J. Leonhard u.a. (Hrsg.): Semantiken von Arbeit

Cover
Titel
Semantiken von Arbeit. Diachrone und vergleichende Perspektiven


Herausgeber
Leonhard, Jörn; Steinmetz, Willibald
Reihe
Industrielle Welt 91
Erschienen
Köln 2016: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
413 S.
Preis
€ 60,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Gerstung, Ravensburg

Diesem Sammelband zum semantischen Wandel von Arbeit bzw. Nicht-Arbeit, der aus zwei Workshops hervorgegangen ist[1], liegt eine aktuelle Problemstellung zugrunde. In ihrem einleitenden Aufsatz attestieren die Herausgeber Jörn Leonhard und Willibald Steinmetz für unsere Zeit einen beschleunigten semantischen Wandel, eine Auflösung klarer Bedeutungsreferenzen sowie eine Pluralisierung der Semantiken von Arbeit (vgl. S. 47f.). Ursächlich für diese babylonische Verwirrung sei – neben dem tatsächlich zu beobachtenden Wandel der Arbeitswelt[2] – die immer stärkere globale Verschränkung von Produktionsprozessen, die unterschiedliche Kulturen und Strukturen von Arbeit in eine engere Beziehung zueinander bringe. Gleichzeitig dehne sich der Begriff der Arbeit immer stärker auf Bereiche aus, die wir noch vor wenigen Jahren eindeutig der Nicht-Arbeit zugeordnet hätten, wenn etwa von „Freizeitarbeit“, „Konsumarbeit“ oder „Beziehungsarbeit“ die Rede ist. Durch diesen inflationären Gebrauch verliere der Begriff seine Distinktionskraft. Die ehedem klare Trennung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit verschwimme, und damit sinke die Möglichkeit, die Semantiken der Arbeit politisch zu handhaben. Einen tieferen Einblick in die semantische Pluralisierung des Arbeitsbegriffes, seine Entgrenzung und die Verlagerung ins Subjektive des „unternehmerischen Selbst“ bieten die Beiträge von Dietmar Süß und Ulrich Bröckling im vorliegenden Band.

Die eingangs von den beiden Herausgebern gestellte Diagnose kann nicht ohne Folgen für die historisch-semantische Analyse bleiben. Gerade die Auflösungserscheinungen und Entgrenzungen gegen Ende des 20. Jahrhunderts stellen die gängigen Meistererzählungen über Arbeit in Frage, wie sie etwa in Werner Conzes einschlägigem Artikel im Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“ vorherrschen[3], und lassen eine Neuvermessung des Terrains geboten erscheinen. Angesichts der Kontingenzerfahrungen der Gegenwart und eines kaum beherrschbaren Erwartungshorizonts bezüglich zukünftiger Entwicklungen richtet sich der Blick wieder auf den historischen Erfahrungsraum. Dort suchen die Beteiligten dieses Bandes jedoch nicht nach einer neuen Großerzählung, sondern nach Knotenpunkten, Verbindungen und Brüchen in einem zeitlich wie räumlich weitgespannten semantischen Netz. Diese historische Semantik lässt sich deshalb auch als eine Problemgeschichte der Gegenwart verstehen, wie sie Hans Günter Hockerts entworfen hat.[4]

Um das Beziehungsgeflecht der Begriffe und Bedeutungen in vergangenen Zeitschichten aufzuspüren und offenzulegen, bedarf es eines geeigneten spracharchäologischen Handwerkszeugs.[5] Von der älteren Begriffsgeschichte wollen sich die Herausgeber durch die Offenheit und Breite ihres Ansatzes unterscheiden. Sie lehnen die bloß punktuell auf den Begriff hin orientierte Analyse ab. Stattdessen schlagen sie eine Erweiterung der Begriffsgeschichte zur Erforschung von historischen Semantiken vor. Drei Innovationen sollen diese Erneuerung tragen.

Erstens soll der Untersuchungszeitraum deutlich ausgeweitet werden. Diese Öffnung entspricht der Forderung nach einer Geschichtsschreibung der longue durée, wie sie in den letzten Jahren immer wieder artikuliert wurde. Der Sammelband trägt dem Rechnung, indem er von der früheren Zentrierung begriffshistorischer Forschung auf die „Sattelzeit“ um 1800 abrückt und stattdessen eine Zeitspanne vom Frühmittelalter bis ins späte 20. Jahrhundert einbezieht. Hierdurch verschieben sich Akzente, es tauchen neue Kontinuitäten und Brüche auf, und das Bild wird vielgestaltiger. Es ist deshalb reizvoll, Ludolf Kuchenbuchs Beitrag über die Semantiken von Arbeit in der Regel Benedikts aus dem 6. Jahrhundert oder Josef Ehmers Analyse der Arbeitsdiskurse im deutschen Sprachraum des 15. und 16. Jahrhunderts neben Beiträgen zum 19. und 20. Jahrhundert zu sehen. Noch aufschlussreicher wäre es allerdings, wenn die Gewichtung der versammelten Aufsätze nicht so eindeutig zu Gunsten der letztgenannten Epoche ausgefallen wäre. So erscheint es leider wie ein mediävistisch-frühneuzeitliches Feigenblatt – der Dialog über Epochengrenzen hinweg bleibt im Ansatz stecken.

Zweitens verlassen die Beiträge den engen räumlichen Bezugsrahmen der nationalen und europazentrierten Geschichtsschreibung und folgen so dem schon länger virulenten Trend hin zu einer internationaleren, zunehmend globalen Perspektive in der historischen Analyse. Gezielt werden unterschiedliche Sprachräume und Kulturkreise einbezogen. Julia Seibert befasst sich in ihrem Aufsatz etwa mit der Lohnarbeit im kolonialen Kongo, Reinhard Schulze untersucht Arbeit als Problem der arabischen Sozialgeschichte, und Shingo Shimada betrachtet die historische Entwicklung von Arbeitsbegriffen im Japan des 20. Jahrhunderts. In allen drei Beiträgen wird nicht nur die historische Semantik innerhalb eines anderen sozio-kulturellen und sprachlichen Bezugsrahmens analysiert. Vielmehr geraten auch Transferprozesse in den Blick. Shimada skizziert beispielsweise die Übersetzungs- und Rezeptionsgeschichte englisch- und französischsprachiger, später auch deutschsprachiger Texte in Japan. Das sind vielversprechende Ansätze, von denen man gern mehr hören und lesen würde.

Drittens zeigen die Texte eine erstaunliche methodisch-disziplinäre Breite, die gegenüber der älteren Begriffsgeschichte einen großen analytischen Gewinn bringt. Diese Öffnung führt jedoch nicht zu Beliebigkeit. Was die hier schreibenden Forscher verbindet, ist etwa der Blick auf das Situative des Sprachgebrauchs, auf die konkrete Praxis der Kommunikation. Die Herausgeber sprechen von „concepts in action“ (S. 45). Ein gelungenes Beispiel dafür ist Jörg Neuheisers Vergleich der Wertewandelsdebatte der 1970er-Jahre und der darin enthaltenen neuen Semantiken der Arbeit mit der Sprache der betrieblich-gewerkschaftlichen Praxis im Daimler-Benz-Werk in Untertürkheim. Der sozialwissenschaftlich befeuerten, politisch aufgeladenen Expertendebatte mit ihrem Credo einer postmaterialistisch geprägten Arbeits- und Lebenswelt stellt Neuheiser das vergleichsweise konservative Arbeitsethos der Menschen im Daimler-Werk gegenüber; deutlich wird dabei eine große Kluft zwischen akademischen Denkspielen und sozialer Praxis. An der Werkbank in Untertürkheim, so urteilt der Autor abschließend, „finden sich in den siebziger Jahren jedenfalls keine Hinweise auf einen fundamentalen Wertewandel und eine dramatische Veränderung in den Einstellungen der Belegschaft zur Arbeit“ (S. 346).

Kleine Einwände seien hierzu erlaubt: Erstens räumt Neuheiser selbst ein, dass die untersuchte soziale Gruppe extrem klein ist. Nicht nur, dass sie aus einer einzigen Branche, ja aus einem einzigen Werk stammt – es sind noch nicht einmal die Angestellten desselben Unternehmens mit im Blick. Dem Autor ist zuzustimmen, dass hier weitere Forschung notwendig wäre. Zweitens befanden sich die Arbeiter im Daimler-Werk Untertürkheim in einem relativ stabilen Umfeld. Schließlich drittens: Dass gerade in einer Zeit, in der Erfahrungsraum und Erwartungshorizont zunehmend auseinanderdriften, konservative Denkmuster Konjunktur haben, können wir nicht zuletzt in unserer eigenen Gegenwart beobachten. Solche Beharrungstendenzen lassen sich aber selbst dann beobachten, wenn wie im Fall der Glasgower Hafen- und Werftarbeiter die Personen im Laufe der 1970er-Jahre nicht nur ihre Arbeit verloren, sondern die ganze Branche, in der sie beschäftigt waren, vom Strukturwandel hinweggefegt wurde.[6]

Das Beispiel zeigt, dass die Untersuchung historischer Semantiken nicht in der Analyse von Begriffen und Wortfeldern stecken bleiben darf, sondern, wie von den Herausgebern des Bandes gefordert, „in die konkrete Geschichte von Arbeit integriert werden“ muss (S. 45). Die einzelnen Aufsätze bieten hierfür jede Menge interessanter Ansatzpunkte, und sie werfen viele spannende Fragen auf. Die Erforschung historischer Semantiken im Sinne von Jörn Leonhard und Willibald Steinmetz steht erst am Anfang eines sicher aufschlussreichen und fruchtbaren Weges. Die hier genannten Kritikpunkte sind wohl in erster Linie dem Medium Tagungsband geschuldet. Aus der vertiefenden historischen Analyse dürfte noch einiges zu erwarten sein. Vor allem wenn die sinnvollen methodischen Vorgaben noch konsequenter umgesetzt werden, kann von hier aus etwa ein wesentlicher Beitrag zur Historisierung der Semantiken des 20. Jahrhunderts entstehen.[7]

Anmerkungen:
[1] Semantiken von „Arbeit“ in diachroner und vergleichender Perspektive, School of History am Freiburg Institute for Advanced Studies, Freiburg 2010; Semantiken von „Arbeit / Nicht-Arbeit“: Das 20. Jahrhundert in vergleichender Perspektive, Workshop im Rahmen der Herbsttagung des Arbeitskreises für Moderne Sozialgeschichte, Institut für soziale Bewegungen, Bochum 2011.
[2] Vgl. hierzu (mit Schwerpunkt auf Deutschland) etwa Knud Andresen / Ursula Bitzegeio / Jürgen Mittag (Hrsg.), „Nach dem Strukturbruch“? Kontinuität und Wandel von Arbeitsbeziehungen und Arbeitswelt(en) seit den 1970er-Jahren, Bonn 2011.
[3] Vgl. Werner Conze, Art. „Arbeit“, in: Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. 154–215.
[4] Hans Günter Hockerts, Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder, in: Historisches Jahrbuch 113 (1993), S. 98–127, https://core.ac.uk/download/pdf/12165525.pdf (09.10.2016).
[5] Siehe jetzt auch Ernst Müller / Falko Schmieder, Begriffsgeschichte und historische Semantik. Ein kritisches Kompendium, Berlin 2016.
[6] Vgl. Tobias Gerstung, Vom Industriemoloch zur Creative City? Arbeit am Fluss in Glasgow während und nach dem Boom, in: Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael / Thomas Schlemmer (Hrsg.), Vorgeschichte der Gegenwart. Dimensionen des Strukturbruchs nach dem Boom, Göttingen 2016, S. 149–170.
[7] Vgl. Christian Geulen, Plädoyer für eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 7 (2010), S. 79–97, http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2010/id=4488 (09.10.2016).