J. Deak: Forging a Multi-National State

Cover
Titel
Forging a Multi-National State. State Making in Imperial Austria from the Enlightenment to the First World War


Autor(en)
Deak, John
Reihe
Stanford Studies on Central and Eastern Europe
Erschienen
Stanford, California 2015: Stanford University Press
Anzahl Seiten
XV, 355 S.
Preis
€ 62,00; £ 45.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Göderle, Erfurt

John Deak legt mit der Publikation seiner überarbeiteten Doktorarbeit ein Werk vor, dessen Titel „Forging a Multinational State“ programmatisch gelesen werden muss. Deak interessiert sich für einen Aspekt der Geschichte des Habsburgerreiches, der in der Forschungsliteratur bislang wenig Beachtung gefunden hat, dessen schiere Existenz mitunter geleugnet wurde: Er fragt nach dem state building im späten Habsburgerreich. Als sich das spätfeudale Gebilde in den 1740ern im Österreichischen Erbfolgekrieg dem moderneren und straff organisierten Preußen auf vielen Ebenen als massiv unterlegen erwies, setzte eine Phase der Konsolidierung und Staatsreform ein: Maria Theresia schuf neue Strukturen, die eine andere Ausprägung des Staates vorwegnahmen. Sie errichtete die Grundzüge einer Zentralverwaltung, die über eine funktionierende Fiskalverwaltung auf mittlere Sicht das Rückgrat eines modernen Staates bilden sollte. Ursprünglich als Defensivmaßnahme gedacht, hatten sich diese Reformen über mehrere Jahrzehnte hinweg zum Zeitpunkt des Regierungsantritts von Joseph II. verstetigt, der ein noch sehr viel ambitionierteres Programm zur Vollendung eines Zentralstaates in Angriff nahm.

In Bezug auf die Zeit nach dem Tod von Joseph II. ist vom state building in der Habsburgermonarchie, wie Deak konstatiert, in der Fachliteratur nur mehr selten die Rede. Das liege zum einen an der Hegemonie einer nationalgeschichtlichen Erzählung, in der eine Geschichte der „Deutschen“ ab dem 19. Jahrhundert von Preußen weitergetragen wird, das als aufsteigender Nationalstaat schließlich reüssiert. Zum anderen verweigere sich das Habsburgerreich klassischen teleologischen Fortschrittserzählungen, die in wirtschafts- und sozialhistorischen Arbeiten im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts eine dominierende Rolle einnehmen konnten (S. 3ff.). Deak interessiert sich für die Kontingenzen dieser Narrative und geht diesen in einer so intensiven wie extensiven archivalischen Recherche nach.

Im Ergebnis präsentiert er eine äußerst dichte und quellenreich gearbeitete Studie, die eine ganz andere Perspektive aufwirft: Deak beschreibt keinen Staat im Niedergang, sondern vielmehr eine sich entwickelnde politische Einheit, den Auf- und Ausbau funktionierender administrativer, gesellschaftlicher und sozialer Institutionen über die gemeinhin als Zäsur gedachten Linien hinweg. Er skizziert eine Entwicklung hin zu einem modernen Staat abseits des bekannten nationalstaatlichen Narrativs. Folgerichtig ist das halbe Jahrhundert von Maria Theresia und Joseph II. nur ein Präludium zu einer Arbeit, die den Aspekten des state building hartnäckig durch das 19. Jahrhundert bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges folgt. Deak konzentriert sich durch die ganze Studie hindurch insbesondere auf zwei Aspekte: Auf die Vorstellungen der herrschenden Personen, wie der Staat insgesamt aussehen sollte und auf die Entwicklungen und Dynamiken des bürokratischen Apparates, dessen Aufgabenspektrum und die sozialen Veränderungen die sich daraus ergeben. Seine in jeder Beziehung bemerkenswerte Arbeit schließt etliche bestehende Forschungslücken in diesem Gebiet systematisch und großflächig.[1]

Dabei kann er sich auf eine so umfangreiche und offensichtlich über Jahre aufgebaute empirische Evidenz stützen, dass er mit großer Leichtigkeit auch das Bild von der Habsburgermonarchie des einsetzenden 19. Jahrhunderts in mehreren Aspekten mit neuen Erkenntnissen anreichert. Die lange Herrschaft von Franz II. (I.) erscheint in seiner ausgewogenen und differenzierten Darstellung aus einer Perspektive des state building weder als Bruch noch als völliger Stillstand (S. 30–37): Zwar war an eine Fortsetzung des unter Joseph begonnenen Reformprojektes nicht zu denken, die unter ihm geschaffenen Institutionen gruben sich in den mehr als vier Jahrzehnten unter Franz aber profund in die soziale Tiefenstruktur des Reiches ein. Vor allem kann Deak zu einem Verständnis davon beitragen, wie stark sich josephinische Ideale und Vorstellungen über die Ausbildung der Beamten in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts übertragen. Der Aufstieg der Bürokratie unter Joseph II. leitet einen tiefergreifenden sozialen Wandel ein, indem er einen Raum für eine neue gesellschaftliche Gruppe schafft, die sich in der Folge, auch unter teils äußerst widrigen Bedingungen, dauerhaft etabliert.

Fast drei Viertel des Buches konzentrieren sich aber auf eine Darstellung der weiteren Entwicklung von 1848 bis 1914. Mit großer Übersicht und einem beeindruckenden Verständnis der Zusammenhänge und Hintergründe leistet Deak eine umfassende Neuordnung und –interpretation der an das Revolutionsjahr anknüpfenden Ereignisse. Diese Syntheseleistung ist vor dem Hintergrund der fundamentalen Arbeiten, die in den letzten Jahren zu einzelnen Aspekten aus diesem Zusammenhang erschienen sind, absolut notwendig geworden.[2] Deak zeigt anhand einer massiven archivalischen Evidenz auf, wie grundlegend die Verschiebungen sind, die nach 1848 auf der bürokratischen Ebene einsetzen, und wie stark diese in die Pragmatiken und Logiken der Herrschaftsausübung eingreifen. Für ein gutes Jahrzehnt wird eine davor nie dagewesene Zentralstaatlichkeit etabliert, was mit einem enormen Wachstum der Bürokratie, hohen Kosten aber auch ganz neuen Möglichkeiten für den Herrscher einhergeht, der diese aber mit der Administration teilen muss. John Deaks minutiöse und strukturierte Darstellung der Ereignisse während und unmittelbar nach 1848 besticht durch Souveränität und Übersicht, und wird insbesondere jene erfreuen, die schon lange auf der Suche nach einer lesbaren und kontextreichen Darstellung waren.

1860 endet mit dem Oktoberdiplom das „Zeitalter der Bürokratie“ nach einer langen Krise, die sich vor allem auf der finanziellen und fiskalischen Ebene ausdrückte. Mit dem Oktoberdiplom kamen die Kronländer und die Stände, die für mehr als ein Jahrzehnt vollkommen von der politischen Beteiligung ausgeschlossen waren, zurück auf die Bühne und setzten sich in der Folge für unterschiedliche Formen provinzieller Autonomie ein. In den Jahren des Neoabsolutismus war mit der Bürokratie aber ein Akteur entstanden, mit dem in der Folge auch auf der höchsten Ebene zu rechnen war. Schrittweise entwickelte sich in den frühen 1860ern die berühmte Doppelgleisigkeit aus autonomer und Staatsverwaltung. Zugleich definierten sich eine österreichische und eine ungarische politische Arena, die aber getrennte Entwicklungsverläufe nahmen. Abgeschlossen wurde das gute halbe Jahrzehnt politischer Experimente, das mit dem Oktoberdiplom einsetzte, letztlich durch den Ausgleich, der die Doppelmonarchie begründete, und nach der Logik einer new imperial history eigentlich wieder eine imperiale Herrschaft begründete, wenn auch unter Beibehaltung von Strukturelementen moderner Staatlichkeit.

Das halbe Jahrhundert nach 1867 beschreibt Deak als eine Zeit, in der die gut ausgebaute Bürokratie systematisch gesellschaftliche Stabilisierungseffekte hervorzubringen vermochte. Die Kehrseite dieser Stabilisierung erkennt er darin, dass die Administration nicht nur weiterhin eine Rolle in der politischen Gestaltung des Landes spielt, sondern auch in der Politik insgesamt (S. 177ff.). Dennoch entwickelt sich bis in die frühen 1890er eine cisleithanische Realverfassung, in der die Verwaltung ein hohes Maß an Unabhängigkeit von den sich entwickelnden repräsentativen Körperschaften erlangt, wenngleich der durch diese betriebene Ausbau des Staates vornehmlich über die Administration erfolgt. Das hat zur Folge, dass auch die Kosten beträchtlich ansteigen, zumal sich der finanzielle Rahmen den Gegebenheiten und Anforderungen moderner Staatlichkeit nicht mehr gewachsen zeigt. Diesem Spannungsfeld widmet sich das letzte Kapitel. Die eingeleiteten Reformprozesse bleiben, angesichts des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, unabgeschlossen.

John Deak legt eine straffe, hervorragend argumentierte und durchdachte und dabei sehr gut zu lesende Studie zum state building im späten Habsburgerreich vor. Sein Fokus liegt dabei in der Mitte und der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und nach 1867 auf Cisleithanien. Der Arbeit ist eine schnelle Übersetzung zu wünschen, zumal Deaks zentrale Argumentationslinie im deutschsprachigen Diskurs einen dringend notwendigen Impuls darstellen wird, was aber angesichts dieser bemerkenswerten und gelungenen Studie nur einen weiteren Pluspunkt darstellt. Überragend ist darüber hinaus die gründliche Aufarbeitung der Sozialgeschichte der Bürokratie. Auch als Gesamtdarstellung über die Epoche ist das Buch sehr lesbar und geeignet.

Anmerkungen:
[1] Zum Beamtentum und der Bürokratie sind hauptsächlich die beiden etablierten und renommierten Bücher von Waltraud Heindl zu nennen: Gehorsame Rebellen. Bürokratie und Beamte in Österreich Band 1, Wien 1990; sowie Josephinische Mandarine. Bürokratie und Beamte in Österreich Band 2, Wien 2013.
[2] In den letzten eineinhalb Jahrzehnten wurde vor allem eine mikrohistorische Ebene sehr umfassend beforscht, deren Synthetisierung in neuere Gesamtdarstellungen erst in jüngster Zeit einsetzt: Siehe etwa Arbeiten von Gary Cohen, Pieter Judson, Jeremy King, Börries Kuzmany, Tara Zahra und weiteren.