffentlichen Debatte über soziale Ungleichheit und auf den Wandel der gesellschaftlichen Bilder von sozialer Ungleichheit ein. Anders als Wehler behandelt er soziale Ungleichheit nicht in ihrer ganzen Breite.

Trotzdem trägt dieses Buch sehr viel zur Geschichte der sozialen Ungleichheit bei, da es die wichtigen historischem Umbrüche erfasst und originelle Erklärungen anbietet, auf die Historiker oft nicht kommen, die Quellen luzid kritisiert und zudem nicht nur die nationale britische, sondern auch die internationale Entwicklung verfolgt. Der Historiker, der sich mit sozialer Ungleichheit befasst, kommt um dieses Buch nicht herum.

Anmerkung:
[1] Joseph E. Stiglitz, The price of Inequality. How today’s divided society endangers our future, New York 2012 (dts. Ausgabe: Der Preis der Ungleichheit. Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht, Berlin 2012); ders. The great divide: Unequal societies and what we can do about them, New York 2015 (dts. Ausgabe: Joseph Stiglitz, Reich und Arm. Die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft, München 2015); Angus Deaton, The Great Escape. Health, Wealth, and the Origins of Inequality, Princeton 2013; Hans-Ulrich Wehler, Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland, München 2013; Thomas Piketty, Le capital au XXIe siècle, Paris 2013 (dts. Ausgabe: Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014) – zum letztgenannten Band vergleiche die Beiträge des Review-Symposiums von H-Soz-Kult im Frühjahr 2015: <http://www.hsozkult.de/text/id/texte-2642> (15.02.2016).

Redaktion
Veröffentlicht am
04.03.2016
Redaktionell betreut durch