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Titel
Der deutsche Wald. Eine Ideengeschichte zwischen Poesie und Ideologie


Autor(en)
Zechner, Johannes
Erschienen
Anzahl Seiten
432 S., 10 SW-Abb.
Preis
€ 69,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Ruhkopf, Seminar für Neuere Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Die Deutschen und der Wald. Der deutschen Literaturgeschichte und -wissenschaft ist jener Topos wohlbekannt.[1] Welche ideenhistorische Entwicklung liegt jedoch dieser oftmals unwillkürlich hergestellten, gedanklichen Verknüpfung zugrunde? Diese interessante Frage stellt nicht länger ein geschichtswissenschaftliches Forschungsdesiderat dar. Die in Berlin entstandene und 2016 publizierte Dissertationsschrift Johannes Zechners, widmet sich diesem Thema und reiht sich damit international in eine längere Reihe interdisziplinärer Auseinandersetzung mit Identität und Naturvorstellung ein (vgl. den Forschungsstand im Buch, S. 237–250). Im Mittelpunkt seiner „Ideengeschichte des Naturalen“ (S. 12) steht das titelgebende Denkbild „Deutscher Wald“ als Natur der Nation. Zechner verfolgt das Ziel, den (legitimierenden) Einfluss jener ideellen Sphäre der Natur für gesellschaftliche und politische Ordnungen im Deutschland des 19. sowie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sichtbar zu machen, begleitet von Fragen etwa nach den historischen Kontexten solcher Denkkonjunkturen und dem Verhältnis von real-existierendem Waldbestand und imaginiertem Waldbild (S. 14).

In mehreren Fallstudien werden die Waldbilder, Waldgedanken und Waldvorstellungen verschiedener Zeitgenossen behandelt, wobei sich das Buch in vier, chronologische Abschnitte unterteilen lässt. Die Abhandlung beginnt mit einem Prolog (S. 15–24), der die römische Imagination von ‚Germania‘ als einem unendlichen, dunklen, gefährlichen Wald samt seiner entsprechend verklärten Bewohner zum Ausgangspunkt nimmt. Die mit Conrad Celtis um 1500 einsetzende Tacitus-Rezeption habe zu einer selektiven Wahrnehmung und Idealisierung des Germanenbildes geführt, das sich primär auf die Schlacht im Teutoburger Wald und ihren Helden, Arminius/Hermann den Cherusker konzentriert habe. Die glorifizierende Verquickung von germanischem Wald und den Germanen habe ihren Höhepunkt in den romantischen Gedichten Klopstocks und seiner literarischen Verkörperung des Germanischen in der Eiche erlebt. Als zweiter Teil (S. 25–126), zeitlich das 19. Jahrhundert abdeckend, schließen sich fünf Fallstudien an, die nacheinander die Waldbezüge und -bilder in den Gedichten, Märchen, Novellen, Romanen, Aufsätzen und Denkschriften Ludwig Tiecks, Joseph von Eichendorffs, Ernst Moritz Arndts, der Brüder Grimm und Wilhelm Heinrich Riehls thematisieren. Bei allen Autoren macht Zechner „silvapolitische“ (passim) Intentionen aus; erkennbar im Sehnsuchtspatriotismus tieckscher ‚Waldeinsamkeit‘ über den durch Ablehnung des Anderen hergestellten Nationalismus Arndts zur nationalistisch instrumentalisierten Engführung und notwendig symbiotischen Beziehung von ‚deutschem Wald‘ und ‚deutschem Volk‘ bei Riehl.

Die von Zechner im Laufe des 19. Jahrhunderts konstatierte „Verschiebung von der Silvapoesie hin zur Silvapolitik“ (S. 126, auch 215f.) stellt sodann die Grundlage für den dritten Abschnitt (S. 127–194) dar, der die zunehmend radikalnationalistische Aufladung des Waldes im Kaiserreich, der Weimarer Republik und schließlich im Dritten Reich analysiert. Statt einzelner Dichter finden hier zunehmend Periodika diverser Interessengruppen und auch die Überlieferung verschiedener staatlicher Institutionen als Quellen Verwendung. Der ‚deutsche Wald‘ sei nun wahlweise als Legitimationsvorlage anti-semitischer, anti-kapitalistischer, anti-französischer, anti-demokratischer, kurz: anti-moderner Argumentationen in Stellung gebracht und zunehmend von sozialdarwinistischer und rassenbiologischer Logik durchsetzt worden. In der nationalsozialistischen Herrschaftspraxis habe der ‚deutsche Wald‘ Propagandamaterial geliefert, etwa als Grundlage paganer Religionsalternativen, als natürliches Vorbild NS-politischer Grundpfeiler wie des Führerprinzips oder der Volksgemeinschaft und schließlich auch als Legitimationsfaktor der expansionistischen Ostpolitik. Hier schließt (S. 195–208) ein Epilog an, in dem Zechner dem deutschen Wald in der Nachkriegszeit eine Ent-Politisierung und Re-Romantisierung attestiert, wobei ideengeschichtliche Kontinuitäten aus dem 19. Jahrhundert das Bild des heimatlichen Idylls maßgeblich prägten. Gleichsam sei die Verbindung der Nation und ihrem Wald zunächst geblieben, was sich in der wiederum politisch geführten Debatte um das Waldsterben zeige (S. 203f.). Schlussendlich habe jedoch der ökologisch umweltschutzorientierte Nachhaltigkeitsgedanke die nationalen Bezüge auf den Wald ersetzt – nationale Identitätszuschreibungen seien nach 1989 „gewissermaßen postsilvan“ (S. 207) vor allem über Sport- und Exportleistungen sowie verschiedene Marketingkampagnen geschehen. Die Schlussbemerkungen (S. 209–228) fassen die Ergebnisse der Fallstudien noch einmal zusammen und lenken den Blick auf Forschungsdesiderate hinsichtlich regionaler, stratifikatorischer/sozial-differenzierender sowie transnationaler bzw. globaler Untersuchungsbereiche einer Ideengeschichte des Silvanen.

So originell die Ausgangsidee Johannes Zechners auch ist, erfährt man in dieser Zusammenstellung über das deutsche Walddenken größtenteils Bekanntes, zumal die Ergebnisse einschlägiger Studien referiert werden. Durchgängig werden in der gesamten Untersuchung immer wieder klassische Gegensatzpaare des modernen Nationalismus herausgearbeitet, die anhand von Baum- und Waldvorstellungen noch einmal aufgezeigt werden: Nord/Süd, Stadt/Natur, Germanismus/Romanismus, Deutschland/Frankreich, Deutsche/Juden, Traditionelles/Modernes. An dieser Stelle ist explizit hervorzuheben, dass sich Zechner tiefgehend mit den Werken der Autoren, der umfangreichen Sekundärliteratur und literaturwissenschaftlichen wie germanistischen Forschungsdiskussion auseinandergesetzt hat, was man jedoch leicht übersieht, da dies alles im Endnotenapparat stattfindet – die Entscheidung dafür ist aber wahrscheinlich nicht dem Autor anzulasten.

Oft wünscht man sich stärker quellenfundierte Argumentationen, weil nur einzelne Belege angeführt werden: So liest Zechner aus der tieckschen Version des Rotkäppchen-Märchens vor dem Hintergrund der Französischen Revolution „einen zumindest implizit gesellschaftskritischen Subtext“ heraus, wenn sich zwischen Rotkäppchen und dem Jäger ein Gespräch über die „politische Symbolfarbe Rot“ entwickelt (39). Hier hätte man gern ein direktes Zitat gelesen, es bleibt jedoch nur bei einem Verweis. Teilweise geraten Passagen redundant, wie etwa die arndtschen „Waldwanderungen in Nord und Süd“ (S. 75–79) gegenüber dem Abschnitt „Natureinfluss und Stammeslandschaften“, (S. 67–69); oder sie werden zur mehrseitigen Gedichtwiedergabe, wo zwar die Textstellen, die ‚Wald‘ thematisieren, genannt werden, man jedoch Erkenntnisse vermisst, die historisch über den behandelten Gegenstand hinausweisen (insb. S. 90–98).

Mit einem größeren Fragezeichen sind schließlich einzelne Rückschlüsse Zechners über die Waldimaginationen des Nationalsozialismus zu versehen: So ist nachvollziehbar, dass der Einrichtung des ‚Reichsjagdgebiets‘ Białowieża nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 Naturschutzargumente zugrunde gelegt wurden, um damit persönliche Interessen Hermann Görings zu tarnen – diese Argumentation wird dann jedoch als ursächlich für Erschießungen, Deportationen und Zerstörungen, insgesamt „ähnlich genozidaler Folgen“ (wie des Gesamtkonzeptes des Generalsplans Ost) in der Region angeführt. (S. 177). Unbeabsichtigt geraten diese Ereignisse in der Darstellung des Buches so zu einem vom Rest des Vernichtungskrieges im Osten getrennten Einzelfall im Jahr 1941, in dem die ansässigen Bewohner ermordet wurden, weil sie das NS-Waldideal störten und nicht weil sie im NS-Denken als ‚auszumerzende Untermenschen‘ galten. Umgekehrt aus diesem Beispiel und dem ‚Arbeitskreis für die Wiederbewaldung des Ostens‘ (S. 177) im gleichen Ereignisrahmen eine „zusätzliche Rechtfertigung des Genozids mithilfe des Waldarguments“ (S. 191) zu bilanzieren, erscheint sodann zwar nicht falsch, man hätte sich aber eine stärkere Kontextualisierung innerhalb der NS-Forschung gewünscht, um das beschriebene Dilemma zu vermeiden.

Der Grund für diese Ergebnisse mag in der analytischen Konzeption der Studie zu suchen sein. So kann Johannes Zechner zwar ein beeindruckende Menge „Primärliteratur“ anführen und kündigt an, „statt deduktiv explizit quellenzentriert“ (S. 14) vorzugehen. Nur begnügen sich weite Strecken der Arbeit mit einer Wiedergabe des Inhalts der Quellen. Dies liegt zum einen daran, dass Zechner seine Studie zwar unter Rückgriff auf Benedict Anderson[2] sowie Simon Schama[3] (S. 231ff.) theoretisiert und einen „gemäßigte[n] Konstruktivismus“ (S. 219, auch 238f.) vertritt. Es wird jedoch daraus kein gesonderter methodischer Zugriff abgeleitet. Dabei sind für ein solches, von Gedichten, Novellen und Märchen dominiertes Quellenkonvolut zum einen hinreichend Möglichkeiten der Analyse bekannt[4], um nicht unkritisch Quelleninhalte wiederzugeben oder einer starken Metaphorisierung von Sprache zu erliegen.

Zum anderen stellt die Quellenauswahl selbst ein Problem dar: Die ausgesuchten Dichter/Denker wurden „auf Basis der Erwähnungsdichte in populären Anthologien und der Überblicksliteratur bestimmt“ (S. 13), was zum einen zwingend eine doppelte Verzerrung gesamt-‚nationaler‘ Waldvorstellungen zur Folge hat (warum werden diese Anthologien ausgewählt, warum werden vor allem diese Autoren so oft genannt?), als auch für den Großteil des Buches auf eine Art ‚Geschichte großer Walddenker‘ hinausläuft. Im Vorgriff dieses Vorwurfs, nämlich „um nicht den Eindruck eines vollkommen monolithischen Eichen- und Walddenkens aufkommen zu lassen“ (S. 14), hat Zechner jedem Kapitel jeweils eine einzelne kritische Gegenstimme in der Form eines Gedichtausschnitts oder Zitats vorangestellt – dabei wäre gerade der stärkere Einbezug anderer Stimmen und auch eine breiter variierende Quellenauswahl wünschenswert gewesen, um ein ideengeschichtliches Gesamtbild von der populären Vorstellung des Waldes als nationalem Symbol zu erhalten. Wenn jedoch die einzige Verbindung jener Autoren zum Nationalen ihre Generationserfahrung der Entwicklungen des postrevolutionären Zeitalters ist[5], gerät die ideengeschichtliche Vorannahme Zechners, deutsche Waldvorstellungen „vor dem Hintergrund historischer Konstellationen und Systemwechsel“ (S. 230) zu analysieren, zur Beschränkung auf eben jenen historischen Kontext und die Reproduktion – statt der Dekonstruktion und Verortung – zeitgenössischer Meinungen, Wertungen und Einstellungen.

Insgesamt bietet die Dissertation Johannes Zechners eine reichhaltige Fundgrube an Quellenmaterial zur Frage nach der Waldnatur im Nationaldenken zwischen 1800 und 1945 und bringt die bestehende Forschung ein erhebliches Stück weiter. Sie kann als anregender Orientierungspunkt für eine Reihe von Spezialstudien der Neuzeitforschung dienen, um das Walddenken anhand kürzerer Zeiträume und weiterer Akteursgruppen sowie international vergleichend zu analysieren.

Anmerkungen:
[1] Vgl. aktuell Caren Heuer, Im Zeichen der Hermannsschlacht. Texte des Nationalen im 18. Jahrhundert, Münster 2017, S. 9–74.
[2] Benedict Anderson, Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, New York 1983.
[3] Simon Schama, Landscape and Memory, London 1995.
[4] Vgl. etwa Martina Winkler, Vom Nutzen und Nachteil literarischer Quellen für Historiker, in: Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas 21 (2009), http://epub.ub.uni-muenchen.de/11117/3/Winkler_Literarische_Quellen.pdf (03.08.2017).
[5] Was ein fruchtbarer Zugang ist, vor allem jedoch, wenn der untersuchte Akteur auch die Zeit vor 1789 kannte, wie man es am Beispiel der Biographie Metternichs nachvollziehen kann, vgl. Wolfram Siemann, Metternich. Stratege und Visionär. Eine Biographie, München 2016.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.08.2017
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