E.-M. Roelevink: Organisierte Intransparenz

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Titel
Organisierte Intransparenz. Das Kohlensyndikat und der niederländische Markt 1915–1932


Autor(en)
Roelevink, Eva-Maria
Reihe
Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 26
Erschienen
München 2015: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
407 S.
Preis
€ 84,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Donges, Abteilung Volkswirtschaftslehre, Universität Mannheim

Kartelle prägten die deutsche Wirtschaft bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Unterschied zu den Vereinigten Staaten, wo der Gesetzgeber bereits Ende des 19. Jahrhunderts die Grundlagen einer modernen Wettbewerbspolitik schuf und aktiv gegen wettbewerbsbeschränkende Absprachen und Maßnahmen vorging, waren Kartelle in Deutschland bis 1945 legal und genossen Rechtsschutz. Dies begünstigte die Kartellbildung, insbesondere in den Grundstoffindustrien wie im Bergbau, der Eisen- und Stahlproduktion oder der Zementherstellung. Das im Jahr 1893 von den Steinkohlezechen des Ruhrgebiets gegründete Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat (RWKS) zählte aufgrund seiner volkswirtschaftlichen Bedeutung und der langen Lebensdauer zu den wichtigsten Kartellorganisationen.

Nicht nur die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Kartellierung, sondern auch das Innenleben der bis 1945 bestehenden Kartelle ist noch unzureichend erforscht. Bislang existieren nur wenige Fallstudien, die detaillierte Einblicke in Funktionsweise und Organisation erlauben und die Beziehungen und Konflikte zwischen den Kartellmitgliedern untersuchen. Dies gilt auch für das RWKS. Eva-Maria Roelevinks Dissertation, die an der Ruhr-Universität Bochum entstanden ist, trägt dazu bei, diese Forschungslücke zu schließen. Roelevink konzentriert sich in ihrer Arbeit auf den Kohlehandel mit den Niederlanden, die aufgrund ihrer geographischen Lage für das RWKS ein wichtiger Absatzmarkt waren. Der Untersuchungszeitraum der Dissertation erstreckt sich über die Jahre 1915 bis 1932.

Die zeitliche Eingrenzung ist insofern von Bedeutung, als das Jahr 1915 eine Zäsur in der Geschichte des RWKS markiert. 1915 lehnten führende Mitgliedsunternehmen eine Verlängerung des Syndikatsvertrags ab, ein Zeichen dafür, dass sie eine Außenseiterposition oder eine andere Organisationsform bevorzugten. Eine Auflösung des RWKS stand aber im klaren Gegensatz zu den Interessen des Staates, aus dessen Sicht eine zentrale Absatzorganisation im Steinkohlebergbau notwendig war, um die reibungslose Versorgung mit Steinkohle im Krieg sicherzustellen. Die Zechen wurden deshalb gezwungen, den Syndikatsvertrag zu verlängern. Nach Kriegsende entbrannte die Debatte über die Zukunft des RWKS vor dem Hintergrund der Sozialisierungsbestrebungen erneut. Um eine Sozialisierung des Bergbaus zu verhindern, einigten sich die Unternehmen mit der Regierung auf einen Kompromiss. Dieser sicherte die bestehende Eigentumsordnung, verpflichtete die Unternehmen im Gegenzug aber, sich in Kartellen zu organisieren. Als Aufsichtsorgan schuf der Staat den Reichskohlenrat, in dem verschiedene Interessengruppen vertreten waren. Auf diese Weise konnte auf die Preis- und Mengenpolitik der Kohlekartelle Einfluss genommen werden, um niedrige Preise und hohe Fördermengen sicherzustellen. Für die Zeit nach 1915 darf das RWKS somit nicht als ein freiwilliger Zusammenschluss von Bergbauunternehmen betrachtet werden, sondern es hatte vielmehr den Charakter eines Zwangskartells.

Es ist anzunehmen, dass die typischen Funktionen eines Kartells, die Festlegung von Preisen und Produktionsmengen, im RWKS nach 1915 mehr oder weniger außer Kraft gesetzt oder zumindest stark eingeschränkt waren. Insofern eignet sich eine Fallstudie über das RWKS für den gegeben Untersuchungszeitraum nur bedingt, um allgemein gültige Rückschlüsse über die Funktionsweise von Kartellen abzuleiten. Dessen ist sich Roelevink sehr wohl bewusst, sodass der Schwerpunkt ihrer Dissertation auf der Absatzorganisation liegt. Im Unterschied zu gewöhnlichen Preiskartellen diente das RWKS nicht nur der Preis- und Mengensteuerung, sondern es organisierte zentral auch den Kohleabsatz für die beteiligten Zechen. Unter der Kontrolle des Syndikats standen Handelsgesellschaften, die den Vertrieb und Transport der Steinkohle organisierten. In der unternehmenshistorischen Forschung wird die Absatzseite im Unterschied zu den Produktions- und Investitionsstrategien meist nur nachrangig behandelt. Dies gilt insbesondere für den Steinkohlebergbau und die Schwerindustrie. Aus unternehmenshistorischer Perspektive verfolgt Roelevink somit einen innovativen Ansatz.

Der Handel mit den Niederlanden war aufgrund der geographischen Nähe zum Ruhrgebiet, der niedrigen Transportkosten durch die Lage am Rhein und der engen wirtschaftlichen Verflechtungen beider Länder von besonderer Bedeutung. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs war das RWKS der mit Abstand wichtigste Kohlelieferant. Als Handelsgesellschaft fungierte in den Niederlanden die NV Steenkolen-Handelsvereeniging (SHV). Diese Gesellschaft gehörte zwar mehrheitlich niederländischen Aktionären, aufgrund von Exklusivverträgen war sie jedoch eng mit dem RWKS verbunden. Roelevink zeigt, dass der Einfluss des RWKS auf die SHV im Laufe der Jahre zurückging. Dominierte das RWKS vor dem Ersten Weltkrieg noch die Beziehung zur SHW, so stärkte die niederländische Seite ihre Position im Laufe der 1920er-Jahre und verfolgte zunehmend wirtschaftliche Eigeninteressen. Dabei nutzte die SHW bestehende Interessengegensätze zwischen den Mitgliedsunternehmen des RWKS zu ihren Gunsten aus.

Roelevink analysiert in Zusammenhang mit der Frage nach der Ausgestaltung der Beziehungen zur SHW das innere Machtgefüge des RWKS. Hierbei grenzt sie detailgenau die unterschiedlichen Fraktionen ab, die im Hinblick auf den Handel mit den Niederlanden eine eigenständige Politik verfolgten und zum Teil Sonderrechte durchsetzen konnten. Dieser Teil der Arbeit ist besonders hervorzuheben, weil es Roelevink sehr gut gelingt, die Konfliktlinien und Interessengegensätze herauszuarbeiten.

An mehreren Stellen betont Roelevink, dass der Kohlehandel sehr profitabel war und dort wesentlich höhere Margen erzielt werden konnten als in der Förderung. Dies erklärt das hohe Interesse führender Syndikatsmitglieder, am Handel mit den Niederlanden vorrangig beteiligt zu werden. Als Beispiel ist die Thyssen-Gruppe zu nennen, die sich 1925 in einem Sonderabkommen mit der SHV das Recht zusicherte, über eine konzerneigene Handelsgesellschaft eine festgelegte Menge an Kohle in den Niederlanden selbst zu vertreiben. Offen bleibt jedoch die Frage, welche Gewinnmargen das RWKS und die beteiligten Zechenhandelsgesellschaften tatsächlich erzielten. Zwar findet der aufmerksame Leser im Anhang ein Schaubild, das die Umsatz- und Gewinnentwicklung der SHW darstellt, unklar bleibt jedoch, wie stark die deutsche Seite tatsächlich profitierte. Ein quantitativer Vergleich mit den Margen im deutschen Inlandshandel des RWKS wäre in diesem Kontext aufschlussreich gewesen.

Roelevink sieht in der „organisierten Intransparenz“ ein wesentliches Charakteristikum des RWKS. Diese sei entstanden, um interne Konflikte zu bewältigen und „das Syndikat vor der Umwelt zu schützen“ (S. 344). Kennzeichen dieser organisierten Intransparenz seien beispielsweise die intern verwendeten, für Außenstehende nur schwer nachvollziehbaren und verklausulierten Ausdrücke und Preisberechnungsmethoden gewesen. Außerdem wird betont, dass das Syndikat „seine Abläufe und seine Entscheidungen durch eigene Rechtssemantiken“ strukturiert habe (S. 345). Diese organisierte Intransparenz, so Roelevink, sorgte dafür, dass ein Großteil der Syndikatsmitglieder von den Entscheidungsprozessen ausgeschlossen wurde.

Fraglich ist, ob die „organisierte Intransparenz“ tatsächlich ein Spezifikum des RWKS war, oder ob sie nicht eher eine Form der Corporate Governance widerspiegelt, die damals üblich war, sowohl in Kartellen als auch in Großunternehmen mit ungleich mächtigen Mitgliedern bzw. Aktionärsgruppen, die unterschiedliche Interessen verfolgten. Für den letzteren Fall kann zum Beispiel die Vereinigte Stahlwerke AG angeführt werden, wo wichtige Entscheidungen meist nicht in den dafür formal zuständigen Gremien getroffen wurden, sondern auf informeller Ebene in Abstimmung mit den tonangebenden Großaktionären.[1] Man könnte auch hier von einem System organisierter bzw. institutionalisierter Intransparenz sprechen. Ob dies auch im Allgemeinen für die betrachtete Zeit gilt, müssen zukünftige Forschungen zeigen. Vielversprechend wäre in diesem Zusammenhang vor allem der Vergleich zwischen dem RWKS und den Kartellen der Eisen- und Stahlindustrie, zumal die vertikal integrierten Stahlkonzerne alle auch im RWKS vertreten waren.

Roelevink hat eine fundierte und quellengesättigte Arbeit vorgelegt, die zum besseren Verständnis der Absatzorganisation im Steinkohlebergbau beiträgt. Es wäre zu wünschen, dass auch die anderen Syndikate und Kartelle des Kaiserreichs und der Weimarer Republik in der deutschen Unternehmensgeschichte mehr Beachtung finden. Hier besteht noch eine beachtliche Forschungslücke, die es zu schließen gilt.

Anmerkung:
[1] Vgl. Alfred Reckendrees, Das „Stahltrust“-Projekt. Die Gründung der Vereinigte Stahlwerke A.G. und ihre Unternehmensentwicklung 1926–1933/34, München 2000.

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Veröffentlicht am
21.04.2016
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