S. Peters u.a. (Hrsg.): Geschichte wird gemacht

Cover
Titel
Geschichte wird gemacht. Vergangenheitspolitik und Erinnerungskulturen in Lateinamerika


Herausgeber
Peters, Stefan
Reihe
Studien zu Lateinamerika 30
Erschienen
Baden-Baden 2015: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
200 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Veit Straßner, Mainz

Die gegenwartsrelevante Vergangenheit ist nicht das objektiv Vergangene, sondern vielmehr jene Aspekte der Vergangenheit, die in der Gegenwart erinnert, (de- und re-)kontextualisiert und gedeutet werden. Vergangenheit wird durch den Prozess des Erinnerns (wie auch des Beschweigens und Vergessens) sozial konstruiert. Dies geschieht selten einmütig. So hält auch der in einem der Beiträge zitierte Untersuchungsbericht der kolumbianischen Comisión Nacional de Reparación y Reconciliación fest: „Die Erinnerung ist ein Kampffeld, auf dem sich entscheidet, welche Sichtweise der Vergangenheit vorherrschen soll, in Funktion einer Zukunft, zu der man gelangen will. Aber die Erinnerung wird unter asymmetrischen Bedingungen konstruiert. Das heißt, nicht alle Erinnerungen haben unter gleichen Bedingungen Zugang zur politischen Szene.“ (S. 146)

Um diese Themen geht es in dem vorliegenden Sammelband: gesellschaftliche Konstruktionsprozesse von Vergangenheit und Erinnerung in Lateinamerika sowie das konfliktive Aufeinandertreffen unterschiedlicher Sichtweisen. So schreiben die Herausgeber: „Es geht also nicht um eine akkurate historische Darstellung oder Erklärung der Prozesse, die in verschiedene Diktaturen und Bürgerkriege mündeten. Vielmehr liegt der Analysefokus auf den gegenwärtigen Erinnerungsnarrativen und den divergierenden, teilweise konträren sowie umkämpften Interpretationen der Geschichte in der Gegenwart und ihrer möglichen Implikationen für die politische und gesellschaftliche Zukunft.“ (S. 9f.)

Der Sammelband umfasst zwölf Beiträge: sechs Länderstudien (zu Chile, Brasilien, Uruguay, Peru, Mexiko und Kolumbien) sowie zwei Beiträge, die sich mit den Revolutionären und Guerrilleros als Protagonisten der Epoche beschäftigen. In zwei weiteren Beiträgen geht es um übergreifende Fragestellungen: Elizabeth Jelin hinterfragt normative Prämissen der Vergangenheits- und Erinnerungspolitik und Annika Oettler stellt methodologische Überlegungen zur Untersuchung von Transitional Justice-Prozessen an. Gerahmt werden diese Beiträge von ein- bzw. weiterführenden Überlegungen zur Thematik des Bandes.

Die Einzelbeiträge sind in ihrer Unterschiedlichkeit allesamt überaus lesenswert und informativ. Sie beleuchten die untersuchten Phänomene kompetent und ausgewogen und bieten somit gute Einblicke in interessante Forschungsfelder. Jenseits der konkreten Fälle thematisieren sie auch übergreifende Themen und allgemeine Aspekte kollektiver Erinnerungsprozesse bzw. methodologische Fragen.

Jelin formuliert in ihrem Beitrag eine grundlegende normative Anfrage an vergangenheitspolitische Strategien. Sie hinterfragt das Dogma, „dass erinnert werden muss, damit sich Vergangenheit nicht wiederhole und dass nur mittels einer aktiven Vergangenheitspolitik eine zukunftsfähige Demokratie aufgebaut werden kann“ (S. 22). Sie plädiert dafür, diese allzu einfache Verknüpfung aufzulösen und stattdessen genauer zu hinterfragen, welche Art der Erinnerungsarbeit Auswirkungen auf welche Bereiche demokratischen Miteinanders hat. Am Beispiel Spaniens zeigt sie, dass trotz eines weitgehenden Verdrängens der Diktatur unter Franco eine stabile Demokratie entstehen konnte. Man kann vermuten, dass es in bestimmten historischen Konstellationen auch förderlich für die demokratische und die gesellschaftliche Entwicklung sein kann, die belastete Vergangenheit zunächst ruhen zu lassen. Diese Strategie ist für die Opfer freilich nur schwer erträglich – für die Gesellschaft und die politische Stabilität kann es durchaus von Vorteil sein.

Jelin zeigt am Beispiel Argentiniens, dass im Zusammenhang mit dem Aufarbeitungsimperativ das Thema Menschenrechte weitgehend mit der Vergangenheitspolitik gleichgesetzt wurde: So „werden die Menschenrechte gewöhnlich eher mit der Erinnerung an die Diktatur verbunden als mit der Situation eines hungernden Jungen in einer Gemeinde der indigenen Wichi im Chaco“ (S. 28). Diese Engführung des Menschenrechtsbegriffes führt nach Jelin dazu, dass ein umfassender Menschenrechtsdiskurs, der für die Festigung einer Demokratie von Bedeutung ist, nicht zustande kommt, da das Thema „Menschenrechte“ monothematisch mit der Vergangenheit verbunden wird. Jelin urteilt: „Diejenigen, die gemäß einer ‚Verpflichtung zum Erinnern‘ agieren, haben in der Regel eine Erzählung und eine Interpretation der Vergangenheit; und diese Version wollen sie an diejenigen vermitteln, die nicht die Erfahrung gemacht haben oder die nicht mit der vorgegebenen Interpretation übereinstimmen. Im Extremfall kann diese Haltung den zukunftsorientierten Zielsetzungen widersprechen – der Konstruktion einer aktiven Staatsbürgerschaft, die sich für die Öffentlichkeit und für demokratische Einstellungen einsetzt.“ (S. 36)

Auf empirischer Ebene finden sich in den Einzelbeiträgen Denkanstöße, die auch über die Fälle, in deren Kontext sie erwähnt werden, hinaus fruchtbar gemacht werden können. So führt etwa Stephan Ruderer das Konzept der „hybriden Erinnerungen“ ein, Erinnerungen nämlich, in denen „die ‚schlechten‘ und die ‚guten‘ Hinterlassenschaften der Diktatur miteinander verschmelzen“ (S. 57). Das so gefasste Phänomen findet sich in der Realität sicherlich ähnlich häufig, wie das der „konkurrierenden“ oder „konträren Narrative“. Es bringt die Ambivalenzen (oder Indifferenzen?) zum Ausdruck, die sich in vielen Gesellschaften hinsichtlich der Vergangenheit einstellen – besonders unter den nicht direkt Betroffenen oder Involvierten.

Ein Beispiel solcher nicht miteinander zu vereinbarenden Narrative stellt Stephanie Wiehl anhand von Peru vor: Sie verdeutlicht die Inkommensurabilität der Erinnerungsnarrative der Streitkräfte und der Opferorganisationen und (links-)intellektueller Gruppen. Ob die Phase der Violencia als Genozid oder als Form eines irregulären Krieges gesehen wird, scheint hierbei nur ein Epiphänomen eines viel grundlegenderen Konfliktes um Deutungshoheiten zu sein.

Eine interessante Lösung für einen ähnlich gelagerten Fall präsentiert Klaus Meschkat am Beispiel Kolumbiens, wo man zunächst akzeptierte, dass es unterschiedliche Sichtweisen auf die Vergangenheit gibt und dass diese subjektiven oder gruppenbezogenen Perspektiven ihre Berechtigung haben. Anstatt eine Expertenkommission einzusetzen, die die belastete Vergangenheit aufarbeiten und einen zustimmungsfähigen Minimalkonsens herauskristallisieren sollte, verständigte man sich darauf, mehrere Berichte zu erstellen. Dabei akzeptierte man die „bewusste Einseitigkeit von Autoren, die ihre eigene Sicht des Prozesses ohne den Zwang zur Ausgewogenheit darlegen sollten“ (S. 137). Die Anerkennung der Andersheit des Erlebten des Anderen soll so ein erster Schritt sein, sich und seine – vermeintlich absolute – Sichtweise zu hinterfragen und so in einen Verständigungsprozess einzutreten.

Aldo Marchesi verdeutlicht in seinem Beitrag über die Linke im Cono Sur, dass diese Auseinandersetzung mit eigenen Positionen nicht nur im Austausch mit einem Gegenüber geschehen kann. Am Beispiel ehemaliger Protagonisten der Linken zeigt er, wie sich die Bereitschaft zur Selbstreflexion und der Umgang mit der eigenen politischen Rolle wandeln kann. Ähnlich zeigt Patrick Eser, wie sich in der Testimonialliteratur der Protagonisten sowie in den Schriften und Filmen der Kindergeneration das (Selbst-)Bild wandelt und die politische und ethische Motivation, die über Jahre aus unterschiedlichen Gründen ausgeblendet wurden, neue Bedeutung erhalten.

In methodologischer Perspektive setzt sich Annika Oettler kritisch mit dem Bestreben auseinander, den Impact vergangenheitspolitischer Maßnahmen quantitativ zu erfassen. Sie legt dar, dass diese Vorgehensweise historiographisch unpräzise und nicht hinreichend valide und verlässlich sei. Ebenso macht sie auf das Problem der Selbstreferentialität der Indices aufmerksam, die zur Untersuchung von Transitional Justice herangezogen werden. Auch wenn sie deren Wert – etwa zur Hypothesengenerierung – anerkennt, plädiert sie für ein qualitatives Vorgehen, das die Dynamik und die Komplexität solcher Prozesse abbildet. Sie legt den Fokus auf die staatliche Politik (Gerichtsverfahren, Entschädigungen und Aufklärung) und fasst das Thema enger als andere Autoren: So plädiert Nina Schneider für die Einbeziehung der Geschichtskultur der Gesellschaft (S. 72). Eser betont die Bedeutung der kulturellen Dimension der Aufarbeitung: „Die durch Literatur, audiovisuelle Fiktion und Essayistik konstruierten Versionen der Vergangenheit und Narrative […] fungieren als kulturelle Vektoren, die maßgeblich an der Erzeugung historischer Bilder und deren Einschreibung in das kollektive Gedächtnis beteiligt sind. Historiographische Werke wie auch fiktionale Narrative […] liefern sinnstiftende Darstellungen von Geschichte, die Geschichtsbilder entwerfen, plausibilisieren und dadurch zugleich auch Interpretationen und Erklärungen vermitteln.“ (S. 169) Staatliche und (zivil-)gesellschaftliche Aufarbeitung müssen also zusammengesehen werden, da sie sich gegenseitig ergänzen und beeinflussen.

Der sehr gelungene Band wird durch einen Beitrag von Stefan Peters abgerundet, der weitere Forschungsdesiderate nennt. Er mahnt an, den „methodologischen Nationalismus“ (S. 190) zu überwinden, da viele Phänomene in transnationaler Perspektive besser erfasst werden könnten. Ebenso kritisiert er, dass sich die Untersuchung gesellschaftlicher Aufarbeitung meist auf die gebildeten, urbanen Mittelschichten konzentriere. In Anbetracht der ausgeprägten sozialen Ungleichheit Lateinamerikas scheint eine Diversifizierung der Perspektiven angemessen.

Redaktion
Veröffentlicht am
07.09.2016
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag