R. Heynen: Degeneration and Revolution

Cover
Titel
Degeneration and Revolution. Radical Cultural Politics and the Body in Weimar Germany


Autor(en)
Heynen, Robert
Reihe
Historical Materialism Book Series 93
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 678 S.
Preis
€ 179,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Elberfeld, Institut für Erziehungswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum

„So steht es um die Ästhetisierung der Politik, welche der Faschismus betreibt. Der Kommunismus antwortet ihm mit der Politisierung der Kunst.“[1] Der berühmte letzte Satz von Walter Benjamins Kunstwerk-Aufsatz umreißt bündig das Thema von Robert Heynens Studie: die Beziehung zwischen Politik und Kunst im Angesicht des herannahenden Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt des Buches, das auf einer Dissertation an der kanadischen York University fußt und mittlerweile auch in einer günstigeren Paperback-Ausgabe vorliegt[2], steht die Beziehung der KPD und anderer Fraktionen der radikalen Linken zu Kunst, Kultur und ästhetischen Avantgarden während der Weimarer Republik. Ungewöhnlich an der Untersuchung ist, dass der Körper im Zentrum steht.

In der Einleitung grenzt sich Heynen mit Verve von den dominierenden Deutungen der Epoche ab: Weimar sei weder ein Laboratorium der Moderne gewesen, noch Schauplatz des Kampfes zweier totalitärer Ideologien. Stattdessen hält er an der als überholt geltenden Krisendiagnose fest, bezieht sie aber ausdrücklich nicht wie weiland Detlef Peukert auf die klassische, sondern auf die kapitalistische Moderne.[3] Verantwortlich für das Scheitern von Weimar macht er – in einer dialektischen Denkfigur – die historisch-spezifischen Umstände und die systemischen Widersprüche des Kapitalismus. An dieser Stelle verlässt Heynen marxistisches Fahrwasser und setzt über zu einem von Foucault beeinflussten Verständnis der Moderne, das er mit feministischen und intersektionalistischen Theorien kombiniert.

In Reaktion auf die Krisen und Widersprüche der kapitalistischen Moderne seien Ende des 19. Jahrhunderts Degenerationstheorien aufgekommen. Zum Zweck der Regeneration sei vielerorts der Ruf nach therapeutischen Interventionen in den Gesellschaftskörper ertönt. Einerseits seien durch Social Engineering, Rationalisierung und den entstehenden Wohlfahrtsstaat Spannungen und Konflikte abgefedert worden. Andererseits sei es zur Produktion und Exklusion devianter Körper gekommen. Diesbezügliche Praktiken der Sozialhygiene und Eugenik hätten über Parteigrenzen hinweg Zustimmung gefunden. Dieses Entwicklungsmodell darf man jedoch nicht deterministisch missverstehen. Eher handelte es sich für Heynen um einen wirkmächtigen Diskurs (wenngleich der Autor den Begriff vermeidet), in dem und gegen den divergierende (körper-)politische Konzepte entwickelt wurden. Auf der Rechten, aber nicht nur da, habe das Konzept des Volkskörpers reüssiert, dessen Versprechen von Homogenität und Gemeinschaft in krisenhaften Zeiten wachsende Zustimmung fand. In seiner Studie geht Heynen der Frage nach, welche Antworten darauf die Linke in der Zwischenkriegszeit zu finden vermochte. Gerade Kunst und Kultur, so seine These, hätten einen Möglichkeitsraum für radikal-emanzipatorische Politik eröffnet.

Die Gliederung folgt den hergebrachten, ereignisgeschichtlichen Phasen. Je nach Thema und Untersuchungsgegenstand weichen die fünf inhaltlich dichten Kapitel die strenge Chronologie auf. Charakteristisch ist die wiederkehrende Erörterung zeitgenössischer Theorien, die eng mit empirischen Analysen verwoben sind. Die dabei herausgearbeiteten Körperbilder werden auf ihre ästhetischen und politischen Implikationen befragt sowie in Beziehung zu den Gegenentwürfen der radikalen Rechten gesetzt. Aufgrund der intensiven Theoriediskussion und dem interdisziplinären Zugang ist die Studie „somewhat of a hybrid entity, straddling the lines between social history, cultural history, media studies, and social theory“ (S. 53). Auffallend ist der recht traditionelle Kulturbegriff, der sich in der Quellenauswahl zeigt. Hauptsächlich werden ästhetische Traktate, Gemälde oder Theaterstücke herangezogenen. Massenmedien und Populärkultur werden erst in den beiden letzten Kapiteln ausführlicher behandelt.

Heynen beginnt das zweite Kapitel mit den Erfahrungen und Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs, dessen Einfluss auf die Weimarer Republik man kaum überschätzen könne. Eine besondere Rolle habe der Wandel der Geschlechterordnung gespielt. So sei die Gegnerschaft zum Krieg von Erfahrungen der Heimatfront geprägt gewesen, wo Frauen vornehmlich für die politische Mobilisierung verantwortlich waren. Auf Seiten der radikalen Rechten hätten Kriegs- und Revolutionserfahrungen hingegen einer misogynen militanten Männlichkeit Auftrieb verliehen. Am Beispiel von Ernst Jüngers Feier des entfremdeten Körpers des Soldaten und des Arbeiters führt Heynen aus, wie diese neue Rechte, im Unterschied zur konservativen Rechten des Kaiserreichs, der Moderne affirmativ gegenübertrat.

Im dritten Kapitel wird die kulturelle Dimension des revolutionären Aufbegehrens 1918/19 betrachtet, wobei der Fokus auf München liegt. Dort sei es zu einer außergewöhnlichen Verbindung von Kunst und Politik gekommen und mit der Rätebewegung habe sich kurzzeitig eine Alternative zum Parteikommunismus abgezeichnet. Im Anschluss wendet sich Heynen der schwierigen Beziehung der KPD zu Expressionismus und Dadaismus zu und verknüpft die Analyse ihrer Körperbilder mit theoretischen Erörterungen zur Dialektik von Shock und Nostalgie bei Benjamin, Georg Simmel und Georg Lukács. Der nach-revolutionären Phase Mitte der 1920er-Jahre gilt das Augenmerk im vierten Kapitel. Künstler wie Otto Dix und George Grosz, Hannah Höch und Ernst Toller hätten eine ambivalente Kritik an der kapitalistischen Moderne formuliert. Ihre Darstellungen von Kriegskrüppeln, Prostituierten, Irren und Primitiven, vier Schlüsselfiguren des Zeitalters, hätten den Degenerationsdiskurs herausgefordert, ihn stellenweise aber reproduziert.

Im fünften Kapitel wendet sich Heynen der visuellen Kultur der Fotografie und des Films zu. Für Avantgardekünstler wie László Moholy-Nagy erlaubten die neuen Medien eine Transformation der Wahrnehmung. Zugleich grassierte eine sozialhygienische Sorge um deren Publikum, die bei bürgerlichen Moralvereinen, rechten Parteien und Gesundheitsexperten Forderungen nach staatlicher Zensur lautwerden ließ. Während linke Kritiker wie Siegfried Kracauer oder Theodor W. Adorno die manipulativen Aspekte der Kulturindustrie herausstrichen, hätten sich Sozialhygiene und Rassenlehre ihrer unterdessen bemächtigt. Lehrfilme, Ausstellungen wie die GeSoLei 1926 in Düsseldorf und populärwissenschaftliche Werke wie Hans F.K. Günthers „Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes“[4] hätten zu einem rassistischen Blick auf den Körper erzogen. Dieser „pedagogy of vision“ (S. 391) habe die Linke wenig entgegenzusetzen gehabt.

Das letzte Kapitel behandelt die Arbeiterkultur am Ende der Weimarer Republik. Paradoxerweise habe die Schwäche der Linken – in Anbetracht der politisch verheerenden Sozialfaschismusthese, der wirtschaftlichen Not und rechter Straßengewalt – zur wachsenden Bedeutung der Kultur geführt. Die Arbeiterfotografie-Bewegung, das Theater von Piscator und Brecht sowie die Agitpropgruppen hätten Raum für partizipatorische Kunst und emanzipatorische Politik geschaffen. Dies verdeutlicht Heynen anhand der Kampagne zur Entkriminalisierung von Abtreibung, mit der es der Linken gelungen sei, Fragen der Degeneration und des Volkskörpers in das Zentrum einer sozial diversen, strömungsübergreifenden Mobilisierung zu rücken. Heynen sieht in ihr sogar „the most sustained if ultimately unsuccessful challenge to the rise of the right“ (S. 550).

Gewinnbringend erweist sich meines Erachtens seine Betrachtung Weimars ausgehend vom Körper. Auf diese Weise lässt er die übliche Trennung zwischen politischer Gewaltgeschichte und Kulturgeschichte hinter sich. Eine weitere Stärke liegt in der kenntnisreichen Diskussion zeitgenössischer Theorien. Diese werden als Quellen behandelt, die historische Deutungen beinhalten, ebenso wie auf ihre heutige Erklärungskraft des Geschehens hin befragt. Summa summarum überzeugt Heynens Studie weniger durch das Erschließen neuer oder vernachlässigter Quellenbestände als durch die theoriegeleitete Re-Lektüre bekannten respektive publizierten Materials sowie die thesenstarke Auseinandersetzung mit der Forschung.

Drei Punkte möchte ich in aller Kürze kritisch anmerken. Erstens besteht ein nicht aufgelöstes Spannungsverhältnis zwischen Heynens grundsätzlich marxistischem Ansatz und der von ihm hinzugezogenen Perspektive der Intersektionalität. Während er die Bedeutung der gesellschaftlichen Konflikte um Differenz, hier allen voran um Gender, betont und die Linke der Weimarer Republik ob ihrer Konzentration auf Fragen des Klassenkampfes kritisch sieht, führt er diese Konflikte letzten Endes auf die systemischen Widersprüche des Kapitalismus zurück und huldigt nolens volens dem Primat der Ökonomie. Dies zeigt sich, zweitens, auch in seiner rein funktionalistischen Deutung des Degenerationsdiskurses. Obwohl dieser mit der Krisendiagnose der Moderne in Verbindung stand und aufgrund seiner Polyvalenz in der Politik ebenso wie in der Ökonomie Effekte zeitigte, greift diese Sichtweise zu kurz. Vielmehr müsste es darum gehen, die Entstehung des Degenerationsdiskurses unter anderem, aber nicht nur, in der Wissenschaft als ein Phänomen sui generis zu untersuchen oder zu perspektiveren, um dann nach Anschlüssen und Aneignungen sowie der Einbindung in Macht- und Herrschaftsbeziehungen zu fragen. Drittens und letztens konzentriert sich Heynen vorrangig auf die Ebene der Repräsentation des Körpers. Neuere Ansätze der Körpergeschichte und deren Verständnis von Performativität finden keine Berücksichtigung. Nimmt man das Label „Historical Materialism“ ernst, müssen nach meinem Dafürhalten soziale Praktiken sowie Materialisierungsprozesse mit in den Blick genommen und gezielter der Produktion historisch-spezifischer Körper nachgespürt werden. Die Geschichte kriegsversehrter Körper erschöpft sich, um nur ein bedeutendes und gut erforschtes Beispiel zu nennen, keineswegs in künstlerischen Darstellungen und (partei-)politischen Debatten. So mussten etwa Prothesen als technische Artefakte erdacht, erbaut und erprobt werden, bevor die Betroffenen den Umgang mit ihnen mühsam erlernten. Ihr Körper reagierte darauf unterschiedlich und veränderte sich in seiner materiellen Gestalt ebenso wie in seiner konkreten Handlungsfähigkeit.[5] Ungeachtet der Kritikpunkte handelt es sich bei Heynens Buch jedoch um eine sehr lesenswerte Kulturgeschichte des Politischen und dessen Theoretisierungen, die zum Nachdenken und Neudenken von Weimar anregt.

Anmerkungen:
[1] Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit [1936], S. 508, in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd.1, Frankfurt am Main 1972, S. 471–508.
[2] Robert Heynen, Degeneration and Revolution. Radical Cultural Politics and the Body in Weimar Germany, Chicago 2016.
[3] Vgl. Detlef J.K. Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, Frankfurt am Main 1987.
[4] Hans F.K. Günther, Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes, München 1929.
[5] Einen programmatischen Überblick vermittelt Sabine Kienitz, Schöner gehen? Zur technischen Optimierung des kriegsinvaliden Körpers im frühen 20. Jahrhundert, in: Body Politics. Zeitschrift für Körpergeschichte 6 (2015), S. 235–260.