A. D'Elia: Pagan Virtue in a Christian World

Cover
Titel
Pagan Virtue in a Christian World. Sigismondo Malatesta and the Italian Renaissance


Autor(en)
D'Elia, Anthony F.
Erschienen
Anzahl Seiten
368 S.
Preis
€ 36,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maximilian Krüger, Neuere Geschichte, Historisches Institut, Universität Mannheim

„Von allen Menschen, die es je gab oder geben wird, war er der Schlechteste. Die Schande Italiens und der Schandfleck unseres Jahrhunderts“[1], urteilte Papst Pius II (1405–1464) in seinen Commentarii über den Signoren von Rimini, Sigismondo Pandolfo Malatesta (1417–1468). Mit Feder und Tinte zeichnete der Pontifex die Umrisse eines blutdurstigen und gottlosen Ungeheuers, das, sich an den ältesten und schändlichsten Sünden wie Inzest und Sodomie ergötzend, nicht einmal vor Nekrophilie zurückschreckte. Dieses Untier nahm mit jedem der boshaften Wörter und Sätze mehr und mehr Gestalt an und zog den Ruf des Signoren mehr und mehr in den Schmutz. Pius, der Sigismondo im Hass verbunden war, statuierte damit an ihm ein Exempel, als Warnung an alle unbotmäßigen Statthalter der Kirche. Der Malatesta selbst wies die Denunziationen wie auch den folgenden Schauprozess als Farce zurück. Das Urteil hatte ohnehin längst festgestanden. Doch der Pontifex beließ es nicht bei einer Exkommunikation – im Stil eines umgekehrten Kanonisationsverfahrens verbannte er den Verurteilten in die Hölle.[2] Mit diesem in der Kirchengeschichte einmaligen Vorgang eröffnet Anthony F. D’Elia die vorliegende Studie, indem er den Untergang der Malatesta vorwegnimmt. Von der Übermacht seiner Feinde überwunden, musste Sigismondo das Knie vor der Gewalt des Papstes beugen und sank zu einem kleinen geduldeten Fürsten in einem politisch unbedeutend gewordenen Staat herab. Das politische Scheitern des Malatesta war nicht mehr als eine Fußnote der Geschichte – die eigentliche Ironie dabei war, dass erst Verfemung und Verdammung ihm (zweifelhaften) Nachruhm bescherten. Vielleicht mag das auch daran liegen, dass der attraktiv sinistere Sigismondo, von Piero della Francesca (1416–1492) meisterhaft porträtiert, immer wieder und zu allen Zeiten die Phantasie der Menschen anregte.

Das Urteil des federgewandten Humanistenpapstes war nämlich so nachhaltig erfolgreich, dass es die Zeiten überdauerte und, ungeachtet seiner Revidierung durch die Geschichtswissenschaft, sich bis in die Gegenwart das Bild vom Prinzen aller Boshaftigkeit erhalten hat. Noch Jacob Burckhardt[3], der, das verzerrte Lügenkonstrukt übernehmend, wiedergab, was der Papst zu Papier gebracht hatte, glaubte im „frechen Heiden“ Malatesta den Prototyp des gottlosen, sexuell amoralischen und verderbten Renaissancefürsten zu erkennen. Wenngleich er den Malatesta als Individuum, welches aus der Düsternis einer barbarischen mittelalterlichen (Un)Kultur heraustrat, wohlwollend als Kind seiner Zeit betrachtete – eine Auffassung die mit der Übermensch-Konzeption von Friedrich Nietzsche korrespondiert.

Bereits die Zeitgenossen hatten Zweifel gegenüber den erhobenen Anschuldigungen geäußert. Sigismondo Malatesta war nicht das Scheusal, als das man ihn verleumdete. Als einer der talentiertesten und gefragtesten Condottiere wurde er gerühmt, gleichermaßen galt er, dem Ideal von arte et marte folgend, als einer der freigiebigsten Mäzene dieser Epoche. Vielseitig interessiert und von bemerkenswerter Bildung, versammelte er an seinem strahlenden Renaissancehof namhafte Künstler und Dichter, die bereitwillig den Ruhm des „Augustus von Rimini“ (Alfred Semerau) mehrten – denn das wollte Sigismondo sein! Der Glanz der römischen Cäsaren sollte widerstrahlen von dem kleinen Fürstenhof an der adriatischen Küste.

Vor seiner Dämonisierung hatte Sigismondo ein eignes mythisches Idealbild, um der Größe seines Namens und der Verherrlichung seiner selbst willen, kultivieren lassen. Das dominierende Stilmittel war dabei der Rückgriff auf die heidnische Antike. Diesem Paganismus in der Hofkultur, explizit seiner Verarbeitung in der von Sigismondo protegierten Literatur, widmet sich die Studie von D’Elia vornehmlich. Der Paganismus bei Sigismondo Malatesta, konstatiert der Autor, war das allgegenwärtige Motiv seiner Selbstdarstellung. Die Imitation der Antike zeigte sich in seiner Kunst- und Literaturpatronage in ihrer extremsten Form. Künstler und Literaten stilisierten Sigismondo als einen unbezwingbaren Krieger und leidenschaftlichen Liebhaber, einen wiedergeborenen homerischen Heros, einem Herkules gleich, vom Schicksal dazu bestimmt, die Transzendenz vom Halbgott zum Gott zu vollziehen. Piero della Francesca porträtierte Sigismondo im Stile eines römischen Imperators. Leon Battista Alberti (1404–1472) ließ sich bei der Neugestaltung des späteren Tempio Malatestiano von römischen Triumphbögen inspirieren. Der Tempel selbst war angefüllt mit Abbildern heidnischer Göttinnen und Götter. Als das Ideal eines Feldherrn, Alexander und Cäsar würdig, preist Roberto Valturio (1405–1475) seinen Gönner in einem Traktat über die Kunst des Krieges. Die Verherrlichung und Divinisierung des Malatesta folgten Traditionen der klassischen griechischen und römischen Kultur, deren Wiederentdeckung die Grundlage der Renaissance bildete.

Sigismondos (Hof)Kultur war, wie D’Elia überzeugend darlegt, eine Vermischung von christlichem Mittelalter und einer durch die heidnische Antike, vor allem jene der an Heroen und Idealen reichen griechischen Kultur, inspirierten Renaissance. Doch diese in Rimini zelebrierte Renaissancekultur war nicht ohne Vorbilder. Anregungen lieferten die durch Hochzeiten und Bündnisse geschlossenen Netzwerke mit norditalienischen Höfen wie Mantua und Ferrara. Von besonderer Intensität dürften für Sigismondo dabei die Berührungen mit der florentinischen Renaissance und dem Neuplatonismus gewesen sein; mehr noch mag ihn die Kulturpatronage von Cosimo de‘ Medici (1389–1464) beeindruckt haben, der dem Signoren freundschaftlich verbunden war und diesem Künstler und Humanisten nach Rimini weitervermittelte.

Ein erkenntnisreiches Lesevergnügen stellen die reichhaltigen (übersetzten) Auszüge und die inhaltliche Wiedergabe des, von der Geschichtswissenschaft weitgehend ignorierten Hesperis von Basinio da Parma (1425–1457) dar. Dieses sprachgewaltige, in einen mythischen Kontext eingebettete Epos, das deutliche Bezüge zu den monumentalen Dichtungen Ilias und Aeneis aufweist, verherrlicht Sigismondo als wiedergeborenen Achilles, der sich wie ein Löwe in feindliche Schlachtformationen wirft. Kühnste Träume werden hier bedient, wenn Sigismondo in einem fiktiven Zweikampf, der sich an das Streiten zwischen Aeneas und Turnus anlehnt, Alfonso von Aragon (1396–1458) gegenübertritt und den König von Neapel in den Staub wirft. Dass sich ein Fürst durch seine Literaten zu einem antiken Heroen stilisieren ließ, war nichts Ungewöhnliches. Dies galt schon eher für die immer wiederkehrenden Bekenntnisse zu den heidnischen Göttern. Diese fanden natürlich nur in der Literatur statt, und es wäre naiv, zu glauben, wenn geschildert wird, dass Sigismondo dem Kriegsgott Mars Stieropfer darbrachte, er habe dies wirklich getan. Es ist nicht anzunehmen, dass der Signore und seine Literaten Anhänger des Heidentums waren – die am Hof von Rimini entstandene Literatur hingegen war unzweifelhaft von derartigen Einflüssen geprägt.

Doch die Preisung heidnischer Götter in einer christlichen Welt war nicht ohne Brisanz, dessen war man sich in Rimini bewusst. Nur so lässt sich erklären, warum Sigismondo in einem Anbetungsmonolog zunächst Jupiter, Venus und Diana anruft, um dann unvermittelt ein Bekenntnis zum Monotheismus abzulegen. Der wenige Zeilen zuvor zelebrierte Paganismus wird hierdurch relativiert und erscheint wie der unbeholfene Versuch, einer religiösen Zensur vorzubeugen. Diese Annahme war nicht unbegründet, denn die exzessive Auslebung des Paganismus in Literatur und Kunst boten eine gefährliche Angriffsfläche. Der Preis, den Sigismondo dafür zahlen musste, war hoch. Doch entsprach seine paganistische Kulturpatronage allein dem Wunsch nach Divinisierung? Der angebliche Paganismus, mutmaßt D’Elia, habe ein politisches Motiv gehabt und sei Sigismondos vergebliches Bemühen gewesen, nicht nur die politische Bedeutung seines Miniaturstaates zu erhöhen, sondern sich zugleich gegenüber den wiedererstarkten Ansprüchen des Papsttums zu behaupten. Dieser Deutungsansatz freilich scheint etwas zu kurz gegriffen, denn mit einer paganistischen Kulturpatronage vermochte man dem Papsttum machtpolitisch nichts Essentielles entgegenzusetzen, die Aussagekraft der Untersuchung schmälert dies nicht weiter. D’Elia hat mit seiner Studie über die malatestianische Hofliteratur einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis von Sigismondos Selbstinszenierung geleistet und damit zugleich zu einem Perspektivwechsel über den Signoren von Rimini, der in unzähligen Publikationen immer nur ein literarisches Schattendasein als Nemesis von Federico da Montefeltro (1422–1482) führte, angeregt.

Anmerkungen:
[1] Enea Silvio Piccolomini, Commentarii, hier II, 32, herausgegeben von Günter Stölzl, Malatesta im Zerrspiegel des Papstes, Grotte di Castro 2013, hier S. 25.
[2] Vgl. Volker Reinhardt, Pius II. Piccolomini. Der Papst, mit dem die Renaissance begann, München 2013, hier S. 295–304; Bernd Roeck / Andreas Tönnesmann, Die Nase Italiens. Federico da Montefeltro, Herzog von Urbino, Berlin 2005, hier S. 106–118.
[3] Jacob Burckhardt, Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch, Basel 1860.

Redaktion
Veröffentlicht am
03.11.2016
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension