Cover
Titel
Die große Angst. Polen 1944–1947: Leben im Ausnahmezustand


Autor(en)
Zaremba, Marcin
Erschienen
Paderborn 2016: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
627 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Grzegorz Rossoliński-Liebe, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Die Situation im durch die Rote Armee befreiten Polen war durch eine kollektive Angst vor einer unbekannten Zukunft geprägt, die ihren Ursprung in den traumatischen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges hatte, wie Marcin Zaremba in einem interessanten und hervorragend recherchierten Buch zeigt. Seine Perspektive richtet sich auf einen vergänglichen Gemütszustand, der sich jedoch in verschiedenen Dokumenten wie Briefen, amtliche Protokollen oder auch Gemälden und Denkmälern niederschlug. An Hunderten von Beispielen zeigt der Autor, wie politische Ereignisse die gesellschaftlichen Emotionen beeinflussten bzw. wie und warum sich die Angst in der polnischen Nachkriegsgesellschaft schlagartig ausbreitete und Menschen in Verhaltensmuster verfielen, die sie unter normalen Zuständen abgelehnt hätten. Das Spektrum seiner Analyse ist breit und umfasst neben alltäglichen Tätigkeiten, wie die Herstellung von selbstgebranntem Schnaps oder dem Tausch von Gegenständen, auch antijüdische Pogrome und Hinrichtungen von – echten oder vermeintlichen – Kollaborateuren.

Die Angst im Nachkriegspolen war ansteckend und verbreitete sich schlagartig. Sie löste ein Gefühl der „Unsicherheit, Ratlosigkeit und Hilfslosigkeit“ aus und führte immer wieder zu Gewaltexzessen. Die Angst vor dem Kommunismus und der Glaube an jüdische „Strippenzieher“ hinter der bolschewistischen Front hatte sich in Polen bereits nach der Oktoberrevolution verbreitet. Sie wurde durch die Schlacht bei Warschau 1920 verfestigt, fand Eingang in die polnische Kultur und verließ seitdem das Land an der Weichsel nicht mehr. Wie Zaremba zeigt, waren es nicht nur die Nationalsozialisten, die während der Besatzung Polen zur Kollaboration mit der „judäokommunistischen“ Propaganda motivierten, sondern auch polnische Politiker, die das Schlagwort der „judäokommunistischen“ Gefahr benutzten, um ihre eigenen Ziele zu legitimieren.

Ein anderer zentraler Faktor für die Verbreitung dieser Angst war der Zweite Weltkrieg selbst bzw. seine Folgen. Vor den Augen ihrer Nachbarn und nicht selten mit ihrer Zustimmung ermordeten die Nationalsozialisten 90 Prozent der polnischen Juden, verfolgten und ermordeten einen Teil der polnischen Elite, schickten etwa zwei Millionen polnischer Bürger zur Zwangsarbeit nach Deutschland, verübten unzählige Kriegsverbrechen an polnischen Zivilisten, brannten gesamte Dörfer ab und zogen Tausende von Polen in verschiedenste Formen der Kollaboration hinein. Nicht nur die Zusammensetzung der polnischen Gesellschaft veränderte sich während der Okkupation, auch ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit wandelte sich radikal. Die Religion rückte ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, Menschen neigten verstärkt zum „magischen Denken“ und glaubten an Wahrsagerei. Zynismus und Gleichgültigkeit wurden zur gesellschaftlichen Norm, Familie und Nation gewannen an Relevanz, der bereits vor und während des Krieges grassierende Antisemitismus wurde nicht hinterfragt (S. 95–105).

Die Nachkriegsangst wurde auch durch Chaos und Plündern gekennzeichnet, die in den Alltag eingingen. Man plünderte aus Rache, ohne Ziel und Plan oder einfach deshalb, weil viele es machten. Menschen fürchteten sich, dass ihr grundlegendes Eigentum wie Schuhe oder Haustiere jederzeit gestohlen werden könnte. Viele aber stahlen selbst, um Verlorenes zurückzugewinnen. Auf den Geländen der ehemaligen Vernichtungslager wurde nach Goldzähnen gewühlt. Andere glaubten daran, dass die Deutschen in den „wiedergewonnenen Gebieten“ Schätze vergraben hätten.

Die Rotarmisten, die Polen von der deutschen Besetzung befreit hatten, versetzten seine Bürger ebenso in Angst. Neben Saufgelagen und dem Stehlen von Alltagsgegenständen, vergewaltigten sie massenweise Frauen, was viele als eine Belohnung für ihren Kriegseinsatz verstanden (S. 131–133). Die Angst vor den mordenden ukrainischen Nationalisten zwang bereits 1943 und 1944 etwa 200.000 bis 300.000 Polen Wolhynien und Ostgalizien zu verlassen (S. 118). Bettler, Landstreicher und demobilisierte Soldaten – darunter viele Kriegsinvaliden – prägten das Bild der Städte.

Banditentum und Untergrundsoldaten waren ein anderes Element, das vor allem Menschen auf dem Land ängstigte. Im Gegensatz zu den kommunistischen Streitkräften hatten die Soldaten des nationalen Untergrunds keinen Rückhalt von Seiten des Staates. Sie waren auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen, die sie jedoch in der Regel als stehlende Banditen verstand. Der sowjetische Sicherheitsapparat verhaftete und deportierte nicht nur mehr Offiziere der Heimatarmee als die Deutschen im Krieg erschossen hatten, sondern er ging auch gegen ihre Familien nach dem Prinzip der kollektiven Verantwortung vor. Seine Brutalität prägte das Bild dieser Zeit ebenso wie öffentliche Hinrichtungen von Kriegsverbrechern, Volksdeutschen und „Kollaborateuren“, denen unter anderem ganze Schulen zusehen mussten und für die gelegentlich sogar Eintrittskarten verkauft wurden (S. 299–301). In bestimmten Regionen gingen Polen noch 1946 davon aus, dass der Krieg weitergehen würde (S. 302). Andere bereiteten sich auf den Dritten Weltkrieg vor oder hofften, dass eine Atombombe ihnen die Rückkehr nach Lemberg erlauben würde (S. 330, 343).

Außer durch kollektive Angst war die Nachkriegszeit in Polen durch ethnische Gewalt geprägt. Polen waren dabei zuweilen Opfer, häufiger aber Täter; neben Juden fielen ihnen auch Deutsche und Ukrainer zum Opfer. Juden, die die Shoah in Polen überlebten, zogen es vor, ihre ethnische Identität zu verheimlichen, um nicht verprügelt oder ermordet zu werden. Einige gingen sogar davon aus, dass der Holocaust nach dem Rückzug der Deutschen in Polen gar nicht vorbei sei (S. 427). Gleichzeitig war es in einigen Regionen Polens gefährlich, in der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen, wovor unter anderem Primo Levi nach seiner Befreiung aus Ausschwitz gewarnt wurde. Deutsche wurden von Polen als billige Arbeitskräfte verstanden, in Konzentrationslagern eingesperrt, vergewaltigt oder ermordet (S. 428–430).

Ein Aspekt der im Großen und Ganzen vorbildlich recherchierten Monographie, der leider nicht gänzlich überzeugt, ist die Analyse der antijüdischen Gewalt. Zaremba analysiert eingehend, wie sich Pogrome und antijüdische Ausschreitungen in Nachkriegspolen ereigneten, welche Tätergruppen darin involviert waren, aus welchen Gründen sie handelten und welche Rolle dabei die Angst spielte. Dennoch ist seiner Schlussfolgerung: „antisemitische Pogrome waren die Quintessenz der Grossen Angst“ (S. 427) nicht zuzustimmen. Hier wird die Rolle des Antisemitismus innerhalb der polnischen Gesellschaft unterschätzt und zu sehr auf das „mystische Denken“ der ungebildeten Bauern und Milizionäre hingewiesen. Antisemitismus war in Vorkriegspolen – wie in einigen anderen europäischen Ländern auch – in allen gesellschaftlichen Schichten einschließlich der Intellektuellen, Akademiker und Politiker weit verbreitet und sein Ausmaß war schlicht erschreckend. Er führte dazu, dass jüdische Studenten in Vorkriegspolen ausgegrenzt und immer wieder verprügelt wurden, er spielte eine zentrale Rolle bei der Kollaboration im Zweiten Weltkrieg und er mobilisierte Massen nach dem Rückzug der Deutschen zu weiteren Gewalttaten gegen Überlebende des Holocaust. Er wurde zwar durch die „Große Angst“ verstärkt, war aber keineswegs ihr Produkt.

Marcin Zarembas Publikation, in der mit der Methode der dichten Beschreibung ein realistisches und erschreckendes Bilder der polnischen Nachkriegsgesellschaft präsentiert wird, verdient besondere Aufmerksamkeit. Durch eine scharfsinnige Analyse der kulturellen, politischen und sozialen Prozesse zeichnet er ein vielschichtiges Porträt einer entwurzelten Gesellschaft und konzeptualisiert viele der bisher geltenden Befunde neu. Er zeigt, dass die Angst ein Schlüsselfaktor zum Verständnis der damaligen Prozesse ist, wobei aber seine Auseinandersetzung mit Antisemitismus und der antijüdischen Gewalt nicht vollständig überzeugt.