C. Whately: Combat, Culture, and Didacticism in Procopius

Cover
Titel
Battles and Generals. Combat, Culture, and Didacticism in Procopius’ Wars


Autor(en)
Whately, Conor
Reihe
History of Warfare 111
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 276 S.
Preis
€ 111,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dariusz Brodka, Instytut Filologii Klasycznej, Uniwersytet Jagielloński

Prokop von Kaisareia steht in den letzten Jahren immer wieder im Fokus der Forschung, worauf auch die Tatsache verweist, dass wir mit dem Buch von Conor Whately die vierte Monographie zu diesem Autor im neuen Jahrhundert bekommen.[1] Es handelt sich dabei um eine Untersuchung eines der zentralen Probleme des historiographischen Werks Prokops, das heißt um die Kampfschilderungen in den Bella. Whately definiert sein Ziel sehr präzise: Er will die narrativen Strategien und Erklärungsmodele, die Prokop in seinen Kampfberichten verwendet, enthüllen und analysieren. Deswegen geht er von einer fundamentalen Frage aus: Bestehen diese Schilderungen lediglich aus den Topoi und Stereotypen oder lässt sich darin das Streben des Historikers erkennen, diesen Szenen Individualität zu verleihen (S. XI, S. 20)?

Deswegen will Whately das militärgeschichtlich relevante Material in den Bella nicht aus der Perspektive der modernen Erwartungen untersuchen, sondern es im Kontext der zeitgeschichtlichen rhetorischen Kultur verankern. Whately versucht somit sowohl die Erwartungen der hochgebildeten Rezipienten der Historiographie zu bestimmen, als auch die gattungsbedingten Normen und Einschränkungen in Betracht zu ziehen, die die klassizierende Geschichtsschreibung mit sich brachte. Durch diese gelungene methodische Vorgehensweise kann er die sich auf den Krieg beziehenden Ideen und Absichten Prokops, in ihren richtigen kulturellen Kontext setzen. Mit guten Gründen legt er besonderen Nachdruck auf die didaktischen Ziele Prokops, die er mit seinen Darstellungen der Kämpfe gegen die einzelnen Feinde verwirklichen wollte, denn für Prokop und seine Zeitgenossen sollte die Geschichte vor allem nützlich sein und konkrete Lehre den Rezipienten erteilen (S. 4). Prokop selbst macht auf seine didaktischen Ziele aufmerksam, indem er in der Praefatio feststellt, dass die Schilderung eines ähnlichen Geschehens insbesondere denen, die den Krieg führen oder einen Kampf ausfechten wollten, von Vorteil sein könne (Procop. bell. 1.1.1).

Das erste Kapitel (S. 38–67) hat einen einführenden Charakter und befasst sich mit Prokops Biographie und Ausbildung. Sehr kurz wird hier auch die Frage nach seinen Quellen behandelt. Die drei folgenden Kapitel widmen sich den einzelnen Teilen der Bella: den Perserkriegen (S. 68–114), den Vandalenkriegen (S. 115–157) und den Gotenkriegen (S. 158–196). Alle drei konzentrieren sich auf die Grundfrage, die, wie Whately zeigt, Prokop zu beantworten versuchte: „wie kann man die jeweiligen Feinde im Kampf besiegen“? Diese drei Kapitel haben dieselbe Struktur und untersuchen literarische Elemente der Kampfschilderungen und die Art und Weise, wie Prokop das Ergebnis der Kämpfe erklärte, wobei auf Taktik, Moral und Bedeutung der Generale besondere Aufmerksamkeit gelenkt wird. Die genannten Kapitel befassen sich ausschließlich mit den Büchern I–VII der Bella. Das achte Buch wird separat im fünften Kapitel behandelt (S.197–218).

Das zweite Kapitel befasst sich mit den Büchern I–II, das heißt mit den Perserkriegen. Zu Recht interpretiert Whately die Schlacht zwischen den Persern und den Heftaliten und die Belagerung Amidas durch die Perser als programmatische Darstellungen, die archetypisch auf diejenigen Faktoren verweisen, denen die Schlüsselrolle in den nächsten Schlachten bzw. Belagerungen zukommen wird, insbesondere in denen, die die Gipfelpunkte dieses Teils der Bella sind: das heißt im Sieg bei Dara und im Fall Antiochias. Als Hauptfaktor, der die Bezwingung der Perser in den Feldschlachten ermöglicht, wird die kluge Führung gedeutet, die sich in Entwicklung und Umsetzung guter, den jeweiligen Bedingungen entsprechender Taktik manifestiert. Von zentraler Bedeutung sei somit die Autorität eines Generals, der die Disziplin seiner Armee sicherstellen müsse. Zu Recht wird dabei angedeutet, dass sich die durch Prokop dargestellte römische Taktik im Wesentlichen auf die Bewahrung der Ordnung und die Kohärenz der Schlachtreihe zurückführen lässt, und nur okkasionell um die Darstellung der Manöver der einzelnen Truppen ergänzt wird (S. 89). Whately weist auch auf das Problem der Moral der Soldaten hin, deren Bedeutung Prokop nur dann herausarbeitet, wenn die angewandte Taktik nicht ausreichend ist, um die Perser zu besiegen (S. 105). Während Prokop die Feldschlachten in Kategorien der Taktik, Kampfmoral der Soldaten sowie der Kreativität der Generale deutet, würde die Belagerung durch das moralische Verhalten der Verteidiger und folglich durch den Willen Gottes entschieden. Insgesamt halte ich hier Whatelys Beweisführung für durchaus überzeugend.

Im nächsten Kapitel verweist Whately zu Recht auf Prokops Meinung, dass die Kriegshandlungen in Afrika (sowohl gegen die Vandalen, als auch gegen die Mauren) die Byzantiner vor ganz andere Herausforderungen stellten, als der Konflikt mit Persien. In den Vandalenkriegen spiele die Moral die Schlüsselrolle (S. 134). Zum Teil ist dieser Meinung zuzustimmen, meines Erachtens zieht aber Prokop noch weitere Faktoren in Betracht. Gemeint ist Gottes Wohlwollen, dessen Zeugnisse Prokop insbesondere am Verlauf der Schlacht bei Decimum erkennt. Dieses Problem wird übrigens vom Beginn des Vandalenzuges von Belisar thematisiert. In Bell. 3,12,11–16 erinnert Belisar seine Soldaten daran, sie wussten aus eigener Erfahrung, dass Gott nach seinem Willen die Geschicke lenke und den Krieg entscheide. Deswegen sei es notwendig die Gerechtigkeit zu bewahren. Dieselben Gedanken drückt er in seiner adhortatio vor der Schlacht bei Decimum aus (Bell. 3.19.5-6). Die Reden vor einer Schlacht, wie Whately überzeugend argumentiert, sind nicht nur ein literarisches Topos, sondern sie enthalten in den meisten Fällen die Verweise auf diejenigen Faktoren, die den Ausgang des anschließenden Kampfes bestimmen. Darüber hinaus erkennt Prokop im kritischen Moment dieser Schlacht einen direkten Eingriff Gottes in das Geschehen, als Gelimer von Gott „verblendet“ wurde: dadurch erklärt der Historiker den katastrophalen Fehler des Vandalenherrschers, der „die Kriegsentscheidung […] freiwillig seinen Feinden überließ“ (Bell. 3.19.25).[2] Whately erwähnt allerdings dieses Problem im Zusammenhang sowohl mit den militärischen Maximen (S. 149), als auch mit Belisar (S. 157), meiner Meinung nach ist aber Gottes Wohlwollen ebenso wichtig für die Deutung der Schlachten in den Vandalenkriegen wie die Kriegsmoral. Beachtenswert sind auch die Erörterungen zu den militärischen Maximen, die in Büchern III–IV zu finden sind. Whately verweist auf deren Präsenz in der militärischen Fachliteratur und stellt die Frage danach, woher Prokop diese Maximen kennen konnte. Als mögliche Quelle nennt er sowohl die Offiziere, mit dennen der Historiker vertraut war, als auch die Werke der Kriegstheoretiker (S. 150–151). Man kann aber noch eine weitere Quelle in Betracht ziehen, nämlich die Historiographie, da viele dieser Maximen ein wesentliches Element der historiographischen Tradition bilden. Beispielweise wird das Problem des Unerwarteten von Thukidydes thematisiert. Am Ende des Kapitels bietet hingegen Whately eine überzeugende Analyse des Belisar-Bildes in den Büchern III–IV.

Im nächsten Kapitel hebt Whately hervor, dass die Narration im 5. und 6. Buch im Vergleich zu den früheren Büchern spezifische Eigenschaften aufweist. Er erkennt zutreffend die epische Stilisierung der Kampfschilderungen in der ersten Phase des Gotenkrieges (bis 540), die besonders deutlich in der Darstellung der Belagerung Roms durch die Goten im Jahr 537/8 zutage tritt. Die Kampfszenen seien nun weitaus plastischer: es gebe zahlreiche Todesszenen mit heftigen blutigen Details und Duelle, die den Heroismus der Kämpfenden betonen. Von Bedeutung seien auch sehr stark übertriebene Zahlenangaben über die Größe des Gotenheers, das Rom belagert hatte, sowie über die Verluste, die die Goten erlitten. Prokop verwende diese Techniken, um das Ausmaß der Kämpfe um Rom zu betonen. Zweifelsohne ist der Meinung zuzustimmen, Prokop orientiere sich im 5. und 6. Buch an Homers Ilias. Überzeugend wird auch argumentiert, dass die Narration ihr homerisches Gepräge mit dem Abgang Belisars am Anfang des 7. Buches verliert (S. 181). In seiner Analyse der Gotenkriege plädiert Whately für die These, dass Prokop bei der Deutung der Kämpfe zwischen den Byzantinern und den Goten die Schlüsselrolle der arete zuschreibt. Offensichtlich hat er Recht, aber nach wie vor soll der Einfluss der höheren Mächte auf das Geschehen in stärkerem Maß berücksichtigt werden. In Bell. 6,29,32–34 stellt Prokop in einem auktorialen Kommentar fest, über den Sieg der Römer habe der Wille einer höheren Macht entschieden und nicht menschliche Tapferkeit oder menschliche Vernunft. Die Erklärungen des Kampfes in den Gotenkriegen beschränken sich also nicht nur auf moralische Fragen, sondern stehen im engen Zusammenhang mit Prokops Geschichtsdeutung, die sein gesamtes Ouevre bestimmt. Nicht nur arete ist ein Faktor, der den Geschehensverlauf in Gotenkriegen determiniert. Darüber hinaus verweise Prokop auf einen rein militärischen Faktor, das heißt auf die berittenen Bogenschützen und Belisars Fähigkeit, diese effektiv zu verwenden (S. 185). Whately versucht diese ganz spezifische Erklärung mit der Debatte über den besten Teil der byzantinischen Streitkräfte in Zusammenhang zu setzen, die sich unter den byzantinischen Eliten im 6. Jahrhundert entwickeln konnte (S. 181–182).

Das vorletzte Kapitel, das sich mit dem 8. Buch der Bella befasst, hat eine andere Struktur als die vorangehenden und enthält die Analyse der Schlachten am Fluss Hippis, bei Senogallia und Busta Gallorum und der Belagerungen von Archeopolis und Petra. Trotz der deutlichen Kontinuitäten kann Whately in diesen Schilderungen auch neue Aspekte bei der Erklärung des Kampfes wie Strategie oder Technologie erkennen.

Das letzte Kapitel versucht die Bella in eine breitere kulturelle Perspektive einzubetten. Whately kommt zum Schluss, dass das Publikum Prokops, das vor allem aus der zivilen Elite Konstantinopels bestand, ein lebhaftes Interesse an den Kriegen aufwies, die auf weit entfernten Gebieten geführt wurden, wobei es seine Aufmerksamkeit insbesondere auf ‚heroische‘ Aspekte der kriegerischen Auseinandersetzungen lenkte. Aufgrund der Analyse einiger Mitglieder der oströmischen Elite sowie des Reichtums der Texte, die sich mit einem Krieg befassen, entwickelt er eine durchaus plausible These, dass die politische und soziale Elite Konstantinopels im 6. Jahrhundert sozial und kulturell militarisiert war (S.227).

Zusammenfassend darf man feststellen, dass die Arbeit von Conor Whately eine wertvolle Studie ist, welche die literarischen Aspekte der Kampfschilderungen bei Prokop zuverlässig und ausgewogen beurteilt. Den wichtigsten Ergebnissen von Whatelys Untersuchung ist völlig zuzustimmen: wie er überzeugend gezeigt hat, sind die Kampfberichte keine Fiktion, die lediglich aus Topoi und typischen Szenen bestehen, sondern trotz aller literarischen Elemente werden sie durch konkrete individuelle realitäts- und kontextbezogene Details bestimmt (vgl. S. 232). Sehr gelungen ist darüber hinaus der Zugang zum Thema der Kampfschilderungen aus der gattungsbedingten Perspektive der antiken Rhetorik. Mit Sicherheit wird dieses Buch viele neue Impulse für die Erforschung der spätantiken Historiographie setzen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Anthony Kaldellis, Procopius of Caesarea. Tyranny, History and Philosophy at the End of Antiquity, Philadelphia 2004, Dariusz Brodka, Die Geschichtsphilosophie in der spätantiken Historiographie. Studien zu Prokopios von Kaisareia, Agathias von Myrina und Thephylaktos Simokattes, Frankfurt am Main 2004, Henning Börm, Prokop und die Perser. Untersuchungen zu den römisch-sasanidischen Kontakten in der ausgehenden Spätantike, Stuttgart 2007. Einen detaillierten Überblick über die jüngste Prokop-Forschung bietet Geoffrey Greatrex, Perception of Procopius in Recent Scholarship, in: Histos 8 (2014), S. 76–121.
[2] In der Rede vor der Schlacht bei Tricamarum ist sich Belsar hingegen bereits sicher, dass Gott auf der Seite der Byzantiner steht (4.1.21).