Cover
Titel
Mad Men.


Autor(en)
Bronfen, Elisabeth
Erschienen
Zürich 2016: diaphanes
Anzahl Seiten
160 S.
Preis
€ 14,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anette Kaufmann, TV-Produzentin, Köln

Elisabeth Bronfens Monographie über die AMC-Fernsehserie MAD MEN[1] ist 2016 im Verlag diaphanes erschienen.[2] In bisher 14 Bänden widmen sich in der Reihe „booklet“ Kulturwissenschaftler, Publizisten und mit Dominik Graf auch ein Regisseur der Analyse amerikanischer Quality-TV-Serien. Man wolle nachliefern, „was in den DVD-Boxen fehlt: Lektüren zur Serie“[3], heißt es in der Verlagsinformation. Bronfen, Professorin für English and American Studies an der Universität Zürich, betont, dass sie ihre Lektüre von MAD MAN „dezidiert über den archetypischen amerikanischen Hochstapler Don Draper“ aufgerollt habe (S. 23). Auf der Basis genauer, von sympathischer Leidenschaft für die Serie getragenen Beobachtungen beleuchtet sie in sieben Kapiteln Aspekte des ‚amerikanischen Traums’.

Im Kapitel „Der Schwindel des amerikanischen Traums“ widmet sich Bronfen dem Vorspann der Serie: Eine stilisierte Silhouette der männlichen Hauptfigur stürzt, nachdem sich der Boden des Büros unter ihren Füßen aufgelöst hat, an einer Hochhausfassade hinab in die Tiefe. Doch anstatt am Boden zu zerschellen, sitzt Don Draper am Ende wohlbehalten, eine Zigarette in der Rechten, in einem Sessel. Die Interpretation, „der fallende Don Draper [sei] als klassischer Archetypus des sich stets neu erfindenden amerikanischen Helden zu verstehen“ (S. 18), ist schlüssig. Allerdings wage ich (aufgrund meiner Kenntnis des Entwicklungs- und Produktionsprozesses von Fernsehserien sowie der Teilnahme an einem Workshop mit MAD MEN-Autorin Lisa Albert[4]) zu bezweifeln, dass alles, was Bronfen der 30 Sekunden dauernden animierten Titelsequenz sonst noch an Bedeutung zuweist, darin enthalten oder jedenfalls intendiert ist. Bezogen auf ein Detail halte ich die Interpretation des Vorspanns auch für unzutreffend bzw. kann sie nicht nachvollziehen. An den Objekten, die der stilisierte Don während seines Sturzes passiert, ließe „sich sein Begehren festmachen: knapp bekleidete Verführerinnen, […]“ (S. 10). Solche Verführerinnen spielen jedoch, zumindest ist das meine Wahrnehmung, im Verlauf der Serie in Drapers ‚Beuteschema‘ keine Rolle. Angefangen bei Midge, einer Künstlerin, über die jüdische Kaufhaus-Erbin Rachel Menken bis zur Dos Passos lesenden Kellnerin Diana in der letzten Staffel sind seine Geliebten reifere, eher intellektuelle Frauen, während die beiden Ehefrauen Betty und Megan einen kindlicheren Typus verkörpern.

Die Essenz von Bronfens Ausführungen zum Vorspann kann man bereits in einer im September 2011 in der Schweizer Filmzeitschrift „filmbulletin“ veröffentlichten Kritik nachlesen: „Ominös und zugleich perfekt gezeichnet, verdichtet sich in diesem Bild das Leitmotiv von MAD MEN. Die vertraute Welt kann sich jederzeit auflösen, dennoch landet Don Draper immer wieder auf seinen Füssen.“[5] Ein Befund, der sich in allen weiteren Staffeln bis ins Finale der Serie bestätigt. Die frühe Kritik enthält im Zusammenhang mit dem Vorspann auch einen Verweis auf den Einfluss von Hitchcock und des klassischen Hollywoodkinos, den ich im Buch vermisst habe. Wie ich mir überhaupt eine stärkere Beachtung der filmhistorischen Referenzen gewünscht hätte.

Im Kapitel „We’re Selling America“ spürt Bronfen der (Wort-)Bedeutung des Pitche(n)s nach. Das Pitchen – die „‚Überredung zum Kauf’“ (S. 37) – bildet gewissermaßen den Kern des Werber-Geschäfts, das Draper und die anderen ‚Mad Men’ (und Women) betreiben. Allerdings existiert diese Tätigkeit gänzlich unabhängig von dem dafür verwendeten Begriff (über dessen tatsächlichen Gebrauch in den 1960er-Jahren ich leider keine zuverlässigen Quellen gefunden haben), sodass ich Bronfens Überlegung, „dass das Wort ‚pitch‘ […] eine Vielzahl an semantischen Bedeutungen in sich vereint, die in den vielen Pitch-Szenen in MAD MEN mitschwingen“ (S. 37) für wenig überzeugend halte.

Ebenso wenig überzeugt hat mich der Versuch, im Kapitel „Jenseits des Glücksprinzips“ den Vornamen des männlichen Protagonisten in ihre Interpretation einzupassen. Im Zusammenhang mit dem von ihm ‚gestohlenen’ Namen Don(ald) Draper hebt Bronfen die phonetische Ähnlichkeit zwischen „Don“ und „dawn“ (Morgenröte) hervor und leitet daraus einen Verweis ab „auf jenes Vorwärtsstreben, das der amerikanische Traum emphatisch propagiert“ (S. 65). Wenn schon dem angenommenen Vornamen und dem „confidence game“ (S. 23) eine so große Bedeutung zugemessen wird, verwundert es, dass eine andere, viel naheliegendere Namens-Parallele unerwähnt bleibt: Richard ‚Dick’ Whitman, wie Draper eigentlich heißt, trägt den gleichen Vornamen wie Nixon (aka „Tricky Dick“). Nicht nur bildet dessen Aufstieg zum Präsidenten, von der ersten, gescheiterten, Kandidatur im Jahr 1960 bis zum Wahlerfolg 1969, gewissermaßen eine Klammer aller Staffeln – der Präsident, der im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg den Begriff der „madmen theory“ benutzte, musste 1974 wegen seiner Lügen in der Watergate-Affäre zurücktreten.[6] Daniela Sannwald stellt in ihrer Monographie „Lost in the Sixties“[7] den Vornamen Don übrigens in den Bedeutungskontext „der mächtige Herrscher, der Herr und der Fachmann zugleich“ (S. 105) und ordnet die Bedeutung, die Bronfen mit dem Vornamen des Protagonisten verknüpft, der afroamerikanischen Sekretärin Dawn Chambers zu (S. 124). Einig sind sich beide Autorinnen in der Lesart des Nachnamens Draper (to drape = abdecken, behängen) als Hinweis auf den „Verstellungsakt“ (S. 65; und Daniela Sannwald, S. 105).

Zum Thema Namensfindung sei ein Hinweis aus der Produktionspraxis gestattet: Fiktionale Charaktere benötigen einen Namen, über dessen Auswahl man sich als Autor/Produzent/Showrunner selbstverständlich Gedanken macht. Ich schaue mir zum Beispiel immer Listen mit beliebten Vornamen des angenommen Geburtsjahres an. Für das Jahr 1926, das Sannwald als Dick/Dons Geburtsjahr datiert (S. 104), findet man auf einer Hitliste männlicher Babynamen[8] die Namen Richard (strong ruler) und Donald (proud chief, world ruler) auf den Plätzen 7 und 9.

Weitere Kapitel-Themen in Bronfens Buch sind „Heterotopie Fahrstuhl“, Kriegsspuren und die Mondlandung. Im abschließenden Kapitel „Going to Commercial“ widmet sie sich dann den beiden letzten Folgen der Serie und dem original Coca-Cola-Werbespot aus dem Jahr 1971 als Schlusspunkt. Wie in allen Bänden der Reihe, gibt es am Ende fünf sogenannte „Anspieltipps“, in denen jeweils eine Folge gesondert vorgestellt wird, sowie eine Seite mit filmografischen Angaben.

Im Unterschied zu der bereits 2014, vor der Ausstrahlung der letzten Staffel, im Verlag bertz + fischer erschienenen Monographie von Daniela Sannwald oder dem Aufsatz von Elisabeth K. Paefgen[9] kann Elisabeth Bronfen den gesamten Erzählbogen in ihre Analyse einbeziehen. Allerdings wurde der Serie bereits während der Ausstrahlung viel publizistische Aufmerksamkeit in Print- und Online-Medien zuteil. Und da anlässlich des Serienfinales in den USA am 17. Mai 2015 in zahlreichen Tages- und Wochenzeitungen umfangreiche Kritiken und Analysen erschienen sind, sind auch Gedanken zum Ende und dem ‚großen Serien-Ganzen‘ nicht grundsätzlich neu.

Abschließend lässt sich festhalten, dass sich Elisabeth Bronfens kulturphilosophische Ausführungen, die unter anderem Verweise auf Roland Barthes, Stanley Cavell, Michel Foucault, Ralph Waldo Emerson und Alexis de Tocqueville enthalten, als Lektüre-Angebot vor allem an ein Publikum mit Interesse am akademischen Diskurs richten dürften. Der Erkenntnisgewinn für Leserinnen und Leser, die etwas über erzählerische und filmische Eigenheiten oder die Produktionshintergründe der Serie erfahren möchten, ist hingegen eher gering.

Anmerkungen:
[1] Sieben Staffeln mit insgesamt 92 Episoden, Erstausstrahlung in den USA: 19.07.2007–17.05.2015.
[2] Unter dem Titel “Mad Men, Death and the American Dream” ist das Buch auch in englischer Sprache erhältlich.
[3] Diaphanes: booklet, <http://www.diaphanes.net/reihe/detail/33> (07.06.2016).
[4] Gemeinsamer Workshop der Autorin und Produzentin Lisa Albert und der Dramaturgin Rachel O’Flanagan „Case Study MAD MEN“ vom 12.–14.10.2015 an der Internationalen Filmschule Köln
[5] Elisabeth Bronfen: Eine Magnificent Obsession, in: filmbulletin 6 (2011), <http://www.filmbulletin.ch/full/artikel/2011-9-28_mad-men-eine-magnificent-obsessionn/> (29.05.2016).
[6] Vgl. hierzu z.B. Alyssa Rosenberg: On ‘Mad Men,’ Richard Nixon is the key to understanding Don Draper, in: The Washington Post, 14.04.2014. <https://www.washingtonpost.com/news/act-four/wp/2014/04/14/on-mad-men-richard-nixon-is-the-key-to-understanding-don-draper/> (29.05.2016).
Wiederholte Hinweise auf Nixon finden sich auch in einem Gespräch zwischen Matthew Weiner und A.M. Holmes, auf das sich Elisabeth Bronfen mehrfach bezieht (S. 17, 138, 146, 150f.), einzusehen unter <http://www.nypl.org/events/programs/2015/05/20/matthew-weiner> (29.05.2016).
[7] Daniela Sannwald, Lost in the Sixties. Über MAD MEN, Berlin 2014.
[8] Baby Center Expert Advice (Hrsg.): Popular Baby Names for 1926, <http://www.babycenter.com/popularBabyNames.htm?year=1926> (09.06.2016).
[9] Elisabeth K. Paefgen, Sad Men and Women. MAD MEN als Studie in Traurigkeiten, in: Claudia Lillge / Dustin Breitenwischer / Jörn Glasenapp / Elisabeth K. Paefgen (Hrsg.), Die neue amerikanische Fernsehserie. Von TWIN PEAKS bis MAD MEN, Paderborn 2014, S. 303–327.

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Veröffentlicht am
21.07.2016
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