A.W. Daum u.a. (Hrsg.): The Second Generation

Cover
Titel
The Second Generation. Émigrés from Nazi Germany as Historians


Herausgeber
Daum, Andreas W.; Lehmann, Hartmut; Sheehan, James J.
Reihe
Studies in German History 20
Erschienen
New York 2016: Berghahn Books
Anzahl Seiten
XIII, 473 S.
Preis
€ 128,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
René Schlott, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

An der enormen nationalen und internationalen Resonanz auf den Tod von Fritz Stern am 18. Mai 2016 wurde deutlich, wie wirkmächtig die sogenannte „second generation“ für die deutsch-amerikanische Öffentlichkeit und die historische Fachwissenschaft bis heute ist. Mit dem Begriff gemeint sind Historikerinnen und Historiker, die als Kinder zur Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland gezwungen waren und im Gegensatz zur „first generation“ ihre akademische Sozialisation nicht mehr an deutschen Universitäten, sondern in Nordamerika erfuhren. Als wichtige Vertreterinnen und Vertreter dieser „second generation“ wären neben Stern etwa Gerda Lerner, Gerhard L. Weinberg, Georg G. Iggers, Peter Gay und George L. Mosse zu nennen. In den USA schrieben sie wegweisende historische Arbeiten, lieferten Impulse für innovative Forschungen und Methoden, hinterfragten kritisch die traditionellen Meistererzählungen der deutschen Geschichtswissenschaft und widmeten sich als Zeitgenossen vor allem der Frage, wie der Nationalsozialismus und der Holocaust möglich wurden.

Das Deutsche Historische Institut Washington hat sich in zwei bedeutenden Tagungen mit der Rolle der Exilhistorikerinnen und -historiker beschäftigt. Inzwischen ist die erste Konferenz des 1987 gegründeten DHI in der US-amerikanischen Hauptstadt selbst ein Stück Historiographiegeschichte. Die Tagung im Dezember 1988 widmete sich nicht zufällig dem Thema „German Speaking Refugee Historians“, schlug dies doch eine transatlantische Brücke zwischen dem Land, aus dem deutschsprachige Historikerinnen und Historiker einst hatten fliehen müssen und das nun ein Forschungsinstitut just in jenem Land unterhielt, das damals vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine persönliche und akademische Zuflucht geboten hatte.[1] Im Mai 2012 fand die DHI-Gründungskonferenz ihre Fortsetzung mit einer Tagung zur zweiten Generation von Exilanten.[2] Die Unterschiede zwischen der älteren und der jüngeren Emigrantengeneration sowie die Einflüsse, die die zweite Generation von Nordamerika aus auf ihren Heimatkontinent ausübte, stehen im Mittelpunkt des nun vorliegenden, außerordentlich kohärenten und schlüssig aufgebauten Tagungsbandes.

In einer beeindruckenden Synthese gibt Mitherausgeber Andreas W. Daum einleitend einen deduktiv aufgebauten Überblick zum Sample der 107 Historikerinnen und Historiker, die – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – in diesem Band zur „second generation“ gezählt werden. Daum skizziert einige Thesen, die zur weiteren Diskussion anregen mögen: Während der „ersten Generation“ noch Karl Marx als analytische Leitfigur diente, wurde er in der „zweiten Generation“ von Max Weber abgelöst (S. 26f.). Die zweite Generation teilte aufgrund ihrer multiplen kulturellen Sozialisation ein Gefühl des „nonbelonging“ (S. 30f.), der Nichtzugehörigkeit zu einer Nation, einem Volk oder einer Religion, das Daum an der Frauenhistorikerin Susan Groag Bell (1926–2015) exemplifiziert (S. 31).

Die Herausgeber taten gut daran, persönliche Erinnerungen von Vertreterinnen und Vertretern der „zweiten Generation“ an den Anfang des fünfteiligen Bandes zu stellen, denn so wird dem Lesenden an der je individuellen autobiographischen Erzählung von sieben Historikern (darunter posthum auch Fritz Stern) und zwei Historikerinnen vor Augen geführt, was Ulrich Sieg in seinem Nachruf auf Stern ein „ungewöhnlich erfahrungsreich[es]“ Leben und einen daraus folgenden „engagierte[n] Umgang mit Geschichte“ nannte.[3] Besonders eindringlich zu lesen sind etwa die Schilderungen Walter Laqueurs über seine fünfjährige Tätigkeit als Landarbeiter im Kibbuz, der es später ohne einen Studienabschluss bis zum Professor in Tel Aviv und an der Georgetown University in Washington, DC brachte, oder die Erinnerungen von Georg G. Iggers an sein – manchmal nicht ungefährliches – Engagement in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1950er-Jahre.

Im zweiten, konzeptionellen Teil des Bandes begegnet Volker R. Berghahn möglicher Kritik am Konzept der „second generation“ mit dem Verweis auf die Gemeinsamkeit an Erfahrungen, Einstellungen und Erinnerungen, die diese Alterskohorte verbindet. Zudem verwenden die Mitglieder dieser Gruppe den Generationsbegriff auch für sich selbst. Berghahn betont, dass ihre Karrieren nicht zuletzt etwas über die Flexibilität des US-amerikanischen Universitätssystems aussagen, das sich als wesentlich offener gegenüber Neuankömmlingen erwies als die deutsche Wissenschaft (S. 165), wenngleich Antisemitismus, Antikommunismus und auch Deutschenhass bei der Anstellung an einer US-Universität Hürden waren. Hans Rosenberg etwa schrieb mehr als 80 Bewerbungen, bevor er 1938 eine Stelle am Brooklyn College erhielt. Berghahn nennt zum Schluss seines inspirierenden Beitrages drei offene Forschungsfragen: 1. Was versöhnte nahezu alle Angehörigen der „zweiten Generation“ letztlich mit ihrem Herkunftsland – Altersmilde oder die Westintegration der Bundesrepublik? 2. Warum schrieb die „zweite Generation“ fast ausschließlich in englischer Sprache – um ihre Amerikanisierung auch öffentlich zu demonstrieren oder um ihre Forschungsergebnisse zur deutschen Geschichte auch der englischsprachigen Welt zugänglich zu machen, nicht zuletzt als Warnung für die transatlantischen Demokratien? 3. Wie beeinflusste die Erfahrung von Kontingenz und Koinzidenz, von Trauma und Lernprozess die Forschungsagenda dieser „zweiten Generation“, von denen die meisten Akteure sich mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigten?

Der dritte Teil des Buches zum Einfluss der Emigranten auf die Geschichtsschreibung ist sicher der ertragsreichste. Steven E. Aschheim etwa zeichnet nach, wie die Historiker der „zweiten Generation“ von den USA aus eine neue deutsche Kulturgeschichtsschreibung prägten, während sich zeitgleich in der Bundesrepublik die Sozialgeschichtsschreibung etablierte. Die Protagonisten beider Schulen einte bei allen sonstigen Unterschieden eine sozialdemokratische bzw. liberale politische Grundüberzeugung. Beide beschäftigten sich insbesondere mit den Epochen des Kaiserreiches und der Weimarer Republik, um dort die historischen Wurzeln des Nationalsozialismus zu suchen, und beide kamen im Ergebnis zu einer Art Sonderwegs-These. Doris L. Bergen erläutert am Beispiel Raul Hilbergs, Gerhard L. Weinbergs und Henry Friedlanders, wie wichtig die Impulse von einzelnen Angehörigen der „zweiten Generation“ für die Entwicklung der transatlantischen Holocaust-Forschung wurden. Hilberg lenkte den Blick auf die Bürokratie, Weinberg auf den Zweiten Weltkrieg und Friedlander auf die „Euthanasie“-Morde und ihren jeweiligen Zusammenhang mit dem Vernichtungsprozess. In mehreren Beiträgen wird zudem deutlich, auf welche Ablehnung oder Ignoranz deutschsprachige Forscherinnen und Forscher aus den USA in der jungen Bundesrepublik trafen. Helmut Walser Smith zeigt dies in seinem Aufsatz über Peter Gay.

Ähnlich erging es aber auch Fritz Stern und Georg L. Mosse, deren frühe Werke kaum in deutschen Fachzeitschriften besprochen wurden, wie Philipp Stelzel in seinem Beitrag belegt. Stelzel wagt die These, dass die Attraktivität von Historikern der „zweiten Generation“ in der Bundesrepublik von deren politischer Haltung abhing: Je konservativer ein Historiker dieser Kohorte war, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, von den Kollegen in der frühen Bundesrepublik der 1950er- und 1960er-Jahre wahrgenommen zu werden. Nicht nur am Beispiel der Auseinandersetzungen um Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“ (1961) zeigte sich laut Stelzel die kritische Perspektive der „zweiten Generation“ auf etablierte Methoden und dominierende Geschichtsbilder. Stelzels Beitrag gehört zum vierten Teil des Bandes, der sich „vergleichenden und transnationalen Perspektiven“ widmet und den Blick über die USA hinaus auch auf andere Aufnahmeländer wie Großbritannien und Palästina / Israel lenkt.

Den Band schließt ein umfangreicher, von Andreas Daum mit einer Erläuterung der Auswahlkriterien eingeleiteter „biobibliographic guide“ ab, der neben den Lebensdaten der Protagonistinnen und Protagonisten der „second generation“ auch die Stationen ihrer Universitätskarrieren, die wichtigsten Publikationen und bedeutende Auszeichnungen aufführt. Nicht zuletzt mit dieser mehr als einhundert Druckseiten umfassenden Aufstellung, deren vorläufigen Charakter Daum offen einräumt, leistet der Band echte Grundlagenforschung. Kritisch anzumerken bleibt lediglich eine allerdings nicht unbedeutende semantische Entscheidung. Im Untertitel des Bandes ist etwas euphemistisch von „Émigrés“ die Rede, wo eigentlich von „Refugees“ gesprochen werden sollte, da aus dem untersuchten Personenkreis kaum jemand freiwillig sein Heimatland verließ.[4] Außerdem fehlen dem Band leider einzelne deutsche und englische Abstracts zu den über 20 Beiträgen.

Vor allem der systematische Zugang aber – den besonders Daum in seinen beiden Texten entwickelt – macht den Band zur eindrucksvollen Bestandsaufnahme eines Forschungsfeldes, das es mit innovativen Methoden und originellen Fragen weiter zu vertiefen gilt. Denn was den Erfolg und den Einfluss der „second generation“ in den USA und der Bundesrepublik erklären könnte, deuten verschiedene Beiträge an, lässt der Band aber insgesamt auf produktive Weise offen. Vielversprechend für zukünftige Forschungen erscheint dabei das von dem US-amerikanischen Soziologen Gerhard Sonnert und dem Wissenschaftshistoriker Gerald Holton 2006 vorgelegte Konzept für die gesamte vor den Nationalsozialisten geflohene Kindergeneration, das deren sozioökonomischen Erfolg in den USA gerade durch ihre „incomplete assimilation“ zu erklären versuchte.[5] Oder wie es die 1938 aus Leipzig geflohene, spätere Brooklyn-College-Professorin Renate Bridenthal in ihrem Beitrag für den Band festhält: „[…] as for so many refugees, you could get us out of Germany, but you couldn’t get Germany out of us.“ (S. 131)

Anmerkungen:
[1] 1991 erschien der Tagungsband unter dem Titel „An Interrupted Past. German-speaking Refugee Historians in the United States after 1933“, herausgegeben von DHI-Gründungsdirektor Hartmut Lehmann und James J. Sheehan bei Cambridge University Press.
[2] Siehe <http://www.ghi-dc.org/events-conferences/event-history/2012/conferences/the-second-generation.html?L=0> (06.08.2016).
[3] Ulrich Sieg, Nachruf Fritz Stern, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 64 (2016), S. 703ff., hier S. 703, 705.
[4] Andreas Daum reflektiert in seinen Beiträgen sogar den entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Begriffen, nämlich Freiwilligkeit versus Zwang (S. 40, Anm. 2, und S. 329).
[5] Gerhard Sonnert / Gerald Holton, What Happened to the Children who Fled Nazi Persecution, New York 2006.