Cover
Titel
Imperator Augustus. Die diskursive Konstituierung der militärischen persona des ersten römischen princeps


Autor(en)
Havener, Wolfgang
Reihe
Studies in Ancient Monarchies 4
Erschienen
Stuttgart 2016: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
424 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Von einer erneuten Untersuchung der militärischen Rolle des Octavian/Augustus verspricht sich Wolfgang Havener genauere Aufschlüsse über die Bedeutung dieses Aspektes für die Etablierung des Prinzipats. Dabei sei es Augustus darauf angekommen, das Militär durch den eigenen Erfolg als Feldherr dauerhaft an seine Person zu binden und diese Bindung als Herrschaftsmittel fest in das neue, von ihm als princeps dominierte politische System zu integrieren. Zugleich kritisiert Havener an der bisherigen Forschung zu Augustus und zur Begründung des Prinzipats das Festhalten an einer Zäsur zwischen dem Denken und Handeln Octavians in den Bürgerkriegen und dem des sogenannten Friedenskaisers Augustus nach der Etablierung der neuen Staatsform. Methodisch hebt er weniger auf das im Bürgerkrieg ohnehin desavouierte Denken in rechtlichen Kategorien als vielmehr auf die – erfolgreichen – Versuche des Augustus ab, nach und nach Strukturen dauerhaft zu verändern und sein Handeln darauf auszurichten: Mit Hilfe von Experimenten[1], die in bestimmten kommunikativen Strategien angelegt seien, habe Augustus im Aushandlungsprozess mit der senatorischen Oberschicht seine Rollen zu definieren und festzuschreiben gesucht. Im Vordergrund habe dabei die Rolle des Militärmonarchen gestanden, gerade auch gegenüber dem Senat. Der Genese und Prozesshaftigkeit dieses Geschehens widmet sich Havener, indem er kulturwissenschaftlich orientierte Ansätze der neueren altertumswissenschaftlichen Forschung aufgreift und diese im Sinne seiner erkenntnisleitenden Interessen anwendet.

Zunächst geht es um den Octavian der Bürgerkriegszeit und dessen Leistung, diese beendet zu haben. Dabei sieht Havener in ihm den – letztlich erfolgreichen – Fortsetzer der Bemühungen Caesars, „traditionelle Spielfelder des aristokratischen Konkurrenzkampfes zu zerstören, indem er die Regeln dieses Wettbewerbs um soziales Prestige und politische Macht […] negierte“ (S. 45). Dieses Handeln Caesars stellt Havener in den Zusammenhang der Bemühungen um die Beendigung der Bürgerkriege (vgl. Cic. Marcell. 29). Dadurch wird der Diktator mit Hilfe des Octavian zugeschriebenen gleichen, aber erfolggekrönten Ansatzes in ein Kontinuum integriert, das seine Politik weit weniger destruktiv als etwa in Meiers Caesar-Biographie oder auch in Girardets Urteil erscheinen lässt.[2]

Havener entwickelt anhand des Gegensatzes von bürgerkriegsbedingter discordia und gesellschaftlich erwünschter concordia im politischen Diskurs die von Octavian 36 und 31 v.Chr. übernommene Rolle, die inneren Auseinandersetzungen beendet und den ersehnten Zustand herbeigeführt zu haben. Daraus folgert er, Octavian müsse ein lebhaftes Interesse gehabt haben, gerade den Sieg von Actium auch als Bürgerkriegssieg über Antonius erkennbar werden zu lassen. Diese Sicht sucht er in Octavians Dreifachtriumph von 29 v.Chr. durch die genaue Unterscheidung zwischen dem Sieg bei Actium über Antonius und dem von Alexandria über Kleopatra zu erhärten. In Auseinandersetzung mit dem Bericht bei Cassius Dio und den Positionen der Forschungsliteratur, insbesondere denen Gurvals[3], meint Havener, Octavian sei nicht daran gelegen gewesen, „diese Erfolge zu verschleiern, sondern […] die Grenzen des Machbaren auszutesten und wie im Falle Caesars bewusst zu übertreten.“ Havener zieht dann das Fazit: „Das Paradigma, ein Triumph für einen Sieg im Bürgerkrieg sei prinzipiell unmöglich gewesen, hält einer Analyse der politischen Praxis nicht stand“ (S. 98). Dies sucht er durch Überlegungen zu rituellen Aspekten des Triumphs zu untermauern, in denen Octavian mehr den Sieg im Bürgerkrieg als den erreichten Friedenszustand hervorgehoben habe. Die durch die Beendigung der Bürgerkriege erreichte Machtfülle habe er nicht wieder abgegeben, sondern in verschiedenen öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen durch „Strategien der Perpetuierung“ (S. 121) gesichert, welche letztlich eine Neustrukturierung des staatlichen Systems bedeuteten, das dauerhaft mit dem Gedanken der „concordia verknüpft und als Alternative zum Bürgerkrieg“ verstanden werden sollte (S. 150).

Somit entwickelt Havener den Prinzipat des Augustus aus der Beendigung der Bürgerkriege durch Octavian. Dieser Grundgedanke stellt den Forschungsstand gewiss nicht auf den Kopf. Allerdings sucht Havener das neue Staatssystem stringenter und konsequenter als bisher aus einem bestimmten Gesichtspunkt, nämlich den Bürgerkriegen und deren Abschluss durch Octavians endgültigen Sieg, zu entwickeln und sieht primär diesen Gedanken im Selbstverständnis des Prinzipats und seines Begründers verankert. Damit ergeben sich gegenüber bisherigen Forschungspositionen, die in der Regel eine Distanzierung des Augustus von der Bürgerkriegsvergangenheit zugunsten der Friedensidee voraussetzen, Akzentverschiebungen und Korrekturen in eine bestimmte Richtung, die Havener an der Literatur fleißig durchexerziert. Man kann sich aber fragen, ob er damit nicht eine vielleicht tatsächlich zu eingleisige Argumentationslinie durch eine ebensolche andere ersetzt, auch wenn er sicherlich viele beachtens- und bedenkenswerte Beobachtungen beisteuert.

Die Rache für Caesars Ermordung in Verbindung mit dem aus der testamentarischen Adoption abgeleiteten und damit sozusagen dynastisch begründeten Anspruch auf die eigene politische Stellung sowie deren Rechtmäßigkeit erarbeitet Havener als einen Leitgedanken Octavians in den Bürgerkriegen, der auch den princeps später noch eine Zeitlang getragen habe. Als Belege hierfür dienen ihm der erhaltene Teil der Augustus-Biographie des Nikolaos von Damaskus und die Indienstnahme des Mars-Ultor-Tempels. Am Tatenbericht des Augustus macht Havener sodann eine Schwerpunktverlagerung der Selbstdarstellung des princeps im Sinne der Wiederherstellung der res publica geltend, in deren Rahmen allein Senat und Volk von Rom für die Rechtmäßigkeit der Position des Octavian/Augustus als verantwortlich herausgestellt worden seien. Den Übergang vom anfänglichen zum späteren Selbstverständnis des Monarchen markiere der Mars-Ultor-Tempel.

In den Mittelpunkt seiner Überlegungen zur augusteischen Herrschaftssemantik stellt Havener die Junktur parta victoriis pax (R. Gest. div. Aug. 13). Dabei verfolgt er das Ziel, den Stellenwert des Begriffes pax zugunsten des diesem Ausdruck vorausgehenden Wortes victoriis zu relativieren, um die Bedeutung der militärischen Komponente des Prinzipats zugunsten „eines Siegfriedens, der spezifisch mit der Person und vor allem den militärischen Erfolgen des princeps verknüpft ist“ (S. 200), herauszustellen. Auf der Grundlage einer Kritik des Konzepts vom ‚Friedensfürsten‘ Augustus integriert er dessen Rollen als „Friedensbringer und Welteroberer“ (S. 210) im kommunikativen Umgang mit der senatorischen Oberschicht an Beispielen wie der Ara Pacis, der Gemma Augustea, der Quadriga auf dem Augustus-Forum und dem Cistophor des Jahres 28 v.Chr. aus Ephesos mit der Revers-Legende PAX. Havener weist in geschickten Interpretationen auf die ausschlaggebende Bedeutung militärischer Sieghaftigkeit für den inneren Frieden und die Befriedung äußerer Gegner hin und resümiert: „Die Formel parta victoriis pax […] ließ genug Spielraum zur Schwerpunktsetzung durch die Verlagerung der Hierarchien zwischen den beiden Elementen.“ (S. 250)

Sprachlich allerdings gibt diese Junktur im Tatenbericht und ihre Stellung im Satz eine Deutung zugunsten des Vorranges der Siegesideologie eigentlich gerade nicht her: Das Wort pax steht genau in der Mitte des gesamten Satzes und markiert so dessen Zentrum und Höhepunkt, die Siege gehen dem Frieden zeitlich voraus und sind seine Hilfsmittel, was durch die Zuordnung des Ablativus instrumentalis victoriis zum Partizip parta klar hervortritt. Die griechische Version des Tatenberichts verzichtet gar auf die Erwähnung der Siege als Voraussetzung für den Frieden und erfasst in einem Genitivus absolutus den Friedensgedanken mit Hilfe des Partizips eireneuoménes.[4] Beobachtungen wie diese könnten schon dafür sprechen, die Sieghaftigkeit hier als dem Friedensgedanken eindeutig untergeordnet zu sehen. Dabei braucht zwischen der Wiederherstellung des inneren Friedens nach den Bürgerkriegen und den Ergebnissen fortdauernder kriegerischer Expansionspolitik entsprechend der römischen Weltherrschaftsideologie kein Widerspruch zu bestehen.

Die letzten beiden Kapitel sollen sodann Haveners Überlegungen zur Präponderanz der Sieghaftigkeit in der Selbstdarstellung des Augustus untermauern. An den Beispielen der Statue von Primaporta, des Partherbogens und des Mars-Ultor-Tempels plädiert Havener für die Einordnung des diplomatischen Erfolgs gegenüber den Parthern in überkommene Muster militärischer Sieghaftigkeit des Augustus.[5] Haveners wichtigstes Argument in dieser Hinsicht stellt jedoch die augusteische Triumphpolitik dar. Da die Friedensideologie zur Erklärung nicht ausreiche, will er eine andere Begründung dafür liefern, weshalb Augustus nach 29 v.Chr. auf alle Triumphe verzichtete. Argumente hierfür sieht er vor allem in der Exzeptionalität des Triumphes von 29 v.Chr. und in der Tatsache, dass späterhin die Legaten des Herrschers das siegreiche Heer kommandierten, nicht mehr der Kaiser persönlich. Dennoch – vielmehr wohl gerade deswegen – musste Augustus daran gelegen sein, „den Triumph in seine Verfügungsgewalt zu überführen“ (S. 300). An der Deutung der Fallbeispiele Crassus und Gallus, Balbus und Agrippa sowie Tiberius macht Havener auf verschiedene Entwicklungsstufen im Verlauf der Zeit aufmerksam, die den Umgang des Augustus mit dem Triumph als Ergebnis eines Aushandlungsprozesses mit der senatorischen Oberschicht kennzeichnen. Im Ergebnis verschaffte sich der princeps demzufolge die Kontrolle über die militärische Sieghaftigkeit anderer Feldherren, bezog das damit verbundene Repräsentationspotential letztlich auf seine Person und monopolisierte so den Triumph, nicht aber in der Weise, dass Augustus Diskrepanzen zur Friedensideologie hätte befürchten müssen und die Siegesfeiern allein in den Dienst dynastischer Ambitionen gestellt hätte. Auf diese Weise setzt sich Havener abermals von einer als ‚mainstream‘ gekennzeichneten Forschungsrichtung ab.

Mit einer ganzen Reihe wohlüberlegter und großenteils gut begründeter Einzelinterpretationen sucht Havener das Repräsentationspotential der militärischen Sieghaftigkeit des Octavian/Augustus als Ergebnis eines über Jahrzehnte andauernden Aushandlungsprozesses mit der senatorischen Elite in den Vordergrund zu rücken und auf diese Weise zwischen der Bürgerkriegsepoche und der Etablierung des Prinzipats eine Kontinuität zu stiften, die letztlich in prozesshafter Entwicklung aus vielfachen Experimenten mit einem bestimmten Thema zu tragfähigen politischen Ergebnissen geführt habe. Durch die Verfolgung dieses einen – gewiss besonders wichtigen – Aspektes in der Selbstdarstellung des Augustus blendet Havener andere aus und verweist die Friedensideologie des Prinzipats mit ihrem Potential der Abgrenzung von der Bürgerkriegszeit auf einen sekundären Rang. Ob „die Verlagerung der Hierarchien zwischen den beiden Elementen“ (S. 250) Sieghaftigkeit und Frieden auch anhand der Diktion im dreizehnten Kapitel des augusteischen Tatenberichts so zu rechtfertigen ist, wie es Havener voraussetzt, darf wohl bezweifelt werden. Der augenscheinlich scharfe Kontrast zwischen Bürgerkrieg und Prinzipat ist es, der die Forschung zu Antworten geführt hat, die Havener im Lichte seiner Fragestellung zu einfach erscheinen und die er durchgängig zurechtzurücken bemüht ist. Dennoch dürften gewichtige Gründe dafür sprechen, neben einer über militärische Sieghaftigkeit führenden Argumentationslinie der Kontinuität, die die Bürgerkriegszeit mit dem Prinzipat verknüpft, auch die Zäsur nicht zu vergessen, die beide voneinander scheidet, und hierfür auf den augusteischen Friedensgedanken zu rekurrieren, der ja das Ergebnis siegreichen Kampfes ist. Unstrittig hat Havener auf bisher teilweise vernachlässigte Gesichtspunkte den Blick gelenkt, doch scheinen bei ihm polarisierende Ansätze über Bemühungen zur Synthese zu dominieren.

Anmerkungen:
[1] Zur Fortentwicklung des Prinzipats im Experiment vgl. beispielsweise bereits Johannes Straub, Dignatio Caesaris, in: Legio VII Gemina, León 1970, S. 156–179, wiederabgedruckt in: Johannes Straub, Regeneratio imperii, Darmstadt 1972, S. 36–63, besonders S. 38, 40, 44, 54, 58 u. 62. Auch hier geht es um Aushandlungsprozesse durch Kommunikation. Allerdings stand Straub noch nicht die kulturwissenschaftliche Terminologie zur Verfügung.
[2] Vgl. Christian Meier, Caesar, Berlin 1982 und Klaus Martin Girardet, Politische Verantwortung im Ernstfall. Cicero, die Diktatur und der Diktator Caesar, in: Christian Mueller-Goldingen / Kurt Sier (Hrsg.), Lenaika. Festschrift für Carl Werner Müller, Stuttgart 1996, S. 217–251 (wiederabgedruckt in: Klaus Martin Girardet, Rom auf dem Weg von der Republik zum Prinzipat, Bonn 2007, S. 199–234). In eine mit Haveners Voraussetzungen vergleichbare Richtung scheint mutatis mutandis der Interpretationsansatz zu gehen, den Mischa Meier seinen Überlegungen in der Akademieschrift ‚Caesar und das Problem der Monarchie in Rom‘ (Heidelberg 2014) zugrunde legt.
[3] Vgl. Robert Alan Gurval, Actium and Augustus, Ann Arbor 1995.
[4]cum per totum imperium populi Romani terra marique esset parta victoriis pax entspricht eireneuoménes tês hypò Rhomáois páses gês te kaì thalásses. Vgl. hierzu auch Wilhelm Weber, Princeps. Studien zur Geschichte des Augustus, Bd. 1, Stuttgart 1936, S. 176f. und 185*f. Anm. 618
[5] Dies insbesondere gegen Paul Zanker, Augustus und die Macht der Bilder, 4. Aufl. München 2003, S. 195f.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.06.2016
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag