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Titel
Der große Mann. Geschichte eines politischen Phantasmas


Autor(en)
Gamper, Michael
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
432 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Kappeler, Graduiertenschule für Geisteswissenschaften Göttingen (GSGG), Universität Göttingen

„Wir haben in unserer Geschichte große Männer gehabt und betrachten das als eine zu uns gehörende Einrichtung; geradeso wie die Gefängnisse oder das Militär“[1] – so schreibt Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ im Jahre 1930 und verortet den großen Mann damit in der Nähe gesellschaftlicher Imaginationen und Institutionen. Die Monographie „Der große Mann“ des Germanisten Michael Gamper (Leibniz Universität Hannover) zielt in eine ähnliche Richtung. Sie kann als Gegenstück zu seiner Geschichte der Masse aus dem Jahr 2007 gelesen werden: Erlangte im 19. Jahrhundert ein häufig als feminin beschriebenes Konglomerat der Vielen den Status eines historischen Akteurs, so wurde ihm relativ zeitgleich ein einzelnes männliches Subjekt entgegengesetzt, das soziale Ordnungen anleiten und verkörpern sollte.[2] Mit der Französischen Revolution kam es Gamper zufolge zu einer „Verlagerung der Handlungsmacht von den großen Gesten des Einen auf die kumulierten kleinen Akte der Vielen“ (S. 90). Die überzeugende These des Buches ist, dass mit dem großen Mann eine Figuration begründet wurde, welche die revolutionäre Handlungsmacht der subalternen Klassen in eine neue personifizierte Ordnung überführen sollte.

Die Studie folgt den Pfaden dieser Ordnung in einer komparatistischen und intermedialen Perspektive: Gamper nutzt als Quellenmaterial nicht allein textuelle Dokumente in deutscher, englischer und französischer Sprache, sondern auch materielle Monumente, namentlich Denkmäler und Bilder. Der große Mann wird dabei nicht „als soziale Realität, sondern als Effekt von Diskursen, Phantom der Imagination und Manifestation von Medien“ (S. 12) verstanden; verglichen mit anderen diskursanalytischen Arbeiten schreibt Gamper der Imagination dabei eine besonders hohe Bedeutung zu. Gegenstand einer ‚Imaginationsgeschichte’ sind demnach Phantasmen, die auf die Realgeschichte einwirken, wenn sie „über die Einbildungskraft […] phantasmatisch organisierte kollektive Körper“ erzeugen, „die realpolitischen Zwecken zugeführt werden können“ (S. 100). Gamper spricht in solchen Fällen treffend von „Imaginärpolitik“.

Imaginärpolitiken des großen Mannes streben, so seine Hauptthese, zweierlei an: Die Führung der Nation und eine Repräsentation der Gesellschaft qua Verkörperung. Diese Verfahren zeichneten sich bereits in der Frühen Neuzeit ab: Entwickelte Niccolò Machiavelli „eine Pragmatik der Führung, die es dem herausragenden Einzelnen ermöglichen sollte, Menschenmengen zu funktionierenden Staaten zusammenzuschließen“ (S. 31), so setzte Thomas Hobbes mit dem „Leviathan“ die Frage der Repräsentation der Gesellschaft als symbolische Verkörperung auf die Agenda. Diese Verkörperung wurde als theatralisch verstanden und zugleich notorisch auf der Bühne dargestellt, die dadurch „zum medialen Reflektor des Politischen“ (S. 38) avancierte.

Ein Beispiel hierfür ist das Trauerspiel „Masaniello“ über eine 1647 vom Fischer Tommaso Aniello angeführte Revolte in Neapel, dem bis Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Adaptionen folgen sollten. Der Zittauer Gymnasialdirektor Christian Weise brachte damit ein Stück zur Aufführung, dessen Protagonist aus einer subalternen Klasse stammte. So wurde bereits lange vor den revolutionären Umbrüchen des späten 18. Jahrhunderts die Möglichkeit „charismatische[r] Macht eines Parvenüs von ganz unten“ (S. 41) inszeniert. Nach dieser produktiven Lektüre eines eher randständigen Textes als geradezu avantgardistisches Dokument bedauert man ein wenig, dass Gampers Buch insgesamt doch eher auf kanonische Literatur fokussiert ist.

Mit der Französischen Revolution zeichnete sich die neue Figuration des großen Mannes deutlicher ab: Edmund Burke sprach bereits 1790 vom „Parvenü, ausgestattet mit militärischem Talent und starker, unmittelbarer Wirkung“ (S. 95), der erst in der postrevolutionären Gesellschaft unter Bedingungen der Erosion der ständischen Ordnung aufsteigen könne. Im Bereich der Dichtung stellte Friedrich Schillers „Wallenstein“ die Transformation einer durch Herkunft bestimmten in eine charismatische Macht dar. Die zentrale Figur, anhand derer das neue Konzept des großen Mannes verhandelt wurde, ist jedoch eindeutig Napoléon Bonaparte. Der korsische General erschien dabei als „Virtuose der Medienbeherrschung“ (S. 192), der den Telegraphen, eigene Zeitungen oder die bildenden Künste gezielt für den eigenen Ruhm einsetzte. Selbst noch die „Organisation des Nachruhms“ (S. 212) wurde bewusst durch Memoiren organisiert, die auf den Diktaten des ehemaligen Herrschers im Exil basierten. Dies setzte sich im Mediensystem der Julimonarchie – durch Gesänge, Bilder und Reliquien – fort, wie anhand von Heinrich Heines Auseinandersetzung mit Napoléon „als Phantom und Wiedergänger“ (S. 217) gezeigt wird.

Teilweise beschreibt Gamper die Inszenierung Napoléons allerdings in einer Weise, die den Eindruck erweckt, der große Mann sei schlussendlich doch der zentrale historische Akteur: „Es waren seine Leistungen, zudem die Vermögen und Fähigkeiten, die diese Leistungen ermöglicht hatten, sowie die erzählerischen und bildlichen Vorgänge, die Napoléon […] zum Inbegriff des ‚großen Mannes’ des 19. Jahrhunderts werden ließen.“ (S. 177) Dagegen wäre vielleicht stärker der Frage nachzugehen, inwiefern auch ‚kleine Leute’ als Teile der medialen Systeme, aber auch als politische Akteure Anteil an der Inszenierung Napoléons hatten oder diese konterkarierten. Allgemeiner ausgedrückt: Wenn Imaginärpolitik auf die „politisch funktionalisierbare Eigenaktivität der Adressaten zielt“ (S. 100), konnten (oder können) diese auch eigenständig Imaginärpolitiken ins Werk setzen? Das Buch bejaht dies im Rekurs auf den Politikbegriff von Jacques Rancière, ohne der Frage im Detail nachzugehen.

„Größe“ wurde historisch fast immer Männern zugeschrieben; Frauen traten eher als „Spiegelbilder“, als „Begleiterinnen und Nebenfiguren“ (S. 132) des großen Mannes in Erscheinung, wie im vierten Kapitel ausgeführt wird. Selbst in Heinrich von Kleists Stück „Penthesilea“, das „als weibliches Aufbegehren gegen eine […] männlich verantwortete Logik der ‚Größe’“ (S. 155) interpretiert wird, blieb jenes relational an eine Auseinandersetzung mit Männern gebunden und war deshalb „nicht in der Lage […], selbst eine eigene Form von Größe zu produzieren“ (S. 161). Weibliche Größe gab es der Studie zufolge nur in „Ausnahmefällen“ (S. 131). Eine solche Ausnahme findet Gamper nicht so sehr bei Katharina der Großen – immerhin der einzigen Frau in der Weltgeschichte mit diesem Titel –, sondern im multimedialen Kult um Luise von Preußen, der Mutter des ersten Kaisers des Deutschen Reichs. Diese wird in der Untersuchung als „spezifisch weibliche Form der gemeinschaftsbildenden Persönlichkeit“ begriffen, die allerdings, „anders als der ‚große Mann’, nicht durch politisches Handeln, sondern durch ihre bildhafte Präsenz verkörpernde Effekte ausüben sollte“ (S. 163).

Wenn weibliche Größe eine Ausnahme ist, verwundert es etwas, dass geschlechtertheoretische Fragen nicht stärker auch anhand von Männern – und mit Bezug auf aktuelle Forschungen zu Männlichkeit – verhandelt werden. So wird etwa die historistische Geschichtsschreibung über große Männer von Gamper im achten Kapitel nicht gendertheoretisch analysiert, obgleich sie signifikanterweise auf große Männer der Geschichtswissenschaft und -philosophie (wie Hegel, Droysen, Burckhardt) fokussiert ist. Wenn die These vertreten wird, der Historismus zeichnete sich „weniger durch Theoriebildung denn durch geregelte praktische wissenschaftliche Verfahren und die überzeugende narrative Präsentation der Ergebnisse“ (S. 243) aus, stellt sich zudem die Frage, warum neben den überzeugend dargelegten erzählerischen die praktischen Bedingungen der Wissensproduktion kaum erwähnt werden.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts traf der Diskurs der Größe wieder auf den der Masse, wobei sich beide verbinden konnten; so war etwa für Adolphe Quetelet der „grand homme“ der Repräsentant des „homme moyen“. Als weiterer Aspekt einer solchen ‚Vermittelmäßigung’ beschreibt Gamper eine Inflationierung des Diskurses im Denkmal-Kult der „vielen kleinen“ großen Männer im späten 19. Jahrhundert. Darauf aufbauend entwickelt er im letzten Kapitel eine Zerfallsthese des Größe-Diskurses. Im 20. Jahrhundert wurde demnach die Idee des Ruhms von der des Erfolgs ersetzt, die auf „Bewährung in kurzen Zeitintervallen“ abzielte statt – wie noch im Falle des großen Manns – „längerfristige Kredite auf einmal Erreichtes“ (S. 366) zu gewähren. Dadurch sei mit dem „Mann eigner Kraft“ eine neue Figuration entstanden, die besonders von Erfindern, Ingenieuren, Sportstars und kapitalistischen „Wirtschaftsmagnaten“ (S. 373) verkörpert werden konnte. Standen die Letzteren eher in Opposition zum Staat, war die Figur des Charismatikers Max Weber zufolge ganz im Gegensatz dazu „wirtschaftsfremd“ (S. 383) und mit der Idee eines politischen „Führers“ verbunden, wie sie in allen politischen Richtungen vor 1933 zu finden ist.

Dass am Ende Barack Obama als „eine erstaunliche Manifestation dessen, was früher einmal der ‚große Mann’ war“ und „Verkörperung eines Versprechens, dass es besser werden kann“ (S. 405), begriffen wird, wirft grundlegende Fragen auf: Muss der Diskurs der Größe mit einem utopischen Versprechen verbunden sein? Lebt der große Mann nicht auch in autoritären Herrschern wie Recep Tayyip Erdoğan oder Wladimir Putin fort, die eher zur Glorifizierung einer imaginierten Vergangenheit neigen? Auf der Seite der auf die Zukunft zielenden Politik wüsste man gerne, warum Revolutionäre wie Robespierre oder Lenin nicht als Exponenten der Größe untersucht werden. Gampers materialreicher und nuancierter Studie ist zu wünschen, dass sie weitere Forschungen auch der Geschichtswissenschaft zu großen Männern und deren Nachwirkungen bis in die heutige Zeit inspiriert.

Anmerkungen:
[1] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften. I. 1. und 2. Buch, Reinbek bei Hamburg 2001, S. 298.
[2] Michael Gamper, Masse lesen, Masse schreiben. Eine Diskurs- und Imaginationsgeschichte der Menschenmenge 1765–1930, München 2007.