Cover
Titel
After the Map. Cartography, Navigation, and the Transformation of Territory in the Twentieth Century


Autor(en)
Rankin, William
Erschienen
Anzahl Seiten
VII, 398 S., 143 Abb.
Preis
€ 52,49
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernhard Struck, School of History, University of St Andrews

Ist die Karte und damit die Kartographie tot, wie es der Titel von William Rankins Buch „After the Map“ suggeriert? Jein. Traditionelle Karten, gedruckt auf Papier, die ein bestimmtes Gebiet zweidimensional abbilden, wird es wohl auch in Zukunft geben. Aber die Kulturtechnik des Messens, Abbildens, Navigierens und damit auch der Sinnstiftung von Territorialität hat sich radikal verändert während der vergangenen gut 100 Jahre, so eine Hauptthese bei Rankin.

Um dem Kern seines faszinierenden Buches auf die Spur zu kommen, beginnt man am besten am Ende des Titels: „Territory in the Twentieth Century“. Damit folgt der Band einer Reihe von Arbeiten, darunter jüngst eine Monographie von Charles Maier, die sich mit den Techniken zur Beherrschung und Kontrolle von Territorien befassen.[1] Rankin, der in Yale als Wissenschaftshistoriker arbeitet, geht vor allem um die Frage nach, wie wir Räume und Territorien wahrnehmen und mit welchen Techniken wir sie sichtbar machen. Mit einem Wink gen Foucault untersucht Rankin die Verschiebung einer „geo-epistemology“ während eines langen 20. Jahrhunderts. Es erstreckt sich von etwa 1890 bis 2010, von den frühen Luftaufnahmen in die unmittelbare Gegenwart. Schon die ersten Fotos aus Zeppelin oder Heißluftballon waren punktuelle Aufnahmen eines größeren territorialen Ganzen – GPS ist lediglich die (vorläufig letzte) technische Weiterentwicklung, aber eine logische: von der Flächenaufnahme des Geodäten im Gelände zu punktuellen Aufnahmen aus einer Vogel- oder eben Satellitenperspektive.

Bereits in der Einführung verdeutlicht Rankin, dass GPS-generierte Daten und Karten keineswegs besser sind als ältere Techniken, sondern schlicht anders. Damit hinterfragt er eine ältere Wissenschafts- und Kartographiegeschichte, die einer inneren Teleologie folgte. Rankin knüpft an Arbeiten der „Critical Cartography“ an, die wichtige Impulse des „Linguistic Turn“ zur Textualität von Karten sowie Ideen des Poststrukturalismus aufgenommen hat.[2]

Wie der Titel andeutet, handelt das Buch natürlich auch von Karten – sehr vielen sogar. Noch im Ersten Weltkrieg, so Rankin, druckten die Alliierten etwa 50 Karten pro Soldat. Für den Autor geht es darum, eine Verschiebung der Logik der Kartierung („logic of mapping“) und des räumlich-territorialen Denkens nachzuzeichnen. Krieg und Militär spielten im 20. Jahrhundert eine wesentliche Rolle, aber auch nichtstaatliche Akteure wie Kartographen und geographische Gesellschaften. Wurde im Ersten Weltkrieg noch weitgehend räumlich begrenzt gekämpft, in den Schützengräben entlang der Ost- und Westfront, so wurde in den 1940er-Jahren zwischen Atlantik und Pazifik, zwischen Stalingrad, Singapur, Dresden oder Pearl Harbor, ganz anders gekämpft und räumlich gedacht – besonders durch die Erweiterung des Krieges in den Luftraum. Und die Bedürfnisse, nicht zuletzt militärische, Raum präzise abzubilden, waren 1940 ganz andere als 1900.

Rankins Buch, entstanden als PhD-Dissertation in Harvard, denkt das Zusammenspiel zwischen Periodisierung und Raum neu. Die Bruchstellen liegen für ihn um 1940 und in der Mitte der 1960er-Jahre, was sich in der thematischen, projektbezogenen und chronologischen Ordnung des Buches spiegelt. Der Autor versteht es, das Große und Ganze der Globalgeschichte von Territorien anhand dreier konkreter Projekte anschaulich zu machen. Im Zentrum von Teil I steht das utopische Projekt einer standardisierten „International Map of the World“ (IMW) um 1900. Eine Reihe von Arbeiten zur Kartographiegeschichte hat die tragende Rolle des Staates hervorgehoben. Das IMW-Projekt stand zwar im Zeichen von Staaten und Imperien: Es war quasi das letzte Puzzleteil einer globalen Weltschau im Anschluss an das „Scramble for Africa“ und das Ende des „Age of Exploration“.[3] Die IMW wurde jedoch vor allem von transnational vernetzten Kartographen und nichtstaatlichen geographischen Gesellschaften vorangebracht, wie Rankin betont. Am Ende war das Projekt zu groß, zu langsam; die Weltkriege trieben Keile zwischen die Vernetzung von Wissenschaftlern. Aber auch das Denken über Raum wandelte sich, und damit stellten sich neue Fragen zum Nutzen und zur Anwendung einer Papierkarte der Welt.

Die Verschiebung veranschaulicht Rankin am Projekt, das in Teil II im Mittelpunkt steht: der Universal Transverse Mercator (UTM). Zwischen 1940 und den späteren 1960er-Jahren verlagerten sich räumliches Denken und kartographische Praxis vom Boden in die Luft, von der Fläche zu Punkt und Raster. Mörser, Raketen und Bomben mussten punktgenau abgefeuert und ins Ziel gelenkt werden. Anders gesprochen: Nicht mehr die präzise Kenntnis von Fläche und Territorium war entscheidend, sondern die Distanz zwischen den Punkten A und B. Koordinaten, Punkte, ein „grid-system“ waren Teile der neuen „geo-episteme“. Diese herauszuarbeiten ist für Rankin zentral. Sie war nicht nur kriegswichtig, sondern auch für die Etablierung der zivilen Luftfahrt nach 1945 entscheidend. Die Ablösung des IMW-Projektes hin zu UTM zeigt gleichzeitig die Verschiebung von einem multilateralen, transnationalen Kartographen-Netzwerk hin zur unilateralen und globalen Dominanz räumlichen Wissens durch die USA. Lediglich die USA verfügten nach 1945 über die Infrastruktur, die technischen und finanziellen Mittel (vermutlich auch die Motivation wegen des sich abzeichnenden Kalten Krieges), ein Projekt wie UTM voranzutreiben, das die Welt in 60 Nord-Süd-Raster gliederte.

Anhand der gewählten Kernprojekte bietet Rankin vernetzte Perspektiven zur Globalgeschichte an. Handelte es sich beim IMW-Projekt noch um transnationale Kooperationen zur Herstellung territorialen Wissens, bedeutete UTM zwar eine neue globale Dimension von Technik, Raumwissen und -beherrschung, gleichzeitig aber auch die Entglobalisierung hin zu einem dominanten Player, den USA. Im Hintergrund der Großprojekte, die das Buch durchziehen, verlaufen eine Reihe internationaler Vertragsabschlüsse – bei der Montevideo-Konferenz 1933, in Helsinki 1975 sowie bezüglich der internationalen Luftfahrt oder der Nutzung der Arktis. Gleichzeitig hinterfragt Rankin bisherige Interpretationen zur globalen Ordnung und der Rolle der USA, zu einem neuen „Regime of World Order“ seit den späten 1960er-Jahren und zur Stellung der USA als post-territorialem Empire beruhend auf einer nichtterritorialen Hegemonie – von Kapital und Militär, aber ebenso von räumlichem Wissen und Infrastruktur.

Hierzu widmet sich Teil III der Entwicklung von GPS, nicht zuletzt durch Raumfahrt und NASA, das das punktgesteuerte Grid- und Rasterdenken in neue Höhen und Dimensionen hob: in den Weltraum. Im Kapitel rund um GPS zeigen sich die vielen Tricks und Kniffe, die Rankin (ein Pokerspieler der Ideen) im Ärmel hat. Ob als Historiker (wir mögen und konstruieren Kausalitäten und Verläufe) oder als schlichte Anwender (von Google Maps) – wir tendieren dazu, die Linearität und den Erfolg von Technik zu sehen. Wir übersehen gerne die Twists und Turns. Rankin belegt, dass das nutzbare Potenzial eines Geo-Positioning-Systems zwar früh erkannt wurde, aber es eigentlich niemand wirklich brauchte. Die drei US-Institutionen, die an der Entwicklung von GPS wesentlich arbeiteten – die zivile NASA, die Navy und das Department of Defense – hatten sehr unterschiedliche Interessen und Verwendungsabsichten. Und dass wir heute mit Karten auf dem Smartphone das nächste Café sicher ansteuern (wir folgen Punkten auf Rastern, genau wie ein atombetriebenes U-Boot unter arktischem Eis von A nach B kommt, aber das ist weniger relevant für den nächsten Espresso), verdanken wir (auch) institutionellen Konkurrenzen und bürokratischen Eitelkeiten.

„After the Map“ bietet eine sehr westliche Sicht auf die Globalgeschichte. Rankin stützt sich auf Archive und Materialien in den USA, in Großbritannien, Kanada und Frankreich. Es ist in vielerlei Hinsicht ein sehr technisches Buch. Aber es ist ein äußerst anregendes, das intelligent verschiedenste Stränge zusammenbringt: die Geschichte von Technik und Infrastruktur, der Kartographie, des Denkens von Territorialität zwischen Empire und Nationen, von Grenzen und Globalität. Es ist ein Buch, das auffordert, über die Periodisierung des 20. Jahrhunderts nachzudenken, das wir als kurzes kennen oder auch als das der Extreme (Eric Hobsbawm), der Ideologien oder der Weltkriege. William Rankins Blick auf räumliches Denken, Infrastruktur, Institutionen, Karten und GPS eröffnet eine Reihe neuer und ungewöhnlicher Perspektiven zu Territorialität, internationaler, nationaler und globaler Geschichte und dem Zusammenspiel staatlicher und nichtstaatlicher Akteure. Empfohlen sei schließlich auch die begleitende Website <http://www.afterthemap.info> (13.05.2017), wo das komplette Karten- und Bildmaterial sowie die Bibliographie des Buches abrufbar sind.

Anmerkungen:
[1] Charles S. Maier, Once within Borders. Territories of Power, Wealth, and Belonging since 1500, Cambridge 2016.
[2] John B. Harley, The New Nature of Maps. Essays in the History of Cartography, hrsg. von Paul Laxton, Baltimore 2001. Siehe auch Rankins Website http://www.radicalcartography.net (13.05.2017).
[3] Siehe hierzu Iris Schröder, Das Wissen von der ganzen Welt. Globale Geographien und räumliche Ordnungen Afrikas und Europas 1790–1870, Paderborn 2011.