Cover
Titel
Craftwork as Problem Solving. Ethnographic Studies of Design and Making


Herausgeber
Marchand, Trevor H.J.
Reihe
Anthropological Studies of Creativity and Perception
Erschienen
Oxford 2016: Ashgate
Anzahl Seiten
278 S.
Preis
€ 141,16
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Regina Bendix, Institut für Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie, Georg-August-Universität Göttingen

Aus der Praxis der Architektur fand der Kanadier Trevor Marchand den Weg in die Sozialanthropologie, wo er im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte eine Plattform schuf für einen neuen Zugang zu Handwerkspraxis und Wissen. Über teilnehmende Beobachtung von Lehmbau in Mali und im Yemen ebenso wie in der Möbelschreinerei in England fand Marchand zur Formulierung „knowledge in hand“.[1] Wissenschaftlich sieht Marchand hier eine nach wie vor ungenügend verstandene Dimension dessen, was das Menschsein ausmacht; gesellschaftspolitisch setzt er sich ein für eine neue Wertigkeit, erweiterte Konzeption und Förderung von Handwerk. Aus diesen Anliegen erwuchs 2013 der Workshop „Craftwork as Problem Solving“ im Rahmen der „Making Futures“-Konferenz in Plymouth. Sowohl der Workshop- und Buchtitel als auch der Titel des Entstehungskontextes deuten auf die Orientierung, die Marchand einem oft eher mit rückwärtsgewandter Traditionserhaltung betrachteten Bereich verleiht. In seiner Einleitung skizziert er Komponenten seines Zugangs zu Handwerk, der die kapitalismuskritische, oppositionelle Dimension von Handwerk (heute manifest etwa im „guerilla knitting“ (S. 5)) nicht ignoriert, aber gleichzeitig die vor allem auch das Körperliche, Kommunikative und Interagierende betonenden, lerntheoretischen Momente im Handwerken als Problemlösungsprozess hervorheben. In den einleitenden Text eingearbeitet ist ein pointiertes Glossar, das Handwerk in seiner sozialen Einbettung, seinen Charakteristika und seiner Bedeutung aufzeigt (S. 9–19) – als Rahmen, auf welchen sich die in zwei Teile und insgesamt dreizehn Kapitel gliedernden Beitragenden beziehen. Die Autor/innen rekrutieren sich aus Sozial- und Kulturanthropologie ebenso wie aus Theorie- und Praxisfeldern, z.B. der Videographie, Architektur oder dem Textildesign, und verfügen meist über mehrere Erfahrungsbereiche, was der Zusammenarbeit in diesem Band zu Gute kommt.

Im ersten Teil finden sich Beiträge, die „resoluter auf typische praktische Problem [bezogen sind] wie Technik, Reparatur, Improvisation und Innovation in Handwerksarbeit“ (S. 19, übers. d. Rezensentin). Glasbläserei und die verschiedenen Wissensbestände bzw. beruflichen Expertisen und Kommunikationsmomente, die in das Generieren eines neuen Prototyps einfließen, werden von Erin O’Connor und Suzanne Peck vorgestellt. Das bereits in der Einleitung theoretisierte Lernen aus Fehlern bzw. auch das Neu-Überdenken stellt sich hier als besonders relevant heraus. Der Topos des emergenten Lernen zieht sich durch die weiteren Kapitel – sei dies in Kim Crowders Beobachtungen zur sich gegenseitig beeinflussenden Lern- und Lernpraxis von Mensch und Pferd in der Zucht und Präsentation einer Pferderasse oder in Tom Martins Studie zum Erwerb von Problemlösungsfähigkeiten bei Auszubildenden in einer Fahrradreparaturwerkstatt. Auf mehrere Jahrzehnte eigener Videographie-Praxis rückblickend zeigt Peter Durgerian, wie sich Problemlösungen für spezifische Fälle im Lauf der Zeit als neue Handwerkspraxis in sein Arbeiten einfügten. Experimentieren ist auch Teil von Jenn Laws Studie des (Kunst-)Druckens. Ihr Beitrag greift klassische Fragen von Originalität und Imitation auf, thematisiert die notwendige, disziplinübergreifende handwerkliche Fähigkeit und befragt die von ihr als zu konservativ erfahrene Rolle der Ausbildung zur „Meisterschaft“. David Gates durchleuchtet gelerntes, in den Körper eingeschriebenes Handwerkswissen, indem er sich autoethnographisch beim Erstellen eines Möbelstückes beobachtet und den üblichen Designprozess mit einem neuen, auf ein Werkzeug reduzierten Prozess kontrastiert. Stephanie Bunn untersucht Korbflechter und deren maschinell nicht herstellbare Produkte; sie nutzt die Frage der Problemlösung als ein in das Material des Korbflechtens eingeschriebenes Phänomen.

Der zweite Teil, wenn auch sicher nicht klar abgrenzbar von vom ersten, „greift Herausforderungen auf, die eher sozialer, ökonomischer oder philosophischer Natur sind“ (S. 19, übers. d. Rezensentin). Sowohl Niamh Clifford Collards Studie von Webern im ländlichen Ghana als auch Rebecca Prentices Ethnographie von Schneiderei in Trinidad fokussieren die sozio-ökonomische Verstrickung, die in nachhaltiger Handwerkspraxis vorherrscht – ein sich sowohl in das Handwerk und dessen Materialien wie auch in die sozialen Gewebe Vor- und Einfühlen wird als bestimmend herausgearbeitet. Nicht nur Design, sondern auch Handwerksspezifika – wie etwa die Handhabung von Glasuren oder das händische Verstehen von Tontypen im Töpfereisektor Taiwans – erfordern Problemlösungskompetenzen, wie Geoffrey Gowlland illustriert. Der Holzkünstler Malcolm Martin erprobt, gemeinsam mit seinem Partner, die ermöglichenden und begrenzenden Dimensionen des Materials, aufbauend auf der Lektüre japanischer, buddhistischer Handwerksphilosophie und entdeckt dabei kreative Potentiale, die der bisherige Werkstatthabitus nicht zugelassen hatte. Giovanni Diodati reflektiert die Zusammenarbeit verschiedener Handwerkender in Restaurierungsaufgaben, zeigt die Probleme zu starker Spezialisierung auf und sucht nach Möglichkeiten kooperativere Perspektiven neu zu entdecken. Rachel Philpott und Faith Kane nutzen das Konzept des „textilen Denkens“ als Metapher und zugleich Anleitung für interdisziplinäre Zusammenarbeit. Aus der taktilen Arbeit hoffen sie divergierende Wissensbestände so zu mobilisieren, dass sie sich webend und ohne Anspruch auf Primat ineinanderfügen.

„Schaffende werden die Helden des 21. Jahrhunderts sein“, meint Rosy Greenlees, Direktorin des Craft Council des Vereinigten Königsreichs in ihrem Vorwort zu diesem beeindruckenden Sammelband. Herausgeber Marchand geht es nicht um Heldentum, sehr wohl aber um „Anerkennung und Wertschätzung für die kreative Intelligenz, die in Handwerk involviert ist“ (S. 27, übers. d. Rezensentin). Entsprechend erhofft er für die in diesem Band versammelten transdisziplinären Fallstudien ein sich eröffnendes, dialogisches Wirkungsfeld nicht nur unter Sozial- und Kulturwissenschaftler/innen, sondern auch mit Praktizierenden sowie mit Ausbildenden und anderweitig berufspädagogisch Tätigen. Diese Mission dürfte auch in einer deutschsprachigen, den Fachkräftenachwuchsmangel fürchtenden Handwerkslandschaft begrüßt werden. Ethnographische Perspektiven auf Handwerkssettings gekoppelt mit Grundlagenforschung zum Zusammenspiel von Körper und Erfahrungswissen bilden eine vielversprechende Kombination, die das Handwerkliche nicht in romantisch-nostalgischem Duktus zu restaurieren gedenkt, sondern vielmehr die problemlösenden Potenziale zwischen Hirn und Hand freisetzen möchte.

Anmerkung:
[1] Trevor H.J. Marchand, Knowledge in Hand: Explorations of Brain, Hand and Tool, in: R. Fardon u.a. (Hrsg.), Handbook of Social Anthropology, London 2012, S. 260–269.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.07.2016
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/