Cover
Titel
Histoire du multilatéralisme. L'utopie du siècle américain de 1918 à nos jours


Autor(en)
Perron, Régine
Anzahl Seiten
360 S.
Preis
€ 21,31
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hubert Zimmermann, Philipps-Universität Marburg

In ihrer umfassenden Synthese beschreibt die Autorin, Maître de Conférences in Internationaler Geschichte an der Université de Cergy-Pontoise, die Theorie und Geschichte des Multilateralismus im 20. Jahrhundert. Régine Perron wurde 1993 am Europäischen Hochschulinstitut mit einer Arbeit zur Europäischen Kohle- und Stahlgemeinschaft[1] bei Alan Milward promoviert und gehört zur Gruppe der Historiker der Europäischen Integration, die in detaillierter Auswertung der verfügbaren Archive die Geschichte transatlantischer und innereuropäischer Zusammenarbeit im Kalten Krieg rekonstruierten. Sie hat sich seitdem intensiv mit der Entwicklung der institutionalisierten Wirtschaftskooperation der westlichen Welt auseinandergesetzt.[2]

Das vorliegende Buch basiert auf diesen Arbeiten und zielt gleichzeitig darüber hinaus, indem es eine Gesamtsicht des von der Autorin so bezeichneten Systems des Multilateralismus entwirft, der sich, auf der Atlantik-Charta von 1941 basierend, nach 1945 entwickelt hat. So wie das 19. Jahrhundert das Jahrhundert des von Großbritannien ausgehenden Liberalismus gewesen sei, so könne man das 20. Jahrhundert als das durch die USA geprägte Jahrhundert des Multilateralismus bezeichnen (S. 23). Deshalb untersucht die Autorin insbesondere den Einfluss der Vereinigten Staaten in der Schaffung des multilateralen Systems bis heute, um so auch einen Beitrag zum Verständnis der gegenwärtigen Krisen liefern. Denn das System des Multilateralismus ist inzwischen durch den amerikanischen Unilateralismus nach dem 11. September, den Aufstieg der großen Schwellenmächte und die nicht enden wollende Krise der Europäischen Integration in schweres Fahrwasser geraten.

Umfassend werden die Herkunft, der Zweck und die Errungenschaften des Multilateralismus skizziert. Der Fokus liegt dabei auf der Entwicklung der internationalen Institutionen (UNO, IWF, GATT, etc). Gleichzeitig werden auch regionale Institutionen, wie die Europäische Union, die Afrikanische Union, der Mercosur und die ASEAN behandelt, um die Wechselwirkungen mit dem globalen multilateralen System aufzuzeigen. Mit dem Begriff der „Multilateralisierung“ (S. 17) umschreibt Perron den Prozess der Entwicklung der multilateralen Institutionen und die Wechselwirkungen zwischen internationalen Institutionen, dem Staat und dem Markt.

Die Analyse gliedert sich in sechs Kapitel. Zunächst untersucht die Autorin die ideengeschichtlichen Grundlagen des Multilateralismus, dessen Ursprünge sie wesentlich auf die Überlegungen des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson (1913–1921) und des von 1933–1944 amtierenden Aussenministers Cordell Hull zurückführt. Diese Gedanken mündeten in der Atlantik-Charta von 1941, die ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Errichtung der Vereinten Nationen war. Im zweiten Kapitel werden die Wechselbeziehungen zwischen der Entwicklung des Kapitalismus und den Ideen des Multilateralismus aufgezeigt, die eng miteinander verknüpft waren. Diese ideengeschichtliche Analyse wird im nächsten Kapitel vertieft, welches den Beitrag von Denkern wie John Stuart Mill oder John Maynard Keynes aufzeigt. Auf dieser Basis formuliert die Autorin nun eine (etwas sehr detaillierte) Definition des Multilateralismus: „N’étant pas une théorie économique, le multilatéralisme est une doctrine construite sur la base d’un équilibre, ou d’une moyenne, entre le libéralisme d’Adam Smith et l’interventionnisme de John Keynes. Il a été conçu par Cordell Hull […] après la crise de 1929 et pendant la seconde guerre mondiale. Ce système international a été mis en place à partir de 1945 et caractérise notre temps présent. Il s’appuie sur les institutions multilatérales […] qui sont définies par les principes moraux, comme la non-ingérence, la non-discrimination et le respect des droits individuels. Les pays adhérant a ce système international sont lies par l’intérêt mutuel ou la réciprocité, afin de réaliser ‚l’ordre au-dessus du chaos’ sur une base ternaire et égalitaire: la paix, et la sécurité, la prospérité et le bien-être.“ (S. 122f.). Diese Definition ist, obwohl sie recht allgemein gehalten ist, etwas zweischneidig. Es stellt sich die Frage, ob es sich beim Multilateralismus tatsächlich um ein handlungsleitendendes Ideengebäude handelt, oder ob der Multilateralismus nicht vielmehr nur ein Instrument war, um tatsächliche politische Ideologien umzusetzen, wie eine globale kapitalistische Marktwirtschaft und deren Einhegung im Sinne der Ausweitung der Handlungsfähigkeit nationaler Staaten. Diese Ambiguität zieht sich durch die gesamte Studie.

Der zweite Teil des Buches widmet sich der praktischen Umsetzung der im ersten Teil skizzierten Entwürfe. Dabei werden die im wesentlichen bekannten Entstehungsgeschichten der Vereinten Nationen, der Welthandelsorganisation (bzw. des GATT), des Internationalen Währungsfonds und weiterer multilateraler Institutionen nachgezeichnet. Ein weiteres Kapitel widmet sich der Entwicklung der europäischen Integration. Zuletzt skizziert die Autorin die Ausbreitung des Multilateralismus über die westliche Welt hinaus, insbesondere die Bemühungen, die Repräsentation der sogenannten Dritten Welt in der UNO und den Bretton-Woods Institutionen zu verbessern sowie den Regionalismus außerhalb Europas nach dem Ende des Kalten Kriegs. In der Zusammenfassung widmet sich die Autorin noch einmal spezifisch der Rolle der Vereinigten Staaten im System des Multilateralismus und weist eine Lesart des Multilateralismus zurück, die diesen als einen zentralen Bestandteil des amerikanischen Hegemoniestrebens sieht. Vielmehr handele es sich um eine Utopie, die zwar wesentlich von den USA geprägt sei, aber als globales Ordnungsprinzip universelle Gültigkeit und Aktualität besitze.

Insgesamt ist der Autorin ein umfassender und gut lesbarer Überblick über den Multilateralismus gelungen, dem eine weite Verbreitung auch über den französischsprachigen Markt hinaus zu wünschen ist.

Anmerkungen:
[1] Régine Perron, Le marché du charbon, un enjeu entre l’Europe et les Etats-Unis de 1945 à 1958.(Paris: Publications de la Sorbonne, Paris, 1996)
[2] Dies. / Guido Thiemeyer (Hrsg.), Multilateralism and the Trente Glorieuses in Europe, New Perspectives in European Integration History, Neuchâtel 2011; Régine Perron (Hrsg.), The Stability of Europe. The Common Market: Towards European Integration of Industrial and Financial Markets (1958–1968)?, Paris 2004.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.02.2016
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