Cover
Titel
European Products. Making and Unmaking Heritage in Cyprus


Autor(en)
Welz, Gisela
Erschienen
Oxford 2015: Berghahn Books
Anzahl Seiten
204 S.
Preis
£ 85.00
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Markus Tauschek, Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde, Philosophische Fakultät, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Während sich die politischen Landschaften Europas derzeit mitunter dramatisch transformieren, während sich die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union mit tiefgreifenden gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Herausforderungen konfrontiert sehen und während Europa derzeit an Bindungskraft zu verlieren scheint, sind die Formen, Formate und politischen Instrumente eines spezifisch europäischen Kulturerberegimes derzeit – so scheint es zumindest – so omnipräsent wie noch nie. Es sind unter anderem kulturwissenschaftliche Arbeiten, wie jene der Berliner Kultur- und Sozialanthropologin Sharon Macdonald oder der Hamburger Kulturanthropologin Kerstin Poehls, die empirisch dicht nachgewiesen haben, wie in Europa Modi der Vergegenwärtigung, Inszenierung und Musealisierung von Vergangenheit funktionieren und welche Wirkungen sie – unter anderem im Prozess der Europäisierung – entfalten.

Wie aber unterschiedliche Kulturerberegimes in unterschiedlichen Feldern zusammenwirken, wie Europa über Kulturerbe hergestellt wird und wie sich Kultur (in einem weiten Sinne) durch Prozesse der Kulturerbewerdung transformiert, ist zwar in einzelnen Fallstudien inzwischen vergleichsweise gut erschlossen, konzise Ethnografien, die diese Fragen vergleichend in den Blick nehmen, sind immer noch ein Desiderat. Genau hier setzt Gisela Welz’ engagierte Studie zur Herstellung von Kulturerbe am Beispiel Europäischer Produkte in Zypern an. Die Studie verbindet faszinierende Fallbeispiele und kann damit nachdrücklich zeigen, wie in einem spezifischen Heritagescape Kulturerbe auch als politisches Projekt instrumentalisiert und ideologisiert wird.

Kulturerbe – so hebt die Einleitung an – ist das Ergebnis sozialer Praktiken und diskursiver Formationen. Dabei sei Kulturerbe auch Ergebnis wie Instrument einer „technology of governance“ (S. 4), die Ausschnitte von Kultur und Natur als Ressource markiere, diese mit Wertigkeiten versehe und dabei (globalen) Märkten zuführe. Welz denkt in ihrer Analyse Natur und Kultur zusammen – auch heritageifizierte Natur (etwa in Nationalparks) verweist in Welz’ Perspektive auf „presenced pasts“; und Expertenwissen spiele dabei eine ganz zentrale Rolle. Wichtiger analytischer Rahmen bilden hierbei die bereits erwähnten Arbeiten von Sharon Macdonald, die nachdrücklich gefordert hat, dem zwangsläufig essentialisierenden Kulturerbebegriff den prozesshaften Begriff des „past presencing“ gegenüberzustellen. Diese Perspektive dynamisiert kulturelles Erbe; sie betont in sozialkonstruktivistischer Weise die Modi der Herstellung, Inszenierung, Nutzung, Inwertsetzung et cetera jener Ausschnitte von Natur und/oder Kultur, die in (kultur-)politischen Feldern heute als Heritage begriffen werden und in deren Genese insbesondere die Kulturwissenschaften eine bedeutende Rolle spielten und spielen.

Der Band ist in drei größere Abschnitte untergliedert, denen prägnante Abstracts vorangestellt sind. Der erste Abschnitt übertitelt mit „Heritage Regimes“ fokussiert jene staatlichen, rechtlichen, bürokratischen und formalen Infrastrukturen, die im Zusammenspiel von Regierungsweisen und lokalen Formationen Kulturerbe mitunter spannungsreich erzeugen. Gisela Welz argumentiert hier zurecht, dass in Kulturerberegimes keineswegs nur von oben Macht ausgeübt wird, sondern dass Akteure vor Ort zur Zusammenarbeit motiviert werden. Nicht-staatliche Akteure sollen dabei in definierten staatlichen Rahmen Kulturerbe schützen und aktiv pflegen. Am Beispiel vernakulärer Architektur, ganzer Dörfer oder auch ganzer Landschaften zeigt die Autorin, wie diese in europäische Produkte transformiert werden.

Paradigmatisch für diesen Prozess kann die Gemeinde Kritou Tera gelten, die im westlichen Teil Zyperns liegt und die insbesondere in den 1990er-Jahren unter Landflucht litt, wodurch zahllose Gebäude verfielen. Von etwa 800 Einwohner/innen nach dem Zweiten Weltkrieg blieben (unter anderem bedingt durch Migration aufgrund der wirtschaftlich schwierigen Lage) Anfang der 1990er-Jahre etwa 160 Bewohner/innen übrig. Erst mit dem wachsenden Tourismus in der etwa 15 Kilometer entfernten Küstenregion entstanden auch Projekte wie das sogenannte „Laona Project“, finanziell unterstützt durch die Europäische Union mit dem Ziel, dem Wegzug von Bewohner/innen entgegenzuwirken. Insbesondere das ländliche architektonische Erbe sei auf Zypern bis dahin kaum Gegenstand nationaler Wertschätzung gewesen – ganz im Gegensatz zum hellenistischen Erbe und den zahllosen archäologischen Stätten, die schon während der britischen Kolonialzeit entsprechend geschützt wurden. Einen spezifischen Rahmen bildete der Konflikt zwischen dem 1960 unabhängig gewordenen Zypern und der Türkei, in dem zahllose historische Gebäude zerstört wurden. In der Folge wurden diese Zerstörungen ein wichtiges Argument in diesem Konflikt und von beiden Seiten ideologisch eingesetzt. Ein zentraler Rahmen, um die Umgangsweisen mit ländlicher Architektur verstehen zu können, ist die Tatsache, dass im Rahmen des zypriotisch-türkischen Konflikts türkisch-stämmige und griechisch-stämmige Bewohner/innen umgesiedelt wurden.

„A ‚traditional house’ is not simply an old building”, so argumentiert Welz, „but has to be produced by normative assessments of its historic, cultural and aesthetic value. These are usually based on hegemonic definitions by cultural elites and then in turn are authorized by state bureaucracies“ (S. 26). In Europa sei dieser Prozess insbesondere in den 1970er-Jahren in standardisierten Verfahren verstärkt sichtbar geworden. In genau diesem Kontext hätten – so argumentiert Gisela Welz – lokale Akteure auf Zypern den Wert ländlicher Gebäude erkannt. Schon vor dem Beitritt zur EU hätten diese Akteure erfolgreich EU-Mittel beantragt, um Gebäude zu restaurieren. Hintergrund des bereits erwähnten Projekts Laona war es, durch den Erhalt lokaler historischer Gebäude einen Beitrag zur Etablierung nachhaltiger Wirtschaftsformen – etwa durch Agrotourismus – zu implementieren. In Kritou Tera wurde etwa eine Taverne eröffnet, in der ganz gezielt regionale Gerichte angeboten werden sollten; in einem benachbarten Dorf wurde eine Kapelle restauriert, um sie entsprechend touristisch zu vermarkten; die Herstellung traditioneller Agrarprodukte wurde ganz gezielt vorangetrieben; und im renovierten Schulgebäude wurden Büros und Seminarräume eingerichtet, unter anderem um Wissen über ökologische und traditionelle Herstellungsverfahren zu vermitteln. Dieser Prozess – so Welz – verlief typisch für Kulturerbepolitiken: Zum einen wurden die Dorfbewohner/innen ermutigt, lokale Besonderheiten zu erkennen und zum anderen bestätigten Spezialisten die historischen Besonderheiten und stellten damit gleichzeitig geschichtskulturelle Wertigkeiten her. Das Loana Projekt könnte als typisch für Formen der Musealisierung gelten: Der Ursprungszustand der Häuser sollte wiederhergestellt, spätere Überformen rückgängig gemacht werden. Dies hatte auch Auswirkungen auf die ästhetische Gestalt des Dorfes, wurden doch vielfach Fenster aus Aluminium oder Plastik durch Holzfenster ersetzt. „The synchronization of village structures according to a unified vision of historical architecture also had the effect of effacing all traces of the historical process“ (S. 28) – aus einer eher kulturkritischen Perspektive könnte man gar in Anlehnung an Jean Baudrillard von einer Museifizierung sprechen.

Wie in anderen Fällen führte das Projekt in Kritou Tera auch zu lokalen Konflikten. Denn die Standardisierung und Homogenisierung vor Ort, die als typisch für jegliche Kulturerbeintervention gelten könnte, zog auch Fragen nach Mitbestimmung und lokaler Repräsentation nach sich. Gisela Welz kann in der Analyse des Fallbeispiels zeigen, wie auf lokaler Ebene Konflikte und Wettbewerb um die Vergabe von Mitteln und letztlich um die Weiterentwicklung der dörflichen Ökonomie entstanden – so etwa als mit Projektmitteln eine Straße zur Anbindung an die Autobahn finanziert wurde. Während die eine Seite argumentiert, die Straße sei essentiell, um das Dorf erst an die touristischen Infrastrukturen anzubinden, wollte die andere Seite die Mittel lieber zur Renovierung der Häuser nutzen. Im Hintergrund ging es hier auch um Deutungshoheiten und die Wahrnehmung von Entscheidungshierarchien.

Dieses erste Fallbeispiel zeigt eindrücklich, wie Kulturerbepolitiken entstehen, welche Effekte sie zeitigen, wie sie politisch und ideologisch gerahmt sind und welche Auswirkungen sie sowohl auf lokale Akteure als auch auf die zu konservierenden Materialitäten haben. Diese Fragen durchziehen auch die weiteren Beispiele des Abschnitts zu Heritage Regimes, die sich mit der Inszenierung von Gastfreundschaft und mit der Erfindung von Ländlichkeit befassen.

Der zweite Teil des Buchs lenkt die Aufmerksamkeit auf einen spezifischen Gegenstand – als spezifisch lokal verstandene Lebensmittel. Nahrungsmittel, deren Herstellung und deren Konsum gelten, so Gisela Welz, als besonders wichtig in der Herstellung und Aushandlung kultureller Unterschiede: „As boundary markers, differences in culinary culture become expressive of social divides. Cuisines are often taken to be potent symbols of national identities. Insistence on ethnic or national ‚ownership‘ of a food tradition, then, is discursively linked to evidence of a groups’ social and territorial integrity of history.“ (S. 75) Vor genau diesem Hintergrund werden lokale Produkte und Nahrungsmittel zu polyvalenten Ressource, um deren Deutungshoheit und Verfügung mitunter vehement gestritten wird. Und in diesem Prozess können sich nicht nur Deutungsmuster, sondern auch Herstellungsweisen verändern. Wie dies konkret geschehen kann, zeigt Welz an einem Beispiel das geradezu paradigmatisch auch für Prozesse der Europäisierung stehen kann: Halloumi. Der aus Ziegen- und Schafsmilch – und im Kontext industrieller Fertigung aus Kostengründen vermehrt auch unter Beimischung von Kuhmilch – hergestellte Käse ist ein schillerndes Beispiel dafür, wie Lebensmittel heute in spezifischen politischen und ökonomischen Rahmen verrechtlicht und als regionales Spezifikum inszeniert werden. Dies reicht von der Frage, ob ein Stuttgarter Unternehmen einen Käse unter dem Markennamen „Hellim“ vermarkten darf, bis hin zu den Auswirkungen der Vergabe des Labels „PDO“ (Geschützte Ursprungsbezeichnung), von dem in der Regel nicht nur ein einzelner Hersteller profitiert, sondern alle Hersteller in einer bestimmten Gegend. Welz’ Rekonstruktion der Inwertsetzungsprozesse von Halloumi ist äußerst differenziert. Die Autorin kann zeigen, wie über ein spezifisches Lebensmittel Europa und gleichzeitig lokale Spezifika, Authentizität und Differenz hergestellt werden. Sie kann auch zeigen, dass diese Prozesse den Gegenstand einer Kulturerbeintervention selbst verändern: „[…] when local food products start to circulate in translocal markets, truth claims as to their origin become decisive in establishing their authenticity. The case study dealing with the changing production of halloumi cheese illustrates very acutely what heritage making in the food sector entails, and how legislation and state practices combine with economic interests to regulate product quality, hygiene, pricing, sourcing and markets. In the end, a hybrid artefact is created […].” (S. 108)

Der letzte Abschnitt nimmt den Zusammenhang von Kulturerbe und Raum in den Blick. Während sich das erste Fallbeispiel mit Natur, Umwelt und Landschaft im Kontext von Kulturerbeinterventionen auseinandersetzt, befasst sich ein weites Unterkapitel mit der Stadt Nikosia und den vergangenen 40 Jahren, in denen die Stadt in kulturelles Erbe transformiert wurde und in denen kulturelle Projekte die Teilung der Stadt zu überwinden suchten. Wie die anderen Fallbeispiele auch ist Nikosia ein Paradebeispiel dafür, wie in zwei nationalstaatlichen Rahmen kulturelles Erbe jeweils in spezifischen Kontexten zur Herstellung und Stabilisierung nationaler Differenz genutzt wurde – durch die Umbenennung von Straßen oder durch den Abriss historischer Gebäude, die als beispielhaft für die jeweils andere Seite galten. Der Umgang mit dem gebauten Erbe verweist dabei stets auf Dissonanzen und Konflikt, wenn Gebäude etwa als spezifisch muslimisch oder christlich überhöht werden.

Die Zusammenfassung ist in jeder Hinsicht programmatisch: Welz weist hier zurecht darauf hin, dass eine sozialkonstruktivistische Perspektive auf Kulturerbe mitunter Gefahr laufe, die materielle Dimension dessen außer Acht zu lassen, das diskursiv als kulturelles Erbe markiert wird. Und Welz kann zeigen, dass die Transformation von Kultur und/oder Natur in reflexives Erbe ein hochgradig zielgerichteter Prozess ist, der aber mitunter – und dass macht eine mikroperspektivische kulturanthropologische Auseinandersetzung so notwendig – unintendierte Effekte zeitigt. Der Band schließt mit einem Blick auf jene Effekte, die sich aus der Finanzkrise ergeben – das Interesse für die Kulturerbepolitiken Zyperns wird damit breiter kontextualisiert.

Diese Rezension könnte mit dem Hinweis enden, dass Gisela Welz 2016 mit dem PROSE-Award der Sektion Fachbuch- und Wissenschaftsverlage des Verbandes amerikanischer Verleger ausgezeichnet wurde. Der Preis würdigt unter anderem die Tatsache, dass der Band auch für ein breiteres Publikum ein kulturpolitisch immens wichtiges Thema erschließt. Aus der Perspektive der Kulturerbeforschung kann dem sicher nur zugestimmt werden. Der Band besticht durch eine kluge Auswahl an Fallbeispielen, die immer wieder mit relevanten analytischen Perspektiven verknüpft werden. Er zeichnet im Kleinen nach, welche – mitunter nicht intendierten – Effekte Europäisierung und Ökonomisierung auf unsere Lebenswelten haben. Er zeigt auf, wie Kulturerbe zu einem machtvollen Instrument werden kann und wie sich als Kulturerbe ausgezeichnete Gegenstände mit und nach einer Auszeichnung verändern. Der Band demonstriert darüber hinaus in beeindruckender Weise, welches Potenzial kulturanthropologischer Forschung innewohnt, denn er argumentiert zwar am Beispiel eines spezifischen Heritagescapes, der durch die breit angelegten Beispiele in seiner Vielschichtigkeit und seinen Ambivalenzen greifbar wird, er verweist aber ganz generell auf Prozesse der Kommodifizierung und der Verrechtlichung von Natur und Kultur, die in den kommenden Jahren ohne jeden Zweifel noch einmal an Fahrt gewinnen werden.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.12.2017
Redaktionell betreut durch
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/