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Title
Ein Hauch von Freiheit?. Afroamerikanische Soldaten, die US-Bürgerrechtsbewegung und Deutschland


Author(s)
Höhn, Maria; Klimke, Martin
Series
Histoire 89
Extent
317 S., zahlr. Abb.
Price
€ 29,99
Reviewed for H-Soz-Kult by
Scott H. Krause, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Seit den Tagen von W.E.B. Du Bois (1868–1963), der den juristisch verbrämten Rassismus in den Vereinigten Staaten mit aus Deutschland übernommenem professoralem Habitus anprangerte (er hatte in den 1890er-Jahren zeitweilig hier studiert), besteht eine wechselseitige Faszination zwischen Deutschen und Afroamerikanern. Das Buch „Ein Hauch von Freiheit?“, betitelt nach dem Resümee des späteren US-Generalstabschefs und Außenministers Colin Powell über seine Dienstzeit im Nachkriegsdeutschland („Breath of Freedom“)[1], zeichnet diese erstaunlich intensive Verflechtungsgeschichte nach. Dabei gilt das Interesse der Leitfrage, „inwieweit diese von Neugier, Ablehnung, Solidarität und Missverständnissen charakterisierte transatlantische Beziehung die amerikanische, afroamerikanische und deutsche Geschichte und Gesellschaft geprägt hat“ (S. 19).

Die Forschungsbiographien der Autoren Maria Höhn und Martin Klimke legen besondere Expertise für dieses Thema nahe. Als transatlantische Mittler im wissenschaftlichen Bereich sind sie bereits durch Studien zum Zusammenleben zwischen US-Soldaten und lokaler deutscher Bevölkerung sowie zur studentischen Revolte als transnationalem Phänomen hervorgetreten.[2] Ergebnis der Zusammenarbeit ist das Buch „Ein Hauch von Freiheit?“, das sechs Jahre nach der Erstveröffentlichung auf Englisch[3] mit zugehöriger Website[4] nun in deutscher Übersetzung vorliegt und sich neben Akten des Pentagons, Ego-Dokumenten und grauer Literatur insbesondere auf zeitgenössische Presseberichte stützt. Anders als der englische Titel hat der deutsche ein Fragezeichen erhalten.

Acht inhaltliche Kapitel zeichnen die afroamerikanisch-deutsche Verflechtungsgeschichte nach, vom Ersten Weltkrieg bis in die 1980er-Jahre. Spezielles Augenmerk legen Höhn und Klimke auf die Interaktionen zwischen Afroamerikanern und Deutschen in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten. Dementsprechend thematisieren die ersten beiden Kapitel die (oftmals enttäuschte) Hoffnung der großen Mehrzahl der Afroamerikaner, ihre rechtliche und materielle Lage mit Verweis auf die volle Unterstützung der Kriegsanstrengungen ihres Landes zu verbessern. Besonderen Reiz für kulturhistorisch Interessierte hat dabei die Schilderung des inneramerikanischen Kampfes um die Deutungshoheit über den Beitrag Schwarzer in den US-amerikanischen Streitkräften (S. 61–74). Während Propagandisten der US Armed Forces versuchten, die erneut verordnete Rassentrennung innerhalb der Truppe öffentlich zu legitimieren, gelang es schwarzen Soldaten, solche Interpretationen zu unterlaufen und an der Heimatfront Alternativdeutungen zu platzieren.

Mit dem dritten Kapitel erfolgt eine Akzentverschiebung hin zu Interaktionen zwischen beiden Gruppen. Die Niederringung des nationalsozialistischen Regimes und die Besatzungsherrschaft brachten eine große Anzahl Afroamerikaner in Uniform nach Deutschland. Hierbei gehen Höhn und Klimke auch dem Bild des freundlichen schwarzen Soldaten im Jeep nach, das sich als konstitutiver Bestandteil einer „Stunde Null“ in das kollektive Gedächtnis Deutscher eingebrannt hat (S. 94–99). Das folgende Kapitel schildert die Lage von Militärangehörigen, die einerseits vormalige NS-Kriegsgegner zur Demokratie westlicher Prägung erziehen sollten, während ebendiese Staatsform ihnen selbst elementarste Rechte vorenthielt. Höhn und Klimke kontextualisieren solche Widersprüche im Kalten Krieg, in dem sich Präsident Truman gezwungen sah, die US-Streitkräfte zu „integrieren“ (S. 150–158), während örtliche Kommandeure in der Bundesrepublik bestrebt blieben, traditionelle Formen der Segregation in den Freizeitgestaltungsmöglichkeiten deutscher Garnisonsstädte durchzusetzen (S. 160f.). Die Autoren beweisen ein waches Auge für „unintended consequences“, indem sie belegen, wie Aktivisten in South Carolina das Narrativ der „Verteidigung der Freiheit“ aus West-Berlin auf ihre eigene Situation bezogen (S. 163).

Flüssig und prägnant geschrieben, mit stetem Blick auf den „afroamerikanischen Kampf um die Bürgerrechte“, fällt es kaum auf, dass die Studie den Umkreis amerikanischer Kasernen im fünften Kapitel verlässt, um den Besuch Martin Luther Kings im geteilten Berlin des Jahres 1964 zu dokumentieren (S. 173–192). Die folgenden zwei Kapitel unterstreichen die gesamtdeutsche Perspektive beider Autoren, die nicht nur den Schulterschluss zwischen westdeutschen Studenten und lokal stationierten Black Panthers als Teil des globalen Phänomens 1968 beschreiben (S. 201–221), sondern auch die staatlich inszenierten Solidaritätskampagnen der DDR, die auf ein gehöriges Interesse bei der Bevölkerung und afroamerikanischen Bürgerrechtlern trafen (S. 229–250). Eingerahmt wird die Darstellung durch das letzte inhaltliche Kapitel, das darlegt, wie es einer zivilgesellschaftlichen Kampagne der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) 1970/71 gelang, den US-Kongress davon zu überzeugen, die durch den Vietnam-Krieg und generelle Vernachlässigung schwer demoralisierte, „kurz vor dem Aufstand“ stehende 7th US Army in der Bundesrepublik zu besänftigen (S. 261–296).

Die Studie besticht durch Verständnis und Überblick zur Literatur und den Quellen mindestens zweier Forschungslandschaften. Mittels dieser fundierten Expertise gelingt es Höhn und Klimke, erstaunliche Querverweise herzustellen. So bietet „Ein Hauch von Freiheit?“ in der Tat eine „Geschichte gegenseitiger Verbundenheit, Verstrickungen, und geteiltem Schicksal auf beiden Seiten des Atlantiks“ (S. 26). Die Beschreibung der intensiven Verflechtungen zwischen der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und dem politischen Aktivismus Deutscher auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs eröffnet neue, provokante Fragen. Welche Hoffnungen verbanden Führungsfiguren des Civil Rights Movement wie Angela Davis mit der Vereinnahmung als „kommunistischer Popstar“ durch die Staats- und Parteiführung der DDR (S. 242–250)? Inwieweit benutzten Aktivisten in der Bundesrepublik die Lage der afroamerikanischen Community als Projektionsfläche für eigene vergangenheitspolitische Diskurse? Höhn und Klimke formulieren hier vorsichtiger, als es das von ihnen detailliert zusammengetragene Material nahelegt. Mehr als das Feststellen einer Verquickung zwischen „Selbstanalyse und Gewissensprüfung innerhalb der westdeutschen Linken zu Beginn der 1970er Jahre“ und dem „afroamerikanischen Kampf in den Vereinigten Staaten“ ist den Autoren bei dieser Frage nicht zu entlocken (S. 215–221).

Deutlicher wird die Position der Autoren im US-amerikanisch geprägten Wissenschaftsbetrieb hingegen durch die offene Parteinahme für die Protagonisten dieser Studie. Beispielsweise heben Höhn und Klimke die „Pflichterfüllung“ der afroamerikanischen Soldaten heraus, „trotz der Missachtung seitens ihrer weißen Kameraden und der Militärführung“ (S. 63). Solche Heldennarrative amerikanischer Provenienz mögen deutschsprachige Leser irritieren. Der von Höhn und Klimke sorgfältig dokumentierte Einsatz afroamerikanischer Soldaten für die Menschenrechte in Europa und ihrem eigenen Land über Jahrzehnte hinweg unterstreicht zweifellos ihre Beharrlichkeit. Die heroisierende Beschreibung ebnet jedoch die Vielfalt innerhalb der afroamerikanischen Community ein. So vermag diese Perspektive kaum die unterschiedlichen Akzentuierungen des Kampfes zwischen den AME-Kirchengemeinden (African Methodist Episcopal Church) und sozialistischen Aktivisten zu beleuchten.

Maria Höhn und Martin Klimke gelingt es jedoch, eine bedeutende Dimension transatlantischer Verflechtungsgeschichte anschaulich darzustellen. An transnationaler Geschichte interessierten Studentinnen und Studenten sei das Buch als gelungenes Beispiel empfohlen. Aber auch Fachhistoriker/innen der Berliner Stadtgeschichte, der Neuen Sozialen Bewegungen und der DDR finden in den Kapiteln zu Martin Luther Kings Besuch in der geteilten Vier-Sektoren-Stadt, zur Koalition zwischen Studenten und afroamerikanischen Soldaten in der Bundesrepublik sowie zum Interesse staatlicher Stellen der DDR am afroamerikanischen Befreiungskampf reiches Material, das neue transnationale Perspektiven eröffnet. Die nuancierte Analyse bettet die Geschichte des zweiten deutschen Nachkriegsstaates in größere internationale Entwicklungen ein – eine Erweiterung, die schon länger gefordert wird.[5] Diese inhaltliche Bandbreite des Buches unterstreicht dessen bleibende Qualität, der auch die Dauer der Übersetzung keinen Abbruch tut.

Anmerkungen:
[1] Siehe http://blog.broadview.tv/colin-powell-ueber-breath-of-freedom/ (02.08.2017).
[2] Maria Höhn, GIs and Fräuleins. The German-American Encounter in 1950s West Germany, Chapel Hill 2002; rezensiert von Kaspar Maase, in: H-Soz-Kult, 20.12.2002, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2029 (02.08.2017); Martin Klimke, The Other Alliance. Student Protest in West Germany and the United States in the Global Sixties, Princeton 2010; rezensiert von Michael Stauch, in: H-Soz-Kult, 04.06.2011, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14679 (02.08.2017).
[3] Maria Höhn / Martin Klimke, A Breath of Freedom. The Civil Rights Struggle, African American GIs, and Germany, New York 2010.
[4]http://www.breathoffreedom.org (02.08.2017).
[5] Vgl. mit diversen Literaturhinweisen neuerdings etwa Stefanie Eisenhuth / Hanno Hochmuth / Konrad H. Jarausch, Alles andere als ausgeforscht. Aktuelle Erweiterungen der DDR-Forschung, in: Deutschland Archiv, 11.01.2016, http://www.bpb.de/218370 (02.08.2017).