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T. Biller u.a.: Montfort und der frühe Burgenbau

Cover
Titel
Montfort und der frühe Burgenbau des Deutschen Ordens.


Autor(en)
Biller, Thomas; Burger, Daniel; Radt, Timm
Reihe
Forschungen zu Burgen und Schlössern herausgegeben von der Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern e.V. Sonderband 5
Erschienen
Petersberg 2015: Michael Imhof Verlag
Anzahl Seiten
216 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Wozniak, Seminar für mittelalterliche Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Die Burg Montfort in Galiläa ist zweifelsohne einer der zentralen Bauten des Königreiches Jerusalem. Nicht etwa weil sie ein idealer Projektionsort für die Vorstellungen über die Staatsbildung des Deutschen Ordens wäre, sondern weil hier im archäologischen Befund eine später nicht durch Um- oder Neunutzung veränderte Burg vorliegt. Der hier zu besprechende Band vereint drei große Teile, nämlich zur historischen Perspektive, zur Baugeschichte und schließlich zur bauhistorischen Kontextualisierung der Burg Monfort.

Der Kunsthistoriker Daniel Burger stellt im ersten Teil ausführlich die „Frühgeschichte des Deutschen Ordens und die Anfänge seiner Wehrbauten“ (S. 9–65) dar. Dabei geht er auf die Entstehung des Ordens ein und betont, dass, egal ob man eher der Theorie der Kontinuität oder der Neugründung zuneigt, der Kampf vor Akkon während des Dritten Kreuzzugs der entscheidende Anstoß zum Wachstum des Ordens war (S. 11). Die Stationen der Ordensentwicklung – 1198 Fürstenversammlung, 1244 eigene Regel, 1258 Vertrag der drei Ritterorden untereinander – werden detailliert vorgestellt. Die Entwicklung des Ordensbesitzes wird zunächst in den Königreichen Jerusalem und Armenien, dann in Ländern nördlich der Alpen (St. Jakob vor Nürnberg, Marburg, Köniz, Chomutov, Mergentheim, Elmsburg, Beuggen am Hochrhein) und schließlich in Italien, Sizilien und Griechenland dargestellt. Auch auf die Episode im Burzenland und Kumanien (1211–1225) wird kurz eingegangen, ebenso wie auf die Expansion nach Preußen und Livland. Als baustruktureller Unterschied wird dort die Errichtung von Holz-Erde-Konstruktionen (S. 52, 56) gegenüber Steinbauten in den mediterranen Ländern herausgestellt. Burger fasst zusammen, dass der Orden sich dort, wo er seine Kommenden wehrhaft gestaltete, baulich am gängigen Schema der Region orientierte (S. 57).

Im zweiten großen Abschnitt „Montfort in Galiläa“ (S. 66–132) geht der Kunst- und Architekturhistoriker Thomas Biller detailliert auf die Baugeschichte der Burg Montfort ein und legt hier die Erkenntnisse vor, die er bereits 1987/88 dokumentiert hat, dann aber Publikationen zu weiteren Untersuchungen abwarten wollte (S. 66). Nach fast 30 Jahren legt er nun endlich seine aktualisierten und überarbeiteten Überlegungen vor, obwohl oder gerade weil die Burg im Rahmen des von Adrian J. Boas (Universität Haifa) im Jahr 2006 gegründeten „Montfort Castle Project“ seit 2011 in jährlichen Grabungskampagnen untersucht wird.[1] Montfort, zwischen 1226 und 1271 vom Deutschen Orden erbaut und genutzt, ist wie viele andere Burgen eine Projektionsfläche älterer Wunschvorstellungen gewesen. So galt die Burg, wie Biller in den ersten Abschnitten zur Forschungsgeschichte zeigt, gerade nach Ansicht der internationalen Forschung als Prototyp einer deutschen Burg. Seit der Behauptung Emmanuel Guillaume Reys von 1871[2], die Befestigung sei „eine nach Syrien verpflanzte Burg von den Ufern des Rheins“ (S. 71), wurde immer wieder versucht, „typisch Deutsches“ (S. 73f.) in der Burg zu entdecken, auch wenn es mit Blick auf die historische Bauentwicklung gar nicht passte. Da dies bis in die jüngste Zeit geschah, kann Billers Beitrag bei der Dekonstruktion dieser Projektionen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wer die Burg selbst besucht hat, weiß, wie unübersichtlich die 1271 von den Truppen des ägyptischen Sultans Baibar systematisch zerstörte Anlage ist. Als sie 1926 von Mitarbeitern des New Yorker Metropolitan Museums auf der Suche nach mittelalterlichen Waffen ausgegraben wurde, wurden dabei viele Befunde zerstört, aber auch zuvor Verdecktes freigelegt. Die Veröffentlichung vieler Erkenntnisse steht noch aus, etwa ein Katalog sämtlicher in den Sammlungen in New York, Israel und andernorts befindlicher Funde, eine Publikation der bereits 2008 angekündigten fotogrammetrischen Luftaufnahmen und 3D-Laserscans (S. 77) oder eine systematische Auswertung der Steinmetzzeichen. Biller gibt hier nun eine ausführliche Beschreibung der Bauabfolge sowie sämtlicher Burgbestandteile. Er unterscheidet in den 45 Nutzungsjahren drei Bauphasen: in Phase I die Errichtung einer 50 x 20 m großen Kernburg, die teilweise als Hofanlage, teilweise als Wohnbau genutzt wurde. In Phase II wurde in die Kernburg ein 9 m hohes Gewölbe (S. 89) mit Wirtschaftsfunktionen (Apotheke, Weinkelter, Waffenschmiede) eingebaut, auf das ein zweites ebenfalls eingewölbtes repräsentativeres Obergeschoss aufgesetzt wurde. Letzteres wird von Boas als Refektorium und Dormitorium[3], von Biller als zweischiffiger Saal interpretiert. In westlicher Richtung davor wurde ein gewaltiger Turm (24 x 19,5 m; Höhe 40 m) errichtet. Die zum Höhenausgleich der hier anstehenden Hangstufe notwendigen zweischiffigen Gewölbe sind bis heute erhalten. Das Obergeschoss des Westturms war nur über das Obergeschoss der Kernburg zugänglich und hatte vielleicht eine Funktion als Remter. Parallelen zum später errichteten Sommerremter im Hochmeistersitz in Marienburg könnten hier ihren Ursprung haben (S. 127f.). Für das Erdgeschoss legen die erhaltenen Baubefunde nahe – darin sind sich Biller und Boas einig –, dass es nur über eine Wendeltreppe in der Mitte der Nordwand zugänglich war, womit es als sicherster Ort der Burg eine Funktion als „Schatzkammer“ oder Archiv gehabt haben könnte (S. 128f.). Der im Osten an einen kleinen Hof mit Auf- und Eingängen anschließend errichtete u-förmige Ostturm hatte eine Wanddicke von 5 bis 6 m (S. 99f.). Er enthielt im Erdgeschoss eine Kapelle (Kreuzrippengewölbe, ornamentiert, Werkstein mit Weihekreuz) sowie einen zweitürigen simsgeschmückten Raum in der südlichen Seitenwand des Turmes mit ungewisser Funktion (S. 104). Erwähnenswert ist der außergewöhnliche Befund von zwei erhaltenen Estrichen des 13. Jahrhunderts (S. 101). Auch die weiteren Teile der Burg (Vorburg, Außenmauer, unfertiger Halsgraben im Osten, Mühle/Gästehaus im Tal, Steinbruch am Hof Trefile) werden im Detail besprochen. In Phase III wurden die großzügigen Räume pragmatisch unterteilt (S. 89) und vermutlich gegen die Erdbebenschäden von 1259 gesichert. Vielleicht gehören in diesen Zusammenhang auch die bereits zeitgenössisch erwähnten Eisenklammern, von denen Spuren im Baubefund nachgewiesen werden konnten (S. 105).

Im dritten Großkapitel (S. 133–195) führt der Bauhistoriker Timm Radt in den Kontext des Burgenbaus in Bezug auf das Armenische Königreich in Kilikien ein. Schon früh erhielt der Deutsche Orden Besitz im 1198 gegründeten christlichen Königreich. Radt versucht aus den heute noch vorhandenen Befestigungen herauszufiltern, was davon der Bautätigkeit des Deutschen Ordens zugeschrieben werden kann. Dazu gehört mit Sicherheit die in der Gegend singuläre gotische Kapelle der Burg Amuda / Hemite Kalesi (S. 141f.), ebenso der dortige Rechteckturm oder das Tor. Auch in Haruniye / Harun Reşit Kalesi, das ausführlich in den Kontext des armenischen und fränkischen Burgenbau in Kilikien verortet wird, findet sich als Parallele zu Montfort eine große u-förmige Turmanlage im Osten, deren Erdgeschoss als Kapelle angesprochen werden kann (S. 150). Hier zeigt sich, wie wichtig fotografische Dokumentation ist, denn seit 2010 wird diese Anlage ohne wissenschaftliche Begleitung instand gesetzt (S. 149). Kurz werden dann noch die Zollstelle am „Schwarzen Turm“ (S. 182–185), Kum Kale (S. 185–189) und der Geschichte des Deutschen Ordens in Kilikien (S. 189–192) diskutiert.

Der auch in der Ausstattung sehr ansprechende Band ist durchgängig farbig mit 146 hochwertigen Abbildungen und Plänen illustriert. Die Zusammenfassungen in englischer und französischer Übersetzung erleichtern auch internationalen Forschern den Zugriff.

Im Fazit muss betont werden, dass Billers beschreibende Rekonstruktion mitsamt der Darstellung der Burg Montfort von allen bisher gezeigten Modellen am überzeugendsten ist. Zusammen mit der Einordung in die Frühgeschichte der Wehrbauten des Deutschen Ordens und dem Vergleich mit den bisher zu wenig betrachteten Burgen des Deutschen Ordens im armenischen Königreich in Kilikien zählt der Band künftig zu den Standardwerken der Burgenforschung. Er zeigt auch, wie wichtig die weitere Forschung zu Montfort und den Burgen in Kilikien ist.

Anmerkungen:
[1] Webseite des Montfort Castle Project: <http://adrianjboas.wix.com/montfort-castle-proj> (29.03.2016).
[2] Emmanuel Guillaume Rey, Études sur les monuments de l’architecture militaire des croisés en Syrie et dans l’île de Chypre (Collection de documents inédits sur l’histoire de France, 1ère Série, Histoire politique 45), Paris 1871.
[3] Vgl. zuletzt Adrian J. Boas, Renewed Research at Montfort Castle, in: Mathias Piana / Christer Carlsson (Hrsg.): Archaeology and Architecture of the Military Orders. New Studies, Farnham 2014, S. 175–192. Vgl. hierzu auch Thomas Wozniak: Rezension zu: Piana, Mathias; Christer Carlsson (Hrsg.): Archaeology and Architecture of the Military Orders. New Studies. Farnham 2014 , in: H-Soz-Kult, 22.10.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22728> (15.04.2016).

Redaktion
Veröffentlicht am
12.05.2016
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