B. Binder: Elektrifizierung als Vision

Titel
Elektrifizierung als Vision. Zur Symbolgeschichte einer Technik im Alltag


Autor(en)
Binder, Beate
Reihe
Untersuchungen des Ludwig Uhland-Instituts für Volkskunde
Anzahl Seiten
396 S.
Preis
DM 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dr. Iris Kronauer, Humboldt Universität zu Berlin Seminar für Theaterwissenschaften/Kulturelle Kommunikation

Strom ist ubiquitär und alltäglich, und eigentlich ist er nicht der Rede wert. Erst kürzlich ist der Strommarkt wieder in Bewegung gekommen. Mehrere kleine Monopolisten machen den großen Monopolen Konkurrenz. Strom ist jetzt gelb. Resultat einer Visualisierungsstrategie, um das selbstverständliche Produkt als distinkte Marke bei den potentiellen Kunden zu etablieren. Als gegen Ende des letzten Jahrhunderts die ersten öffentlichen Beleuchtungsversuche durchgeführt wurden und einen umfassenden Elektrifizierungsprozeß einleiteten, genügte allein der Anblick der leuchtenen Glühlampen, um große Bewunderung beim Publikum hervorzurufen. Man wurde nicht müde, die Wunder der neuen Technik zu preisen.
Den grundlegenden und durchgreifenden Änderungen von Gewohnheiten im Technisierungsprozeß geht die vorliegende kulturwissenschaftliche Dissertation von Beate Binder nach. Mit Binders Arbeit steht die Kulturgeschichte einer Technik von ihrer Entstehungsphase bis zur Etablierungsphase in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Damit erfüllt die Arbeit nicht nur die maßgeblich seit Mitte/Ende der 80er Jahre in Alltags- und Kulturgeschichtlichen Konzepten und Studien vorgetragene Forderungen nach einer integrativen Technikgeschichtsschreibung. Die Autorin stellt darüberhinaus die Bedeutungszuschreibungen ins Zentrum ihrer Analyse, mit denen die Elektrizität, die Produktion elektrischer Energie sowie deren Nutzung und die elektrotechnischen Geräte und Artefakte im gesellschaftlichen Diskurs belegt wurden. Technik wird somit nicht nur als System interpretiert, das neue Handlungsoptionen eröffnet, sondern auch als symbolisches Konstrukt, in das gesellschaftliche Bedürfnislagen und Problemstellungen eingelagert sind (S. 25).
Die Änderungen, die mit dem umfassenden Technisierungsprozeß einhergehen, so die Autorin in ihrer Ausgangsthese in Anlehnung an die Symboltheorie Karl Hörnings "geschehen in der Regel 'nicht von selbst'. Vielmehr müssen die mit technischen Geräten einhergehenden neuen Handlungsoptionen im Rahmen alltagsweltlicher Logik plausibel und sinnvoll erscheinen, sie setzen Lernen und das Trainieren neuer Sichtweisen und Routinen voraus."(S.11)
Auf die Elektrizität bezogen heißt das, so die Autorin weiter, daß das Denken an und Reden über Elektrizität, metaphorische und projektive Entwürfe von den gesellschaftlichen Wirkungen der noch unvertrauten Technik und die Inszenierung von Licht - und Kraftstrom in spezifischen sozialen Situationen einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung des elektrischen Versorgungssystems leisteten.
Über ihre technisch-abstrakte Nützlichkeit hinaus wurde Elektrizität und Elektrotechnik im Kontext sozialer, okonomischer und kultureller Bedingungen und Entwicklungen entworfen und somit ein gesellschaftlicher Ort zugewiesen. Der Beitrag der Elektrizität zur Lösung virulenter gesellschaftlicher Probleme wurde aus - und vorgestellt, ihre Nutzung damit zum Bestandteil von kulturellen Deutungsmustern und Orientierungen. Erst im Miteinander von Funktionalität und Symbolkraft erhielt Elektrizität bzw. Elektrotechnik den Grad an Plausibiltät, der für ihre Durchsetzung und Aneignung notwendig war.
Schon lange bevor jeder Haushalt an das Stromnetz angeschlossen war, so Binder in ihrer zweiten These (S.11) , war das technische System in diesem Sinn etabliert.
Ausgangspunkt der Arbeit bildet die Analyse von Zeitungen und Zeitschriften im Untersuchungszeitraum von 1880 bis 1930. Während dieser Zeit wurde die Elektrotechnik zu einem der neuen Leitsektoren industrieller Produktion. Ende der 20 er Jahre überzog Deutschland ein fast flächendeckendes Stromversorgungssystem, wenngleich - so sollte einschränkend festgehalten werden - es noch nicht für alle zugänglich war. In diesen Jahren der 'klassischen Moderne' entwickelte sich Deutschland von einer tradtionellen endgültig zu einer modernen Gesellschaft, der sozio-ökonomischen Fertigstellung im Sinne der Modernisierung um 1890 folgte die sozio-kulturelle Modernisierung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts (Peukert). Der Diskurs um die Elektrifizierung wurde in dieser Zeit als Stellvertreterdiskussion um die Verwerfungen und Komplikationen des gesellschaftlichen Transformationsprozesses.
Binder stellt die Entwicklungen exemplarisch an den Städten Berlin und Stuttgart dar. Die Reichshauptstadt war Sitz der größten elektrotechnischen Unternehmen Siemens und AEG. Ihr kam im Hinblick auf die Elektrifizierung Modellcharakter zu. Hier wurden wichtige Entwicklungen der Elektrizität erstmalig umgesetzt und erprobt, urbane Urbanität prototypisch mit Elektrifizierung zusammengebracht. Vergleichend wird am weiteren Beispiel Stuttgarts der lokale württembergische Bezug und die Bedeutungszuschreibungen und Wertungen im kleinstädtischen bzw. ländlichen Raum analysiert.
Binder zieht über 50 Zeitschriften und mehr als 20 Zeitungen zur Analyse heran; ergänzt durch archivalisches Material bezüglich der Stuttgarter Verhältnisse. Mit der Auswahl unterschiedlichster Pressegattungen gelingt es ihr überzeugend, das daraus resultierende 'Patchwork von Teilöffentlichkeiten' und deren jeweiligen unterschiedlichen Reaktionen auf die neue Technik, auf ein breites empirisches Fundament zu stellen. Die zeitgenössischen Pressepublikationen begannen nicht alle zur gleichen Zeit über die Elektrifizierung zu berichten. In der Wahl ihrer Schwerpunkte zeigten sich, so Binder, "die unterschiedlichen Wahrnehmungs - und Bewertungsmuster, die zur Beurteilung und Interpretation herangezogen wurden" (S. 39). Darüberhinaus waren gerade für die Anfänge der Entwicklung die Pressepublikationen eine wichtige Instanz der Vermittlung der neuen Technik. Ein sehr großer Teil des zeitgenössischen Publikums, 'erlebte' die Elektrizität und ihre Anwendungen zunächst medial vermittelt.
In den Fachorganen der Techniker und Ingenieure wie etwa der Elektrotechnische(n) Zeitschrift, der Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure zeigten natürlich vor allem die Expertensicht auf die neue Technik, während durch die Werks - und Kundenzeitschriften - wie die AEG-Zeitung oder die Mitteilungen der Berliner Elektrizitätswerke - eine eher populäre Vermittlung stattfand.
Illustrierte Familienzeitungen, wie die Gartenlaube oder die Illustrirte Zeitung, die Unterhaltsames für die gesamte Familie boten und meist auf die bürgerlichen Schichten orientierten, integrierten ihre Berichterstattung über die Elektrizität die heile - bürgerliche - Welt des technischen Fortschritts. Dem gegenüber standen die Publikationen der sogenannten Wortintelligenz (Nipperdey). Die Elektrizität, als Ausdruck und Metapher der zivilisatorischen Moderne wurde in Publikationen wie der Kunst - und Kulturwart, der Ethischen Kultur, oder den Mitteilungen des Bundes Heimatschutz skeptisch bis ablehnend beurteilt. Um die Reaktionen auf die Elektrifizierung schichtenübergreifend darstellen zu können, wurden auch sozialdemokratische Publikationen wie die Sozialistischen Monatshefte und die Der Neuen Zeit herangezogen. Gruppenspezifische Interessen wurden in Publikationen wie die Zeitschrift für Agrarpolitik , Die Blätter für die deutsche Hausfrau, Die Frauen-Rundschau oder die Frauenwirtschaft vertreten Satirezeitschriften wie der Kladderadatsch oder die Fliegenden Blätter kommentierten die technischen Entwicklungen auf humorvolle Weise. Sie karikierten sowohl die Euphorie über die neue technische Entwicklung, wiesen aber auch auf deren Ambivalenzen und Widersprüche hin. Das vor allem in den satirischen Publikationen und illustrierten Familienblättern reichlich vorhandene bildliche Material wird ebenso in die Analyse mit einbezogen.
Binder entfaltet ihre Argumentation in drei Hauptkapiteln, die die Entwicklung der Elektrizität vom Einzelereignis bis zum System aufzeigen. Die weitere systematische Aufteilung der einzelnen Kapitel folgt der Schwerpunktsetzung in den analysierten Pressepublikationen.
Im ersten Kapitel: Geweckte Erwartungen: Die Inszenierung von Licht und Kraft (1880-1890) werden vor allem die ersten Beleuchtungsversuche bei Festen und Feiern, in Fabriken, in den Schaufenstern und Läden, in Gaststätten und Hotels, auf den Straßen und Plätzen vorgestellt. Den Inszenierungen einer elektrischen Welt auf der großen elektrotechnischen Ausstellung in Paris 1881 und in Frankfurt am Main 1891 folgte die programmatische Überhöhung des auf dem Ausstellungsgelände gezeigten. In die Tradition der Aufklärung gestellt wurde das neue Licht, als das die Elektrizität in ihren ersten Jahren hauptsächlich wahrgenommen wurde, zum Garant sozialen Fortschritts und der Gestaltbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse. Der allergrößte Teil bürgerlicher und sozialdemokratischer Positionen war hier identisch. Lediglich die Seite der zivilisationsmüden bürgerlichen Kritiker mahnten die 'inneren Werte' nicht an den durch den technischen Fortschritt möglichen äußeren Reichtums und äußerer Pracht zu verraten. Sie waren in der Minderheit; auch angesichts der Möglichkeiten nationalen Selbstdarstellung, die der elektrotechnische Fortschritt ermöglichte. Firmen wie die AEG und Siemens hatten um diese Zeit bereits Weltgeltung.
Im zweiten Kapitel: Begründete Notwendigkeit: Leitmotive in der Etablierungsphase (1890-1914), wird der Blick weggeführt von den sensationellen Effekten der elektrischen Beleuchtung. Mit der Gründung der Elektrizitätswerke und der damit verbundenen Auswirkungen der flächendeckenden Stromversorgung, rückten andere Schwerpunkte in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte. Im Zentrum der Analyse steht die in den Kommunen geführte Diskussionen um den Zusammenhang zwischen Elektrifizierung und Stadtentwicklung. Zentraler Diskussionspunkt war die Ästhetik der technischen Anlagen. Besonders in der Debatte über die Berliner Hochbahn gewannen die Skeptiker der technischen Entwicklung an Boden, hatten gegen die Befürworter der modernen Gestaltungsweisen aber einen schweren Stand.
Bereits Ende der 1890er begann ebenfalls die Stromversorgung von ländlichen Gebieten in den sogenannten Überlandwerken. Die Landschaftsverändernden Bauten riefen die Heimatschützer auf den Plan, die gegen die "Zerstörung deutscher Kulturlandschaft" als Chiffre gesellschaftlichen Wandels protestierten.
Seit den 1890er Jahren gewann die soziale Bedeutung der Elektrifizierung an Bedeutung. Im Mittelpunkt der nun von den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen geführten Diskussionen standen Vorstellungen von der Arbeitserleichterung durch Elektrizität und Wünsche nach Effizienzsteigerung. Ins Blickfeld geriet nun auch die 'Hausgehilfin' Elektrizität, die mit der Elektrifizierung der Privathaushalte die Schnittstelle zwischen Hausarbeits - und Elektrifizierungsdiskursen.
Als Ausblick im 3. Kapitel konzipiert sind die Zeit des 1. Weltkriges und die 20er Jahre: Kriegs - und Nachkriegsjahre: Festigung und Ausbau des Systems (1914-1930). Die Bedeutung der Elektrizität für die Entwicklung der Industriegesellschaft wurde nun nicht mehr in Frage gestellt. Der Arbeitskräftemangel im Krieg hatte das Bedürfnis nach mechanischen Antriebskräften geweckt. Mit speziellen Programmen sollte die Haushaltselektrifizierung vorangetrieben werden. Mit den taghell erleuchteten Städten in den 20er Jahren schließt die umfassende und gut lesbare Darstellung einer Kulturgeschichte der Elektrizität in Deutschland ab.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.08.2000
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