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Titel
Erlebnisgemeinschaft. Über die Inszenierung von Gemeinschaft seit Beginn der europäischen Moderne


Autor(en)
Merkel, Marcus
Erschienen
Berlin 2014: Panama
Anzahl Seiten
283 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Manfred Hettling, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Das „Erleben“ ist zu einer Unsitte in der öffentlichen Medienwelt geworden. Kein Interview, das nicht mit der Frage beginnt, wie der- oder diejenige irgendwas erlebt habe. Egal, ob Mario Götze nach dem WM-Siegtreffer oder Jürgen Habermas nach dem Brexit befragt wird, das Angebot, subjektive Befindlichkeit auszubreiten, steht am Anfang des Gesprächs. Das Ich und sein Befinden werden damit tendenziell zum Dreh- und Angelpunkt für die Welt und nicht die äußere Wirklichkeit zum Erkenntnisobjekt für das Subjekt. Die „Erlebnisgesellschaft“ ist zum Symbol für die Gegenwart geworden.[1] Doch das Phänomen ist keineswegs neu, und der Begriff war schon viel früher Gegenstand ausgehender theoretischer Erörterung. Das ist der Ausgangspunkt von Marcus Merkels Dissertation, die nach der Konstruktion von Gemeinschaft im Medium des Erlebnisses fragt. Angelehnt an die konstruktivistische Nationsforschung von Max Weber und Benedict Anderson untersucht er die Verbindung von Erlebnis und (politischer) Gemeinschaftsbildung.

Der Autor unterscheidet in seinen – im Großen und Ganzen überzeugenden – konzeptionellen Überlegungen zu Beginn zwischen flüchtigen (im Sinne von ephemeren, nur in der Situation des Erlebnisses bestehenden) und festen, dauerhaften Gemeinschaften. Sein Interesse richtet sich dabei auf politische Gemeinschaftsbildung, ohne dass das immer konsequent thematisiert wird. Punktuell geschaffene Kollektive werden von ihm als (eine) Voraussetzung für die Genese von dauerhaften Gemeinschaftsbildungen verstanden. Sie basieren auf aktiver Zustimmung des Einzelnen, die im performativen Vollzug dargestellt und in rhetorischen Selbstzuordnungen artikuliert werden kann. Insofern ist sie grundlegend an Kommunikation und Explikation gebunden: „Gemeinschaft muss erlebt, expliziert und proklamiert werden, damit sie auch gefühlt werden kann“ (S. 15), so Merkels Argument.

Die Analyse umfasst sowohl theoretische Überlegungen wie auch praktische Veranstaltungen, die dem Ziel dienten, Gemeinschaftsbildung durch rational geplante und herbeigeführte Erlebnisse intentional zu entwickeln oder in Handlungssituationen zu realisieren. Merkel konzentriert sich zeitlich auf drei Phasen, die jeweils unterschiedliche politische Gemeinschaftsmodelle abbilden sollen: das revolutionäre des 18. Jahrhunderts mit Jean-Jacques Rousseaus Festtheorie und den französischen Revolutionsfesten nach 1789; das nationale des 19. Jahrhunderts mit Richard Wagners Theatertheorie und knappen Bemerkungen zum politischen Fest im 19. Jahrhundert; schließlich das von ihm so genannte „(un)politische“ des 20. Jahrhunderts mit den Ruhrfestspielen nach 1945 in der Bundesrepublik. Damit ist kein umfassender Überblick über Festtheorien und Festbeispiele der letzten zwei Jahrhunderte intendiert, was den Rahmen einer einzelnen Monografie auch sprengen würde. Dem Verfasser kommt es vielmehr darauf an, grundsätzliche zeitgenössische theoretische Überlegungen und jeweils praktische Beispiele im Vergleich zu analysieren.

Merkels Argument läuft darauf hinaus, dass die Flüchtigkeit von Gemeinschaften eng verbunden ist mit Rhetoriken und Ritualen des Beständigen. Feste, Festspiele und Feiern inszenieren und präsentieren Symbole der Dauer. Zugleich ermöglichen sie verbale Artikulationen von Dauer und beschwören eine zeitüberwindende Stabilität dieser imaginierten Gemeinschaft. Hierin steht der Autor ganz in der Tradition Andersons. Seine Argumentation changiert jedoch immer wieder zwischen einer Betonung des Rhetorischen dieser bekundeten Beständigkeit und der Annahme, dass durch Festspiele und Ritualisierungen flüchtige Gemeinschaften zu festeren, imaginierte zu realen werden können. Dem ist generell nicht zu widersprechen, zu fragen ist jedoch, wie das konkret zu überprüfen und vor allem empirisch zu klären wäre. An diesem Punkt stößt sein Zugriff an immanente Grenzen, denn eine Analyse, inwiefern Erlebnisse von Gemeinschaften im Rahmen ritualisierter Feste die Genese politischer Gemeinschaftsbindungen de facto stabilisieren, erforderte andere Indikatoren als empirische Grundlage, als sie hier ausgewählt wurden. Die Arbeit bleibt also konzentriert auf die intentionale und die rituelle Seite von Gemeinschaftserlebnissen – die Frage der Wirkung, der direkten Relevanz muss ausgespart bleiben.

Die Arbeit beginnt mit der Ausbildung säkularer Festkonzeptionen im 18. Jahrhundert. Der Schwerpunkt der ideengeschichtlichen Analyse ist auf Rousseaus Entwürfen zu bürgerlichen Festen gerichtet. Rousseau kritisierte das Theater als nur dem Vergnügen dienend und stellte dem Feste als politisches Ausdrucksmedium entgegen. Letztere sollten Emotionen wecken, die in den Alltag zurückwirken würden, und dadurch einer politischen Gemeinschaftsbildung als Grundlage des Staates dienlich wären. Merkel hebt zu Recht hervor, dass es auch vor Rousseau bereits eine aufklärerische Festtheorie gab, doch rückt auch er dessen Bedeutung in den Mittelpunkt, da Rousseau einige Punkte bündelte und akzentuierte, die schon zuvor diskutiert worden waren. Gezielt wurde damals die Neuschöpfung von Festen proklamiert – sie sollten bewusst erfunden werden, weil ihnen eine transformierende Wirkung zugeschrieben wurde, d.h., durch Feste und im gemeinsamen Vollzug dieser Veranstaltungen sollte, so die zeitgenössische Vorstellung, die erwünschte neue politische Gemeinschaft erst gebildet werden.

Die erstrebte neue Ordnung erschien als gebunden an die äußere und vor allem auch aktive, innere Teilhabe der Akteure. Sie zielte auf die neuartige Gemeinschaft der Nation, sie wurde gekoppelt an Kommunikation, die öffentliche Sichtbarkeit und Verständigung. Im revolutionären Kult nach 1789, speziell unter Jacques-Louis David, kam es dann auch wieder zur Verschmelzung von Fest und Theater in Theorie und Praxis der revolutionären Feste. Die Revolutionsfeste wurden wieder mehr Theater, indem sie die Bilder dynamisierten, die Handlungen darstellten und zugleich die Grenze zu Prozessionen und Triumphumzügen verschwimmen ließen. In ihnen erfuhr das Fest eine Politisierung und Mobilisierung, die viele Elemente späterer Massenveranstaltungen bereits in nuce enthielt.

In den weiteren Teilen verfolgt die Arbeit im chronologischen Durchgang vor allem Theaterkonzeptionen. Ausgewählt werden dabei explizit „politische“ Theaterkonzeptionen, historische Feste und Festspiele blieben außen vor. Angefangen von Richard Wagners Utopie des „Gesamtkunstwerks“ über Peter Behrens, Georg Fuchs, Max Reinhardt und andere verfolgt Merkel die Verschmelzung von Theater, politischem Fest und Beteiligung der Massen in unterschiedlichen programmatischen Entwürfen seit dem 19. Jahrhundert.

Den Endpunkt des Buches – und des diachronen Durchlaufs – bilden die Bemerkungen zu den Ruhrfestspielen nach 1945. Ob die Vergemeinschaftung zwischen „proletarischem Bergarbeiter“ und Bildungsbürger dabei wirklich so gelang, wie es dem Selbstbild der Organisatoren entsprach, mag man bezweifeln. Merkel selber konstatiert, dass die Nachhaltigkeit der Gemeinschaftsbildung sich weniger an der Teilnahme unterschiedlicher Schichten festmachen lasse, als an der Wirkmächtigkeit von gemeinschaftsbezogenen Ideen und Utopien, die im Theater entworfen wurden (S. 245). Ob das Utopie war oder bloß Ideologie, ließe sich gewiss diskutieren. So sehr die Arbeit eine politische Dimension des öffentlichen Festspiels sichtbar macht sowie den Anspruch, gemeinschaftsbildend zu wirken, bleibt die Frage der Sozialrelevanz, d.h. der politischen Folgen dieser politisierenden Theatermacherei, letztlich offen.

Das beeinträchtigt nicht den eigentlichen Ertrag der Arbeit, die Erlebnisdimension des politischen Festspiels, seine „theatralische“ Dimension, sichtbar zu machen, sowohl in der Intention der programmatischen Autoren wie in der Gestaltung der Formen. Das Buch analysiert die Absichten und Darstellungsformen dieser „politischen Erlebnistheatralik“ durchaus anregend und überzeugend. Im Kern zielte ihr Anspruch auf eine sinnliche Überwindung des Individuums im Medium des Festspiels und dieses dergestalt verbesserte Individuum sollte anschließend in die Gesellschaft zurückwirken. Dabei wirken Inszenierung des Festspiels und Authentizität des Erlebnisses zusammen. Zu Recht warnt Merkel deshalb davor, beide gegeneinander auszuspielen. Je besser die Inszenierung, desto mächtiger konnte das Erlebnis, konnte die Wahrnehmung der Authentizität des eigenen Gefühls in der Inszenierung sein. Auf dieser Dialektik gründet die Wirkungsweise der Erlebnisgemeinschaften in der Moderne, so könnte man Merkels Bilanz zusammenfassen.

Die Nachhaltigkeit von Vergemeinschaftungen basiere, so der Autor abschließend mit Max Weber argumentierend, auf der Dauer von Gemeinsamkeitsgefühlen (S. 263).[2] Diese stützen sich auf Erlebniserfahrungen, auf Rhetoriken der Dauer, auf Handlungen. Deshalb kann Gemeinschaft als Idee wie als Gefühl wirkungsmächtig werden und insofern durchaus real, könnte man mit Weber abschließend urteilen. Wenn Merkel seine durchaus überzeugende Analyse der Wirkungsmächtigkeit inszenierter Erlebnismöglichkeiten aber mit dem Satz beendet, Gemeinschaft sei „Mythos und Wunschdenken, sie ist Ideologie“, dann widerspricht das seiner Darstellung und seiner differenzierten Bedingungsanalyse der Vermittlung von Gemeinschaftsgefühlen im Medium des Erlebnisses.

Anmerkungen:
[1] Z. B. bei Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt am Main 2000.
[2] Bei Weber lautet es genauer, „gefühlte (affektuelle oder traditionale) Zusammengehörigkeit der Beteiligten“, in: Wirtschaft und Gesellschaft, 5. überarb. Aufl., Tübingen 2002 (1. Aufl. 1921/1922), S. 21; Weber differenziert immer genau zwischen Gemeinsamkeiten, gefühlter Zusammengehörigkeit, gefühlter Gemeinschaft und Gemeinschaftshandeln und thematisiert die Mechanismen des Übergehens von einem Zustand in einen anderen, etwa in den Passagen zur Nation.